Die Verlierer der PC-Revolution

Am Montag Abend kam im Ersten recht spät „Die Silicon Valley Revolution“. Ich liebe ja die PC-Geschichte, zumal ich einen guten Teil davon miterlebt habe. Das war schlussendlich auch der Antrieb für mich selbst ein Buch darüber zu schreiben. Also habe ich mir auch diese Dokumentation angesehen. Sie ist allerdings nicht ganz nach meinem Geschmack. Es geht eigentlich nicht so sehr um die PC-Geschichte. Die Sendung ist dafür zu weit gefasst. Sie beginnt mit der Hippiegeneration in den späten Sechzigern und endet heute. Obwohl es 90 Minuten sind, ist das zu lang, zumal die Sendung zum größten Teil aus Interviews besteht, bei denen jeder Teilnehmer mit einem Polaroid vorgestellt wird, was Zeit schindet. Auffällig für mich war, das ich die meisten Interviewpartner nicht kannte. Wer dabei war, und den ich kannte, der war „zweite Garde“, also mir sagt der Name was, ich vermute aber 90 % der Blogleser nichts. Die verbinden die PC-Revolution mit wenigen bekannten Namen wie Bill Gates, Stephen Wozniak oder Steve Jobs.

Was mir so im Laufe der Sendung auffiel, ist das alle aus der „zweiten Garde“ nicht reich wurden, zumindest nicht so wie Bill Gates oder Steve Jobs. Das inspirierte mich zu meinem Titel, der nicht ganz so ernst gemeint ist. Ich will einige der „Verlierer“ mal vorstellen.

Ron Wayne

Ron Wayne ist der unbekannte dritte Gründer von Apple. Er arbeitete bei Atari und war mit Steve Jobs befreundet. Irgendwann kam Jobs auf Wayne zu. Stephen Wozniak arbeitete zu diesem Zeitpunkt an dem Apple I und Steve Jobs wollte den Rechner verkaufen. Wozniak wollte das nicht. Steve Jobs brachte Wayne dazu Wozniak in einem Gespräch davon zu überzeugen das Wagnis einzugehen und den Rechner zu verkaufen, anstatt jedem der sich für den Apple I interessierte die Schaltpläne in die Hand zu drücken. Wozniak und Jobs gründeten eine Firma, wobei Wayne 10 % bekam. Angeblich, damit er erneut als Schlichter zwilchen Jovbs und Wozniak auftreten könne, wie er heute sagt. Finanziell beteiligt scheint er nicht gewesen zu sein, zumindest habe ich nichts darüber gefunden, was mir bei Steve Jobs Geschäftssinn etwas komisch vorkommt. Jobs schenkt keinem was, siehe auch Daniel Kottke. Schlussendlich weiß man heute das Jobs selbst Wozniak beschissen hat, als die beiden für Atari ein Spiel entwickelten. Wozniak die Hauptarbeit hatte, und Jobs den Großteil des Geldes einstrich.

Wayne zeichnete das erste Apple logo das Newton unter dem Apfelbaum zeigt und war am Manual des Apple I beteiligt. Bald darauf erfährt er das die junge Firma einen Kredit von 15.000 $ aufnehmen musste und Paul Tyrell, Eigentümer der Byte-Computerkette, der die Rechner abnimmt die Rechnungen nicht zahlt. Er bekommt, weil er schon auf einem Berg Schulden sitzt, kalte Füße und steigt schon 11 Tage nach Gründung von Apple wieder aus. Er erhält 800 Dollar für seinen Anteil, später weitere 1.500 Dollar. Heute wäre der 10% Anteil über 80 Millairden Dollar wert. Nach eigener Aussage hat den Ausstieg nie bereut.

Die Geschichte geht aber noch weiter. Er verkaufte 1994 seine Ausfertigungen der Apple Verträge für einige Tausend Dollar. Der Besitzer lies sie 2011 bei Sothebys versteigern, wobei sie 1,6 Millionen Dollar einbrachten – zum zweiten Mal Pech gehabt. Hier eine etwas längere Version der Geschichte.

Daniel Kottke

David Kottke mit dem T-Shirt – von vorne

Daniel Kottke ist zusammen mit Bill Fernandez der erste Angestellter von Apple. Sie bauen zusammen mit Wozniak in der Garage den Apple I zusammen. 1978 nach seinem Studium wird er Apple Vollzeitmitarbeiter, doch Jobs weist ihm nur einen Platz in der Platinenfertigung zu. Er ist Mitarbeiter Nummer 12. Er bekommt aber nur den Mindestlohn von 3 Dollar pro Stunde. Als 1980 Apple an die Börse geht, weigert sich Steve Jobs irgend einem der Mitarbeiter von seinen Aktien bzw. Optionen auch nur eine abzugeben, selbst bei den ältesten Mitarbeitern. Stephen Wozniak dachte anders. Er verkaufte an 40 der ältesten Mitarbeiter, darunter Kottke jeweils 2000 Akten zu 5 Dollar pro Stück, das waren 10 % seines Anteils. Als Apple wenige Wochen später an die Börse ging, waren die Aktien schon 22 Dollar pro Stück wert. Seitdem ist der Kurs um 28600 % gestiegen, die Anteile wären heute 12,6 Millionen Dollar wert, nimmt man den Börsenwert (es gab ja einige Aktiensplitts) so sind es sogar 660 Millionen Dollar.

So gesehen kann ich Kottkes Auftreten in der Sendung, er präsentiert ein T-Shirt, siehe Screenshot, indem er auf die fehlenden Aktienoptionen anspielt. Aber so ist dem ja nicht. Er konnte 1/12000 der Firma erwerben. Selbst wenn er die Aktien sofort wieder verkauft hätte, machte er einen Gewinn von 140.000 Dollar oder 340 % Gewinn.

Monte Davidoff

Was Daniel Kottke für Apple ist, das ist Monte Davidoff für Microsoft. Als Paul Allen und Bill Gates den Auftrag für Altair BASIC haben gründen sie eine Firma. Microsoft machte Bill Gates zu einem der reichsten Männer der Welt (einige Zeit lang sogar zum reichsten). Doch alleine schafften sie nicht das BASIC. Einen Teil, die mathematischen Routinen programmierte Monte Davidoff. Er studierte damals angewandte Mathematik und implementierte die Fließkommaarithmetik, die Gates und Allens Kenntnisse überstieg. Sie wurden später in Microsoft BASIC übernommen, das in den Achtziger auf Zig Computern eingesetzt wurde. 1977 verließ Davidoff die Firma, beendete sein Studium, arbeitete für Honeywell und Tandom und HP, seit 2000 ist er selbstständig. Beteiligt an Microsoft wurde er nie. Ich glaube von allen hier vorgestellten ist er der Unbekannteste. Es gibt nur wenige Fundstellen von ihm im Netz. Beschämend: Selbst wenn ich meinen eigenen Namen eingebe, finde ich mehr als dreimal so viele Treffer. Das hat er nicht verdient.

David Kottke mit dem T-Shirt – von hinten

Tim Paterson

1980 arbeitet Tim Paterson bei Seatlle Computer Products (SCP), eine Firma die Hardware fertigt, darunter auch neue Prozessorkarten im S-100 Bus Format mit dem 8086 Prozessor. Nur verkaufen die sich ohne Betriebssystem nicht gut. Das Standard-Betriebssystem ist CP/M und der Hersteller Digital Research hat keine Pläne für eine Version für den 8086, obwohl dieser abwärts kompatibel zum 8080 war. Tim Paterson kauft sich ein CP/M 80 Handbuch und entwickelt eine eigene Version mit derselben API. Er selbst nennt das QDOS – Quick and Dirty Operation System, weil es „dreckig“ programmiert ist und er viele Prüfungen einfach unter den Tisch fallen lässt. Als einige Monate später Microsoft den Auftrag für PC-DOS erhalten, kaufen die dieses QDOS von SCP, verkaufen es mit Gewinn weiter an IBM und Paterson arbeitet nun bei Microsoft an dem Betriebssystem. Erst da erfährt er, für wen das Betriebssystem ist. PC-DOS kommt zwar rechtzeitig mit dem IBM PC raus, hat aber noch viele Bugs, der offensichtlichste – es nutzt von den beiden Seiten einer Diskette nur eine, obwohl die Laufwerke zwei Schiebköpfe für beide Seiten haben. Sehr bald gehen bei IBM viele Fehlerberichte ein und Paterson muss nachbessern. Paterson verlässt Microsoft schon 1982, als er die fehlerkorrigierte Version 1.1 von PC-DOS / MS-DOS fertiggestellt hat. Er bekommt von Paul Allen eine kostenlose DOS-Lizenz geschenkt. Als es 1986 in seiner neuen Firma Falcon Technologies nicht so gut läuft, kauf Microsoft Falcon Technologies komplett auf, nur um die Lizenz wiederzubekommen – es war eine unbefristete, nicht an Stückzahlen gebundene Lizenz für alle (auch zukünftige) Versionen von MS-DOS. Ein PC-Hersteller könnte mit dieser Lizenz Millionen an Lizenzgebühren an Microsoft sparen. Paterson bleibt bis 1998 bei Microsoft, macht sich dann erneut selbstständig und ist nach dem Interview derzeit Pensionär (er ist nun 61) aber das scheint ihn nicht auszufüllen und so bewirbt er sich bei Firmen, bekommt aber nach eigener Aussage keine Antwort. Auch Paterson ist eine tragische Figur, er hat MS-DOS in der ersten Version praktisch alleine entwickelt, mit dem Microsoft erst seine heutige Stellung einnehmen konnte (1980 machte Microsoft 8 Millionen Umsatz, Apple, zwei Jahre jünger, dagegen 200 Millionen). Selbst sein Chef Brock, der ebenfalls eine Lizenz für DOS von Microsoft hatte, hatte diese im gleichen Jahr für 925.000 $ verkauft – es war ein Vergleich während die Geschworenen beraten in einem Prozess, bei dem er Microsoft auf 60 Millionen Dollar verklagte, weil er die Lizenz nicht fpür 20 Millionen Dollar an Tandy verkaufen konnte. Doch selbst Brock, Chef von SCP hätte warten sollen – zu dem Zeitpunkt stand das Votum der Geschworenen bei 8:4 zu seinen Gunsten. Doch Paterson, der MS-DOS in der ersten Version praktisch alleine entwickelt hat, verdiente an diesem nicht mit. Noch tragischer er verließ Microsoft vor dem Börsengang und kam nach dem Börsengang zurück – bekam damit nicht mal wie jeder andere MS-Mitarbeiter Aktienoptionen.

Dan Bricklin und Bob Frankston

In der Dokumentation erscheinen auch sie als Verlierer. Bricklin und Frankston sind die Erfinder von Visicalc. Visicalc prägte einen Begriff: den der Killerapplikation. Es war das erste Spreadsheet und erschein zuerst exklusiv für den Apple II, weil nur dieser Computer über 32 KByte Speicher verfügte, die das Programm brauchte. Zumindest 1979 und 1980, dann gab es Visicalc auch für andere Computer. Visicalc ist sicher mit dafür verantwortlich, dass in diesen beiden Jahren der Umsatz von Apple von 7 auf 200 Millionen Dollar explodierte. Der Begriff Killerapplikation sagt aus warum: Mit Visicalc konnte ein Buchhalter so viel Arbeitszeit einsparen, dass sich damit alleine der Kauf eines Personalcomputers lohnte. In den Achtziger Jahren waren Spreadsheets die Killerapplikationen schlechthin. Visicalc wurde auch gut verkauft bis 1983 waren 700.000 Lizenzen vergeben worden. Der Anfangspreis für Endkunden waren 99 Dollar mit einem Anteil von 35,7 Dollar für Bricklin und Frankston. Bei Volumenlizenzen waren es 50 % des Preises, den die Programmautoren kassierten. Sie hatten ihre Vertriebsrechte an Software-Arts abgetreten. Software Arts war eine Programmierfirma, die Vertriebsfirma Personal Software die Visicalc vertrieb machte 1983 schon 60 Millionen Dollar Umsatz. Angeblich haben Frankston und Brickllin keinen Cent davon gesehen, das erscheint doch sehr unwahrscheinlich schließlich haben sie über viele Jahre weitere Versionen für CP/M und MS-DOS programmiert. Visicalc verlor ab 1984 rapide an Bedeutung als Lotos 1-2-3 erschien. Dieses Spreadsheet war deutlich schneller als Visicalc.

Ich glaube nicht das Frankston und Bricklin Verlierer sind, das sie keinen Cent verdient haben, bezeiht sich meiner Meinung nach auf etwas anderes – als Visicalc erschien, konnte man den Algorithmus eines Programmes nicht patentieren. Das war erst 18 Monate später nach einer Gesetzesänderung möglich. So bekamen Franston und Bricklin nie Lizenzeinnahmen. Lotos war da intelligenter, sie ließen einiges an Lotus 1-2-3 patentieren, sodass als Software Arts einen Klon namens „Ontio 2-5-9“ veröffentlichen wollten, Lotus die erfolgreich verklagten.

Kleine Notiz am Rande: Bevor der große Run auf Visicalc einsetzte, konnte Apple die Rechte kaufen. Mike Markulla, dritter Chef neben Jobs und Wozniak, war die 1 Million Dollar die gefordert wurden zu viel. Ich denke das hat er noch bereut.

Ed Roberts

Er gehört eigentlich zur ersten Reihe und taucht nur heute in keiner Dokumentation auf, weil er schon verstorben ist. Aber er hat den Mikrocomputer, den Altair 8800 erfunden. Die Geschichte ist relativ lang und nimmt in meinem Buch und auf meiner Webseite ein ganzes Kapitel ein. Nur in der Kürze: Ed Roberts Firma MITS fertigt Bausätze für Taschen- und Tischrechner und gerät 1974 in Finanznöte, als Texas Instruments alle Anbieter dieser Geräte preislich unterbietet. Er erfährt vom ersten Mikroprozessor dem 8080 von Intel und konstruiert als letzte Rettung für seine Firma einen einfachen Rechner um den Prozessor und kann seine Bank überreden, ihm einen letzten Kredit zu geben. Der Bausatz wird in der Januar (1975) Ausgabe von Popular Electronics vorgestellt und rettet seine Firma, er bekommt bald von Tausenden von Leuten Geld zugeschickt, obwohl er erst mehrere Monate später liefern kann. MITS bekommt bald Konkurrenz von Nachbauten und hat Probleme vieles, was er ankündigt zu liefern. Schon 1977 geht es mit seiner Firma bergab, auch weil er versäumt hat, sich der Zeit anzupassen. Im gleichen Jahr erscheint der Apple II und MITS fertigt immer noch Bausätze mit Kippschaltern und LED als Ein-/Ausgabemedium. Er schafft aber den Absprung rechtzeitig, verkauft seine Firma für 2 Millionen Dollar (persönlicher Anteil), züchtet einige Jahre lang Schweine und beginnt dann ein Medizinstudium um den Rest seines Lebens als Mediziner zu arbeiten.

Richtig gescheitert ist er also nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass die 2 Millionen heute einem Wert von rund 7 Millionen Dollar entsprechen. Aber MITS hätte als die erste Firma die Industrie prägen können, das tat Roberts nicht, zum einen, weil er seinem Konzept zu sehr verhaftet war und er alles alleine machen wollte und niemanden partizipieren lassen wollte oder auch nur delegieren konnte. Das war die Ursache für viele Verzögerungen bei MITS, die erst zur Gründung von Konkurrenz führte (IMSAI brachte ihren 8080 heraus, weil MITS keine Altairs liefern konnte und sie für einen Kunden die Rechner brauchten) und er arbeitete auch nicht mit anderen Firmen zusammen so beschimpfte er Fremdhersteller als „Parasiten, die von seiner Idee lebten“ und verweigerte sich einer Standardisierung des Busysstem, das trotzdem als S-100 Bus ein Standard wurde.

Zurück zum Anfang. Wenn man nach eienr guten Dokumentation über den PC sucht so gibt es aktuell Geheimnisse der digitalen Revolution, Teil 3 beschäft sich mit der PC-Geschichte. 20 Jahre alt aber mit vielen „echten“ Promis ist dagegen „Triumph of the Nerds“, die deutsche Version hieß „Unternehmen Zufall“. In den drei Teilen wird man dann wirklich gut informiert. Noch etwas mehr steht in meinem Buch drin, doch das ist nur was für ganz harte Typen, da muss man nämlich lesen anstatt nur Videos anzuschauen….

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