Bavaria One und der Weltraumbahnhof

Ich habe es nicht primär mitbekommen, erst als es Michael Khan in seinem Blog aufgriff und dann kam es noch bei Extra 3. Der BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) will einen Weltraumbahnhof für Deutschland und Altmaier lässt das „prüfen“.

Das ist schon das zweite Mal in einem Jahr das die Politik was größeres in Sachen Weltraumfahrt ankündigt. Ein Logo mit ihm für „Bavaria One“. Viel passiert ist seitdem nicht. Natürlich kommt die Weltraumfahrt nicht ohne Politik aus. Trägerraketen werden staatlich finanziert – zumindest bei uns und das wird auch so bleiben, denn anders als in den USA gibt es bei einer kommerziell entwickelten Rakete nicht die Garantie von Staatsaufträgen – im Gegenteil, als Nicht-US Unternehmen haben europäische oder deutsche Unternehmen keinen Zugang zu diesem Markt, dem größten weltweit, und so ist es auch in Russland, Indien, Japan und China. Nur mit europäischen Nutzlasten hat man, aber einen viel zu kleinen Markt für einen eigenen Träger. Dasselbe gilt natürlich für Forschungssatelliten, aber auch Anwendungssatelliten die vornehmlich volkswirtschaftlichen Nutzen haben wie Navigationssatelliten, Wettersatelliten und Erdbeobachtungssatelliten. Und natürlich gehört die gesamte bemannte Raumfahrt zu den Gebieten die nur mit staatlicher Finanzierung laufen.

Was beide Vorschläge eint, ist das sie viel Blätterrauschen verursachen, aber es nichts Konkretes ist und das sie überflüssig sind und das auch jeder erkennt der etwas von Weltraumfahrt versteht.

Zum Weltraumbahnhof verweise ich auf den Artikel von Michael Khan, der die Problematik genau erklärt. Es geht nicht um Deutschlands mangelnde Äquatorlage, denn was boomt, sind ja Starts in sonnensynchrone Umlaufbahnen von Klein- und Kleinstsatelliten und für deren Start ist die geographische Breite eigentlich egal. Das Hauptproblem ist das man von Deutschland aus nicht nach Süden oder Norden starten kann ohne ein Nachbarland – im Westen England, im Osten Dänemark und Norwegen – zu überfliegen und das verbietet sich, wenn die Stufen dort niedergehen müssen – außer der BDI hat gleich die Wiederverwendung und weiche Landung mit eingeplant, was ich aber eher nicht glaube.

Ebenso braucht Bayern nicht eine Raumfahrtiniative. Nicht das ich gegen eine wäre. Aber wenn der Staat hier etwas tun möchte, dann doch eher im nationalen Konsens. Deutschland hat schon ein kleines nationales Raumfahrtprogramm, verglichen mit Frankreich oder Japan. Das meiste Geld geht direkt an die ESA. Bayern könnte hier darauf dringen mehr zu investieren oder selbst Geld aufbringen, im Gegenzug für Aufträge. Aber Bayern alleine ist für ein eigenes Weltraumprogramm zu finanzschwach und es gibt auch nicht alle Ressourcen vor Ort. OHB als größte bayrische Firma hat z.B. einen ebenso großen Firmenstandort in Bremen wie in Augsburg.

Ebenso dumm ist der Vorschlag des Weltraumbahnhofes, selbst wenn es ein Offshore-Bahnhof wäre (wie Sealaunch oder von Helgoland aus). Es gibt ja schon genügend. Derzeit werden zwar sehr viele neue Trägerraketen entwickelt, aber die am weitesten gedrungenen Projekte sind in China und werden von dort aus starten. Dann folgen die USA, die auch schon genügend Weltraumbahnhöfe haben und der US-Markt ist so wichtig das Rocketlab für ihre Electron, die bisher von Neuseeland aus startete, eine Rampe auf Wallops Island baute. Es würde also an Kunden fehlen. Doch das man einen Hafen in Norddeutschland baut, den niemand braucht, hat ja schon Tradition (JadeWeserport).

Diese beiden Punkte stehen stellvertretend für die heutige Politik. Groß was ankündigen und nichts dahinter. Das ist der Unterschied zu früher. Denn schon früher hat sich die Politik in die Raumfahrt eingemischt. Es begann mit Aeros 1+2 als Entwicklungsprogramm für eine Raumfahrtindustrie. Es folgte zur Verbesserung der Zusammenarbeit das Heliosprojekt, das zusammen mit der NASA angegangen wurde. Die Sonden waren außerordentlich langlebig und ihr Minimaldistanzreport wird erst jetzt von der Parker Solar Probe unterboten – nach 45 Jahren. In den Achtzigern kam dann der Beschluss, das Deutschland das Spacelab baut – zwar ein ESA Projekt, doch Deutschland finanzierte es zu mehr als die Hälfte. Deutschland war auch dann das einzige Land, das zwei nationale Missionen durchführte.

Meiner Ansicht nach gäbe es durchaus Möglichkeiten wie sich Bayern und Deutschland mehr in der Raumfahrt profilieren könnten:

Mehr nationales Engagement. Es wäre ja schön, wenn das nationale Raumfahrtprogramm so groß wie der Beitrag für das europäische wäre. Doch wenn es da Pläne gab, die viel Geld kosteten wie eine Mondmission würden die schnell wieder von dem Kabinett abgebügelt. Doch soweit muss es gar nicht kommen. Es gäbe durchaus auch die Möglichkeit an dem Kleinsatellitenboom zu partizipieren. Zum einen, indem man mehr Geld in die staatliche Raumfahrt steckt, mit dem Ziel zum einen weitere Forschungssatelliten zu bauen, aber auch Universitäten und Forschungsinstitute wie die Max-Planck-Gesellschaft unterstützt mit dem Ziel, dass dort Studenten und Forscher eigene Kleinsatelliten entwickeln, Erfahrungen gewinnen, neue Technologien erproben, die dann der Industrie als ganzes zugute kommen.

Den kommerziellen Sektor kann man durch Aufträge fördern, aber auch, indem Startups in den Genuss von Bürgschaften und Krediten kommen. Bei genügend Erfolgsaussichten auch mit einer Finanzierung, z. B. einem Kredit den man nur zu 70 % zurückzahlen muss.

Stattdessen gibt die Politik enorme Summen für Nonsenseprojekte aus. Die gescheiterte Maut kostet 500 Millionen Euro. Würde man diese in die nationale Raumfahrt investieren so würde sich das nationale Programm verdreifachen (bisher 285 Millionen Euro/Jahr) und zu dem von Frankreich (726 Millionen) aufschließen. Dabei ist das noch wenig. Für gerade mal 20.000 Beschäftigte in der Braunkohleindustrie gibt die Politik 40 Mrd. Euro aus – 2 Mrd. pro Arbeitsplatz.

Aber auch innerhalb von Europa sehe ich Chancen für Deutschland. Anstatt einen Weltraumbahnhof zu propagieren, könnte sich Deutschland mehr in der Vega einbringen. Für diese ist ja seit langem eine neue dritte Stufe geplant, die LOX/Methan einsetzt. Diese könnte doch Deutschland entwickeln.

Ebenso würde ich mehr Raumsonden sehen. Die Mondmission wäre sogar national möglich, dafür braucht man keine Deep Space Antennen. Allerdings denke, ich muss es kein so ambitioniertes Projekt sein wie der gescheiterte Mondlander, sondern ein Mondorbiter wäre angemessen. Deutschland hat sich durch militärische und zivile Satelliten Kompetenz in der Radartechnik erworben, mit Radar ist der Mond bisher nur wenig erkundet worden. Das wäre doch also eine sinnvolle Lösung.

Ganz pervers ist, dass Deutschland bei der Entwicklung der Ariane 6 beteiligt ist und dann deutsche Raumfahrtfirmen Starts bei SpaceX buchen. Wohlgemerkt nicht für kommerzielle Satelliten wie Eutelsat oder SES, sondern staatliche Aufträge. Zwei gibt es im Launch Manifest, einen von OHB (SARAH) und einen von Airbus Defence and Space. Der letztere ist der von PAZ, einem spanischen Satelliten, also nicht in der Verantwortung der deutschen Regierung.

Mehr nationale Satelliten auf Ariane 6 und Vega würden auch die Startzahlen dieser beiden erhöhen. Gerade bei Ariane 6 gab es ja eine Vereinbarung über die Abnahme von Ariane 6 durch europäische Regierungen. Die Aufträge sind aber deutlich geringer als die Zusage. Dabei ist dies Bestandteil des Konzepts: der niedrige Preis entsteht auch durch die Fertigung von mehr Trägern und dadurch Reduktion der kosten pro Träger. Man könnte z.B. alle zwei Jahre einen Satelliten wie den Viasat-3 finanzieren und starten (erfordert rund 300 Millionen Euro/Jahr). Dies ist meiner Kenntnis nach der derzeit leistungsfähigste Satellit mit einer Kapazität von 1 Terabit/s, das wären z.B. 100.000 gleichzeitige Verbindungen mit 10 MBit, bei dem üblichen Teilen einer Verbindung zwischen mehreren Usern – außer bei Downloads braucht man die Spitzengeschwindigkeit ja nicht – sind es sicher erheblich mehr. Wegen der großen Latenz eignet sich der nicht für die „Industrie 4.0“ (wobei ich nie verstanden habe, warum ein Industriebetrieb anstatt einem eigenen WLAN Netz ein 5G-Netz für die Produktion braucht). Aber wenn man Horrostories aus einigen Gebieten hört, scheint es ja schon mit eine adäquaten Geschwindigkeit zu mangeln. Das wäre zumindest ein Beitrag um in den Flecken die zu abgelegen oder geographisch benachteiligt sind, Internet nach heutigem Standard anzubieten.

Im Prinzip stehen diese Meldungen für das was heute gang und gäbe ist. Politiker haben einen ausgeprägten Hang in der Öffentlichkeit zu stehen. Meist mit völlig idiotischen Vorschlägen wie Veggie-Tage oder neuen Siegeln für Kleidung, Fleisch oder ähnliches. (Als gäbe es nicht schon genug davon). Aber sie tun nichts mehr, was eigentlich ihre Aufgabe wäre. Wenn sie was tun, dann kostet das den Steuerzahler Unsummen, der Nutzen ist aber gering – wie eben die Maut oder der Braunkohleausstieg.

6 thoughts on “Bavaria One und der Weltraumbahnhof

  1. Mal wieder eine Provokation:
    Wie wärs mit Peenemünde und der Greifswalder Oie?
    Da war doch schonmal was mit Raketen…
    Provokation aus.
    Natürlich ist der Standort nicht brauchbar!
    Es ginge höchstens entlang der Ostsee, alle anderen Richtungen laufen über Land!
    Außerdem ist da selbstverständlich die Historie!

    Aber ein Navigationssatellit für die Internetlosen-Regionen Deutschlands wäre schon drin….

    Meint Ralf mit Z

      1. Hallo Niels,
        in Kummersdorf waren die Raketenforscher zuerst. (War ja auch für Artillerie und Bomben eingerichtet).
        Als die Reichweite der Raketen zu groß war, das Gebiet zu sehr in der Reichweite von Aufklärern fremder Militärs und die Neugier der Bevölkerung zu groß, hat Wernher von Braun einen neuen Startplatz gesucht, und Peenemünde als Startplatz und die Greifswalder Oie (Insel) als Beobachtungsstandort vorgeschlagen.

        Der Rest ist Geschichte.

        Ralf mit Z

  2. Ach Quark, das wird kein klassischer Launcher sondern eher sowas wie Venture Star oder Skylon. Vielleicht auch ein Sänger 3.0.
    Dann kann man auch den Münchener Flughafen erweitern und ein Sky-Terminal bauen, was dann schneller fertig als der BER wird.

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