Die Problematik der Benennung nach bekannten Persönlichkeiten

Ich bin kürzlich durch Zufall über Heinrich Lübke gestorben, den ehemaligen Bundespräsidenten. Ich lass da mit Erstaunen, dass er bei der Heeresversuchsanstalt Peenemünde für den Einsatz von KZ-Häftlingen verantwortlich war und danach noch für die Verlegung der Flugzeugproduktion in Stollen, wofür dann auch KZ-Häftlingen genutzt wurden. Wie bei vielen dieser Arbeiten überlebten viele diese Arbeiten nicht.

Das erinnerte mich an eine Denkschrift von Horst Köhler (nicht der Ex-Bundespräsident, sondern der Fachjournalist), in der er vergeblich gegen die Umbenennung der letzten Schule kämpfte, die von Brauns Namen trägt. Es erinnerte mich auch an unseren neuen Stadtteil. Er entstand seit 1992 aus einer ehemaligen US-Kaserne. Noch früher war es ein Institut der Luftwaffe „Forschungsinstitut Graf Zeppelin“. Die neuen Straßen hat man dann in Anlehnung an diese Geschichte nach Flugzeugpionieren wie Heinkel und Dornier und anderen Persönlichkeiten aus diesem Bereich wie Rudolf Diesel benannt. Vor einigen Jahren hat man das revidiert, nachdem mehr über die Zwangsarbeiter bekannt wurde, die praktisch in allen Flugzeugproduzenten während des Dritten Reichs arbeiteten.

Umgekehrt gibt es wie ich feststellte noch mindestens eine Heinrich-Lübke-Schule, ich möchte nicht wissen, wie viele Straßen nach ihm benannt wurden. Das gleich gilt sicher auch für andere Politiker die eine Nazi-Vergangenheit haben. Genauer gesagt eine einschlägige Nazivergangenheit. Also verstrickt in Verbrechen des Regimes wie Filbinger. Filbinger war als Richter an mindestens 234 Strafverfahren in der Marine, beteiligt, vier Todesurteile hat er unterzeichnet.

Ich finde es erstaunlich, dass man sich bei Politikern viel leichter mit der Vergangenheit tut als bei Wissenschaftler oder Wirtschaftsgrößen. Einfacher haben es noch Künstler oder Vertreter der Geisteswissenschaften. Nehmen wir das Paar von Braun und Lübke. Beide haben ja an derselben Stelle gewirkt. Von Braun war wissenschaftlicher Leiter von Peenemünde, Lübke war für zwei KZ-Lager dort zuständig. Man weiß heute, dass von Braun nicht nur von Zwangsabreitern und KZ-Häftlingen wusste, das gab er ja noch zu Lebzeiten zu. Er hat auch Leute angefordert. Er war aber organisatorisch davon getrennt. Das war Sache der SS, die ja auch den wissenschaftlichen Teil der Versuchsanstalt unter Kontrolle bringen wollte. Es gibt heute wenig nach von Braun benannt wurde und in allen deutschen Dokumentationen, in der er eine Rolle spielt (und das sind, wegen des Mondprogramms nicht wenige) kommt das Thema zur Sprache. US-Dokumentationen, die es ja auch gibt, sehen das durchaus anders. Sie vertreten die Ansicht, dass von Braun sein Ziel Raketen für die bemannte Raumfahrt zu entwickeln verfolgte und er nicht direkt in Verbrechen verstrickt sei, was für die US-Dokumentationen wesentliche ist. Nur in Deutschland ist man der Meinung, dass man im Dritten Reich entweder Widerstandskämpfer oder 12 Jahre im Koma sein muss, um nicht in Naziverbrechen verstrickt zu sein. Das ist heute wichtiger als die persönliche Leistung. Hier mal zwei Beispiele. Es gibt bei uns ein Otto-Hahn-Gymnasium. Nicht nur bei uns, es gibt etliche Schulen, die nach Otto Hahn benannt sind. Er hat einige Isotope und das Element Protactium entdeckt. Seine bedeutendste Entdeckung war aber die Kernspaltung, die schlussendlich wenige Jahre später zur Atombombe führte. Otto Hahn ist, obwohl das im Dritten Reich stattfand , aber „politisch sauber“, denn er schützte solange es ging seine jüdische Mitarbeiterin Lise Meitner vor dem Regime. Werner Heisenberg, ebenfalls Physiker arbeitete dagegen bereitwillig mit dem Regime zusammen, um weiterhin seiner Forschung nachgehen zu können. Was wäre die Alternative gewesen? 12 Jahre lang nichts tun? Damit wäre seine wissenschaftliche Karriere beendet gewesen. Heisenberg nahm auch gerne Geld und forschte an einem deutschen Forschungsreaktor, versprach dem Regime auch eine Atombombe ohne aber jemals konkret an einer zu arbeiten. Nach dem Krieg wandte er sich vehement gegen die Aufrüstung mit Atombomben und für Kernreaktoren zur Stromversorgung. Heisenbergs Einfluss auf die Physik ist durch seine Forschungen am Atommodell und die nach ihm benannte Unschärferelation (wie man auch an dem Planckschen Wirkungsquantum das den Buchstaben h nach Heisenberg bekam sieht) viel größer als die Zufallsentdeckung von Hahn. Aber wegen der Zusammenarbeit mit den Nazis sind wesentlich weniger Gebäude nach ihm benannt. Wikipedia führt 34 Otto Hahn Schulen aber nur 10 Werner Heisenbergschulen auf.

Wenn man gegen die Nazis war, gibt es eine Benennungschwemme, offensichtlich hat man es damit in Deutschland besonders. Ganz besonders beliebt: die Geschwister Scholl. Nach Wikipedia tragen 187 Schulen diesen Namen, pro Jahr kommen zwei weitere hinzu. Okay, ich mache mich jetzt mal unbeliebt: aber die einzige „Leistung“ die das Geschwisterpaar vorweisen kann, ist eine Flugblattaktion, die dann auch zu ihrer Verhaftung führte. Graf Stauffenberg führte ein Attentat aus, um auch wirklich Hitler zu beseitigen und nach ihm ist wesentlich weniger benannt. Wohl, weil er Wehrmachtsangehöriger war und mit dem Attentat bis 1944 gewartet hat. Ebenso Johann Georg Elser, der nahezu unbekannt ist und 1939 ein Bombenattentat auf Hitler verübte, das deswegen scheiterte, weil er die Veranstaltung vorzeitig verließ. Im Gegensatz zu den Geschwistern scholl haben Stauffenberg und Elsner aktiv etwas getan, um wirklich die Herrschaft Hitlers zu beenden. Ich vermute bei den Geschwistern Scholl schwingt einiges mit, das aus heutiger Sichtweise positiv ist: Sie waren als Studenten noch jung genug, um nicht in den Jahren von 1933 bis 1943 irgendwie in das Regime verstrickt zu sein. Wie schon gesagt. Bei Stauffenberg gibt es immer den Vorwurf, das er ja als Wehrmachtsangehöriger indirekt den Krieg am Laufen hielt, vielleicht von den Verbrechen wusste und ein Attentat erst durchführte, als nach der Landung der Alliierten der Krieg verloren war (als Militärangehöriger hätte er wissen müssen, dass er eigentlich schon ab 1943 verloren war). Das zweite und wohl Wichtigere ist, dass der Verstand einen Bombenanschlag, auch wenn er das Ziel hat, einen Verbrecher zu beseitigen, ablehnt. Bomben sind unspezifisch und eine Waffe für Feige, die jemanden nicht direkt töten wollen. Anders ging es aber sicher nicht. Es gab ja überwall Wachen und vor Gericht stellen hätte man Hitler kaum können. Dagegen ist ein Todesurteil nur wegen einiger Flugblätter etwas, worüber sich jeder empört. Es ist völlig unverhältnismäßig. So ist es dann leicht, Schulen nach dem Martyrer-Geschwisterpaar zu benennen.

Ich würde, wenn man Schulen, Straßen oder andere öffentliche Gebäude und Plätze benennen, wie natürlich auch die politische Dimension zu betrachten. Ich wäre z. B. Dagegen nach Fritz Haber zu benennen. Fritz Haber hat zusammen mit Carl Bosch (die Firma Bosch wurde von Robert Bosch gegründet, das ist nur eine Namensähnlichkeit)das Haber-Bosch-Verfahren entwickelt. Es erlaubt die Gewinnung von Stickstoffverbindungen aus dem Stickstoff der Luft. Das ermöglichte zum einen die Produktion von Kunstdünger, ohne die man heute nur einen Bruchteil des Getreides ernten könnte. Es ermöglichte aber auch dem Kaiserreich den Krieg vier Jahre lang durchzuhalten, obwohl man von der Einfuhr von Salpeter für die Produktion von Schießpulver und andere Explosivstoffen wie Dynamit abgeschnitten war. Dafür konnte Haber nichts, aber seinen Ruf hat er sich ruiniert, weil sich Haber aktiv dafür ausgesprochen hat, Chlorgas im Krieg einzusetzen und den Einsatz sogar leitete, womit der Gaskrieg begann. Dabei ist Haber als Jude auch ein Opfer der Nazis, er emigrierte 1933 nach England und starb ein Jahr später im Exil.

Vor allem aber ist die Lebensleistung maßgeblich. Bei den Straßen ist auch eine Felix-Wankel-Straße – nichts gegen Felix Wankel, aber sein von ihm erfundener Motor hat sich eben nicht durchgesetzt. Im Allgemeinen gibt es meiner Ansicht nach zu wenige Naturwissenschaftler bei den Namensgebern für Plätze und Gebäude. Wie viele Benennungen nach Schiller, Goethe, Kant gibt es und wie viele nach Kepler, Frauenhofer, Koch?

Vor allem dominieren viele Personen der jüngeren Vergangenheit, die Größen der vergangenen Jahrhunderte sind fast vergessen.

6 thoughts on “Die Problematik der Benennung nach bekannten Persönlichkeiten

  1. Ja, die „Helden“ der Vergangenheit…
    Manche davon waren zuerst geschaßt, gehaßt und ermordet worden, und wurden dann später zu Helden und sind heute eventuell auch wieder negativ belegt.

    Bei anderen ist es umgekehrt…

    Ich denke da spielt der Zeitgeist eine große Rolle, heute hat jeder, der frühere Regime unterstützt hat (sei es das Nazi-Regime, die DDR oder sonstige) ein böser Mensch. Selbst wenn er nach dem Ende dieser Staaten seinen Irrtum eingesehen hat und versucht hat die Demokratie aufzubauen… (Siehe Werner Höfer mit seinem Internationalen Frühschoppen, z.B.)

    Während andere aus dieser Epoche der Diktaturen in Europa als Helden gefeiert wurden, obwohl Ihre Ansichten so radikal waren, daß sie weder damals noch heute erträglich waren. (Siehe Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, z.B).

    Während andere wiederum als Widerstandskämpfer gefeiert werden, obwohl sie keine Ahnung hatten, wie es weitergehen sollte nach ihrem „Sieg“ und nicht unbedingt als Demokraten gelten konnten.

    Major Otto Remer, ein strammer Nazi und der Zerstörer der Widerstandsbewegung des 20.Juli hat ein Buch geschrieben, das ich lesen konnte.
    Dort vertrat er die Meinung, das Stauffenberg als Widerstandskämpfer eine Null sei, während er Johann Georg Elsner „bewunderte“ für seine „Generalsstabsmäßige Planung und Durchführung“ des Attentats.

    So spielt eben der Zeitgeist, heute wird bei Pipi Langstrumpf das Wort „Neger“ entfernt, und morgen plärrt die AfD locker Sprüche, die unerträglich, dumm und falsch sind!

    Ansonsten sehe ich diverse Widerstände gegen Diktaturen ähnlich wie Bernd!

  2. Das mehr Schulen nach den Scholl-Geschwistern benannt werden als nach Elsner ist irgendwie verständlich — als Identifikationsfiguren eignen sie sich für Schüler deutlich besser als der Einzelgänger Elsner. Das ein Graf von Staufenberg mit seiner militärischen Ausbildung und Fachwissen eine deutlich bessere Aktion planen und ausführen kann als ein paar Studendenten ist auch verständlich….

  3. Noch ein weiterer Gedanke dazu:
    Ich persönlich fände es wesentlich besser Orte, Straßen, Gebäude usw. auch mal nach ’normalen‘ Menschen zu benennen. Es gibt so viele Menschen die großartige Leistungen erbracht haben ohne Politiker, Wissenschaftler, Dichter usw. gewesen zu sein. An die wird leider viel zu selten erinnert.
    Beispiel: Der Frankfurter Flughafen soll umbenannt werden: Die Junge Union möchte einen Helmut-Kohl-Flughafen. Nun kann man zu Helmut Kohl sicherlich geteilter Meinung sein und ich denke es gibt schon genug Flughäfen die nach Politikern benannt worden sind. Bei einem Flughafen fällt mir als wesentlich angemessenerer Name z.B. Jürgen Schumann ein.

  4. Eine kleine Nachlese zum Thema „Straßennamen“. Es gibt eine Datenbank, die einem die Zahl der Straßen eines Namens ausweist.

    Es gibt derzeit 42 mal die Heinrich-Lübke-Straße, fünfmal den Heinrich-Lübke-Weg, einmal das Heinrich-Lübke-Ufer und einmal den Heinrich-Lübke-Ring. Die Wernher-von-Braun-Straße gibt es immerhin 45 mal. Und alle Karl-Marx-Straßen/Alleen/Plätze/Wege bringen es auf insgesamt 476 Erwähnungen. Das ist aber alles nichts gegen die „Hauptstraße“ (8.245 mal in allen Variationen), die „Schulstraße“ (5.647 mal) und die „Bahnhofstraße“ (5.029 mal).

    Ortsbezeichnungen sind ein Spiegel der Geschichte. Ich finde, wir sollten Straßennamen dort belassen, wo es irgend möglich ist … selbst wenn die Gesellschaft sich verändert und Vorbilder vom Sockel stürzen. Natürlich gibt es Ausnahmen (z.B. Straßen, die nach Namensträgern benannt waren, die auch zu ihrer eigenen Zeit eindeutig als Menschenverachter und Verbrecher gegolten hätten). Aber Bilderstürmerei und der Versuch, die eigene Geschichte reinzuwaschen, sorgen nicht für eine zwingend notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte.

    Kein Mensch ist vollständig gut oder schlecht. Martin Luther hatte einige – aus heutiger Sicht – hoch problematische Ansichten. Gandhi war rassistischen Ideen zugetan. Nelson Mandela hat dunkle Seiten. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

    Aber jedem ist gemein, dass sie für ‚bestimmte Leistungen‘ erinnernswert bleiben – trotz ihrer Schattenseiten. Und wenn eine der 21 nach Fritz Haber benannten Straßen dazu führt, sich mit ihm und seinen Leistungen UND Irrwegen auseinanderzusetzen, werden wir eine aufgeklärtere und hoffentlich moralisch gefestigtere Gesellschaft.

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