O tempora, o mores!

Auf das heutige Thema bin ich durch den Blog und seine Reaktionen gekommen. Es geht um das Netz und seine Umgangsformen und die haben sich verschlechtert. Das Klagen, das alles schlimmer wird, ist nicht neu. Das obige Zitat stammt von Cicero und ist fast 2.100 Jahre alt. Wie man weiß, war ja früher alles besser, was auch schon Sokrates festgestellt hat, der sich über die damalige Jugend ähnlich geäußert hat wie Erwachsene in meiner Jugend über mich und andere und heute viele Politiker über Friday for Future. Und „Früher war alles besser“ ist ja ein geflügeltes Wort. Allerdings nicht von mir: Mir geht es im Allgemeinen (trotz einer momentanen Margen-Darmgrippe) noch nie so gut wie heute.

Es geht um die Umgangsformen, im Netz, aber nicht nur dort. Es wird ja allgemein beklagt, dass die zu wünschen übrig lassen. Besonders betroffen sind vor allem Prominente. Der psychologische Mechanismus ist so einfach wie verständlich: Wenn man nicht die unmittelbare Reaktion seines Gegenübers, auf etwas was man sagt, mehr als Kontrolle hat, ob man jemanden verletzt, ob das, was man sagt, vielleicht übers Ziel hinausschießt, dann wird man ausfallender. Das ist nicht neu. Das gab es schon vor Jahrhunderten, wie jeder weiß, wer eine Leserbriefspalte in einer Zeitung betreut. Was die meisten Leute von sich geben, wenn sie im stillen Kämmerlein einen Beschwerdebrief scheiben und sich dann nur mit dem Thema befassen, alle ihre Gedanken sich um dies dreht und sich oft in Rage schreiben ist schon erstaunlich. Da hilft nur als Tip: Mal mit jemanden anderen darüber reden oder zumindest eine Nacht drüber schlafen – das Gehirn bewertet vieles neu, wenn man ihm Zeit lässt, nachts alle Informationen zu verarbeiten.

Okay, im Blog nicht so ein toller Rat, der lebt ja von zeitnahen Kommentaren, aber sich alles noch mal durchzulesen und zu überlegen, ob man das auch so scheiben würde, wenn man es dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würde, soviel Zeit sollte man sich nehmen.

Bisher war ich hier von solchen Kommentaren verschont. Es ist sogar besser geworden. Seit ich mal erwähnt habe, das man Threads aus dem Raumfahrer.net Forum in diesem Forum und nicht hier diskutieren soll, ist Ruhe. Früher gab es hier viel mehr Kommentare von SpaceX Fanboys mit grenzwertiger Sprache und wenig Respekt. Aber es ist ein Phänomen an sich. Hier schadet sich ein solcher Kommentator meist selbst, weil er im allgemeinen Umfeld mit sachlichen Kommentaren nur negativ auffällt. Woanders ist das wesentlich schlimmer. Da zieht ein Negativ-Post den nächsten nach sich, inzwischen ja auch bei politischen Themen durch bezahlte Kommentare oder Trollbots unterstützt. Ich fand in diesem Blog in knapp 12 Jahren nur einen Kommentar, den ich löschen musste, weil er persönlich beleidigend war. Von so was können Prominente nur träumen.

Das man isoliert zu einem andere Resultat kommt als in einer Diskussion und das Netz das verstärkt, ist ein zweites Phänomen, das ich hier nur streifen kann – das man im Netz in seiner eigenen Blase leben kann. Google bewertet schon bei den Suchergebnissen das bisherige Suchverhalten. Hat man z.B. zu einem Thema wie „Verschwörungstheorien“ vor allem auf Ergebnisse geklickt die diese wiedergeben, anstatt welche die sich damit kritisch auseinandersetzen, so werden die „Pro-Ergebnisse“ höher in den Suchergebnissen geführt werden und wenn man einen bestimmten Autor oder Website häufig besucht dann diese ebenfalls höher. In sozialen Medien gewinnt man leicht Freunde oder Likes von Leuten, die die gleiche Meinung haben, und natürlich besucht man dann auch diese eher als andere die eine andere Meinung haben. Das eigne Weltbild wird also verstärkt.

Wie schon geschrieben. Das Phänomen ist nicht neu. Was neu ist, das diese Unhöflichkeit und Respektlosigkeit nun auch ins tägliche Leben einzieht. Seit die AFD im Bundestag ist, kann man es sogar in Debatten beobachten. Aktuell die Auseinandersetzung um „Friday for Future“. Durch die meisten Parteien hört man fast unisono. Das man doch gefälligst am Freitagnachmittag nach Schulschluss demonstrieren soll, wenn alle Politiker schon im Wochenende sind. Schulschwänzen geht ja gar nicht. Leute: Wir haben zwar eine Schulpflicht, aber es geht doch darum, etwas fürs Leben zu lernen. Oder um erneut meine Asterix-Lateinkenntnisse anzuzapfen „Non vitae sed scholae discimus“. Der Spruch hat auch schon fast 2.000 Jahre auf dem Buckel. Es kann ja nicht der Sinn sein, Zeit auf der Schulbank abzusitzen. Da ich nicht annehme das man inzwischen die Klassenarbeiten abgeschafft hat gibt es ja immer noch die „Lernkontrolle“. Wenn sich die Schüler also nicht verschlechtern wollen, müssen sie den Stoff später nachholen. Damit ist eigentlich die Sache erledigt, außer man sieht das hocken im Klassenzimmer als Selbstzweck an. Das dies nicht alles sein kann, wusste schon Goethe:

SCHÜLER:
Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
In diesen Mauern, diesen Hallen
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschränkter Raum,
Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
Und in den Sälen, auf den Bänken,
Vergeht mir Hören, Sehn und Denken.

Oder wie ich sagen würde (übrigens aus derselben Szene):

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum

Aber die Jugendlichen lernen sich für ihre Überzeugung einzusetzen und das mit urdemokratischen Mitteln. Es wird bei uns sowieso viel zu wenig demonstriert. Wenn, dann gehen immer die Leute auf der Straße die sich gegen die Mehrheitsmeinung wenden und inzwischen sich durch das Netz zusammenfinden, wie eben die Wutbürger von Pegida und Co. Das „Gutbürger“ inzwischen fast ein so schlimmer Begriff wie „Wutbürger“ ist, liegt ja auch an dem allgemeinen Verfall der Sitten (ist ironisch gemeint). Es ist an der Zeit wieder mal zu demonstrieren und zwar in der Art wie vor 30 Jahren. Da gingen die Bürger der DDR auf die Straße und riefen nur „Wir sind das Volk“. Wenige Wochen später fiel die Mauer. Denn richtige Menschenmassen kann man nicht ignorieren. Wen bei jeder Pegida und AFD-gelenkten Demonstration eine Gegendemonstration stattfindet, die nur die Aussage hat: ihr seid eine Minderheit und wir die Mehrheit, und die entsprechenden Zulauf hat. Diese Organisationen würden bald damit aufhören, zu protestieren.

Ich gebe es gerne zu: ich bin gerne Gutbürger und ich bin gerne grün. Nicht erst seit heute. Mein Konsum ist spärlich. Dinge nutze ich solange, wie sie funktionieren. Ich habe keine Smartphones, die ich alle zwei Jahre durch neue auswechsle und wenn ich nach Statistiken gehe, liege ich auch bei Bekleidung unter dem Durchschnitt. Soweit es geht, lege ich alles per Fuß oder Fahrrad zurück. Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind rund 500 km pro Jahr und meine letzte Flugreise machte ich mit 12.

Ich habe mir jetzt das Ziel gesetzt meinen Kohlendioxidausstoß auf Null zu bringen. Nicht in 20 Jahren, sondern bald. Der Weg ist nicht der günstigste und er ist nicht der sinnvollste, aber es ist mein Weg. Der Günstigste wäre es, Co2-Zertifikate zu kaufen. Die schwanken zwar stark im Preis, aber für meinen Jahresverbrauch wären das nur rund 50 bis 300 Euro pro Jahr. Die beiden Solaranlagen die 20 bis 25 Jahre lang etwa 5 t Co2 vermeiden, kosten zusammen dagegen 27.000 Euro. Reiner Ökostrom (denn ich auch noch nutzen werde) kostet auch nur 1,5 ct/kWh mehr (nein Kay, keine 1 bis 1,6 Euro). Dazu noch eine um 20 Euro höhere Grundgebühr pro Jahr – verschmerzbar. Aber es ist mir wichtig selbst etwas zu tun und mich nicht einfach „freizukaufen“.

Klar, das kann nicht jeder. Ich denke zusammen wird es mich 50.000 Euro kosten. Die haben die wenigsten und wer eine Familie hat muss diesen Betrag pro Person ansetzen. Das ist also für andere finanziell unmöglich. Aber womit ich nicht gerechnet habe, ist das es tatsächlich Leute gibt die meinen, wenn sie nichts tun, sie moralisch auf einer höheren Ebene stehen und das man überhaupt etwas tut kritisieren. Wie schon gesagt: den Weg kann man kritisieren. Konsequenter wäre: ich verkaufe mein viel zu großes Elternhaus und ziehe in eine Eigentumswohnung in einem Nullenergiehaus. Würde mir sogar einen Gewinn einbringen. Ist mit mir aber nicht zu machen. Ich bin hier verwurzelt, hier will ich bleiben.

So bleibe ich dabei oder um ein letztes Zitat zu bringen: I did it my Way. (Aber hoffentlich ist das Ende noch nicht nahe)

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