Sand-Tourismus

In meiner Jugend, als es die DDR noch gab, war ein Witz populär: Was passiert wenn man die DDR-Führung in die Wüste schickt? Antwort: Dreissig Jahre lang passiert gar nichts, dann wird der Sand knapp.

An den Witz wurde ich erinnert, als ich von einem Geschäft zwischen der Insel Sylt und den Vereinigten Arabischen Emiraten (im folgenden als VAE abgekürzt) las. Die Vereinigten Arabischen Emirate liegen bekanntlich auf der arabischen Halbinsel und damit in einer Region, die von Wüsten geprägt ist. Es sollte also genügend Sand für den seit Jahrzehnten anhaltenden und ungebrochenen Bauboom dort, vor allem in Dubai, geben. Doch dem ist nicht so. Die VAE müssen in großem Stil Sand importieren und der wird immer teurer und knapper, weil auch woanders viel gebaut wird, vor allem in China und Indien, wo die VAE bisher den meisten Sand bezogen haben.

Doch warum nehmen die Baumeister in Dubai nicht den Wüstensand? Ist der nicht rein genug oder giftig? Nein die Lösung ist viel profaner. Wüstensand wird vom Wind gegen andere Sandkörner und Gestein getrieben und das dauernd – Dünen können sich innerhalb eines Jahres um Kilometer bewegen und damit bewegt sich auch der Sand aus dem sie bestehen. Wüstensand hat durch diesen Prozess zu runde Kanten, womit er sich nur schlecht mit den anderen Bestandteilen von Beton oder Mörtel verbindet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben also jede Menge Sand, doch er eignet sich nicht zum Bauen. Sandmangel gibt es auch woanders. Die Insel Sylt wird langsam aber sicher durch das Meer verkleinert – bis zum Mittelalter (genauer gesagt bis zu einer Sturmflut von 1362) war sie noch mit dem Festland verbunden. Um das Versinken der Insel im Meer wenigstens zu verlangsamen, wird dort Sand aufgeschüttet. Genauer gesagt: es wird vor der Küste Sand gefördert und am Strand wieder ausgeblasen. Das ist nur eine Maßnahme, neben anderen wie der Bepflanzung der Dünen, um das Abtragen und die Erosion zu verlangsamen oder Polder, an denen sich Sand verfangen soll.

Das muss wohl ein einflussreicher Araber mit Kontakten zum Königshaus gesehen haben und er hatte eine Idee: Könnte man dafür nicht auch den Sand nehmen, der bei uns in rauen Mengen vorhanden ist? Er brachte den Vorschlag dem Königshaus vor, die ihn erst durch die Universität von Dubai prüfen lies. Diese setzte sich zur Absicherung mit dem Institut für Meeresgeologie in Kiel in Verbindung, wo man auch den Sachverhalt prüfte. Die Idee schien umsetzbar. Doch Sand von der arabischen Halbinsel nur zum Aufschütten über Tausende von Kilometern zu transportieren ist nicht gerade umweltfreundlich und schlichtweg zu teuer – derzeit wird der Sand direkt vor Sylt, etwa 50 km von der Insel entfernt gewonnen.

Tests mit Wüstensand, der in einer simulierten Grenzregion die Ebbe und Flut ausgesetzt ist, ergaben aber einen interessanten Befund. Wüstensand enthält zahlreiche Mineralien, die mit Wasser reagieren, vor allem Spinelle und eine seltene Subklasse der Feldspate. Diese speziellen Mineralien findet man in normalem Gestein selten, weil durch Wasser im Laufe der Zeit ein Ionenaustausch stattfindet. Dabei werden die Calcium- und Magnesiumionen durch Na+ und K+ Ionen ersetzt. In Meerwasser mit einem Salzgehalt von 3,5 Prozent, wobei das Salz vor allem aus Natriumchlorid besteht, geschieht dieser Ionenaustausch noch schneller. Die entstehenden Verbindungen haben aber anders als die Ausgangsmineralien eine ausgeprägte Hydrathülle. Sie quellen auf, binden viel Wasser und aus leicht verschiebbarem Sand wird durch den Ionenaustausch ein relativ festes Gel. Der Effekt ist in etwa der gleiche wie bei Katzenstreu, dass ebenfalls aus einem solchen Mineral besteht, nämlich Montmorillonit. Die einzelnen Körner des Sands quellen auf und werden zu einer festen Masse, die auch andere Verbindungen miteinschließt.

Dies wurde dann in Kiel genauer untersucht. An einem festen, unbeweglichen Untergrund war man verständlicherweise nicht interessiert. Ein Anteil von 15 % Wüstensand und 85 % normalem Sand hatte aber ähnliche haptische Eigenschaften wie der normale Sandstrand, war gegenüber Spülversuchen deutlich beständiger, es wurden 42 % weniger Material abgetragen.

Trotzdem wäre das wohl eine Randnotiz in der wissenschaftlichen Forschung geblieben, denn auch bei diesen Eigenschaften war es einfach zu teuer den Sand zu importieren, auch wenn die VAE ihn umsonst abgaben, hätte Sylt bzw. andere Nordseeinseln, die dasselbe Problem haben, doch den Transport bezahlen müssen.

Verhandlungen mit einem Vertreter des Königshauses kamen aber zu einer Lösung. Anstatt nur Sand zu importieren, exportiert man auch Sand. Der Meeressand vor Sylt eignet sich vorzüglich zum Bauen. So wird an einer Stelle der Insel Sand aus Arabien mit Meeressand vermischt, und als neuer Wellenbrecherschutz aufgetragen und an anderer Stelle Meeressand gewonnen und auf das Schiff verladen das gerade den Wüstensand gebracht hat. Nun waren die VAE bereit den ganzen Export zu bezahlen, das müssen sie auch beim Import von anderem Sand. Dabei liefern sie mehr Sand, als sie abnehmen, denn der Sand vom Meeresgrund ist natürlich vollständig mit Wasser durchdrungen und hat bei gleicher Masse ein erheblich kleineres Volumen.

Beschlossen ist eine begrenzte Kooperation über fünf Jahre mit der Lieferung von 500.000 Kubikmetern Sand pro Jahr, etwa die Hälfte der Menge die Sylt natürlicherweise pro Jahr verliert. Stimmen die Berechnungen des Kieler Instituts so würde diese Menge nicht nur den Landverlust ausgleichen, sondern die Insel würde langfristig auch wieder größer werden. Umgekehrt hätte Dubai mehr als genug Sand für eigene Prestigeprojekte, zu denen nicht nur Gebäude, sondern auch künstliche Inseln zählen. Auch bei diesen kann man sich die Mischung mit Seesand zugute machen, denn es im roten Meer nicht in der Qualität und Menge gibt, die man benötigt, sodass viele der großen künstlichen Inseln bisher Utopie blieben.

2 thoughts on “Sand-Tourismus

  1. Der enorme Sandverbrauch weltweit ist ein spezielles Problem der Bauindustrie. Das Angebot d.h. die Ressourcen können die Nachfrage z.B. in den Boomländern Asiens nicht decken. Für die Ökosysteme in den Ländern der „3. Welt“ ist dies jedoch eine Katastrophe. In Afrika und Südamerika werden viele Küstengebiete verwüstet, indem dort die Sandstrände im grossen Stiel abgebaggert und nach Asien verkauft werden. Während DE und VAE ihre Luxusprobleme durch diesen Sanddeal lösen wollen, gehen in den armen übervölkerten Ländern der Erde Ökosysteme und Lebensräume unwiederbringlich verloren.

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