In memoriam: Chris Kraft

Am Montag verstarb im Alter von 95 Jahren Chris Kraft. Damit ein weiterer Veteran der frühen Raumfahrt, soweit ich weiß, war er von den noch lebenden „prominenten“ Persönlichkeiten, also denen die man neben den ersten Astronauten als Raumfahrtfan kennt der älteste.

Chris Kraft begleitete die NASA von Anfang an. Er kam vom NACA, der Vorgängerorganisation die sich mit der Erforschung von Flugzeugen beschäftigte und hatte sich schon hier einen Namen gemacht als er bei zahlreichen Flugzeugen die in der Entwicklung Probleme hatten zusammen mit den Herstellern an Lösungen arbeitete, so auch an der F-9, wo er John Glenn kennenlernte.

1958 war der Sputnikschock noch nicht verdaut und man dachte weiter und plante schon ein bemanntes Programme Maxime Faget hatte eine Kapsel in Form eines Kegels erarbeitet und das NACA kreierte eine Space Task Group (STG) unter der Leitung von Robert Gilruth die ein bemanntes Projekt ausarbeiten sollte. Das war im August 1958 und als man ein Konzept so weit fertig hatte, im Oktober wurde die NASA gegründet, die NACA eingegliedert und die STG hatte das erste NASA-Projekt, das einige Monate später im Dezember „Mercury“ heißen sollte. Die Vorarbeiten wurden in Rekordtempo vorgezogen: die Requests for Proposals gingen im Oktober raus. Im November wurden die Rückläufer gesichtet und im Dezember entschied ein Komitee über die Finalisten. Im Dezember 1958/Januar wurden dann schon die Verträge unterschrieben. Der erste bemannte Start war für den Februar 1960 vorgesehen, der erste mit der Atlas im April und im September 1960 sollte, das Programm abgeschlossen sein. Es war ein ambitionierter Zeitplan, der nicht eingehalten werden konnte.

Die Zahl der Beschäftigten bei Mercury stieg und Chris Kraft wurde Leiter für die Organisation und Training der Bergungsmannschaften und bei den Flügen dann Flugleiter.

Ab Gemini 8 rückte er in der Hierarchie des inzwischen gegründeten Zentrums für Bemannte Raumflüge in Houston zum Missionsleiter auf, ab Apollo 13 dann zum stellevertretenden Direktor des Zentrums für bemannte Raumfahrt in Houston, ab 1972 dann Direktor und damit Herr über mehrere Tausend Angestellte. 1982 ging er in Rente, blieb aber als Berater aktiv.

Das ist eine eindrucksvolle Karriere, in der die wichtigsten bemannten Programme der NASA bis zum Jungfernflug des Space Shuttle fallen. Er etablierte das bis heute gültige System von Rules und Procedures. Rules das waren Regeln, die nicht an bestimmte Situationen oder Hardware gebunden waren, sondern allgemein und die einen Rahmen für Entscheidungen für Notfälle und Unvorhergesehenes bereitstellten. Eine Regel war z. B. „Ein Abbruch ist nur dann angesagt, wenn neben einem Abbruchsignal auch eine Abweichung vom normalen Verhalten vorliegt“. Daran wurde ich bei der Recherche zum Program Alarm erinnert, als in einer Trainingseinheit dieser Alarm der AGC „1202“ auftrat, lies damals Gene Kranz abbrechen und das verletzte die Regel, denn der Alarm war unkritisch und beeinflusste nicht die Landung. Gene Kranz hatte das System verinnerlicht und stellte eigene Rules auf.

Die Art wie Mission Control allen Situationen und Aktionen begegnete waren Procedures. Das waren fest vorgeschriebene Verfahrensvorschriften für jeden Fall sowohl den regulären Aktivitäten, wie auch den Notsituationen, zumindest denen an die man gedacht hatte. Sie wurden von den Astronauten aber auch Flugkontrolleuren in Mission Control solange geübt, bis alle Beteiligten sie auswendig konnten. Ein Simulator in Mercury hieß denn auch „Procedures Trainer“. Klingt nicht nur bürokratisch, war auch so, war aber der beste Weg Notsituationen zu begegnen. Den so war die Vorgehensweise eingeübt, Stress wurde reduziert und jeder wusste, was er tun musste. Trotzdem glänzte die NASA bei Apoollo 13, obwohl dieses multiple Versagen niemals eingeübt worden war.

Christopher Krafts Verdienste für die bemannte Raumfahrt sind unbestritten. Ich selbst halte ihn aber nicht für eine Persönlichkeit, die ich gerne kennengelernt hätte. Mir war schon bevor ich seine Autobiografie ein Charakterzug bei ihm aufgefallen. Das war, wie er Astronauten niemals eine zweite Chance gab, wenn sie einen Fehler begingen, egal ob sie was dafür konnten oder nicht. Scott Carpenter vermasselte seine Mission und brachte sich in Lebensgefahr. Da kann ich diesen Schritt noch verstehen, zumal er während des Flugs mehrmals darauf hingewiesen wurde Treibstoff zu sparen. Anders sieht es bei Rusty Schweickhardt aus. Er wurde bei der Apollo 9 Mission weltraumkrank. Das war der erste bekannt gewordene Fall in den USA (Frank Bormann wurde auch schlecht bei der Apollo 8 Mission, doch da konnten die Astronauten das verheimlichen, auch weil sie die drei Tage bis zum Mond nicht viel zu tun hatten und bei den engen Mercury- und Geminikapseln trat das Phänomen nie auf, weil sich die Astronauten kaum bewegen konnten). Schweickhard bekam keine weitere Flugchance. Selbst im Skylabprogramm war er nur in der Ersatzmannschaft. Bei Skylab 4 wurden die Astronauten erneut raumkrank und verheimlichten dies, vergaßen aber das alle Gespräche aufgezeichnet und später zum Boden überspielt wurden. Gravierender noch: Sie kamen mit dem Arbeitspensum nicht nach und „meuterten“ und bekamen schließlich sogar alle 6 Tage einen freien Tag. Also einen freien Tag pro Woche. Auch sie flogen nie wieder und zwar alle drei. Dabei sieht die Bilanz ihrer Mission, was durchgeführte Experimente und Stunden für sie aussieht, nicht schlechter aus als bei den beiden vorhergehenden Missionen, von der ISS mal ganz zu schweigen.

In seiner Autobiografie fand ich diesen Charakterzug bestätigt. Sie ist voller Kraftausdrücke und Schimpfworte, erstaunlich viele davon deutsche Lehnwörter wie „Kindergarden“ oder „kaputt“. Krafts Vorfahren kamen Mitte des 19-ten Jahrhunderts aus Bayern, das scheint abgefärbt zu haben. Er würde sicher auch in Bayern mit dem Charakterprofil politische Karriere machen.

Es ist, wenn man die Biographie liest, auch klar das sie sehr subjektiv ist. Es gibt Personen die mag Chris Kraft und über die lässt er nichts kommen wie John Glenn, selbst wenn er schnell seinen Ruhm versilbert und die NASA verlässt und es gibt Leute die mag er nicht und die macht er runter wie Scott Carpenter (der obwohl er Flugverbot hatte in der NASA blieb) und Wernher von Braun bzw. alle deutschen Raketenwissenschaftler, die für ihn Nazis sind, die Waffen gegen Amerika entwickelt haben. Selbstkritik gibt es nur in kleinen Dosen. So war er für ein riskantes Manöver das Buzz Aldrin vorschlug als bei der Gemini 9 Mission die Nutzlasthülle sich nicht vom ATDA löste. Cernan sollte zum ATDA rüber klettern an dem Band ziehen, bis es sich löst und das neben einer dann aufschnappenden Nutzlasthülle mit scharfen Kanten. Gene Kranz regte sich über diese Entscheidung auf und meinte er wäre als Flugdirektor für diese Entscheidung zuständig aber anscheinend wären Flugdirektoren nur Hampelmänner der Missionsleistung. Die Crew löste das Problem selbst indem sie zwar die Durchführung bestätigte dann aber erst eine Schlafpause vorher einlegen wollte – wohl wissend das bis dahin der Manövriertreibstoff um erneut das ATFA anzufliegen nicht mehr ausreichte und man so das Manöver strich. In seiner Biografie die 35 Jahre später erscheint verteidigt er das Vorhaben immer noch.

Später als Berater steht Kraft für ein Papier das vorschlug die Wartung des Space Shuttle zu privatisieren, es wäre ein operationelles Gefährt. Da machte die NASA auch und das soll auch ein Grund dafür gewesen sein, dass man bei STS-107 nicht auf das abfallende Schaumstück reagierte. Das Kraft nicht viel, daraus lernte zeigt den auch die Oral History, in der er sagte:

“We had two failures, which were catastrophic. Both were the fallacies of man, not the fallacies of the machine,” he said. “(Challenger) was a failure of the human brain, not of the machine. We should have fixed it. Same is true of the debris. Eventually they were playing Russian roulette.

“So take what Chris Kraft says with a grain of salt. I say the machine has never really failed. There is no rocket, even with those two failures, that has the success rate of the space shuttle. It’ll be a cold day in hell when that is improved on.”

Ist nicht gerade konsequent: wenn die Fehler alle menschlich sind, warum privatisiert man dann, wodurch jeder weiß, das dort weniger die Sicherheit als vielmehr der Gewinn zählen?

Das sind die Schattenseiten eines Mannes mit großen Verdiensten für die bemannte Raumfahrt, aber leider nur wenig Fähigkeit zur Selbstkritik und einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken. Wer Lust hat, kann sich selbst ein Urteil bilden und seine Autobiografie lesen. Immerhin er hat eines fertiggebracht: er ist einen Tag nach dem fünfzigsten Jahrestag der Mondlandung gestorben, vielleicht in den USA wegen der Zeitverschiebung sogar noch am selben Tag. Sicher nicht beabsichtigt, aber ein einprägsames Datum.

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