Sir Clive Sinclair und die Computer

Ich habe letzte Woche einen neuen Artikel über den Sinclair ZX Spectrum und QL geschrieben und veröffentlicht. Zur Recherche sah ich auch den Film „Micro Men“, der Titel ist angelehnt an das Adventure Micro Man für den Spectrum. Er hat zum Thema den Aufstieg und Fall von Sinclair Research in der ersten Hälfte der Achtziger und die Konkurrenz von Christopher Curry der später Acorn mitgründete. Er dreht sich vor allem um den BBC Mikro Vertrag. In dem Film wird Clive Sinclair als ziemlich aufbrausserisch dargestellt und bei seinen Produkten fokussiert auf einen niedrigen Preis.

Ich habe über Sinclair schon einen Artikel auf der Website und ich habe mich für mein Buch über Computergeschichte nochmals näher mit ihm befasst. Von allen Porträtierten blieb er mir immer am fernsten. Ich fand kaum Interviews von ihm und Äußerungen anderer über ihn. Man konnte ihn dagegen mehr über seine Produkte charakterisieren als andere Computerpioniere.

Für alle, die sich mit der Computergeschichte befassen: Clive Sinclair hat schon vor den Computern Elektronik entwickelt wie miniaturisierte Radios, einen flachen Taschenrechner oder eine LED-Uhr. Ins Computerbusiness stieg er 1980 ein, mit dem ZX80. Der war der billigste Computer bis dahin. Sinclair gab seinen Ingenieuren vor, das er für weniger als 100 Pfund, das waren damals rund 498 Mark produziert werden sollte. Dem wurde alles untergeordnet. Das RAM war nur 1 Kilobyte groß – damit konnte man kaum was anfangen, die Tastatur war nur eine Folientastatur, die Ausbaumöglichkeiten minimal. Ein Jahr später folgte die aktualisierte Version ZX81. Sie hatte dieselben Nachteile, nur wurden 16 TTL-Bausteine in ein ULA zusammengefasst. Erneut ein Jahr später, erschien der ZX Spectrum, ursprünglich unter der Bezeichnung ZX 82. Er wurde entwickelt, um bei einer Ausschreibung der BBC mitbieten zu können. Damals ohne Privatfernsehen, war die geplante Fernsehserie der BBC mit der Computerkenntnisse und das Programmieren vermittelt werden sollten für jeden Computerproduzenten wichtig: sie garantierte eine enorme Aufmerksamkeit und so auch eine Nachfrage nach diesem in der Serie eingesetzten Computer, darüber hinaus würden später die Computerkurse in den Schulen den Rechner einsetzen. Sinclair unterlag in der Ausschreibung dem Acorn. Dem kommerziellen Erfolg des Spectrum tat das keinen Abbruch, denn er kostete nur die Hälfte des Acorn, der später nur „BBC Micro“ genannt wurde. Erneut, wieder nur ein Jahr später, erschien der Sinclair Ql. Gegenüber den vorherigen Rechnern, die nur eine Z80 CPU hatten, setzte er die 68008 CPU ein. Der QL war der erste bezahlbare 16 Bit Rechner mit dieser CPU und das mehr als ein Jahr vor dem Atari ST und Amiga (und trotzdem billiger als diese). Trotzdem geriet die Firma mit diesem Rechner in die Schieflage. Innerhalb eines Jahres wurden nur 150.000 Sinclair QL verkauft, die Produktion eingestellt. Sinclair Research schrieb rote Zahlen und wurde an Amstrad verkauft. Soweit die kurze Geschichte von Sinclair Research, übrigens nicht die einzige Firma die Clive Sinclair gründete und mit der er Schiffbruch erlitt.

Was bei allen „Erfindungen“ von ihm auffällt, sind drei Aspekte:

  • Der Hand zur Miniaturisierung und Minimalismus
  • Die Ausrichtung auf einen minimalen Preis
  • Qualitätsmängel

Die Anführungszeichen um „Erfindungen“ erkläre ich später. Fangen wir mit dem Ersten an. Nicht nur die Computer waren relativ klein. Bei den ersten drei gab es nicht mal Platz für eine vollwertige Tastatur, die etwa 60 Tasten benötigt. Als Folge waren Tasten bis zu siebenfach belegt. Sinclair hatte vorher auch einen Minifernseher erfunden, ein Radio, das man am Handgelenk tragen konnte und einen extrem flachen Taschenrechner. Es scheint als wäre das seine Handschrift oder seine Mannie. Nun ist das bei Computern, wo man auch noch Schnittstellen und eine Tastatur unterbringen, muss eher schlecht, abgesetzte Tastaturen gab es in der Preisklasse ja nicht. Besonders klein mussten sie auch nicht sein, sie mussten ja nicht portabel sein und benötigten einen Fernseher für den Anschluss, der ein vielfaches wog und viel größer war.

Die Ausrichtung auf den minimalen Preis ist eine zweite Sache. Irgendwo muss ja gespart werden. Nach der Serie und Augenzeugen soll er als Preisziel für den ZX80 99 Pfund ausgerufen haben. Er meinte, wenn der Computer unter 100 Pfund kostet, dann kaufen ihn die Leute, ohne zu fragen, wofür er gut ist. Wir kennen das ja mit den „99“ Endziffern, die einem suggerieren, dass etwas billiger ist weil die erste Stelle dann um eins niedriger ausfällt. Bei „99“ fällt sie sogar ganz weg. Er behielt aber recht. In der Zeit kannte keine Privatperson einen Computer. Man wusste nicht, was man damit machen konnte und wofür das Gerät gut war oder wie dieses “Programmieren“ überhaupt ging. Geschweige denn das die Leute die Fachbegriffe wie MHz, RAM, ROM kannten und sie einordnen können (sind 1 Kilobyte Speicher viel oder wenig?). Kann man den ZX80/81 noch verbuchen unter „Computer, mit dem man erste Erfahrungen machen kann, um zu wissen, was der nächste Computer dann wirklich können muss“, so war das beim Spectrum schon eine andere Sache. Der schickte sich an mit den vielen anderen Heimcomputern, die grafikfähig waren, in Konkurrenz zu treten, als er im April 1982 erschien, war sein Arbeitsspeicherausbau auf 48 K schon was Besonderes. Aber auch hier: Minimalismus mit Gummitastatur, gewöhnungsbedürftiger Trennung von Bitmap und Farbspeicher um Speicherplatz zu sparen, fehlenden Schnittstellen. Beim Sinclair QL setzt sich das fort. Einerseits ein 68000-er Prozessor, auf der anderen Seite keine echte Schreibmaschinentastatur sondern eine aufgemotzte Folientastatur und keine Anschlüsse für Floppys stattdessen Mikrodrives. Das waren Bandlaufwerke, die man schon beim Spectrum einführte – übrigens 18 Monate später als angekündigt und die sich anfangs als äußerst unzuverlässig erweisen, von den Beschränkungen im Zugriff (kein wahlfreier Zugriff, neue Inhalte können alte überschreiben) mal ganz zu schweigen. Dies war sicher ein Grund, warum der Ql nicht der Verkaufsschlager war, den sich Sinclair erhoffte.

Bleiben die Qualitätsmängel. Bei allen Computern von Sinclair findet man, wenn man sich näher beschäftigt, Qualitätsmängel. Beim ZX81 sprachen britische Händler von Rücklaufquoten von einem Drittel, was Sinclair Research selbst dann dementierte und von 3-4 % bei den Fertiggeräten und 13 % bei den Bausätzen sprach. Als der Spectrum+ erschien, mit etwas besserer Tastatur, wenngleich immer noch keine Schreibmaschinentastatur, schnellte auch die Rückläuferquote von 5-6 % auf 30 % herauf. Selbst offizielle 3-6 % sind enorm viel, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Rechner elektronisch und mechanisch relativeinfach aufgebaut waren. Die Qualitätsmängel zogen sich bei der Peripherie fort. Die Microdrives habe ich schon erwähnt (selbst das Handbuch warnt, dass das Band nicht lange hält), bei den Erweiterungen war es oft so, dass sie sich vom Bus lösten und so einen Reset verursachten. Das Paradebeispiel für ein Sinclair Produkt mit Qualitätsmängeln war die Black Watch. Nach Werbung jeder mechanischen Uhr überlegen, da nur elektronische Teile vorhanden waren die sich nicht bewegten mit einer Batterielebensdauer von einem Jahr. In der Realität ging die Uhr bei leichten Temperaturschwankungen schon falsch und die Batterie (die nicht vom Anwender wechselbar war) hielt eher 10 Tage durch. Sie war extrem empfindlich für statische Elektrizität. Sinclair erhielt so viele Rückläufe, das noch zwei Jahre später nicht alle repariert waren und die Uhr brachte Sinclair Radionics in die Verlustzone. Ohne einen Kredit von der Regierung wäre die Firma bankrottgegangen.

Kann ich die ersten Punkte noch verstehen, so wundere ich mich, das die Ingenieure oder auch Clive Sinclair selbst nicht mehr auf die Qualität achteten. Das erzeugt nicht nur Kosten für die Reparatur, sondern so was spricht sich rum und kann ein Produkt vom Markt fegen. Stephen Wozniak schreibt in seiner Autobiografie, das er sehr viel Wert darauf legte, dass der Apple II sehr zuverlässig war und vermeldet stolz das ein heute bei ebay gekaufter Apple II immer noch funktioniert.

Nun zu den Anführungszeichen. Clive Sinclair war nicht der Erfinder, als den er sich gerne selbst darstellte. Er war vielmehr Ideengeber. Er hatte eine Idee, von der er meinte, dass Sie erfolgreich sein konnte und er beauftragte seine Ingenieure, sie umzusetzen. Sicher redete er beim Produkt noch mit, aber er ist in der Rolle eher vergleichbar Steve Jobs oder Jack Tramiel. Ich glaube aber auch das er ziemlich ungeduldig ist. Vielleicht eine Folge des Ersteren: Ideen kann ich viele haben, doch sie in ein Produkt umzusetzen, braucht Zeit. Das ist viel Arbeit. Zwischen der Markteinführung des Z80 und Sinclair QL liegen nur vier Jahre. In diesen vier Jahren hat Sinclair Research drei neue Computer auf den Markt gebracht, also praktisch jedes Jahr einen neuen. Es ist klar, das dies keine ausgereiften Produkte sein konnten. Bei Commodore lagen zwischen dem VC20 und C128 (mit nur dem C64 als Zwischenglied) dagegen fünf Jahre. Schneller als die Konkurrenz zu sein war wohl wichtiger als ein ausgereiftes Produkt. Dafür spricht auch das er den Sinclair QL am 12.1.1984 ankündigt mit einer Lieferzeit von 28 Tagen, die ersten Rechner aber am 30.4. die Fabrik verlassen.

Ich habe auch das Gefühl, das Clive Sinclair nie mit den Rechnern gearbeitet hat. Der Spectrum wurde beworben um damit Programmieren zu lernen, ja sogar als „Personal Computer“. Eines ist verbürgt: Clive Sinclair wollte nicht, dass man mit dem Spectrum spielt und so hatte der Rechner auch keinen Gameport Anschluss, der sonst bei jedem anderen Computer verbaut war, selbst bei denen von Commodore, bei denen sonst kein anderer Anschluss gängigen Normen entsprach. Die Tragik: Aufgrund des günstigen Preises und der miserablen Tastatur wurde der ZX Spectrum hauptsächlich gekauft, um damit zu spielen. Gerade deswegen verkaufte er sich ja so gut. Ein Journalist meint, dass Clive Sinclair nur Computer entwickelte, und verkaufte, um seine anderen Erfindungen zu finanzieren – nach den Computern vor allem das Elektrofahrzeug C5, ebenfalls ein völliger Flop. Er meinte auch, das Clive Sinclair ein miserabler Geschäftsmann war, in dem Sinne, das er keine Ahnung hatte warum die Leute seine Produkte kauften. Das führte zu Produkten die an den Bedürfnissen der Anwender vorbeigingen wie dem Sinclair QL oder 7 Millionen Pfund teuren einer Werbekampagne für das offene (ohne Verdeck) C5-Elektroauto in England im Januar! Das war schlussendlich auch verantwortlich warum er mit den beiden Produkten enorm viel Geld versenkte und zwei Firmen in den Ruin trieb.

Sinclair blieb auch weiterhin aktiv. Nun aber auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Er brachte noch einen Computer heraus, den Z88 Handheld. Er konzentrierte sich aber mehr auf andere Produkte wie Mobiltelefone, Satellitenreceiver oder ein faltbares Fahrrad. 1990, vier Jahre nachdem er die rechte an den Computern an Amstrad verkauft hatte, hatte Sinclair Research nur noch zwei Angestellte, 1997 war Clive Sinclair alleine. Immerhin: 1983 in der Hochzeit des Erfolgs bekam er einen Ehrendoktor und wurde von der Queen geadelt (wegen der Einnahmen für das Königreich) und darf sich seitdem Sir Clive Sinclair nennen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.