Buchkritik: Computergeschichte(n) nicht nur für Geeks

Als ich mein Buch herausbrachte und bei Amazon schaute wie es denn gerankt ist, fiel mir auf, dass es ein Buch mit gleichem Haupttitel schon gibt. Schnell entschlossen, auch weil es eine gute Bewertung hat, habe ich es mir gekauft. Da ich mich immer über Buchkritiken ärgere, die ich bei meinen Büchern ungerechtfertigt empfinde, messe ich es an genau dem was es über sich selbst sagt:

„Geek, Nerd, Fan, Enthusiast, Insider oder einfach nur interessiert? Dieses Buch bietet Computergeschichte in vielen Geschichten: Es startet um ca. 30.000 v. Chr. und zeigt bis in die Zukunft, was es mit der revolutionären Kiste auf sich hat. Von Antikythera bis hin zu altbekannten Rechengiganten. Hier wird programmiert und simuliert, was das Zeug hält. Rechenschieber, Elektronengehirn, Wolken und eine alte Dame namens Ada – lassen Sie sich ein auf eine Reise durch die Zeit. Pausen zum Anschauen, Ausprobieren, Coden und Virtualisieren nehmen Sie sich nach Bedarf!“

Das ist die Amazonbeschreibung, die ich in ähnlicher Form auch auf dem Buchrücken findet. Nun eines ist sicher richtig: Es deckt wirklich so ziemlich alles ab, was man mit Informatik  in Verbindung bringen kann – Zeitlich vom Abakus bis zu neuesten Themen wie Cloud Computing, Hardware, Software, selbst exotische Themen wie Hybridrechner oder F## kommen vor. Aber wie, das finde ich doch deutlich verbesserungswürdig. Nach Dem Umschlagstext soll man sich von den Kapiteln sich eine der Geschichte raussuchen die einen interessiert. Da deutet sich schon der Riesennachteil dieses Buches an, es ist meiner Ansicht nach nicht geeignet sequentiell durchgelesen zu werden. Dazu macht der Autor zu viele Sprünge. Ein Beispiel: Bei den Programmiersprachen beginnt er mit dem Aufbau eines Prozessors, dann kommt folgerichtig Assembler. Danach FORTRAN. Nun aber nicht die folgenden höheren Sprachen, sondern die Turing Maschine. Und dann weitere Sprachen, wobei die Reihenfolge (Cobol, PL/1, C, Smalltalk, Pascal, C++, Prolog, Ada, Python, Basic, Ruby, Java, F#. Das entspricht nun weder einer historischen Reihenfolge noch der Einstufung nach Fähigkeiten. Das ganze hat 46 Seiten, woran man sich denken kann, wie viel auf jede Sprache entfällt.

In der Summe erreicht die Beschreibung daher keine große Tiefe. Nun lautet der Titel zwar „Computergeschichte(n), aber das ist mir dann doch für eine Geschichte deutlich zu kurz. Nur mal am Beispiel: Der Apple II findet sich auf einer Seite, mit einem Bild das die halbe Seite ausfüllt und 15 Zeilen Text. Nach meiner Ansicht hat der Autor zahlreiche Schwerpunkte, wo das Buch tiefer geht, falsch gesetzt. Auf den Apple II folgen z.B. eineinhalb Seiten in denen man ein Programm in Hexadezimal für einen Apple I Simulator eintippen kann. Die Frage ist welchen Sinn dies dem durchschnittlichen Leser bringt und ob er nicht mehr gehabt hätte von der faszinierenden Geschichte rund um den Apple II zu erfahren. Zumal ich denke, dass der Prozentsatz der Leser, die 6502 Code in Hexadezimal lesen können deutlich unter einem Prozent liegt.

Das leitet mich zum zweiten über, das ja auch in der Beschreibung vorkommt: „Hier wird programmiert und simuliert, was das Zeug hält. „. Zahlreiche Einschübe gibt es um Simulatoren oder Entwicklungsumgebungen zu beschreiben und eine Einführung zu geben. Auch hier ist die Palette groß. Vom Intel 4004 Simulator, über eine Turing Maschine, Entwicklungsumgebungen für zahlreiche Programmiersprachen, Emulatoren für Spiele und Heimcomputer. Die Anzahl dürfte ohne Problem eine zweistellige Ziffer erreichen. Doch was bringt es mir? Was nützt mir ein Intel 4004 Simulator, wenn ich den Instruktionssatz des Prozessors nicht kenne. Was nützt mir ein Python Entwicklungsumgebung, wenn ich keine Kenntnisse in dieser Sprache habe, und diese vermittelt das Buch auch nicht, kann es natürlich nicht, denn wie soll dies bei so vielen Themen und diesem Umfang geschehen? Nichts gegen das Konzept, aber ein einfacher Link auf eine Seite des Verlags, wo ich dann gezielt zu den einzelnen Programmen komme und weitere Einführungen findet, wäre um einiges besser gewesen. Den frei gewordenen Platz (grob geschätzt ein Drittel des Buches) wäre mit mehr Hintergrundinformation besser gefüllt gewesen. Das lässt es dem Leser die Freiheit sich dann tiefer einzuarbeiten oder eben nicht. Die meisten wollen ein Buch nur lesen. Zumal ich ein Buch in Ruhe durchlese und wenn ich dauernd wechseln muss zwischen Monitor und Buch habe ich nichts davon. Die Programme gehören ins Netz und nicht ins Buch. Kein Mensch tippt mehr als wenige URLs pro Buch ein.

In der Summe hat man ein Buch, dass wohl am ehesten geeignet als Klolektüre ist. (Das bezieht sich auf den Ort wo man es liest, nicht den Inhalt des Buchs) Die kurzen Geschichten sind gerade zeitlich drauf abgestimmt, es ist dafür nur etwas zu schwer wenn man es in der Luft hält. Wert gute Augen hat kann es ja auf dem Schoß lesen. Es ist keinesfalls geeignet, es von vorne bis hinten durchzulesen. Das ist sehr schade, denn es ist gut geschrieben und leicht zu lesen. Das zerstreute Vorgehen ohne Systematik und die Isolation der einzelnen Geschichten, vor allem aber deren Knappheit verhindern dies. Es erscheint am geeignetsten als eine Vorlage für einen Volkshochschulkurs, wo man alles mal anschnuppert und am Computer da einige der Simulationen probiert. Wer schon etwas Ahnung von Computern hat wird nichts neues entdecken und für die älteren die gerne darin schwelgen, wie faszinierend dieses Hobby doch noch vor 20,30 Jahren war, finden wenig um diese Nostalgie aufzuwärmen.

Ich würde mit eine zweite Auflage wünschen, ohne Simulationen und Programmierumgebungen (glaubt der Autor ernsthaft, jemand der noch nie programmiert hat könnte von diesem Buch inspiriert werden C# oder Ruby zu lernen?) mehr Hintergrundinformationen, etwas weniger Geschichten, diese dafür ausführlicher und vor allem systematischer, sodass man es wirklich von vorne bis hinten durchlesen kann.

Bei Amazon würde ich wohl drei Sterne geben.



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