Corona Epidemiologie 2

Ein weiterer Blog zur Corona (Covid-19) Epidemie. Wie schon bei meinem letzten Blog betont – ich bin dafür kein Experte, aber ich habe auch eine eigene Meinung und es mag zwar die Versammlungsfreiheit, aber nicht die Meinungsfreiheit abgeschafft worden sein.

Es geht um die Kontakteinschränkungsmaßnahmen und ihre Dauer. Die Kanzlerin hat ja betont, dass die über den 20. April hinaus verlängert worden können. Ziel sei es die Verdopplung der Fallrate auf 10 Tage zu beschränken, um das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Erst mal ein paare Grundlagen. Epidemiologen sind sich einig, das die Epidemie erst zum Stillstand kommt, wenn 60 bis 70 % der Bevölkerung infiziert sind. Das klingt erst mal nach einem Horrorszenario, ergibt sich aber aus den Grundlagen der Epidemiologie. Eine Epidemie kommt zum Stillstand, wenn jeder Kranke einen Gesunden neu infiziert. Dann ist die Belastung des Systems konstant. Ist sie höher, so wird es überlastet, ist sie kleiner so nimmt die Epidemie ab. Das hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der ein Virulenter einen neuen ansteckt. Für Covid-19 hat man aufgrund der bisherigen Befunde herausgefunden, das dies im Durchschnitt drei Personen sind. Wer es genau erklärt haben will: Leschs Kosmos erklärt das in der letzten Folge recht gut.

Nehmen wir Merkels Szenario von einer Verdopplung alle 10 Tage und heute etwa 62.000 Fälle (etwa doppelt so viel wie seit meinem letzten Blog) so sind das rund 10 Verdopplungen oder 100 Tage, bis man die 60 bis 70 % Fallzahl bei 82 Millionen Bundesbürgern erreicht, also etwa bis Ende Juli. Allerdings ist eine Verlangsamung der Verdopplungsrate auf konstant 10 Tage nicht das, was man haben will, das muss die Kanzlerin falsch verstanden habe. Denn es würde in der letzten Konsequenz heißen, dass bei der letzten Verdopplung in 10 Tagen es rund 30 Millionen neue Fälle gibt – nur mal zum Vergleich bisher haben wir in zwei Monaten 62.000 Fälle erreicht, was jetzt schon zu den restriktiven Maßnahmen geführt hat.

Mein Ansatz ist ein anderer – wie viele Fälle könnte das Gesundheitssystem dauerhaft schaffen, ohne zusammenzubrechen. Nach Medienangaben gibt es 15.000 Intensivbetten für die Behandlung. Gottseidank benötigt nicht jeder infizierte ein Intensivbett. Bei 85 % der positiv Getesteten verläuft die Infektion harmlos, wie man durch die Tests jetzt schon weiß, haben die Hälfte der Infizierten gar keine Symptome bemerkt. Bei 15 % aber ist sie schwer. Doch auch „schwer“ heißt nicht, dass jeder ins Krankenhaus kommt und ich denke bei denen wird auch ein guter Teil keine Intensivbehandlung benötigen. Nach der Meldung benötigen ein Drittel der schwer Erkrankten eine Intensivbehandlung. Die Zahl der Betten, die man benötigt ergibt, sich durch Teilen der verfügbaren Bettzahl (15.000) durch die Belegungstage. Nach dem Artikel kann bei Personen, die ins Krankenhaus kommen, die Epidemie drei bis sechs Wochen dauern, während sie bei leichten Symptomen nach 10 bis 14 Tagen beendet ist. Nimmt man nur die untere Schwelle, 20 Tage, so dürfen also pro Tag maximal 750 Personen (15.000 Betten / 20) einer neuen intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Da dies rund 5 % der Infizierten sind, sind das maximal 15.000 neue Fälle pro Tag, mithin würde man bei 50 Millionen, die infiziert werden, dürfen, bis die Epidemie zum Stillstand kommt, 3300 Tage brauchen bis Schluss ist, also rund neun Jahre. Schon jetzt kommt Frankreich ja in Probleme: Nach Berichten werden im Elsass über Achtzigjährige nur noch palliativ behandelt. „Palliativ“ – die Behandlung nur mit Schmerzmitteln, kennt man sonst nur bei Personen, die im Sterben liegen.

Selbst wenn man die Zahl der Betten signifikant erhöht oder alle Krankenhausbetten (rund 497.000 in der BRD) nimmt, würde es rund 110 Tage dauern, bis man alle Personen durchhat. Dann darf aber in der Zeit niemand sonst ins Krankenhaus. Bei 50 % „normaler“ Belegung verdoppelt sich schon die Dauer auf 220 Tage.

Damit ist klar: nur durch die Verlangsamung der Infektion wird man der Epidemie nicht Herr, außer man will über Jahre hinweg die Wirtschaft herunterfahren mit den schon erlassenen Kontaktverboten. Schon die kurze Periode jetzt soll Kosten aufwerfen wie die ganze deutsche Einheit und die fielen über einige Jahre an.

Die Hoffnung liegt daher auf zwei anderen Säulen: Das eine sind Medikamente, die gegen die Krankheit helfen und auch gerade erprobt werden, vor allem Medikamente, die man gegen andere virale Erreger schon entwickelt hat. Sie schützen zwar nicht vor der Krankheit aber im besten Fall benötigen weniger Personen eine intensivmedizinische Behandlung, oder müssen gar nicht ins Krankenhaus. Das erlaubt dann viel höhere Fallzahlen. Die werden auch erst zum Ende kommen, wenn die obige 60 bis 70 % Infektionsrate erreicht ist, man sollte sich also schon mal an Millionen Fälle in Deutschland und weltweit an Milliarden gewöhnen. Die zweite Hoffnung ist, dass es einen Impfstoff gibt, denn ist man geimpft, dann zählt die Person auch zu den infizierten. Es erfolgt die Impfung schließlich mit Bruchstücken von Viren oder inaktiven Viren.

Die grundlegende Taktik dürfte es also sein, die Neuinfektionsrate so lange unter der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems zu halten, bis eines der beiden Mittel zur Verfügung steht. Wie umkämpft das ist, zeigt sich schon daran, dass Trump, eine Tübinger Firma die an einem solchen Impfstoff arbeitet, aufkaufen wollte. Wie schäbig geht es noch? Ist das die Vorstellung von „America first“? Nichts gegen eine finanzielle Beteiligung der USA bei der Suche nach einem Impfstoff um dies zu beschleunigen, aber ein Impfstoff, der dann nur exklusiv den USA zur Verfügung steht? Wenn es einen gibt, dann sollte er weltweit sofort eingesetzt werden, um die Epidemie zu stoppen. Das dürfte auch im Interesse der USA sein, denn deren Wirtschaft nützt es ja nichts, wenn US-Bürger dann geschützt sind, die Epidemie woanders aber noch wütet. Bei der heute verflochtenen Produktion reißen auch dann alle Lieferketten. Inzwischen sind die USA ja wieder „great again“ – sie führen bei den weltweiten Fallzahlen an. Stand heute Vormittag (30.3, 10:00) 142.000 Fälle. Damit haben sie Deutschland überholt – in einer Woche 120.000 neue Fälle, in Deutschland waren es nur 32.000. Ich glaube das wird angesichts dessen, das es keine Krankenversicherung für 25 Prozent der Bevölkerung gibt, und man die Behandlung in den USA dann sofort bezahlen muss auch noch erheblich mehr werden.

Für mich steht als Folge nur eines fest: die Maßnahmen werden noch erheblich länger aktiv bleiben müssen. Mindestens solange bis man entweder Medikamente oder noch besser einen Impfstoff verfügbar hat und das können Monate sein, vielleicht sogar ein Jahr. Dann wird man wohl abgestuft vorgehen, also zuerst die Beschränkungen dort aufheben, wo die wirtschaftlichen Folgen am größten sind. Beschränkungen für Freizeitaktivitäten werden dagegen länger Bestand haben.

Es kann auch durchaus noch schlimmer kommen. Wenn die Fallzahlen weiter ansteigen, wird man wie in Italien oder Spanien die Maßnahmen verschärfen müssen. Das heißt, alle nicht zur Versorgung der Bevölkerung wichtigen Industrien werden dann zeitweise dichtmachen. Ich warne auch davor, die Maßnahmen schnell wieder einzustellen. Denn nur sie bremsen derzeit das Virus. Bei 62.000 infizierten sind eben 99,9 % unserer Bevölkerung nicht immunisiert und würde man sie aufheben, so würden die Fallzahlen bald wieder ansteigen. Man wird durch Hygienemaßnahmen vielleicht sie lockern können, wenn es mal genügend Atmeschutzmasken für alle gibt, dann wären diese ein rudimentärer Schutz vor Ansteckung. Dann müsste man über eine längere Zeit immer, wenn man aus dem Haus geht, so eine Maske tragen.

Zuletzt noch was zur Öffentlichkeitswahrnehmung. In den Medien wird die Kontaktreduzierung als große Einschränkung dargestellt. Sowohl durch menschenleere Studios wie auch durch Interviews auf der Straße oder Meldungen von Hörern in Radioprogrammen. In allen ist der Tenor: notwendig, aber doch stark einschränkend. Das mag für einige gelten. Aber Tatsache ist auch: es gibt eine Reihe von Personen, die haben von sich aus wenig Kontakt mit anderen, für die ändert sich fast nichts. Daneben gehen die meisten noch zur Arbeit und treffen dort noch ihre Kollegen, was auch bei den meisten die häufigsten sozialen Kontakte darstellt. Richtig einschränken müssen sich die sonst viele Leute treffen oder noch mehr und da wird es auch wirtschaftlich schwierig, die jetzt schon in einem Betrieb arbeiten, der zumachen musste, wie die Gastronomie.

Zwei kleine Anmerkungen noch. In den USA sehen derzeit ultrakonservative „Christen“ das Covid-19 Virus als eine „Strafe Gottes“. Wenn dem so wäre, dann würde ich mich als Angehöriger einer solchen Sekte mal fragen, warum ausgerechnet die USa die meisten Fälle haben, wo sie sich doch selbst als „Gods own Country“ ansehen ,,,

Und wenn konzerne wie H&M, Deichmann, Adidas und C&A meinen das die Nicht-Kündigungsregelung der Bundesregierung sie berechtigt keine Miete mehr zu zahlen (was das Gesetz übrigens nicht hergibt), dann appelliere ich an jeden Kunden dieser Firmen nichts mehr dort zu kaufen.

9 thoughts on “Corona Epidemiologie 2

  1. Eine konstante Verdopplungsrate wird es nur solange geben, wie die Schutzwirkung durch überstandene Krankheit noch vernachlässigbar ist. Das ist der Fall, wenn nur ein geringer Teil der Bevölkerung infiziert ist. Je mehr Infizierte es gibt, desto mehr flacht die Infektionskurve ab.

    Zu Trump: Er hat seinem Land deutlich mehr geschadet, als Bin Laden. Nicht nur bei Corona. Er könnte sich „Bin Corona“ nennen.

    1. Prinzipiell hast Du recht, nur muss dann eben der Anteil der infizierten signifikant sein. Wenn es z .B. ein Drittel der Bevölkerung wären (immerhin 27 Millionen) dann würde sich der Anstieg nur auf 2/3 abflachen. Hinsichtlich Ausbreitung würde ich mir die verlinkte Sendung mal ansehen, die erklärt das recht gut.

      Zu Trump: ich habe ja noch die Hoffnung das er erkrankt, er gehört ja vom Alter her in die besonders gefährdete Gruppe, dann hätte die Epidemie wenigstens etwas gutes …

  2. Hallo Herr Leitenberger,
    ich weiß nicht, ob ich das richtig interpretiere, oder falsch liege:
    Wenn ein Infizierter jeweils einen neuen Infiziert, dann verdoppelt sich die Anzahl der Infizierten bei einer
    Inkubationszeit von 5-7 Tagen plus der Zeit wo man selbst noch ansteckend ist (3-5 Tage???)
    – so in ca. 10 Tagen,
    Wenn die Zahl der Infizierten sich innerhalb von 10 Tagen verdoppelt,
    die Inkubationszeit aber nur ca. im Schnitt 5-7 (+ ansteckende Zeit) Tage ist,
    bedeutet das für mich, das die Ansteckungsrate bei ca. 1 oder kleiner sein könnte?
    (Ein Infizierter steckt eine Person oder weniger an),
    und damit ab dem Zeitpunkt die Anzahl der Neuinfektionen gleich sein oder zurückgehen könnte?
    Insbesondere dann, wenn sich die Menschen bei den ersten Anzeichen nach 5-7 Tagen sich
    sehr zurückhaltend verhalten würden?
    (Ich könnte mir vorstellen, das das der Hintergrund der Aussage von Frau Merkel war,
    die ja eine naturwissenschaftliche Ausbildung hatte.)

    P.S: Ich finde Ihre Raumfahrtinfos sehr informativ und Interessant und lese diese sehr gern und regelmäßig!

    1. Wie schon gesagt, ich bin kein Experte. Aber schon alleine die Inkubationszeit scheint sehr variabel zu sein, genannt werden 2 bis 14 Tage, daher auch die 14 Tage Quarantäne. der Schnitt liegt nach rki aber bei 3-7 Tagen. Wie lange jemand infektiös ist habe ich nicht gefunden. Ich denke das ist aber auch variabel. (infektiös <> krank, denn die Krankheit kommt auch durch Sekundärinfektionen zustande).

      https://www.lungenaerzte-im-netz.de/krankheiten/covid-19/ansteckungsgefahr-inkubationszeit/

      Doch das ist für das Gesundheitssystem nicht wesentlich, sondern wie lange ein Patient das Bett „belegt“. Wenn man 15.000 Intensivbetten hat und jeder Patient verbringt eine Woche so dürfen pro Tag nicht mehr als 2.000 Patienten hinzukommen und bei 3 Tagen sind es 5.000.

      Daher muss die Verdopplungsrate (in Tagen) genau so lang sein wie die Durchschnittsbelegung eines Betts, dann hat man Gleichstand, ist sie jhöher, so werden Betten frei und man hat die Situation eher im Griff.

  3. Die ganzen Szenarien „wie viele Intensivkranke kann das Gesundheitssystem verkraften“ gehen davon aus, dass Krankenhäuser / Pflegeheime und vor allem Ärzte und Pflegepersonal nicht betroffen sein und deren Verfügbarkeit konstant sein werden.

    Leider ist das, wie man sehen kann, nicht der Fall; auch Ärzte fallen aus, Pflegepersonal fällt aus, kommt an die Belastungsgrenzen und das kann (und wird) einen ganzen Rattenschwanz an Folgen haben.

  4. Zu den Atemschutzmasken: diese dienen NICHT dazu, den Träger vor Viren zu schützen, sondern verhindern, dass man andere ansteckt. Da offenbar bei dieser Seuche ein grosser Teil keine Symptome verspürt, könnte es in diesem Fall tatsächlich etwas nützen.

    Ansonsten habe ich nach wie vor keine allzu grosse Angst vor dem Virus, aber eine sehr grosse vor unseren Politikern. Und ich gebe Ihnen Recht: am meisten Sorgen müssen sich jetzt die Menschen in den USA machen

  5. Bein einem Unsicherheitsfaktor was die Infizierten betrifft von 10 könnten bereits jetzt 600.000 Menschen infiziert sein, wobei die meisten keine Symptome haben. Damit hätte man die 70% schon wesentlich eher voll.

    Ich sehe es eher unsinnig, wenn man ohne Schutz im überfüllten Nahverkehr zur Arbei soll, dort ohne Schutz Seite an Seite mit den Kollegen arbeite, und dann zur Reduktion der Ansteckung abends das Haus nicht mehr verlassen soll. Insofern sehe ich Aktionen zur Schaffung von Behelfsmasken als durchaus sinvoll.

  6. Da die Diskussion nun auf die Masken abdriftet, bitte ich darum sich dem neuesten Blog anzusehen:
    https://www.bernd-leitenberger.de/blog/2020/04/01/wissenschaftler-politiker-masken-und-hamstern/
    Meine Meinung: Priorität sollte die Versorgung derer haben, die wirklich eine Maske benötigen, da höre ich von Mangel und Eigeninitiativen um diese selbst zu nähen. Wenn das gewährleistet ist kann man empfehlen das auch Privatpersonen sich Masken zulegen, solange das aber nicht so ist verknappen diese Käufe nur die Masken die andere dringend benötigen. US-Aufkäufe verschärfen die Situation sogar noch. Daher lege ich mir keine Maske zu.

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