Alte Medien, neue Medien

Ich habe während ich in Nesselwang war, einen Bericht über das Internet und Firmen die damit Geld verdienen gesehen, die Methoden wie Google Suchanfragen kombiniert, Amazon, das Surf- und Kaufverhalten bewertet und ähnliche Produkte vorschlägt und die Kritik daran. Eine Kritik war, dass man mit der Autovervollständigen Funktion von Google nicht mehr überraschend auf etwas neues stößt, sondern praktisch in Bahnen gelenkt wird, die von Millionen vorgezeichnet sind.

Da fiel mir auf, dass seit Jahren ich eines nicht mehr habe, was es in der Anfangszeit des Internets häufiger hatte – das Stolpern über etwas, was man gar nicht gesucht hat, aber durch Zufall fand. Das hat natürlich auch Gründe. Ich suche heute viel gezielter. Ich kombiniere Suchbegriffe, ich grenze Dateitypen ein – wenn es um Raumfahrt geht, finde ich das meiste in pdfs und ppt und nicht etwa in Webseiten. Aber auf der anderen Seite, wenn man einen wahllosen Suchbegriff eintippt, dann dominieren auf der ersten Seite andere Metasuschmaschinen, Verzeichnisse für Personen oder ähnliches und prominente Webseiten wie die Wikipedia. Durch Zufall hier auf eine private Website zu stoßen ist fast unmöglich.

Dann habe ich, als ich in Nesselwang war, viel mehr Fernsehen geguckt als sonst und bin bei ZDF Neu und ZDF Info über einige Wiederholungen von Wissenschaftssendungen gestoßen. Zuletzt lese ich derzeit noch Ernährungsbücher fürs nächste eigene Buch. Das bringt mich zu dem heutigen Thema: Medien. Viele in der PISA-Generation sind ja der Meinung, man müsste gar nichts mehr lernen, und könnte alles im Internet nachschlagen. Nicht nur Antworten auf fragen, sondern komplette Lösungswege. Doch darauf komme ich später zurück.

Ich meine, jedes Medium hat seine Berechtigung. Fangen wir mit dem Fernsehen an. Die Möglichkeiten sind hier immens. Bilder prägen sich viel mehr ein, als Schrift. Nicht umsonst sind Naturfilme so beliebt, weil man bei guten Filmen Natur erleben kann. Bilder können aufrütteln. Seien es vereinsamte Orang-Utans in einer Auffangstation deren Lebensraum für Palmöl für Biosprit abgeholzt wurde, seien es hungrige Menschen in Äthiopien. Animationen und Trickfilme können komplexe Dinge verständlich machen oder die Vergangenheit lebendig.

Aber es hat auch gravierende Nachteile. Das eine ist, dass zumindest ich (aber ich denke auch andere) kaum noch auf den Text hören, wenn sie richtig gebannt von Bildern sind. Das zweite ist, das mir das Fernsehen das Tempo vorgibt, aber auch die Reihenfolge und es mir nicht ermöglicht, eine Pause zu machen. Das ist sicher ein Grund, warum ich in letzter Zeit viel offline schaue, also Fernsehmittschnitte vom OTR. Der letzte Punkt wurde mir klar, als ich für mein Computerbuch nach den originalen Transscripts der Dreiteilligen Dokumentation „Triumph of the Nerds“ gelesen habe, wegen Zitaten. Wenn man es sich durchliest, dann merkt man erst was dort an Information drin steht und wie viel schneller man es gelesen, als gehört hat, obwohl diese Serie heraus sticht durch viele Interviews und viele Moderationsbeiträge, also eine hohe Informationsdichte aufweist. Das bedeutet, dass man aus dem Fernsehen recht wenig Information pro Zeit aufnimmt.

Kommen wir zum Internet. Beim Internet gibt es zwei Einschränkungen. Das eine nenne ich mal den „Surf-Effekt“ oder das „Gewinnen von nutzlosem Wissen“. Also ich beschreibe mal wie ich das sehe. Ich fange seit es das Internet mit Flatrate gibt und damit „Information on your fingertipps“ an schnell nachzuschauen, wenn ich was belangloses aufgeschnappt habe. Also da gibt es einen Promi in einer Sendung, den ich nicht kenne. Mal schnell nachgeschaut um wen es sich handelt und was er bisher gemacht hat. Oder im Radio kommt ein Lied – hmm von wem stammt das? Früher wäre das nicht möglich gewesen und ich hätte es gelassen. Ist mein Leben ärmer gewesen? Nein, denn das alles ist nicht unbedingt wichtig und vieles vergisst man auch bald (oder sofort) wieder. Zumal es ja nicht bei einem Link bleibt, sondern man meist auf weitere Seiten weitergeht und dabei viel Zeit verbraucht. den zweiten Hauptnachteil des Internets habe ich schon mehrfach thematisiert. Es ist die Tatsache, dass es als Medium nicht gedacht ist lange Texte am Bildschirm zu lesen. Das ist umständlich und nicht gut für die Augen. Natürlich kann man trotzdem komplexe Themen in einzelne Punkte aufteilen, wie die Wikipedia aber auch meine Website zeigen. Aber genauso wenig wie ein Lexikon ein Lehrbuch ersetzen kann und eine Frauenzeitschrift einen Schmöker genauso wenig kann das Internet als Medium alleine ausreichen.

Kommen wir zum letzten Medium. Dem Buch. Das Buch hat wie die anderen Medien Vorteile und Nachteile. Anders als beim Fernsehen und Internet kann man es überall konsumieren. Es ist beständig, benötigt aber auch viel Platz. Ich denke der Verbund von e-book und Büchern ist die ideale Kombination. Denn es ermöglicht den Hauptnachteil des Buches zu kompensieren – zu suchen wo etwas steht, dauert sehr lange, wenn man nicht schon vorher ungefähr weiß wo. Zudem ist es äußerst platzsparend. Ansonsten ist eben der Hauptvorteil, dass man in einem Buch komplexe Dinge aufbereiten kann – es gibt nicht umsonst bis heute Lehrbücher. Während ich denke das Internet Lexika also Dinge, wo ich noch einzelne Informationen nachschlage, abgelöst hat. Was ich aber auch feststelle, ist dass ich immer weniger Zeit für Bücher habe, denn sie sind zeitintensiv. Ein Buch durchzulesen und nicht nur zu überfliegen, die Information zu verarbeiten benötigt Zeit. Zumal man bei vielen Büchern beim ersten Durchlauf nicht alles aufnimmt. Diese Erfahrung kann sicher jeder bestätigen, der mal ein Lehrbuch gelesen hat, aber auch wer Romane mehrmals liest stellt fest, dass er beim zweiten Mal einige Details mitbekommt, die beim ersten Mal der Aufmerksamkeit entgeht.

Ich glaube daher dass alle drei Medien bestehen werden. Was bestimmten Medien zum Nachteil werden kann ist die menschliche Ungeduld. Für Bücher braucht man viel Geduld, aber  auch für Fernsehen. Wie schnell hat man umgeschaltet oder ist woanders gelandet. Internet hat diesen Nachteil nicht. Es ist sofort, aber es ist auch für den menschlichen „Jäger und Sammlertrieb“ was ziemlich nachteiliges, weil man sich leicht darin verliert.

Ich selbst bin mit Büchern aufgewachsen und wohl auch dem Medium verwachsen. Ich bin stolzer auf meine Bücher als auf die Website und ich schaue öfters zum Nachschlagen in Bücher als auf die Website. Aber ich bin da wohl eine aussterbende Gattung …. Ich glaube aber auch, dass man alle Medien braucht. Bücher halte ich nach wie vor für unentbehrlich, wenn ich daran denke Grundlagen zu vermitteln oder einfach was längeres wie einen Roman. Das Internet ist das ideale Medium um bei einer konkreten Frage nachzuschlagen oder bei einem konkreten Problem eine Lösung zu suchen. Was auf der Strecke bleibt ist das Fernsehen, das irgendwie dazwischen liegt und das vom Internet leicht übernommen werden kann – Videos kann man schon lange auf Youtube ansehen, Animationen können sogar interaktiv sein und Welten virtuell. Was (zumindest wenn es um die Vermittlung von Wissen geht) der Vorteil des Fernsehens ist, ist die Möglichkeit jenseits von Clips Zusammenhänge darzustellen und den Benutzer zu leiten. Der zweite Hauptvorteil ist natürlich das man sich nur berieseln lassen kann, also anders als beim Lesen oder Surfen, selbst nichts aktiv tun muss. Unverständlich, dass die Fernsehsender in ihren Mediatheken durch Staatsverträge verdonnert sind die Inhalte nur eine Woche lang online zu stellen. Auch unverständlich, dass es bis heute kein Online Archiv gibt in dem man alte Sendungen einsehen kann. Das wäre enorm nützlich. Ich würde gerne die Tagesschau nach bestimmten Ereignissen nochmal sehen, auch für Recherchezwecke, wie z.B. wie lange es dauerte nach dem Challengerunglück, bis man eine Ahnung von der Unglücksursache hat. Durch Zufall sah ich in meinem Urlaub eine Reportage über den Mississippi aus den Siebzigern. Ja damals war noch von „Negern“ die Rede – heute dürfen ja nicht mal mehr Schokoküsse so heißen. Aus historischer Sicht wären viele alte Reportagen interessant. Warum das nicht kommt? Ich denke die Sender wollen, aber sie dürfen nicht. Sie mussten ihr Onlineangebot nach Klagen der Presse ja schon reduzieren. Wie immer schaden Privatinteressen der Allgemeinheit.

5 thoughts on “Alte Medien, neue Medien

  1. lesen vs. hören
    Die Behauptung, das man ein Skript schneller gelesen hat, als den Beitrag zu hören, trift zumindest für mich nicht zu! – Wenn ich etwas höre, sei es Radio, Fernsehn oder sonstwo, bekomme ich die Information in kürzerer Zeit, als wenn ich den vorgetragenen Text selber lesen würde. Ich weis nicht, ob ich deshalb besonders langsam bin, aber um beispielsweise eine Seite eines Romans zu lesen, benötige ich so etwa 2 bis 3 Minuten, kenne aber auch Leute, die das in weniger als einer Minute schaffen.

    Was die Online Archiv der öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten angeht, so waren deren Internetangebote ursprünglich ja so angelegt, das man darin recherchieren und auch alte Sendungen finden konnte. Bis die Privatsender ihre Interessenen in Politik und Rundfunkräten weitest gehend durchgesetzt hatten, die die ÖR dazu verdonnert wurden, ihren Webinhalte nach einer Woche zu löschen. Unverständlich ist dabei eigentlich nur, das es viel zu viele Politiker gibt, die mit den Interessen der Privatwirschaft soweit verflochten sind, das sie die Interessen der Allgemeinheit gegenüber jenen einer bestimmten Gruppe in den Hintergrund rücken. – Im Zweifel entscheiden die sich dann immer für jene, die am lautesten schreien oder am aufdringlichsten ihre Interessen vertreten. Sofern sie überhaupt noch durchblicken, worüber sie eigentlich genau entscheiden…

  2. Also bei den meisten Leuten ist es so, dass Lesen schneller geht, wer sich noch an die schule zurückerinnert, wo einer vorließ und man mitlest kann dies auch bestätigen. Ich habe sogar mal davon gehört, dass man durch Überfliegen des Textes 80% der Information in einem Bruchteil der Zeit aufnehmen kann. (wieder ein Beispiel für die 80:20 Regel).

  3. Das läßt sich doch recht leicht überprüfen: Eine Seite durchlesen und dabei die Zeit stoppen. Anschließend die gleiche Seite laut vorlesen, und wieder die Zeit stoppen.

  4. @Elendsoft: Die Idee ist gut, das werde ich mal testen.

    @Bernd: Ich kann jetzt wieder nur für mich sprechen, aber ich glaube, das mit der Schule ist ein schlechtes Beispiel, weil ich mich nicht daran erinnern kann, dass das Vorlesen da mal intensiver geübt wurde, wenn man von der Grundschule mal absieht. – Aber ab der 5. Klasse kam Vorlesen bei mir nur noch selten vor, und geübt wurde es gar nicht mehr.
    Und ansonsten scheint die 80:20 Regel beim Überfliegen eines Textes bei mir eher anders herum zu gelten, d.h. beim Überfliegen kriege ich nur 20% des Inhalts mit, weil ich den Rest mehr oder weniger bewusst ausblende.
    Ich hab auch mal gehört, das man von einem Vortrag, wenn man ihn nur einmal hört, langfristig nur etwa 20% des Inhalts behält. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

  5. Na ja, dass unsere Erinnerung nicht 100% funktioniert und natürlich man auch immer mehr vergisst ist nichts neues. Was ich eher meine ist einn weitere Beispiel für die Paretoregel:
    http://www.bernd-leitenberger.de/blog/2010/05/10/das-paretoprinzip/
    Vielleicht kennt der eine oder andere auch das noch von Prüfungen: Die wo nur 20% der Zeit der anderen investierten um das Material grob zu überfliegen konnten trotzdem noch 80% der Punkte kassieren und kamen auch durch….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.