The line that’s drawn between Good and bad

Ich erlaube mir es ja, nur noch wenig zu arbeiten, gerade mal so viel, dass ich in den Einkünften unter der Grenze liege, wo ich Mehrwertsteuer abführen müsste. Das meiste mache ich in Delphi. Da habe ich von meinem Hauptkunden eine Mitteilung bekommen, dass der neue Eigner der Entwicklungstools 80 Leute in der größten Niederlassung in Spanien freigesetzt hat. Schon vorher hat der Chefentwickler die Firma verlassen und eine Webseite online gestellt, in der er Delphi in Open Source überführen will. Klar, Kunden beunruhigt das, schließlich stecken in dem, was ich für die Firma entwickelt haben 15 Jahre Arbeit, wenn ich auch im Durchschnitt nur einen Monat pro Jahr arbeite (man muss ja noch ein bisschen Zeit für die Bücher und Blogs haben) und entsprechend eine höhere 5-stellige Summe an Honoraren.

Nach einem Interview bleibt Delphi erhalten, dafür will der neue Eigentümer Idera die Arbeit vor allem in Billiglohnländer wie Russland, Ukraine und Indien auslagern. Zeit mal das Thema aufzugreifen.

Ich habe erst mal meinen Kunden beruhigt: Da mein Kunde relativ konservativ ist, nutze ich schon immer nicht die neuesten Features. Erst vor zwei Jahren habe ich eine Reihe von neuen Dialogen eingeführt, die bedeuten, dass die Programme nicht mehr mit Windows XP liefen. Vorher war die Kompatibilität zu Windows XP ein „Must have“ Feature. Das Zweite ist die Systemarchitektur von Windows. Die hat sich ja seit Windows 95 (auf Api-Ebene) nicht so groß geändert. Ich habe mal aus Jux und Tollerei die ersten Versionen der Programme, die 2001 erstellt wurden gestartet – sie laufen unter Windows 10 einwandfrei und das gilt auch für die IDE – nach Auskunft des Herstellers läuft Delphi 7 aus dem Jahr 2002 noch unter Windows 10. Die Versionen vorher haben nur deswegen Probleme, weil sie ihre veränderlichen Daten im Programmverzeichnis ablegen. Installiert man sie in einem eigenen Verzeichnis und nicht unter Programme, so würden wahrscheinlich noch ältere Versionen laufen. Da Microsoft nur wenig an Windows ändert, wird sich daran auch wahrscheinlich nichts ändern und so sehe ich das entspannt.

Trotzdem kann man einiges bei Delphi verbessern. Das Erste ist mal das die Releasezyklen kleiner werden. Inzwischen dauert es kein Jahr, bis eine neue Version erscheint. Die Änderungen sind mehr inkrementell zu nennen. Alle zwei bis drei Jahre eine neue Version reicht. Auch Microsoft aktualisiert sein Visual Studio nicht so oft.

Hinsichtlich Produkt hat sich einiges getan. Inzwischen kann man mit Delphi auch Programme für IOS-Geräte wie Ipad und Android entwickeln. Spielt nun für mich nicht die Rolle, aber erweitert den Kreis der potentiellen Kunden beträchtlich. Mit der nächsten Version soll Linux Server hinzukommen. Eine IDE für Linux wird es nicht geben aber man wird Programme für Serveranwendungen (ich vermute ohne Oberfläche) erstellen können. Wie bisher als Cross-Compile von Windows aus. Schade, eine IDE für Linux wäre mein größter Wunsch. Delphi und die damit erstellten Programme sind die einzigen Programme, für die ich unter Linux keinen Ersatz habe. Ansonsten finde ich inzwischen alles, was ich nutze, auch unter Linux. Spiele könnte man in einer virtuellen Maschine laufen lassen, da habe ich eh nur Abgehangene in Benutzung. Borland hat mal mit Kylix einen Schritt auf Linux gemacht, das aber später wieder eingestellt.

Das wichtigste ist aber die Preispolitik. Delphi basiert auf Objekt Pascal und die Firma ist der einzige Anbieter von noch aktuellen Entwicklungswerkzeugen der Sprache. Der Firma sollte es also gelegen sein eine große Basis an potenziellen Kunden zu haben und nicht noch von der alten Basis welche an C++, Java, Python oder Ruby zu verlieren. Alle diese Sprachen haben eines gemeinsam: Einsteiger oder auch Leute mit kleinem Budget können eine kostenlose IDE bekommen. Es gibt nicht kommerzielle IDE’s wie Eclipse, die Compiler (also die nackten Übersetzungsprogramme ohne IDE = Oberfläche) werden verschenkt oder sind Bestandteil der Sprache und nicht zuletzt verschenkt Microsoft Express-Versionen von Visual Studio, beschränkt auf eine Sprache.

Bei Delphi können Schüler und Dozenten eine Version für 115 Euro kaufen, das ist eine Nicht-Kommerzielle Version des Professional Produkts. Alle anderen haben als Neueinsteiger 599 € zu berappen, selbst Updates kosten 399 Euro. Also das nenne ich ein großes Hindernis. Meiner Ansicht nach sollte es eine bezahlbare Version für alle geben. Bezahlbar wäre bei mir ein Preis unter 100 Euro. Möglichkeiten gibt es dazu viele. Denn Delphi kann enorm viel. Man kann Programme für drei Betriebssysteme entwickeln, Windows  auch noch für 32 und 64 Bit, es gibt viele Unterprojektoptionen wie z.B. für Serveranwendungen oder Webservices. Die auch nicht jeder (vor allem nicht Einsteiger) macht. Dazu kommt der umfangreiche Datenbankteil, der schon immer Bestandteil von Delphi war. Wenn man das auf das verkleinert was Kernfunktionalität ist und den meisten Benutzern nicht weh tut, wenn es fehlt, sollte so was möglich sein. Ich benutze z.B. nicht die Delphi-Datenanbindung, sondern lieber SQllite, auf Subversioning und Teamfunktionen kann ich verzichten und auf Crosscompiling für andere Betriebssysteme ebenfalls.

Es gibt immerhin schon neu eine kostenlose „Starter-Version“ des C++-Compilers, vielleicht folgt so etwas auch für Delphi. 2006 gab es schon mal so was. Doch leider hat man damals verhindert, dass man die IDE um neue Komponenten erweitern. Doch genau das war ein tolles Feature. Es gibt für alles Komponenten, das sind Erweiterungen, die man einfach in eigene Programme einbinden kann. Von ganz einfach (Editfeld das nur Zahlen akzeptiert) bis zu komplex (kompletter Windows-Explorer Ersatz). Ich hoffe den Fehler begeht man nicht noch mal. Ich setze viele Fremdkomponenten ein, auch in dem Projekt für den Kunden. Dort läuft die Kommunikation z.B. über die Modbus-Schnittstelle, die Komponente dafür ist nicht in Delphi enthalten.

Mein Kunde hat dann noch gefragt ob Lazarus keine Alternative ist. Für mich nicht. Das liegt am Konzept. Das Projekt ist inzwischen erwachsen geworden, in dem Sinne das man es produktiv nutzen kann. Vor ein paar Jahren noch stürzte der Debugger reproduzierbar ab. Der Ansatz von Lazarus ist aber der plattformunabhängige Ansatz. Das bedeutet, dass das Programm nur das enthält, das in allen Betriebssystemen gleich ist. Dadurch fehlen schon viele Standardkomponenten, die es bei Delphi gibt und die Anwendungen sehen relativ altbacken aus und unterstützen nicht das native „Theme“ des Betriebssystems. Vor allem laufen Delphi Komponenten nicht unter Lazarus, weil beide Sprachen doch unterschiedliche „Dialekte“ sind. Spätestens bei der Benutzung der Windows API (und die brauche ich in fast jedem Programm) ist Schluss mit den Gemeinsamkeiten. Die gibt es bei einem plattformunabhängigen Produkt wie Lazarus nicht. Dafür ist die Anwendung auch unter einem Raspberry Pi lauffähig oder unter Linux.

Ich glaube nicht das Idera als neuer Eigentümer Delphi freigeben wird. Bei anderen Produkten wie StarOffice und Mozilla hat das zu erfolgreichen Open-Source Produkten geführt. Doch Delphi ist das Kernprodukt von Embaccadero gewesen und wird sicher auch bei Idera wichtig sein. Es fällt schwer sich vorzustellen das man diese Cash-Cow aufgibt.

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