Alle Jahre wieder

Irgendwie ist es schon Routine. Sobald ein neuer Präsident im Amt ist, kündigt er ein neues Projekt an. Als wir da hätten:

  • Nixon: das Space Shuttle (1972)

  • Reagan: die Raumstation „Freedom“ (1984)

  • Clinton: die Raumstation ISS (1994)

  • Bush: Constellation Programm (2004)

  • Obama: irgendetwas zum Mond und Asteroiden (2011)

Okay, wer genau hinsieht, stellt fest, dass sich das nicht immer mit dem Amtsantritt deckt. Der früheste Zeitpunkt, bei dem ein Präsident aktiv sein kann, ist das Budget zwei Jahre nach seinem Amtsantritt. Das sieht man derzeit. Die NASA hat jetzt ihr Request für 2019 veröffentlicht. Verabschiedet wird es meist im dritten bis vierten Quartal. Theoretisch könnte Trump schon das Budget von 2018 beeinflussen, das während seines ersten Amtsjahrs durch die Instanzen geht, aber außer Kennedy hat das keiner gemacht auch, weil die Präsidenten zuerst andere Prioritäten auf ihrer Agenda hatten.

Die Verzögerungen bei den anderen Präsidenten außer Clinton haben auch ihre Gründe. Nixon genehmigte das Space Shuttle, als das Apolloprogramm zu Ende ging und damit auch dessen Finanzbedarf. Intern hatte die NASA aber seit 1969 am Programm gearbeitet und in dieser Zeit die Konzeption radikal geändert. Vorher war das Konzept nicht reif für die endgültige Genehmigung.

Reagan wartete mit einem neuen Großprojekt, bis die Space Shuttles operationell waren, auch hier sollte Freedom als Nachfolgeprogramm anschließen und so Kontinuität sichern, auch indem Mitarbeiter in der Entwicklung weiter beschäftigt sind.

Bush hat sein Constellationprogramm unter dem Eindruck des Verlusts der Columbia verfasst. Auch hier kam es zeitgleich zu einem Einstellungsbeschluss, diesmal für die Shuttles (letzter Flug damals für 2009/10 geplant) und ISS (2016, vorher ging es wegen der Verträge mit den Partnern nicht). Constellation war schon vom Start weg eine Totgeburt, weil es keine zusätzliche Finanzierung erhielt. Vielmehr sollten die eingesparten Gelder aus den beiden anderen Programmen es finanzieren.

Obama stellte Constellation ein, weil diese Finanzierung nicht ausreichte. Wie die Augustinekomission ausrechnete, brauchte das Programm so ewig und kostete enorm viel. Obama selbst gab nur eine Marschroute vor ohne konkretes Ziel. Diesmal zu Asteroiden und zum Mond, aber ohne Landung. So kam man in den Augen der NASA ohne Lander im Programm aus (der Altair-Lander von Constellation war noch nicht mal konzipiert, als es eingestellt wurde). Obama genehmigte eigentlich nur die Weiterarbeiten an der Orion. Der Senat dann noch die SLS. Zusammen ermöglichen diese beiden Komponenten dann bemannte Besuche erdnaher Ziele as eigentlich nur die Mondumlaufbahn und Erdbahnkreuzer sind.

Alle diese Programme vermitteln eine Lehre: Klotzen nicht kleckern. Schauen wir uns sie mal genauer an. Das Space Shuttle wurde gebaut, das sogar bei real sinkendem NASA Budget. Doch zu welchem Preis? In der Zeit, bis es operationell wurde, schrumpfte das unbemannte NASA-Budget zusammen. Die einzigen Planetensonden, die in 10 Jahren neu genehmigt wurden, waren Galileo und Pioneer Venus. Einen ähnlichen Kahlschlag gab es beim Wissenschaftsprogramm. Trotzdem brauchten sie drei Jahre länger als geplant.

Freedom startete ambitioniert, mit neuen Technologien, wie solarthermische Stromversorgung, vor allem aber dem Konzept des Aufbaus mithilfe des Space Shuttles. Nach dem Verlust der Challenger musste man umplanen. Bis 1994 gab man Milliarden aus, ohne dass eine endgültige Lösung entstand, geschweige denn Hardware. Dann begannen sich NASA und Roskosmos zu nähern und man beschloss die Raumstation zusammen zu bauen. Mit diesem zugkräftigen Argument der Zusammenarbeit wurde dann die ISS genehmigt. Obwohl schon vor dem ersten Modul klar war das Russland nicht die Station verbilligen würde – die eigenen Module wurden nach und nach gestrichen und schließlich brauchte Roskosmos sogar die Fremdfinanzierung der NASA – lies man nicht mehr ab.

Alle folgenden Präsidenten versuchten dann, noch ehrgeizige Programme aus der Portokasse zu finanzieren. Auch das scheiterte aus naheliegenden Gründen. Die folgende Tabelle gibt das Apollobudget wieder:

Jahr NASA Budget gesamt [Mill Dollar] davon Apollo [Mill Dollar]
1962

1.671,750

160,500

1963

3.674,115

617,164

1964

3.974,979

2.272,952

1965

4.270,695

2.614,619

1966

4.511,644

2.967,385

1967

4.175,100

2.916,200

1968

3.970,000

2.556,000

1969

3.193,559

2.025,000

1970

3.113,765

1.686,145

1971

2.555,000

913,669

1972

2.507,700

601,200

1973

2.509,900

76,700

Wie man sieht, ist der Verlauf ähnlich der Grafik des Gesamtbudgets weiter unten während der Apollojahre. Es ist eine Glockenkurve. Der Spitzenwert wird vor dem ersten Flug erreicht, bei Apollo 1966. Der Grund ist relativ einfach: Die Entwicklungskosten machen den Löwenanteil aus. Wenn die Flüge beginnen, ist die Entwicklung beendet und die Kosten sinken. Ein Apollo-Flug kostete 350 Millionen bis 450 Millionen Dollar. Alle 11 Flüge also zusammen rund 4 Milliarden Dollar bei Gesamtkosten von 19,4 Mrd. Dollar (es kommen meist noch zu Apollo indirekt gehörende andere Posten wie Skylab als Apollo-Anwendungsprogramm hinzu, sodass man die Gesamtkosten von Apollo auf rund 25 Milliarden Dollar beziffert). Kurz: Der Einsatz ist billig, die Entwicklung teuer. Das gilt für alle bemannten Projekte. CCDev hat insgesamt 10 Milliarden Dollar verschlungen. Ein Sitz soll günstiger als auf einer Sojus sein, die bei 60 Millionen Dollar/Astronaut liegt. Bei jeweils 4 Astronauten also Startkosten von durchschnittlich 240 Millionen Dollar – auch hier fast dasselbe Missverhältnis von Flugkosten zu Entwicklungskosten wie bei Apollo.

Die ISS klappte bei konstantem Budget, weil es nicht ein Projekt ist, sondern es mehrere Module und Elemente sind, die man nacheinander entwickeln und starten konnte. Beim Space Shuttle gab es die Chance, dass es auch bei flachem Budget klappen könnte, weil es drei Elemente waren und Tank und SRB schneller entwickelbar sind. Doch Verzögerungen und Probleme führten zu einem laufend ansteigenden Budget:

Jahr
(Quelle)

NASA Gesamtbudget [Mill $]

Space Shuttle Budget [Mill $]

Anteil am Gesamtbudget

Gesamtkosten [Mill $]

1969

3.530,2

0,0

0,00%

0,0

1970

2.991,6

9,0

0,30%

9,0

1971

2.631,4

160,0

6,08%

169,0

1972

2.623,4

115,0

4,38%

284,0

1973

2.541,4

200,0

7,87%

484,0

1974

2.421,6

475,0

19,62%

959,0

1975

2.420,4

805,0

33,26%

1.764,0

1976

2.748,8

1.206,0

43,87%

2.970,0

1977

2.980,7

1.288,1

43,21%

4.258,1

1978

2.988,7

1.348,8

45,13%

5.606,9

1979

3.138,8

1.637,6

52,17%

7.244,5

1980

3.701,4

1.870,3

50,53%

9.114,8

1981

4.223,0

1.994,7

47,23%

11.109,5

Die SLS wird derzeit mit einem konstanten Budget entwickelt. Das betont die NASA extra. Doch es klappt nicht. Sie kostet damit nur mehr und der Erststart rutscht dauernd nach hinten, dabei ist das meiste ja nicht mal neu. Triebwerke und SRB werden übernommen und die Oberstufe hat man schon gestrichen.

Trotzdem kapieren diesen Fakt Präsidenten nicht. So werden aber nur Milliarden ausgegeben. Großprojekte kosten dauernd Geld, auch wenn nichts passiert. Leute sind nur mit der Planungen und Umplanungen beschäftigt. Man kann sie nicht entlassen und in ein paar Jahren wieder anstellen, dann sind sie längst in die Industrie abgewandert. Diese Kleckerlesetaktik macht alles nur teurer. Trump ist nicht schlauer als seine Vorgänger und so wird es auch so enden wie bei seinen Vorgängern: Milliarden werden herausgeworfen ohne Effekt. Dabei ginge es heute viel billiger als zu Apollos Zeiten. Dafür gibt es drei Gründe. Das eine ist, das 40 Prozent der Mittel damals nur auf die Trägerentwicklung entfielen, die war ausgehend vom technischen Ausgangsstand so teuer. Heute haben wir, wie die SLS zeigt die Triebwerke und Booster schon, man kann hier enorm viel sparen. Die SLS ist auch um ein vielfaches billiger als die Saturn V, wenn man ihre kosten inflationskorrigiert betrachtet.

Das Zweite ist, das man damals Sicherheit durch Manpower gewann. Enorm viele Menschen waren mit Planung, Design, Prüfungen und Fertigung beschäftigt. Der Zusammenbau einer Saturn V am Startplatz dauerte Monate. Nach Apollo 11 wurden alleine im Kennedy Space Center 5.600 Personen entlassen – sie waren nötig um vier Starts pro Jahr durchzuführen. Danach konnte das KSC nur noch zwei pro Jahr durchführen. Man brauchte also 5.600 Personen um zwei Starts zusätzlich pro Jahr abzuwickeln. Alleine im KSC waren damals 23.600 Personen beschäftigt – mehr als heute in der ganzen NASA. Diese Manpower wird heute durch Computer ersetzt. Sie ersetzen viele Arbeitskräfte bei Planung, Design und Tests.

Als letzten Grund starten wir von einem anderen Technologielevel aus. Als Apollo angekündigt wurde, war die Weltraumfahrt gerade mal drei Jahre alt, man war froh, wenn Satelliten einige Monate lang arbeiteten. Keine US-Raumsonde hatte funktionsfähig den Mond oder gar einen Planeten erreicht. Heute arbeiten selbst von Studenten konstruierte Cubesats jahrelang. Die Erfahrung ist eine andere und damit muss man viel weniger entwickeln, testen und ausprobieren. Das alles spart Mittel – Kosten und Personen – ein.

Zuletzt noch zur Grafik aus diesem Artikel. Sie ist etwas irreführend. Sie zeigt das inflationskorrigierte Budget der NASA. Glaubt man ihr, so könnte man mit 15 Milliarden Dollar mehr über einige Jahre Apollo nochmals durchführen. Ich fürchte so billig wird es nicht. Was die Grafik nicht zeigt, ist der Anteil der NASA am Gesamtbudget der USA. Das lag zur Spitzenzeit von Apollo bei 4 % der Gesamtausgaben. Die NASA heute liegt bei 0,47 %. Verglichen mit damals ist das Gesamtbudget viel stärker gewachsen als der NASA Haushalt. Trumps erstes Budget ist fast gleich hoch wie im Vorjahr, aber das Budget für militärische Raumfahrt des Pentagons steigt um 8 %. Schaut man es sich genauer an, so tauchen bei Trump auch keine Posten für neue Expeditionen auf, nur Streichungen wie von WFIRST. Im Prinzip das gleiche wie gehabt – Streichen ohne das man wirklich was bewegt. Nicht das Ich meine, dass man noch mal auf dem Mond landen sollte oder zu anderen Zielen aufbrechen. Aber noch schlimmer als solche Programme umzusetzen ist es an ihnen rumzuplanen ohne das Sie jemals umgesetzt werden. Ich bin überzeugt, wenn man alle Mittel die nur seit Bushs Constellation Rede dafür ausgegeben hat, man nicht ausgegeben hätte, sondern auf einem Sparbuch angelegt, man heute genügend Geld hätte, um das Programm tatsächlich anzugehen, wenn man dann noch mal so viel drauflegt, wie derzeit die ISS kostet.

4 thoughts on “Alle Jahre wieder

  1. Eine Grafik mit inflationsbereinigtem Budget und Anteil am GDP:
    (wenn auch nur bis 2012):

    https://goo.gl/images/2tLTG5

    Aber: An sich bedeuten Kosten des Apollo-Programms von $107 Milliarden (in 2016 $) eben auch dass es heutzutage auch 107 Milliarden kosten würden das selbe durchzuführen [- unterschiede durch technische Entwicklung]. Der Anteil am GDP/Gesammtbudget sollte keinen unterschied machen.

    Die 0.6 % im vergleich zu den 4% GDP bedeuten eher, dass es heute relativ ‚einfacher‘ wäre frühere Großprojekte umzusetzen.

  2. Letzlich ist und bleibt Raumfahrt nur am Leben weil unverschämt hohe Summen aus steuerlichen Mitteln fliessen. Diese Gelder wären an anderer Stelle besser zum gesellschaftlichen Nutzen ausgegeben.

    1. Das könnte man von jeder Grundlagenforschung sagen. Aber ohne geht es nun mal nicht. Wer die Grundlagenforschung streicht, streicht seine eigene Zukunft.

    2. @Rupp
      Nutzt du Computer? Ohne Apollo wären die nicht soweit. Apollo und Militär brauchten massenweise Halbleiterprodukte wie Prozessoren. Dadurch wurden effiziente Verfahren zur Herstellung entwickelt, die eine neue Industrie schufen. Ohne diese Abnehmer hätte es vielleicht, oder sicher später, diese Initialzünder nicht gegeben.

      Es ist schwierig zu sagen, was nachhaltig gesellschaftlichen Nutzen bringt. Es gibt Stimmen, dass Apollo trotz der immensen Kosten großen gesellschaften Nutzen brachte und man sogar „Gewinn“ machte.

      Und was wird denn für Raumfahrt im Jahr ausgegeben? Laut einem Artikel im tagesspiegel wurden in der Raumfahrt 200 Mrd umgesetzt (2013) (https://www.tagesspiegel.de/wissen/streit-um-hohe-kosten-was-die-raumfahrt-bringt-und-was-nicht/11167234.html), und sind sicher nicht nur die staatlichen Ausgaben dabei. Vergleich das allein mal mit den Steuervergünstigungen für fossile Energien. Oder mit den Militärbudgets. Oder oder oder oder. Und was haben wir davon? GPS, Fernsehen, Kommunikation, Erdbeobachtung, Wissen über andere Planeten, Kometen usw. die ISS, und Millionen andere Sache. Sag mir, dass Wetterbeobachtung aus dem All keinen gesellschaftlichen Nutzen hat. Los. Oder GPS und Co.

      Und was willst du dann mit den 200 Mrd machen? Opfer von nicht erkannten Wetterunbilden entschädigen?

      Ingolf

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