OS/2

Eine Mail, in der der Schreiber meinte, OS/2 wäre nur kurz nach Windows erschienen und ich hätte das falsch beschrieben, brachte mich auf den heutigen Blog, denn der Schreiber lobte auch OS/2 in höchsten Tönen und lies an Microsoft, wo seiner Ansicht nach, Bill Gates jede Software persönlich programmiert kein gutes Wort.

OS/2 ist, wie man ja weiß, im Konkurrenzkampf Windows unterlegen. Ich kann das System nicht beurteilen, denn ich habe nur kurz damit zu tun gehabt. Ich habe mal eine Version, ich glaube es war die letzte installiert und kurz ausprobiert. Das war es aber dann schon. Nutzer, die auf das System schwören, rühmen seine Sicherheit und Stabilität. Warum also war es nicht so erfolgreich wie Windows?

Die Geburtsfehler

  • Meiner Ansicht nach begann die Problematik schon bei der Geburt von OS/2. Hier wurden gleich mehrere Fehler gemacht. Der erste Fehler war, dass man viel zu spät damit begann. Die offizielle Ankündigung erfolgte am 4.4.1987, aber man hat schon vorher daran gearbeitet. Ein Vertrag zwischen Microsoft und IBM wurde im August 1985 geschlossen. Auch wenn man nicht den genauen Start der Arbeiten kennt, war dies doch nach einigen anderen Daten:
  • Microsoft begann die Arbeit an Windows schon 1981, als das Produkt beschlossen wurde, nachdem Bill Gates bei der COMDEX 1982 Prototypen von visuellen Oberflächen sah und befüchtete Microsoft gerät ins Hintertreffen. Obwohl Windows mehr als eineinhalb Jahre zu spät erschien, war dies doch wenige Monate nach der Vertragsunterscheidung mit IBM. Man lag mit der Entwicklung von OS/2 also verglichen mit diesem Konkurrenzprodukt hinterher.
  • Der IBM PC AT, für den schon MS-DOS bzw. PC-DOS nicht adäquat war, weil es nur einen Bruchteil des Speichers und die erweiterten Fähigkeiten des 80286 nicht ausnützte, erschien schon 1984. Man fing also an ein Betriebssystem für einen Computer zu entwerfen, der mehr als ein Jahr schon auf dem Markt war, anstatt es zum Markteintritt verfügbar zu haben.
  • Der Nachfolgeprozessor 80386 war von Intel angekündigt und erschien am 17.10.1985. Bis das Betriebssystem erscheinen würde, wäre er der Standardprozessor.

Daneben gab es einige falsche Entscheidungen. Zum einen zwei technische Entscheidungen. IBM wollte für die erste Version von OS/2 (1.0) eine rein textbasierte Oberfläche entsprechend dem, was man von DOS gewohnt war. Microsoft drängte IBM dazu, gleich eine grafische Oberfläche anzustreben. IBM meinte, die textbasierte Oberfläche würde noch einige Jahre die wichtigere sein. Das Argument klingt aus der Retrospektive kurzsichtig, aber es war nicht aus der Luft gegriffen. Es dauerte bis 1995 bis mit Windows 95 aufi dem PC MS-DOS als verbreitetste Oberfläche abgelöst wurde. Auch ich habe unter meinem PC mit Windows 3.1 meist unter DOS gebreitet. Turbo Pascal, DBASE, Spiele liefen nur unter DOS. Windows brauchte ich vor allem für die Textverarbeitung. Aber natürlich hätte man ein modernes System mit mehr Sicherheit, Speicher und Möglichkeiten als DOS implementieren können und zwei Shells – eine textbasierte und eine grafische darauf aufsetzen können. Daneben gab es mit dem Macintosh, Atari ST und Amgia schon Computer mit grafischen Oberflächen. So gesehen war die Überlegung erst in einem zweiten Schritt an das grafische System zu gehen, doch nicht die beste.

Die zweite Fehlentscheidung war die Entscheidung von IBM für die Codebasis des 80286. Der 80286 war der erste „richtige“ 16-Bit-Prozessor von Intel. Intel hatte den 8086 schnell als Nachfolger des 8-Bit-Prozessors 8080 designt, mit der Option das ein Programm Assemblercode des 8080 in Assemblercode des 8086 umsetzen konnte. Das war zwar für die Einfühlung toll, führte aber dazu, dass alle Register nur 16 Bit breit waren und die Adressierung so über mehrere Fenster von je 64 KByte Größe erfolgte, die im Adressraum verschoben wurden – sehr umständlich und fehlerträchtig. Gängige Programmiersprachen unterstützten so maximal 64 KByte große Datenstrukturen, selbst wenn man 1 MByte Speicher verbaut hatte. Der 80286 hatte einen linearen Speicher von 16 MByte Größe wieder Motorola 68000, dazu noch Möglichkeiten Fehler abzufangen und vom Betriebssystem behandeln zu lassen. Wichtig für ein echtes Betriebssystem, bei dem der Computer nicht bei einem fehlerhaften Programm abstürzen soll. Leider hatte Intel dies so implementiert, dass es zwei Modi gab – den 8086 kompatiblen oder den neuen „Protected Mode“. Man konnte vom ersten Modus, „Real Mode“ genannt, in den Protected Mode wechseln, aber nicht umgekehrt. Das war für die Entwicklung eines Betriebssystems und jeglicher Software im Protected Mode problematisch, denn diese Entwicklung und das Testen musste ja im Real Mode erfolgen. Bill Gates persönlich drängte daher IBM dazu gleich auf den 80386 zu wechseln – er hatte viele neue Features, wie virtuelle Speicheradressierung vor allem aber für die Entwicklung wichtig und das Laufenlassen alter Software, einen „virtuellen Real Mode“ – er konnte beliebig viele Prozesse im 8086 Modus starten, während er im Protected Modus war und diese waren voneinander abgeschottet – ideal für ein Betriebssystem, dass so auch alte DOS-Programme ausführen konnte. IBM wollte aber eine Lösung für die aktuellen Rechner – sehr kurzfristig, denn bis OS/2 erschien, waren IBMs eigene 80386 Rechner auch schon mehr als ein Jahr auf dem Markt.

Der langfristig größte Fehler war aber, dass IBM und Microsoft zusammen das Betriebssystem entwickelten. Denn beide Firmen hatten unterschiedliche Interessen. Microsoft wollte einen Nachfolger für DOS, am besten als Konkurrenz für die aufkommenden grafischen Oberflächen. IBM wollte dagegen die Marktposition ihrer eigenen Geräte stärken. Anders als bei DOS wäre OS/2 kein Lizenzprodukt von Microsoft, so hat man Einfluss über die Weitergabe an andere Hersteller. Dieser Widerspruch wurde gelöst, indem es eine Basisversion von OS/2 von Microsoft geben würde, eine erweiterte Version man aber nur von IBM kaufen konnte und diese sollte, wenn es nach IBM ging, auch nur mit einem IBM-Computer verkauft werden.

Daneben prallten Firmenkulturen aufeinander. IBM war eine viel größere Firma als Microsoft, mit langen Entscheidungswegen, vielen an einem Projekt Beteiligten. Microsoft zu dem Zeitpunkt noch eine typische Nerd-Firma, die durchaus auch unfertige Produkte raushaute. Microsoft war damals nicht für Softwarequalität bekannt – das sollte auch noch lange so bleiben – während diese bei IBM einen hohen Stellenwert hatte. Sie war bei einem Betriebssystem auch enorm wichtig, warum also machte IBM OS/2 nicht alleine? Die einfache Antwort – IBM meinte sie bräuchten alleine zu lange dazu und Microsoft würde sich durch die DOS-Entwicklung (drei Hauptversionen waren damals schon erschienen) sich so gut in der Systemprogrammierung auskennen, das es von Vorteil wäre mit Microsoft zusammenzuarbeiten.

Die Versionen von OS/2

Die Geschichte der folgenden Versionen von OS/2 will ich gar nicht so stark vertiefen. Ich verweise hier auf die Wikipedia, denn wie schon gesagt ich habe sie nicht benutzt und sollte daher klein Urteil über die Technik fällen. Der Geburtsfehler, der ersten OS/2-Version 1.0 war, das es aussah wie DOS, aber dazu inkompatibel war. Man konnte zwar neue Anwendungen so schreiben, dass sie unter beiden Betriebssystemen liefen, aber existierende DOS Anwendungen – und davon gab es 7 Jahre nach DOS 1.0 etliche – liefen nicht unter OS/2. Damit war dem System schon ein Nischendasein beschieden.

Während man weiter an OS/2 arbeitete – mit Version 2.0 sollte nun auch die grafische Oberfläche erscheinen, kam es zum Bruch der Allianz. Microsoft sah OS/2 als wenig erfolgsversprechend an und setzte auf Windows. Zum einen ermöglichte Microsoft ein Durchbruch in der Entwicklung endlich das Debuggen von 286-er Code im Realmode und damit endete die Zeit als Windows nur eine Shell auf DOS war (bei den Versionen 1,0 bis 2.x). Erstmals konnte Windows mehr Speicher als die 1 MByte nutzen und es konnte DOS-Programme ausführen ohne das diese Windows gefährdeten oder man Windows verlassen musste. Windows 3.0 erschien 1990. OS/2 2.0 mit ähnlichen Leistungen dagegen erst 1992. Gleichzeitig initiierte Microsoft eine Windows Version, die anders als das „normale“ Windows für Kunden gedacht war, denen Stabilität wichtig war. Diese Windows NT (NT = New Technology) Serie kam schnell voran, weil man von DEC die Mannschaft übernommen hatte, die dort die legendären Betriebssysteme wie VMS der VAX entwickelt hatte. Damit hatte OS/2 auch im Umfeld von Geschäftskunden, bei denen nicht einfach der Computer mal so abschmieren dürfte, einen Konkurrenten.

Damit war eigentlich mit dem Erscheinen von OS/2 2.0 im Jahr 1992 schon das Rennen gelaufen – Windows 3.0 und 3.1 verkaufen sich bei Privatpersonen gut, Firmenkunden griffen meist auf Windows NT zurück, nur Versicherungen und Banken schwörten noch lange auf OS/2. In den technischen Features hinkte OS/2 immer Windows hinterher. Als Version 2.0 z.B. 1992 erschien, war Windows 3.1 aktuell. Die Version nutzte (endlich) den 80386 und seine Möglichkeiten Prozesse zu isolieren (auch wenn der 32 Bit Befehlssatz noch nicht unterstützt wurde). OS/2 aber immer noch den 80286 Befehlssatz, obwohl diese Rechner kaum noch verkauft wurden.

Es gab Versuche Windows-User abzuwerben. Version 3.0 von OS/2 konnte Windows Programme ausführen. Ich kam mit Version 3.0 mal in Kontakt als Vobis um sich von Microsoft zu emanzipieren, OS/2 auf ihren Highscreen PC installierte und eine Käuferin sich über die Langsamkeit von Word (Windoes Programm) beschwerte und mich um Rat fragte. Schnell war klar, dass das System mit der Windows Emulation mehr Speicher brauchte, als die 4 MB die im Computer steckten und ich gab ihr den Tipp, entweder Windows zu installieren oder Speicher aufzurüsten. Sie hat sich dann fürs Erstere entschieden.

Die letzte Version von IBM hatte noch eine Spracherkennung integriert. Das war in den Neunzigern ein „Buzzword“. IBM hatte die Spracherkennung entwickelt und so natürlich dies als Pfund genutzt, um damit wuchern zu können. Wie ich aber feststellte, brauchte man einen ziemlich schnellen Rechner. Mein 80486 mit 100 MHz war zu langsam dafür. Dabei war der Rechner für seine Zeit (1996) immerhin noch im Mittelfeld der aktuellen Rechenleistung. Die letzte Version wurde schon verschenkt, ich hatte sie als Beilage bei einer Computerzeitschrift erworben. Mit der Version stellte IBM die Entwicklung ein. Es gab noch einige Nachbesserungen bis 2001 die letzte Version 4,52 erschien. Inzwischen hatte sich auch IBM von der x86 Plattform abgewandt. Bei den PC-Verkäufen sank der eigene Marktanteil stetig. Später verkaufte die Firma PC und Serversparte an Lenovo. So machte ein eigenes Betriebssystem für x86 Architekturen keinen Sinn, zumal es sich nicht am Markt durchsetzen konnte.

Hätte IBM mit OS/2 erfolgreich sein können?

Diese hypothetische Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich meine nein. Selbst wenn man die besprochenen Fehler vermeiden hätte und gleich ein grafisches OS auf Basis des 80386 Befehlssatzes allein entwickelt hätte, und einen Kompabilitätsmodus für DOS gehabt hätte, denke ich hätte IBM es nicht geschafft. Das Grundproblem lag nämlich im Ansatz. IBM sah sich in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre als Erfinder der PC-Plattform, aber unter Marktdruck durch zahlreiche Nachbauten. Diese waren immer billiger als IBM, oft auch leistungsfähiger z.B. mit einem schnelleren Prozessor. OS/2 war ein Stein in einer Strategie diesen Klonherstellern das Leben schwer zu machen. Man wollte wieder im Alleinbesitz der Technologie sein, sowohl bei der Hardware wie auch Software und dann entscheiden, wer diese nutzen darf und zu welchen Gebühren. Zeitgleich entwickelte IBM auch die PS/2 Linie, neue x86 PC mit neuen technischen Features. PS/2 stand für Personal System/2– die Namensähnlichkeit zu OS/2 für Operation System/2 ist offensichtlich. (Der Schrägstrich dahinter scheint ein typisches IBM-Nomenklaturelement zu sein, denn auch Rechner hießen z.B . System/370).

Mit PS/2 wurde der Micochannel eingeführt, erheblich schneller als der ISA-BUS des IBM PC AT, benutzerfreundlicher mit der Möglichkeit der Konfiguration von Steckkarten ohne DIP-Switches um Interrupts und Portadressen einzustellen. Man führte VGA und die PS/2 Maus-/Tastaturschnittstelle ein (gibt es beides bis heute) und die 1,44 MB Diskettenlaufwerke. Alles tolle technische Features. Der Microchannel Bus war aber patentgeschützt, während andere Hersteller die PS/2 Buchsen, Disklaufwerke oder die API der VGA-Karte nutzen konnten und es so Nachbauten dieser PS/2 Bestandteile für die „normalen“ PC gab, verlange IBM für den Micochannel Lizenzgebühren und wollte entscheiden, wer dafür Hardware baute. Der Bus wurde zum totalen Fiasko. Denn er war inkompatibel zum etablierten ISA-Bus. Andere Firma wie Compaq erweiterten einfach den ISA Bus, hängten an den 16 Bit Stecker von ISA einen zweiten (getrennten) Stecker für die Signalleitungen des 80386 Prozessors an, die ein 80286 natürlich nicht hatte. In den ESISA genannten Sockel passten dann neue EISA Karten oder eben alte ISA Karten, die nur den vorderen Stecker nutzten und genau das war es, was die Kunden wollten.

Genau diesen Bruch mit alten Zöpfen hatte aber IBM aber auch mit OS/2 vor. Nur klappte das dort nie wegen der Konkurrenz durch Windows. Ein noch so tolles OS/2 wäre aber sinnlos, wenn die alte DOS-Software nicht läuft, selbst wenn man es frei kaufen könnte und es nicht nur auf einem IBM PC läuft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.