Afghanistan

Der Tod von sieben Soldaten hat das Thema Afghanistan wieder (mal) in die Schlagzeilen gebracht. Das Thema ist ziemlich vielschichtig, weshalb fast jeder in einer politischen Diskussion gute Argumente für seine Position bringen kann. Die Diskussion trieb seltsame Blüten. Da gab Gutti zuerst an, dass er einen Leopard Panzer nicht für sinnvoll in Afghanistan hält, weil bei dessen Gewicht die erste Brücke nach Kundus zusammenbrechen würde, aber orderte später zwei Panzerhaubitzen auf dem Leopard Fahrgestell dorthin.

Für mich war neu, dass die Bundeswehr offenbar schlecht ausgerüstet ist für den Einsatz. Neben den Panzerhaubitzen sollen auch Kampfhubschrauber fehlen. Da frage ich mich wie das möglich ist. Fehlen der Bundeswehr offenbar notwendige Ausrüstung generell, während sie viel Geld für neue Kampfflugzeuge ausgibt, die ihr in den Typen von Einsätzen die sie nun absolvieren muss nichts nützen? Oder hat sie die Ausrüstung, und bringt sie nicht zu den Soldaten die sie benötigen? Warum erwartet man von der Bundeswehr Kampfeinsätze und gibt ihr nicht die bestmöglichste Ausrüstung? Wofür haben wir eigentlich die Waffen? Damit sie in Depots rumstehen?

Das Hauptproblem ist aber kein deutsches. Es ist der Einsatz an sich. Seit 2001 kämpft man gegen die Taliban. Seit nun über acht Jahren. Der Grundfehler war es, dass die Amerikaner nachdem sie recht schnell die Kontrolle über den Großteil des Landes gewonnen haben einfach die Truppen abgezogen haben um sie für den Irakkrieg frei zu bekommen. Es ging damals Bush nicht um Afghanistan noch gab es einen Plan für den Einsatz nach dem von der Öffentlichkeit geforderten Rachefeldzug für „911“. Seitdem gibt es Kämpfe. Wie soll man ein Land aufbauen, neue Regierungs- und Verwaltungsstrukturen aufbauen, wenn noch gekämpft wird.

Das zweite ist das nun die Offensive mit afghanischen Regierungstruppen durchgeführt wird, die danach die alleinige Verantwortung erhalten sollen. Auch hier die Frage: Warum erst jetzt? Es dauert doch keine acht Jahre Truppen auszubilden, erst recht nicht in einem Land, in dem seit 1979 mit kurzen Unterbrechungen Krieg herrscht. Da sollte man doch eigentlich schon ausgebildete Truppen vorfinden.

Das Hauptproblem ist aber etwas komplett anderes: Zu glauben, das Afghanistan eine Demokratie im westlichen Muster etabliert werden kann. Weder die Russen schafften dies im Afghanistan Krieg, noch die Briten vor Hundert Jahren. Afghanistan ist kein Land in unserem Sinn sondern eine Mischung von Stämmen, die sich seit ewigen Zeiten gegenseitig bekriegen oder zumindest das Leben schwer machen. Wenn es so was wie einen Staat im eigentlichen Sinn gibt, dann wohl eher wie in Jugoslawien oder der UdSSR: Ein Gebilde von kleinen Ländern mit jeweils eigenen Völkern, die sobald eine zentrale Gewalt wegfällt in seine Einzelteile zerfällt.

Sollte man deswegen abziehen? Natürlich sind das Gründe für das Abziehen. Aber dann hätte man auch 2002 abziehen können. Ich halte das Ziel das nun verfolgt wird für konsequent: Den Afghanen die Verantwortung zu übertragen und dabei sukzessive die Truppen abzuziehen. Nur: Auch dabei bleiben. Wenn man nun sagt bis Ende 2011 ist die Bundeswehr abgezogen, dann sollte dieser Termin auch feststehen. Zehn Jahre sind genug und wenn bis dahin die Afghanen es nicht hinbekommen, dann bestimmt auch nicht in zwanzig Jahren.

Zumal das was erreicht wurde nicht gerade etwas ist, auf das man stolz sein kann: Eine korrupte Regierung, die alles tut um an der Macht zu bleiben. Wie man in einem Video sehen konnte, macht Kahsai sogar zusagen an die Taliban nahestehenden Stammesführern Zusagen nur um an der Macht zu bleiben. Die Wirtschaft von Afghanistan besteht heute im Mohnanbau und dagegen wagt keiner vorzugehen, eben weil weder Regierung noch Truppen die Kontrolle über die Landesgebiete haben sondern Warlords.

Nur denke ich wird es anders kommen: Wahrscheinlich wird in einem Jahr die Situation immer noch nicht besser sein und wieder wird nicht abgezogen. Aber eines wird Afghanistan nicht werden: ein friedliches, demokratisches Land. Irgendwann werden auch die Menschen in Afghanistan „reif“ für demokratische Werte in unserem Sinn sein. Vergessen wir nicht: Das ist heute noch die Ausnahme. Wir haben echte Demokratien in Europa, Nordamerika und einer Handvoll anderer Länder. Dann gibt es „instabile“ oder Semidemokratien in vielen Ländern. Bei vielen Ländern in denen der Islam die Hauptreligion ist fehlt da noch einiges wie man selbst am Beispiel der Türkei sieht die ja in die EU will. Demokratien entstehen meiner Vorstellung her von Innen heraus: Das Volk revoltiert entweder gegen Diktaturen (Umbruch in Osteuropa 1989) oder gegen ausländische Okuupatoren (USA, Indien, große Teile Südamerikas). Eine Demokratie von Außen zu verordnen geht nicht.

7 thoughts on “Afghanistan

  1. Hallo,

    ich möchte zur Kritik an der Entsendung der Panzerhaubitzen folgendes anmerken:
    Die Tragfähigkeit der Brücken ist relativ unwichtig, da diese wohl im Feldlager stationiert werden sollen um Ziele im Umkreis (40km, mehr bei spezieller Munition) zu bekämpfen. Bei den Leopard Panzern ist diese Fähigkeit nicht gegeben, sie müssten ggfs. über Brücken fahren um vor Ort wirken zu können. Deshalb ist das Gewicht dann wesentlich problematischer
    Ob die geplanten Entsendungen generell sinnvoll sind, kann ich nicht qualifiziert beurteilen, ich wollte nur auf die Gewichtsproblematik eingehen.

    Viele Grüße
    Matthias

  2. Nun ich möchte nicht beurteilen in wie weit eine Haubitze sinnvoll ist, dazu kenne ich die militärischen Notwendigkeiten nicht. Ich halte sie sicher besser geeignet als einen Kampfpanzer der für die Nahbereicheinsatz gegen andere Panzer entwickelt wurde.

    Nur fand ich eben das Gewichtsargument so ziemlich als das dämliche das man anführen kann, da ja Gutti schon „von der ersten Brücke nach Kundus“ sprach. Und das die Haubitzen sicher nicht direkt in Kundus stationiert sind (und auch erst mal dorthin kommen müssen – wo auch Brücken überquert werden müssen) halte ich es für die P2000 genauso gegeben wie für den Leo 2.

  3. Moin Bernd,

    „Wir haben echte Demokratien in Europa, Nordamerika und einer Handvoll anderer Länder.“

    dem mag ich wiedersprechen. Einer der Grundpfeiler der !echten! Demokratie war das Scherbengericht, d.h. die Moeglichkeit einen Poliker abzuwaehlen und des Landes zu verweisen. Ohne das Scherbengericht kann eine Regierungsform als Kleptokratie oder Oligarchie bezeichnet werden, nicht jedoch als Demokratie.

    Das Problem in Afghanistan sind wohl die Afghanen selbst. Seit ueber 2000 Jahren sind alle Imperien in diesem Gebirge gescheitert. Neben den Englaendern, Russen und Amis in neuerer Zeit auch Moslems vorher. Bis ins 19te Jahrhundert wurden weite Teile als Kafiristan, Land der Unglaeubigen, bezeichnet. Und auch das moderne Rechtssystem der Scharia gilt immernoch nicht ueberall und immer, sondern die Stammesgesetze stehen auf dem Land meist ueber der Scharia.

    Der Westen kann diesen Krieg nur verlieren. Its impossible to win the war of hearts and minds with a loaded gun.

    Ein Grund hierfuer ist das Islamische Steuerrecht des Khums. Das Khums sind 20% vom Jahresgewinn, wobei sich Shiiten und Suniten darueber unklar sind, auf was diese 20% faellig wird. Im Iran ist das Khums quasi eine staatliche Steuer fuer alle. Das Khums wird in 6 Teile aufgeteilt: Die ersten drei Teile gehen an Allah, Muhammed, und die Kaempfer des Glaubens. Die zweiten drei Teile gehen an Waisenkinder, Obdachlose, und (kriegs)Fluechtlinge (Reisende ohne Geld).

    D.h. fuer jeden getoeteten Afghanen, fuer jedes zerbombte Haus, findet sich ein glaeubiger Moslem, der froh ist jemanden gefunden zu haben um seine Khums zu zahlen. Mit jedem Schuss geht der Krieg gegen die Taliban verloren.

    „Es dauert doch keine acht Jahre Truppen auszubilden, erst recht nicht in einem Land, in dem seit 1979 mit kurzen Unterbrechungen Krieg herrscht. Da sollte man doch eigentlich schon ausgebildete Truppen vorfinden.“

    Es ist interessant, dass eine der besten Guerillas zu einer der schlechtesten Armeen wird, sobald eine westliche Ausbildung verlangt wird. Als leichte Infantrie sind die Afghanen gut, als schwere Infantrie scheitern sie.

    ciao,Michael

  4. Hi,

    ich denke, es geht den Amerikanern in Afganisthan ebenso wie im Irak auch gar nicht so sehr darum, den Völkern Demokratie im westlichen Sinne zu bringen. Das ist nur ein vorgeschobenes Argument. In Wirklichkeit geht es um Präsens in der Region, und die Möglichkeit, relativ problemlos an die dort vorhandenen Bodenschätze zu kommen, die die hoch entwickelten Industrien benötigen.
    Und auch wenn es wie eine Verschwörungstheorie klingt, aber ich bin mir ziemlich sicher, das es im Amiland immer noch viele gibt, die an eine Pax Americana glauben, d.h. an einer von den USA geführten Herrschaft über die ganze Welt. Dazu braucht man sich doch nur mal ansehen, wie man als Mensch ticken muss, um beim mächtigsten „Verein“, der dieses Ziel verfolgt, dem Council on Foreign Relations mitmachen zu können. – Soll heissen, mit bestimmten Standpunkten auf sich aufmerksam zu machen, so das die auf einem zu kommen und fragen, ob man bei ihnen mitmachen will.

    Und was die BW angeht, so ist die natürlich nur bedingt richtig ausgerüstet, wie man in letzter Zeit auch wieder lesen konnte. Aber die Diskussion um die Ausrüstung der Bundeswehr hat noch einen ganz anderen Zweck: Es geht darum zukünftige Erhöhungen des Rüstungsetats zu legitimieren. Und das macht man am Besten, indem man der Bevölkerung erzählt, die Truppe ist unzureichend ausgerüstet. Am besten, wenn es wieder mal Tote gibt, die man für solche Aktionen instrumentalisieren kann, wie kürzlich erst wieder. Man, d.h. die herschende Clique hinter der Bundesregierung, will schliesslich auch aufrüsten, um die „Festung Europa“ weiter ausbauen zu können, wie es das kürzlich verabschiedete Stockholm Programm vorschreibt. Und dazu ist die Bundeswehr noch nicht gerüstet.

    Hans

  5. Hallo Bernd,

    beim Transport ins Feldlager ist das Fahrzeuggewicht nicht so ausschlaggebend. Zum einen kann man die Route frei wählen (auch mit Umwegen, da Zeit kein kritischer Faktor ist), zum anderen kann man entsprechende Vorbereitungen treffen. Schwierige Stellen können z.B. vorher verstärkt werden. Abgesehen davon müssen die Fahrzeuge dabei auch nicht die komplette Kampfbeladung / Panzerung, etc. mitführen.
    Beide, sowohl Leopard als auch die Panzerhaubitze könnte man also schon ins Lager (oder wohin auch immer) bekommen.
    Nur beim Einsatz werden Gewicht und Ausmaße beim Leopard wegen des Einsatzprofils zum großen Problem. Patrouillen könnten nur auf ausreichend tragfähigen und breiten Straßen durchgeführt werden, wenn der Leopard zum Schutz mitfahren soll. Der taktische Wert im Orts- und Häuserkampf wäre aber wohl ohnehin nicht so groß. Das würde defakto den Kampfpanzer zum weitgehend sinnlosen Verbleib im Lager zwingen.
    Die Haubitze könnte dagegen alle eigenen Einheiten im Umkreis unterstützen. Dies kann auch Gefechtfeldbeleuchtung in der Nacht oder Nebelwände zur Erleichterung des Ausweichens einschließen. Zusätzlich steht sie zur Verteidigung des Lager selbst zur Verfügung. Mobilität ist bei ihrem Einsatz eher nicht erforderlich, da die potentiellen Angreifer ihrerseits weder über präzise Artillerie noch über Möglichkeiten zur Geschossbahnverfolgung verfügen.
    Ob die Haubitzen jetzt aber vorrangiger Bedarf der Truppe sind, ist eine andere Frage.
    Wer die Bundeswehr zur Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland an den Hindukusch schickt, sollte sie in jedem Fall adäquat ausstatten und ihr alle Unterstützung geben, die sie braucht, um ihren Auftrag zu erfüllen.

    Viele Grüße
    Matthias

    Viele Grüße
    Matthias

  6. Die Panzerhaubitzen decken jeweils einen Radius von 50 km ab.
    Sie können Salven ( max 5 Schuss? ) mit simultanem Einschlag
    im Zielgebiet abfeuern mit einer Reaktionszeit von <60sec und
    wohl ziemlich guter Zielgenauigkeit. <30m?

    Es wird nicht auf Sicht geschossen.

    Das ist allemal schneller und billiger als Bomber einzubeordern.

    IMHO machen die haubitzen sinn ( und die Holländer sind mit
    dem Einsatz in "Ihrem" wohl auch sehr zufrieden.)

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