Buchkritik: Horst Köhler: „Zur Kritik an Wernher von Braun“

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Ich weiß nicht, wie es für euch ist, aber ich kenne Bücher, die mich geprägt haben. Ich habe mich schon als Teenager für Astronomie interessiert, vor allem für die Planeten. Damals waren meine Lieblingsplaneten Neptun und Pluto. Neptun, weil er blau war. Die Farbe fand ich irgendwie chic und Pluto, weil er irgendwie aus der Reihe tanzte – er war anders als die Gasriesen klein, so weit draußen und hat eine elliptische, geneigte Umlaufbahn. Als ich beim Abschluss der Hauptschule einen Büchergutschein bekam, habe ich mir von Bruno Stanek das Planetenlexikon gekauft. Dessen Aufnahmen der Raumsonden, die Voyager Vorbeiflüge an Jupiter und Viking Mission waren damals gerade vorbei, weckten mein Interesse an Raumfahrt.

Das erste Buch, das ich mir kaufte, war das Jugendbuch „100 x Raumfahrt“ von Host Köhler. Es hat mein Interesse an Trägerraketen geweckt, das heute, 35 Jahre später immer noch anhält. Das Buch ist präzise und trotzdem allgemein verständlich. Noch heute würde ich es jedem empfehlen, der sich für Raumfahrt interessiert, weil es die Grundlagen enthält ohne ins Schwafeln oder in ein Niveau für Raumfahrtstudenten abzugleiten, also den goldenen Mittelweg findet. Später habe ich mir vom Autor noch zwei Bücher gekauft: „die Planeten“ – eine gute Zusammenfassung der Kenntnisse über das Sonnensystem mit dem Stand von 1982 und „der Mars“, eine Beschreibung der Erkenntnisse über den Mars nach der Viking Mission. Danach scheint er keine Raumfahrtbücher mehr geschrieben zu haben. Die Suche wird auch dadurch erschwert, das der Name weitverbreitet ist. So heißt auch ein ehemaliger Bundespräsident so.

Ich war erstaunt, als ich dann im Dezember ein Mail von Host Köhler bekam. Er räumt wegen eines Umzugs sein Archiv und fragte nach, ob ich Interesse an einer Broschüre über Wernher von Braun hätte. Ich habe sie bestellt und sie ist Gegenstand dieser Buchkritik.

Wie man am Titel „Zur Kritik an Wernher von Braun“ sieht, handelt es sich nicht um eine Biografie. Vielmehr, das wird im ersten Kapitel deutlich, entstand das Buch durch die Auseinandersetzung, dass das Gymnasium von Friedberg bei Augsburg den Manen von Brauns ablegen sollte. Der Autor beschreibt die Auseinandersetzungen und die Rolle der Medien, vor allem einer lokalen Zeitung. Dann beschäftigt er sich zuerst mit den Vorwürfen, die in den letzten zwei Jahrzehnten gegen Wernher von Braun erhoben wurde. Der Großteil des Buches nimmt sich dieser systematisch an. Zuerst kommt eine Kurzzusammenfassung der Vita Wernher von Brauns. Dann folgt eine Charakterbeschreibung von Brauns. Der Hauptteil beschäftigt sich dann mit der Verantwortung von Brauns für die V-2. Das geht los mit den Kontakten zu der Führung, der Mitgliedschaft in NSDAP und SS, der Verantwortung im Raketenprogramm und dessen Organisation in Entwicklung und Fertigung bis hin zu Frage ob Wernher von braun persönlich für KZ verantwortlich ist. Die letzten Kapitel beschäftigen sich damit, ob er den Häftlingen hätte helfen können und eine Diskussion der vorherigen Kapitel. Abgerundet wird das Buch durch einige Biografien von Personen die im Buch erwähnt werden oder wichtig für die V-2 waren.

Das Buch ist geradlinig. Der Aufbau ist logisch und die Kapitel bauen historisch und fachlich aufeinander auf. Ebenso sind die Schlüsse nachvollziehbar: Wernher von Braun wusste von den Umständen bei dem Bau der Rakete. Er selbst war aber nicht dafür verantwortlich und konnte in der damaligen Zeit auch nichts tun. Schon die Hilfe war damals so gefährlich, das man um sein Leben fürchten musste. Das macht der Autor auch bei einigen bekannten Einzelschicksalen in Peenemünde deutlich, wo Personen in Strafkompanien landeten, weil sie sich für Häftlinge einsetzten. Am Rande geht der Autor auch auf ein Phänomen ein, das ich selbst bemerkt habe: je länger der Zweite Weltkrieg vergangen ist, desto kritischer sieht man das Verhalten der Personen in der damaligen Zeit. Es reicht heute nicht mehr während der 12 Jahre des NS-Regimes nicht politisch gewesen zu sein (nach Entnazifizierungsregeln: „Mitläufer“) sondern man erwartet von ihm aktiven Widerstand. Das damals schon geringste Vergehen reichten um wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor einem Standgereicht zu landen wird übersehen. Bei uns sollen eine Reihe von Straßen in einem neuen Stadtteil der mal ein Fliegerhorst war umbenannt werden. Diese bekamen die Namen von deutschen Flugzeugbauern wie Claude Dornier oder Heinkel. Nun sind diese auch in der Kritik wegen der Zwangsarbeiter, die dort arbeiteten. Seltsamerweise gilt das nicht für die wichtigste Straße in Ostfildern: die Hindenburgstraße ist immerhin nach dem ehemaligen Feldmarschall benannt, der mit seinen Entscheidungen verantwortlich für den Tod Hunderttausender an der Westfront im ersten Weltkrieg war und als Reichspräsident alle Gesetze unterzeichnet hat, mit denen Hitler 1933 die Demokratie abschaffte. Dabei war der Reichspräsident, anders als unser Bundespräsident, das Staatsoberhaupt. Hindenburg war zutiefst national und nicht demokratisch gesinnt. Mal sehen, wann man drauf kommt, dass Friedrich der II für den Tod eines Drittels seiner Untertanen im siebenjährigen Krieg verantwortlich ist.

Zurück zu der Broschüre. Jemand der nach Pro-Argumenten für Wernher von Braun sucht, dem kann man sie bedingungslos empfehlen. Nur wenig Kritisches ist zu bemerken. Was mir auffällt, ist das der Autor einige Dokumente erwähnt aber sie nicht im Buch als Scan vorkommen. Das würde dem Buch mehr Authentizität geben. Zwei Argumente finde ich schwach. Das eine ist bei der Vita von Brauns, das er als überzeugter Christ nicht Militarist und Nazi sein kann, geschweige denn Verbrechen an der Menschlichkeit begangen hat. Doch wie der Autor selbst erläutert, fand von Braun erst in Amerika also nach dem Krieg zur Religiosität. Das Zweite ist das von Braun Zitat, dass man alles – eben auch Raketen – militärisch und zivil nutzen kann. Nun hat von Braun aber nicht an den Grundlagen geforscht wie Hermann Oberth oder Goddard. Er wurde schon vor dem Dritten Reich von der Reichswehr angestellt. Dass diese nicht Raketen für zivile Zwecke entwickelt, dürfte klar sein. Spätestens mit Kriegsbeginn war klar das die A-4 auch eingesetzt werden könnte.

Die Diskussion am Schluss könnte durchaus etwas ausführlicher sein. Sie ist in der derzeitigen Form mehr eine Zusammenfassung der vorherigen Kapitel als Antwort auf das Kapitel mit den Kontraargumenten. Auch vermisse ich im Personenverzeichnis einige Personen. Sowohl im Buch erwähnte wie Rudolph Nebel, der schon 1933 nichts mit dem Regime zu tun haben wollte und dadurch verhaftet wurde und nicht mehr an Raketen arbeiten dürfte, wie auch andere Zeitzeugen die heute vor allem in Fernsehdokumentationen erscheinen, die sich ja auch mit dem Thema beschäftigen wie die letzten aus dem von Braun Team wie Ernst Stuhlinger und Konrad Dannenberg. Beide sind inzwischen auch verstorben, aber ihre Aussagen kommen immer noch in Dokumentationen vor.

Vermisst habe ich auch einen anderen Aspekt. Man beschäftigt sich im Zusammenhang mit von braun nur mit den Toten, welche die Entwicklung und Produktion der A-4 kostete. Keiner der Kritiker und auch Host Köhler hat sich Gedanken gemacht was passiert wäre, hätte man die Rakete nicht entwickelt wäre. Meiner Ansicht nach hätte das viel mehr Menschenleben gekostet. Das gesamte A-4 Programm soll 2 Milliarden Reichsmark gekostet haben. Das umfasst die Investitionen in die anlagen in Peenemünde, dort sieben Jahre Entwicklung mit Tausenden von Arbeitern, die Errichtung der Produktionsanlagen im Mittelwerk Dora und die Produktion von 6000+ Raketen. Was wäre passiert, wenn man die Gelder woanders ausgegeben hätte, wenn die Leute in der Rüstungsindustrie gearbeitet hätten? Ein Jagdflugzeug vom Typ ME 109 kostete etwa 250.000 Reichsmark Es wurden 33.000 Stück produziert. Mit 8.000 weiteren Maschinen hätte man die Luftherrschaft über Deutschland länger aufrechterhalten können. Ein Kampfpanzer des Typs 4 kostete etwa 170.000 Reichsmark Auch hier hätten 11.000 mehr produziert werden können. Das wäre bei nur 8.400 gebauten Exemplare weitaus mehr als die normale Produktion gewesen. Die Rüstung hätte egal wohin man die Gelder und Arbeiter gesteckt hätte länger produzieren können und das hätte den Krieg verlängert. Nach Zeit Online gab es, alleine bei der Wehrmacht, in den letzten 3 Kriegsmonaten 150.000 weitere tote, dazu kämen noch die Verluste in der Zivilbevölkerung, die nach demselben Artikel während der letzten zwei Kriegsjahre höher als bei der Wehrmacht waren. Die Zahl der Toten bei der Produktion der V-2 ist schwer zu beziffern, weil in Mittelwerk Dora auch andere Rüstungsgüter produziert wurden und die meisten Häftlinge beim Bau umkamen. Eine Zahl von etwa 6000 bis 7000 dürfte in der richtigen Größenordnung ein. Dazu kommen etwa 1000 Tote durch die Angriffe der A-4. Wäre der Krieg also nur um wenige Tage verlängert wurden indem man nicht die A-4 gebaut hätte, das hätte viel mehr Menschen das Leben gekostet. Wären es gar drei Monate gewesen (und das erscheint nicht ausschließbar, dann wären die Atombomben nicht auf Hiroshima und Nagasaki, sondern auf Deutschland abgeworfen worden.

Wernher von Braun hat es leider versäumt zu Lebzeiten nicht nur die Toten, die es durch die A-4 gab zu bedauern, sondern sich für diese öffentlich zu entschuldigen, unabhängig, ob er persönlich schuldig ist, das hätte die Diskussion nicht in dem Maße aufkommen lassen. So stehen sich aber zwei Bilder gegenüber – das von Wernher von Braun bis zu seinem Tode (und noch lange Zeit danach) gültige als dem Weltraumpionier, der Amerikas ersten Satelliten startete und die Amis ermöglichte den Wettlauf zum Mond zu gewinnen und dem neuen als Mensch, der für seine Vision über Leichen geht. Ich glaube zumindest, solange er in der NASA tätig war, war auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht erwünscht. Schließlich war von Braun seit 1955 US-Staatsbürger und auch die Amis wollten nicht am Saubermann Image kratzen, aber er hätte sicher in den letzten Jahren vor seinem Tod Gelegenheit gehabt sich dazu zu äußern.

Das Buch wird vom Autor auf seiner Webseite selbst vertrieben. Sie taucht zwar auch bei Amazon auf, jedoch nur mit rudimentären Angaben, sodass ich nicht sicher bin, ob sie im freien Handel erhältlich ist. Sie ist für jeden der sich für Von Braun interessiert absolut lesenswert.

8 thoughts on “Buchkritik: Horst Köhler: „Zur Kritik an Wernher von Braun“

  1. Die finanziellen Vergleiche ignorieren aber, dass Deutschland längst ganz andere Dinge fehlten: Der Treibstoff ging gegen Ende des Krieges massiv zuneige. Zahlreiche Me 262-Staffeln mussten Am Boden stehen bleiben, da sie wegen Spritmangel nicht mehr aufsteigen konnten. Auch die Ausbildung war ein enormes Problem. Diese Schwierigkeiten gab es bei der V2 durch Verwendung anderer Triebstoffe und dem Einsatz als Wegwerfartikel in geringerem Maße. Laut Bernd Leitenbergers Zahlen kostete eine Fertigung der V2 in Mittelbau-Dora 40000 Reichsmark. Für eine Me 109, die den damaligen alliierten Jägern unterlegen war bekam man also sechs (nach Geldrechnung) V2, für die aber nicht extra neues Personal ausgebildet werden musste. Der Bedarf an Facharbeitern in der Fertigung ist nicht abschätzbar. Darüberhinaus bleibt festzuhalten, dass aus ideologischen Gründen verfolgte Opfer des Nationalsozialismus zwar so oder so verhaftet worden wären, die Arbeitsbedingungen in Mittelbau Dora aber vielfach als besonders grausam beschrieben werden und außerdem Zwangsarbeiter gerade aus Osteuropa durchaus „nach Bedarf“ gepresst wurden. Es ist daher durchaus wahrscheinlich, dass ohne Wernher von Brauns Tätigkeiten sehr viele Menschenleben hätten gerettet werden können. Darüberhinaus war die V2 neben vielen anderen Elementen immer wieder Teil von Goebbles Durchhaltekampagnen. Wie im Artikel geschrieben wurde, starben aber die meisten Opfer (besonders in Deutschland) in der Endphase des Krieges. Außerdem hat Wernher von Braun sicherlich nicht beabsichtigt, die Kriegsproduktion Hitlers zu sabotieren, weswegen die Überlegung am End des Artikels auch in ethischer Hinsicht mich nicht überzeugt.

  2. Was leider übersehen, dass das Deutsche Reich jede V-2 von der Herstellergesellschaft kaufen musste. Vermutlich wissen wenige Leute wie diese Gesellschaft hieß, welche Personen dahinter gesteckt haben und was sie nach den Krieg gemacht haben!

  3. Aaron, leider muß ich Dir in einigen Dingen widersprechen.

    Beim Treibstoff war die V2 sogar empfindlicher als Flugzeuge.
    Warum?
    1. Die Flüssigsauerstoffproduktion war komplizierter und sehr
    energieintensiv. Außerdem war der Transport und die Lagerung
    sehr kritisch. Es gab außerdem ständig Verluste bei Transport
    und Umladung.
    2. Der Alkohol war direkt von der Kartoffelernte abhängig, wenn
    die Ernte schlecht ausfiel, wäre die Frage Hunger oder Rakete.

    Beim Bau der Rakete wurden relativ wenige Fachleute benutzt, vielmehr wurden die Sklavenarbeiter aus den KZ dazu gezwungen.
    Keiner von diesen Menschen wußte genug, um eine wirklich wirksame Sabotierung durch zu führen.

    Beim Start waren eigentlich auch wenige Facharbeiter notwenig, es gab sogar eine „V2-Fibel“ die den Soldaten auf einfache Weise ihre Aufgabe zur Aufstellung und Start beschrieb. Die Offiziere konnten auch nur entscheiden, ob die Rakete startfähig ist oder nicht.

    Die Sprengleistung des Sprengkopfs betrug noch nicht mal 1000 kg. Wenn man sich vorstellt das die He 111 mehr und weiter transportieren konnte (bei einer geringen Überlebensfähigkeit aber dafür einer höheren Trefferquote), war die Rakete militärisch ein „Rohrkrepierer“

    Mein Fazit: Ein weitreichender Technologischer Fortschritt auf Kosten vieler Menschen, die beim Bau und Einsatz dieses Fortschrittes Ihr Leben lassen mußten.

  4. Die V-2 wurde von der SS produziert die der Wehrmacht dafür die Kosten berechnet.

    Flüssiger Sauerstoff braucht nicht so viel Energie zum Erzeugen, 2001 bezahlte die NASA 0,16 $/kg
    https://www.quora.com/How-much-does-NASA-pay-per-kg-for-hydrogen-and-oxygen-in-rocket-fuel
    Das wäre anders wenn er energieintensiv wäre. LOX kann man in großen Mengen relativ gut isolieren und begrenzte Zeit lagern, anders als LH2.

    Die A-4 brauchte etwa 3,7 t Ethanol, die man in etwa aus derselben Menge Stärke gewinnen kann. Die 4000 abgefeuerten A-4 entsprechen also einer Erntemenge von 16000 t, das wäre pro Kopf der Bevölkerung nur 0,2 kg Stärke, also ein kleiner Teil der Ernte. Zudem bin ich mir nicht sicher ob Du recht hast. Der Ethanol wird heute zum größten teil chemisch erzeugt und nur zum kleinen Teil aus Gärung. Ich denke das war schon früher in Deutschland so. Nur Länder mit sehr großen Anbauflächen nahe des Äquators wie Brasilien nutzen Pflanzen um draus großtechnisch Ethanol zu gewinnen.

  5. Angeblich erwähnt Walter Dornberger in „Die Geschichte der V-Waffen“, dass der Ethanol ausschließlich aus Kartoffeln erzeugt wurde. Wiederum angeblich wurde das einem früher auch im Peenemünder Museum erzählt. Beides kann ich allerdings nicht direkt nachprüfen.

  6. Hallo Arne, genau auf diesem Buch basiert meine Behauptung wegen dem Ethanol (Spiritus).

    Hallo Bernd, ich bin kein Experte in Chemie, Physik und Prozeßchemie.

    Beim Erzeugen von flüssigen Sauerstoff muß man meines Wissnes Luft auf Kondensationstemperatur bringen, dann kann man den
    Sauerstoff extrahieren. Ich glaube, dieser Prozeß war in der damaligen Zeit sehr aufwendig und energieintensiv. (Kein Peltier-Element, sondern nur Kompressoren…). Das Isolationsmaterial war noch nicht so ausgeklügelt wie unser jetziges, und falls es Glasfaserwolle in den benötgiten Mengen gab, war es sicher ein sogenannter „Sparstoff“.
    Und (da kenn ich mich besser aus) die Eisenbahnwaggos zum Transport waren nicht in der Lage größere Mengen zu transportien (es waren meist 3 separate Gasflaschen pro Wagen der zwei Achsen hatte und demmach maximal 40 bis 50 Tonnen wiegen konnte (Komplettgewicht), statt wie heute ein Großraumtankwagen mit ca. dem 5 bis 10 fachem Volumen, vier Achsen und deshalb 80 bis 100 Tonnen Komplettgewicht).

    Ich weiß nicht, bei welchen industriellem Prozeß Alkohol chemisch erzeugt wird, oder als Abfallstoff anfällt. Da aber damals alle Anlagen ein Angriffsziel für Bomber boten und deshalb versucht wurde alles unterirdisch herzustellen, denke ich das die Kapazitäten relativ gering waren und deshalb fokusiert werden mußten.

    Das sind meine Vermutung und meine Meinung, ich lasse mich gerne korrigieren..

    Ralf mit Z

  7. Also nach kurzer Recherche hat sich bestätigt was ich schon vermutet hatte: Ethanol wurde wie syntetisches Benzin im dritten Reich durch die Fischer-Tropsch Synthese hergestellt
    https://de.wikipedia.org/wiki/Synol-Verfahren

    Bei LOX gilt das bestimmt auch noch für nach dem Krieg und trotzdem wurde LOX zum Oxydator Nummer 1 obwohl man schon damals die leicht zu synthetisierende Salpetersäure als Alternative hatte.

    Ich habe auf jeden Fall nichts von Versorgungsproblemen beim Start der V-2 gehört. Im Gegenteil: als Benzin knapp wurde gab es immer noch genügend Ethanol und LOX für die V-2.

  8. Zufällig stieß ich diesen Monat (November 2016) auf die Rezension meiner Broschüre „Zur Kritik an Wernher von Braun“ durch Bernd Leitenberger von Januar 2016 (siehe oben). Es handelt sich um ein schwieriges Thema: Warum ist meine Veröffentlichung meines Wissens die einzige gedruckte ihrer Art in den letzten etwa zwei Jahrzehnten? Oder: Warum haben sich wenigstens nicht die schriftlich geäußert, die noch zu Lebzeiten von Wernher von Braun gerne dessen Nähe suchten? Oder: Warum kamen die Vorwürfe erst nach dem Tod des Raketeningenieurs?
    Auf zwei kritische Äußerungen des Rezensenten meiner Veröffentlichung möchte ich eingehen. (1) Wer wie Wernher von Braun von Kindheit an durch die religiöse Erziehung der Eltern überzeugter Christ (also nicht nur „eingetragener“ Christ) war und dies auch vorlebte, übrigens nicht erst als Erwachsener, kann allein schon deshalb nach meiner festen Überzeugung kein Kriegshetzer und kein (Kriegs-) Verbrecher gewesen sein, als der er heute zu Unrecht oft dargestellt wird. Ich stehe zu dieser Aussage, zumal ich zu denen gehöre, die Wernher von Braun als Mensch persönlich kennenlernen konnten. (2) Als er sich im Herbst 1932, als sich abzeichnete, dass die frühen deutschen Raketenaktivitäten privater Personen und Vereine verboten wurden, als erst 20-Jähriger Student und wenig später Dissertant dem Heereswaffenamt in Kummersdorf anschloss, war er der erste (übrigens zivile) Mitarbeiter dieser Dienststelle, der sich mit Flüssigkeitsraketenantrieben befasste (www.zur-kritik-an-wernher-von.braun.de). Oft genug flogen ihm bei der Entwicklung und Erprobung Triebwerks- und Tankteile um die Ohren – er hat also wahrlich als einer der wichtigsten deutschen Raketenpioniere an Grundlagen gearbeitet.
    Von einer militärischen Verwendung der Flüssigkeitsrakete war man zu diesem Zeitpunkt noch meilenweit entfernt, erst Recht von einer A4-Großrakete, die später nie wirklich Einsatzreife erreicht hat. Von Braun ging nicht deshalb zum Heer, weil er eine Kriegsrakete bauen wollte, sondern weil er als fanatischer Befürworter einer künftigen zivilen Raumfahrt von Kindheit an in der Entwicklung der dafür notwendigen leistungsfähigen Flüssigkeitsrakete im Heereswaffenamt die einzige Möglichkeit einer Realisierung sah.
    Dass der zu Lebzeiten hoch dekorierte Raketeningenieur für das große Leid, das in den beiden letzten Kriegsjahren die beginnende A4-Serienproduktion im Südharz mit sich brachte, zwar zutiefst bedauerte, sich dafür aber nicht öffentlich entschuldigte, kann ich als Biograf nachvollziehen. Von Braun war weder für die Personalbeschaffung zuständig, noch für die rüde Behandlung und den Tod der vielen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Verurteilt man Wernher von Braun aber deshalb, weil er von diesem Leid, das er nicht lindern konnte, wusste, müsste man auch alle jene verurteilen, die in den Kriegsjahren KZ-Häftlinge beschäftigten und ausnutzten: So die Textil-Fabriken, in denen Frauen zwangsweise Uniformen schneiderten, die Kirchen und Klöster, die Zwangsarbeiter beschäftigten, die Direktoren von Fahrzeugherstellern (BMW unterhielt sogar ein firmeneigenes KZ), ganz zu schweigen von den zahlreichen Rüstungsunternehmen und ihren Zulieferern, die Waffen aller Art, U-Boote, Kriegsflugzeuge und –Schiffe, Bomben, Granaten, Torpedos, Minen und Raketen herstellten bis hin zu den zahlreichen chemischen Werken, die Flugzeug- und Raketentreibstoffe produzierten. Und wie ist überhaupt die damalige deutsche Bevölkerung moralisch zu bewerten, von der sicher gut die Hälfte von den menschenverachtenden Zuständen und von der Existenz von Hunderten von KZs und KZ-Außenlagern wusste – und nichts dagegen unternehmen konnte, wie Wernher von Braun auch nicht?

    Horst Köhler, Friedberg

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