Wie groß ist der Markt für Weltraumtourismus?

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Für echte Weltraumtouristen, also welche die in einen Orbit gelangten gab es erst wenige Fluggelegenheiten, die noch dazu sehr viel teurer wurden. Gerade wurde bekannt dass nun Sarah Brightman ihr Training für ihren Trip zur ISS aufnimmt. Dies wird sie und eine Investorengruppe 50 Millionen Dollar kosten. Die ersten Touristen flogen noch für 20 Millionen Dollar zur ISS. Bisher gab es nur acht Flüge seit 2001. Seit 2009 gab es keinen mehr.

Das hat seinen Grund: Den Weltraumtouristen will nur einer der bei der ISS beteiligten Weltraumagenturen: die Roskosmos. Sie verdient an ihnen. Die anderen Weltraumagenturen, aber auch die Astronauten an Bord der ISS sind davon nicht so begeistert oder gar dagegen. Die Weltraumagenturen, weil die Raumstation finanziert mit öffentlichen Geldern für die Forschung und nicht als Hotel für Milliardäre gebaut wurde.  Die Astronauten sprechen zwar nicht in offiziellen Interviews darüber finden aber die Touristen im besten Fall deplatziert, manche auch störend, weil sie nichts zu den Arbeit die ansteht beitragen können.

Das es seit 2009 keine neuen Touristen gab hat seinen Grund: Da wurde die Station fertiggestellt, die Stammbesatzung auf 6 erhöht, die nun dauernd zwei angekoppelte Sojusraumschiffe benötigen, mehr Kapazität hat Russland nicht. Jeder Tourist nimmt einen Stammplatz weg, der noch dazu längere Zeit nicht zur Verfügung steht, während der Tourist nach 10 Tagen wieder zur Erde zurückkehrt. Roskosmos setzte aber für einzelne Besatzungen eine Verlängerung der Aufenthaltsdauer auf 360 Tage durch, damit gibt es wieder die Plätze.

Aufgrund dieser Begleitumstände sind die Flüge zur ISS nicht repräsentativ. Man weiß nicht ob die Nachfrage größer als das Angebot ist oder nicht. Es gibt zu viele Restriktionen. Dann gibt es noch den Suborbitaltourismus, sofern man überhaupt davon sprechen kann, denn mehr als einige Minuten Schwerelosigkeit sind es nicht. Dafür ist es um den Faktor 100 billiger. Hier haben sich bei Virgin Galactics schon 640 Kunden eingeschrieben wobei auch eine Vorauszahlung zu leisten ist, die nehmen das also ernst. Es dürften mehr werden, denn die die jetzt schon gebucht haben müssen ja einige Jahre warten. Wenn man das nicht muss und man weiß, das es sicher ist, werden es sicher mehr werden. Doch auch das ist schwer auf die Nachfrage des Orbitaltourismus zu übertragen. Zum einen dürfte es mehr Interessenten geben, wenn man nicht nur 10 Minuten schwerelos ist, daneben ist das Umkreisen der Erde auch eine andere Sache als ein kleiner Hüpfer ins All.

Ich versuche trotzdem eine Abschätzung. Fangen wir mit dem Geld an. 50 Millionen Dollar klingen nach viel Geld, Doch für einen Multimilliardär sind das nicht die Summe die ihn wirklich juckt. Ab und an kommen ja Berichte aus der Welt der Supereichen. Leute, die sich einen eigenen Airbus 380 leisten (inklusive Umbau zum fliegenden Hotel), eine Jacht so groß wie ein kleines Kreuzfahrtschiff und für beides einen dreistelligen Millionenbetrag ausgeben, für die sind auch 50 Millionen Dollar kein Problem. Bill Gates will den Großteil seines Vermögens in Stiftungen für das Allgemeinwohl unterbringen, wenn er davon noch 50 Millionen für einen Trip abzweigt wird man ihm sicher nicht böse sein. Er hat so viel Geld, dass er es sich leisten kann auf 90% davon zu verzichten. Für die Reichen sind wohl eher die Begleitumstände ein Problem sein. Auch wenn das Trainingsprogramm abgespeckt ist, hat nicht jeder ein halbes Jahr Zeit für die Vorbereitung auf einen 10-Tages Trip. Dieser selber ist an Bord einer Sojus sehr anstrengend, vor allem wegen der Spitzenbelastung. Das Space Shuttle erlaubte mit maximal 3 g dagegen den Transport von Rentnern, Senatoren, saudischen Ölprinzen und Touristen ohne großes Training. So begrenzen die Begleitumstände (körperliche Fitness, Zeitaufwand heute neben den Kosten und seltenen Fluggelegenheiten den Kreis der potentiellen Kunden.

Trotzdem wird es sicher nicht hunderte von Interessenten jedes Jahr geben. Macht man eine Abschätzung nachdem der 100-fache Preise eines Suborbitaltrips auch die Bachfrage um den Faktor 100 reduziert, dann müssten es 6-7 Touristen sein. Wir wissen nicht welchen Zeitraum das bei Vigrin Galactics abdeckt, aber sollen es mal 6-7 Personen pro Jahr sein, immerhin deutlich mehr als die 1-2 die es bisher gab. Ich halte das für realistisch, denn so viele Reiche gibt es auch nicht und nicht jeder will ins All.

Ein Problem ist, das je mehr Personen es sind, desto billiger wird es. Ein Start in einer Kapsel ist immer gleich teuer, egal ob 3 oder 7 mitfliegen. Umgekehrt wird es schwierig die Terminpläne von immer mehr Personen zu synchronisieren. Aus dieser Sicht wäre ein Trip zur ISS ideal, da es dorthin sowieso 4 Flüge pro Jahr gibt. Doch dafür müsste man die Einstellung der Raumfahrtbehörden zu Touristentransporten ändern. Als Alternative gibt es nur die geplante Raumstation von Bigelow. Die soll zwar vorwiegend nicht für Touristen da sein, doch schon an Bord der ISS könnte die Industrie forschen – und sie tut das nur sehr zögerlich obwohl sie hier nicht kostendeckend zahlen muss. So sind Flüge zur privaten Raumstation das aussichtsreiche. Da hat Bigelow einen Abschluss mit Boeing und SpaceX gemacht. Da kostet ein Sitz 26,25 bzw. 37,75 Millionen Dollar. Bei SpaceX entspricht das genau 6 Astronauten und einem Piloten für 157 Millionen Dollar oder 5 Passagieren für 131 Millionen Dollar, in etwa dem Preis den die Firma für bemannte NASA Flüge verspricht (133 Millionen Dollar). Boeing ist alleine schon durch die Atlas V Trägerrakete teurer.

Die Falcon 9 weist ebenfalls eine Spitzenbeschleunigung von 5,5 g auf, teilt also den Nachteil der hohen Beschleunigung der Sojus. Bei der Atlas V sieht es besser aus. Ihr RD-180 ist im Schub drosselbar. Das erfolgt derzeit maximal bis zum 74% Niveau, eine Senkung ist auf 47% möglich was die Beschleunigung auf niedrigere 3,8 G reduziert. Mit einem Fluchtturm der erst nach der Stufentrennung abgetrennt wird käme man noch etwas niedriger.

Eine Reduktion der Preise wäre auch zur Erhöhung der Nachfrage sinnvoll. Wie oben beschrieben ergeben sich dann mehr potentielle Kunden, die wiederum mehr Flüge bedeuten und mehr Flüge dann niedrigere Ticketpreise pro Flug. Wiederverwenden wird man die Kapsel können, die selbst bei SpaceX der teurere Teil ist. Doch gibt es bei SpaceX wie Boeing einen Teil der verloren geht und den man woanders als das Servicemodul bezeichnet. Da man auch Raketen nicht unbegrenzt lange wiederverwenden kann (wenn’s mal klappt), alleine weil Triebwerke maximal einige Betriebszeiten als Lebensdauer haben und auch die Oberstufe verloren geht wird man die Kosten wahrscheinlich senken können, aber es wird sicher immer noch im Bereich von Millionen pro Flug liegen. Trotzdem dürfte man so eine Nachfrage haben, die im Bereich von 10 bis 50 Personen pro Jahr liegt. Dann sprechen wir aber von mehreren bis vielen Flügen pro Jahr und einem Umfang für das sich Investitionen lohnen.

Das Optimum dürfte wohl das Private-Government Modell sein. Das wäre z.B. die Erweiterung der ISS um ein Modul von Bigelow. Touristen würden zusammen mit den Astronauten der Raumfahrtagenturen zur ISS fahren und für für sie beförderte Versorgungsgüter zahlen oder mitbringen. Der Vorteil ist das das obige Henne-Ei Problem umgangen wird: mehr Kunden bedeuten mehr Flüge, wenige Kunden bedeuten teure Flüge und noch weniger Kunden, bis man nicht mal die Kapsel voll bekommt. So könnten zuerst einzelne Touristen ins all gelangen ohne dass man viel investieren muss, läuft es und kann man die Kosten senken, so kann man auf eine eigene Raumstation umsteigen. Die Weltraumbehörden könnten Argumentieren, dass das eigene Modul nicht zur ISS gehöre und man so auch Kosten für die ISS spart und es auch so dem Steuerzahler nützt.

Für die Raumfahrtbehörden hat das den Vorteil, dass man so die Beförderungsgelegenheiten voll ausnutzt. CST-100 und Dragon haben beide die Möglichkeit sieben Astronauten zu befördern. Es nicht damit zu rechnen, dass die Russen ihre Kosmonauten dann mit den Amerikanern transportieren (im Gegenteil, sie entwickeln gerade die Sojus MS für Einsätze ab 2017). Für 10 Personen ist die ISS aber nicht ausgelegt und man wird sicherer auch nicht so viele Versorgungsgüter hochtransportieren wollen. Wenn man die Stammbesatzung auf die geplanten 7 Personen anhebt hat man aber pro US-Flug drei unbenutzte Sitze, das sind sechs Startgelegenheiten pro Jahr.

Immerhin darf Bigelow ja eine verkleinerte Version ihres Moduls an der ISS testen, also ganz auszuschließen ist das Szenario nicht. Vielleicht spielt aber auch nur eine Rolle, dass Bigelow Amerikaner ist und die anderen Touristen wurden ja von Russen transportiert….

5 thoughts on “Wie groß ist der Markt für Weltraumtourismus?

  1. Moin,

    als wissenschaftliche Platform ist die ISS sowieso fast wertlos. Warum nicht einfach früher ausmustern, aber nicht deorbitieren, sondern als Hotel umbauen. Die Preise der Tickets ließen sich extrem reduzieren, wenn nicht teuer mit der Russen geflogen würde, sondern der Amerikanische Erfindergeist darauf kommt, dass Passagiere eine Lebensversicherung zugunsten des Betreibers abschließen.

    ciao,Michael

  2. Hallo Bernd, da Dir zwischenzeitlich die Themen ausgegangen sind (ich meine damit nicht das der heutige Blog nicht interessant ist) mal folgender Vorschlag: Wie könnte man die gesamte ISS-Forschung auf unbemannte Systeme verlagern (außer der Menschenforschung), wie könnte eine solche Forschungsplattform aussehen (mir schwebt eine Art 20t Satellit vor, der eine Experimentierplattform bietet und nach etwa 2 Jahren abstürzt, würde Ariane 5 Auslastung verbessern) und wie viel würde es kosten/einsparen?
    Viele Grüße
    Niels

  3. Grundlage dafür könnte ein ATV sein. Da Treibstoff nur zum Deorbitieren gebraucht wird, kann die Antriebssektion drastisch verkleinert werden. Tanks für flüssigkeiten und Gase werden nicht gebraucht, auch die Elektronik des Kopplungssystems könnte entfallen. Dafür könnte die Frachtsektion vergrößert und als Labor verwendet werden. Am Kopplungsadapter könnte eine kleine Rückkehrkapsel sitzen, die bei der Deorbitierung abgetrennt wird und Materialproben zurückbringt. Um die zu beladen wäre noch ein kleiner Transportroboter nötig, der auch zum Wechseln der Proben bei den Experimenten genutzt werden kann. Selbst kleinere Reparaturen könnten damit erledigt werden.

  4. Hallo Elendsoft, an genau so etwas habe ich gedacht (wirklich in allen Details), z.B. auch der Rückkehrkapsel. Bloß offen als Plattform ohne die Druckkabine als reines Gerüst.
    Viele Grüße
    Niels

  5. Wäre noch zu erwähnen, dass das private russische KosmosKurs Unternehmen ab 2020 kurze Flüge für 20 Minuten und 250 000 $ pro Flug anbieten will. Die ersten Tests sollen ab 2018 beginnen, so der Generaldirektor P.Puschkin. Bei der Arbeit sind auch Spezialisten die bei Buran und der Angara Entwicklung dabei waren. Die bevorstehenden Verhandlungen mit ORKK als auch die Realisierung sehe ich aber mit Skepsis.

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