Hitparadennachlese und was prägt meine Zugehörigkeit?

Ich hatte ja mal aufgerufen, den Titel Telstar in die SWR1 Hitparade zu wählen. Ganz geschafft habe ich bzw. die Blogleser es nicht. Es ist Platz 1121 geworden, ab 1030 wurden die Titel fünf Tage lang gespielt. Ich bin trotzdem zufrieden. Dahinter sind etliche bekanntere Titel wie Bad von Michael Jackson oder Super Trouper von Abba.

Mir wurde schon klar, das diese Hitparade, wie zum Teil schon die Letzte, anders läuft als die vorherigen. Bedingt durch das Internet können sich Fangruppen absprechen bestimmte Titel zu pushen oder Gruppen zu pushen. Die Hitparade war schon immer rockiger als das SWR-Programm, das zumindest zu der Zeit, in der die meisten Radio hören, also tagsüber bei der Arbeit, beim Nachhausefahren oder Frühstück vor allem weichgespülten Pop spielt. Musik, die man nebenbei hören kann und die einen nicht ablenkt. Aber diesmal war schon auffällig, wie viel Hardrock und Heavy Metall drin war. Selbst in den Top 100 habe ich Titel zum ersten Mal gehört so Suppers Ready auf Platz 53. Ich finde das nicht schlecht. Dauernd wäre es mir zu eintönig, aber 5 Tage lang ist es okay. Meine gern gehörten Musikrichtungen Disco und Reggae waren kaum vertreten.

Das Pushen war erlaubt. Es gab ja sogar die Initiative vom Sender das Gruppen gemeinsam eine Liste abgeben und so ihre Stimmen sammeln. Mit Facebook-Gruppen, die nach einem Interview zufolge mehrere Tausend Posts pro 24 Stunden haben, kann man dann natürlich viel mehr Leute mobilisieren, als ein kleiner Blog, den nur Hardcore-Raumfahrtkenner besuchen. Der Sender hat selbst einen Titel gepusht und in den Wochen vorher die Nummer 14 „Zu Asche zu Staub“ dauernd gespielt immer mit den Hinweis, dass man ihn in die Hitparade wählen kann. Mein Geschmack ist es nicht, klingt mit dem Akzent irgendwie nach Zarah Leander.

Vielleicht probieren wir es nächstes Jahr noch mal und wer bei Facebook & Co aktiv ist, macht vielleicht dort Werbung und wir schaffen die Top 1000, vielleicht sogar die Top 500. Den Titel können wir gemeinsam festlegen. Er sollte etwas mit Raumfahrt zu tun haben, und nicht von alleine in den TOP 1000 sein, also nicht Space Oddity (Platz 201) oder Major Tom (277). Aber Fly me to the Moon (1647) ginge. Postet mal hier Vorschläge. Ich sammele die und stelle sie im nächsten September zur Wahl.

Mein zweites Thema habe ich auch aus der Hitparade. Dort kommen auch Titel, die sonst nie kommen. Titel mit Dialekt. Irgendwie ist der unbeliebt, außer vielleicht der Dialekt von Niedeken. Platz 52 war die inoffizielle Württemberger Hymne „Preisend mit viel schönen Reden“. Das vertone Gedicht von Eduard von Mörike stammt aus einer Zeit, die gar nicht mal so lange her ist. Es spielt zwar 1495 doch auch, als er 1818 es schrieb, war Schwaben noch das Armenhaus Deutschlands. Die Böden geben nicht viel her. Nicht umsonst wird auf den Fildern, auf denen ich lebe, traditionell Filderkraut angebaut. Zwei Gebirge belegen einen guten Teil der Fläche des Landes und Bodenschätze gibt es auch keine. Der Rhein war vor seiner Begradigung auch erst nach der Landesgrenze schiffbar. Aber der Schwabe war schon damals loyal. Daran hat sich nicht mal so viel geändert. 1848 gab es in Baden Revolution, aber nicht in Württemberg.

Baden hat auch seine Hymne die schaffte Platz 20. Sie Badener sind deswegen höher platziert, weil es in den Top 10 nämlich noch zwei inoffizielle Schwabenhymen gab: Platz 9 „Mir im Süden“ und Platz 5 „Der Hafer und Bananenblues“. Das Letzte ist eigentlich kein echtes Lied, sondern ein Song aus dem Werbefernsehen, als es da zwischen den Spots noch kleine Sketche gab. Aber der Blues passt zu den Schwaben. Er hat so klagende Töne und passt zu einem Volksstamm, der immer meckert und ein eigenes Wort „Bruddeln“ dafür hat. Nicht umsonst hat Wolle Kriwanek der als erster mit schwäbischen Songs in den Siebzigern Erfolg hatte vor allem Bluessongs gemacht. (Herbertstroß, Straßaboah). Auch im aktuellen Glücksatlas belegt Württemberg Platz 11, das daneben liegende Baaden dagegen Platz 6. Dabei geht es den Schwaben objektiv nicht schlecht. Hier gibt es die höchsten Pro-Kopf-Einkommen, die nach Bayern niedrigste Arbeitslosenzahl, aber der Schwabe ist per Se unzufrieden, sonst hätte er ja keine Antriebskraft, die für seinen sprichwörtlichen Fleiß nötig ist. Nicht überraschend – schaut man sich die Subcharts an so sieht es bei „Wohnen und Freizeit“, „Einkommen“ und „Arbeit“ viel besser aus – Platz 2+3. Auch bei der Aufteilung gibt es Überraschungen. Die Männer sind wesentlich zufriedener (7) als die Frauen (14) und beim Alter wird es immer schlimmer je älter man wird. Bei den über 65-Jährigen kommt man auf Platz 16 – da gibt es wohl noch die meisten Schwaben und die wenigsten Zugewanderten.

Mit drei „regionalen“ Liedern verteilen sich natürlich die Stimmen. Es gäbe noch mehr inoffizielle Schwabenhymnen. Auf Platz 351 hat sich noch die „Schwabenhymne“ von Rock und Rollinger platziert. Ich kenne noch zwei weitere. Sei alle haben eine Gemeinsamkeit: sie brechen regionale Identität auf zwei Dinge herunter, die ich niemals als wichtig einstufen würde. Die Erfolge eines regionalen Fußballvereins (VfB) und die Qualität von im Land gebauten Automobilen.

Es gibt ein Buch aus den Siebzigern Jahren, das zumindest hier ein regionaler Bestseller war „Deutschland deine Schwaben“. Da hat der Stuttgarter Schriftsteller Thaddäus Troll in zahlreichen Kapiteln das Thema aufgerollt. Also was zeichnet den Schwaben aus, was unterscheidet ihn von anderen Deutschen? Er hat das umfassend getan über Geschichte, Geografie, Charaktermerkmale, Erziehung, Religion und Sprache. Im wesentlichen sind es aber nichts anderes als die Unterscheidungsmerkmale eines Volkes. Nur eben regional heruntergebrochen. Ich glaube kaum, das jemand, wenn er gefragt wird, was ihn als Deutscher auszeichnet die Erfolge der Nationalmannschaft oder die Qualität deutscher Automobile zitieren würde. Das zeigt schon, wie sich die Zeit verändert hat.

Ich bin Schwabe und ich habe viele schwäbische Eigenschaften. Ich dachte zumindest sprachlich wäre ich, nachdem ich in den letzten Jahren ja vor allem in Unis und großen Betrieben unterwegs war, inzwischen beim Hochdeutsch angekommen, doch die Originaltöne von mir im Interview des Deutschlandfunks haben mich eines besseren belehrt. Dabei hat mich in meiner Jugend mein Onkel immer getriezt, weil ich angeblich hochdeutsch gesprochen habe. Andererseits bescheinigte mir noch vor einigen Jahren, als ein Professor mal meine Entwürfe für Bewerbungsschreiben durchsah, das ich „schwäbisch schreibe“. Ich weiß allerdings bis heute nicht, was er damit meinte.

Was sind Abgrenzungsmerkmale zu anderen Volksgruppen? Das Auffälligste ist ja der Dialekt. Wobei es ja nicht den Dialekt gibt. Auf der schwäbischen Alb wird wieder etwas anders gesprochen als hier im Stuttgarter Raum und er endet nicht an den Landesgrenzen. Schwyzerdütsch klingt wie eine Karikatur des Schwäbischen, ich verstehe es aber immerhin noch, während man bei 3SAT Original-Schwyzerdütsch-Ton mit deutschen Untertiteln unterlegt. Ebenso spricht man im Allgäu, wo ich mein Ferienhaus habe, Schwäbisch mit leichten Lautverschiebungen. Der Dialekt ist verräterisch und an ihm kann man Schwaben erkennen, selbst wenn sie sich bemühen Hochdeutsch zu sprechen. Daher hat die Landesregierung ja mal vor einem Jahrzehnt bei iner PR-Kampagne den Slogan ausgegeben „Wir können alles außer hochdeutsch“. Der Spruch ist heute noch gegenwärtig und ist der bekannteste Länderslogan. Eine Eigenheit, das „St“ oft als „scht“ auszusprechen, ist kaum zu verlernen. Niemand den ich kenne sagt „Stuttgart“, sondern „Schtuttgart“. Echte Schaben übrigens „Schtugert“. Damit fällt der Schwabe in fremden Umgebungen auf und dann meist auch seine anderen Charaktereigenschaften. Die Vorliebe für Reinlichkeit, die berühmte Kehrwoche, die vor allem in Berlin unangenehm auffällt, wo alles verdreckt sein muss. Der Fleiß, der wohl darin begründet ist das, wie schon geschrieben das Land früher nicht reich war. Man musste hart arbeiten und (dritte Eigenschaft) sparen. Seit der Industrialisierung gilt das nicht mehr und der Fleiß ist zur Quelle des Reichtums geworden. Seitdem hat er nichts mehr mit Armut zu tun sondern mit Erziehung, wozu auch der hier ansässige Protestantismus gehört der von Calvin mitgeprägt ist und bei dem man anhand des wirtschaftlichen Erfolgs erkennen kann, wie gottgefällig jemand gelebt hat. Ich denke aber diese „typisch schwäbischen“ Eigenschaften schleifen sich ab genauso wie die „Typisch deutschen“ in dem Maße, in dem sich die Bevölkerung vermischt. Sowohl innerhalb Deutschlands wie auch international. Sie sind im Prinzip anerzogen und auch die Erziehung ändert sich. Schon der Dialekt findet man bei Jugendlichen allenfalls noch im ländlichen Raum, von der schwäbischen Alb. Das Gleiche gilt wohl auch die anderen Eigenschaften. Genauso werden schwäbische Gerichte von Pizza und Co verdrängt. Es gibt ja in jeder Volksgruppe mindestens ein Gericht das gewöhnungsbedürftig ist in dem Sinne, das es nicht einfach schmeckt, sondern man durch Erziehung den Geschmack lieben lernen muss. Bei uns wären das wahrscheinlich saure Nierle, wahrscheinlich wären für die meisten Bundesbürger auch Linsen mit Spätzle gewöhnungsbedürftig. So was gibt es auch woanders wie im Norden der Labskaus oder in Rheinland-Pfalz der Saumagen.

Was signifikant länger Bestand als Eigenschaften eines „Volksstamms“ hat, sind Vorurteile. Das sieht man auch z.B. dass nach fast 30 Jahren noch nicht der Gegensatz Deutschland-Ost ↔ Deutschland West aus den Köpfen verschwunden ist. Auch Katzelmacher beweist das, indem er den Dialekt als piefkig bezeichnet. Johann Gottfried Piefke war ein für die damalige Zeit relativ großer (1,90 m) Militärmusiker der die Siegesparade nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg anführte. Seitdem nannten die Österreicher alle Preußen Piefkes und haben das später auf ganz Deutschland ausgedehnt. Ich vermute mal Katzelmacher kommt aus Österreich. Klar, wenn man eine etwas laschere Einstellung zu Eigenschaften wie Pflichtbewusstsein, Fleiß, Sparsamkeit hat, dann fallen die Schwaben schon auf und wenn man sie schon nicht beim wirtschaftlichen Erfolg schlagen kann, dann assoziiert man eben andere negative Eigenschaften mit ihnen.

4 thoughts on “Hitparadennachlese und was prägt meine Zugehörigkeit?

  1. Eigentlich es umgekehrt: Schwäbisch klingt wie eine Karikatur des Schwyzerdütsch. Letzteres wird ja viel mehr benutzt. Wir haben in der Schweiz ja nicht den Komplex, dass man ja nicht Dialekt reden soll.
    Wenn man als Schwabe in der Schweiz ist, kann man ruhig Schwäbisch reden, dass werden die meisten verstehen. (Ausser die die französisch oder italienisch sprechen)

    1. Vielleicht hat das etwas mit dem mittelalterlichen Herzogtum Allemania bzw. später Herzogtum Schwaben zu tun, dass in seiner größten Ausdehnung ungefähr das heutige Baden-Württemberg, die heutige Deutsschweiz, das Vorarlberggebiet und das Elsas umfasste, so gesehen sind wir alle Schwaben.

      Und Bernd: Es gab 1848 auch in Württemberg eine Revolution, zumindest habe ich im Stadtmusseum Reutlingen dazu mal eine Ausstellung gesehen.

  2. Schwaben noch das Armenhaus …

    In der schwäbischen Alp gab es schon einige Eisenerzbergwerke, das waren aber alles eher kleine Vorkommen

    Was für einen Außenstehenden die Schwaben stark geprägt hat sind z.B.:
    – der Mangel an Wasser auf der schwäbischen Alp (es versickert alles gleich im Karstgebirge
    – die Erbteilung oder Realteilung. In den meißten anderen Teilen von Deutschland wurden Bauernhöfe nicht unter den Erben aufgeteilt, sondern am Stück an den ältesten (oder den jüngsten) Sohn vererbt.

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