Die Zahl für heute: 1,8

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Ich möchte an meinen letzten Blog anknüpfen, in dem es um die Kosten für einen weiteren Astronauten an Bord der ISS geht. Obwohl ich die Tatsachen ausführlich ausgerechnet habe, dass im Prinzip nicht der Startpreis, sondern die Versorgungsgüter die der Astronaut benötigt, den Löwenanteil der Kosten ausmachen scheint das einigen Kommentatoren zu obigem Blog entgangen zu sein. Ich verkneife mir mal meine Meinung, hinsichtlich Internet und die Auswirkung auf die Fähigkeit längere Texte zu lesen, aber man kann sich ja denken, was ich als Buchautor schreiben würde.

Unstrittig ist, dass sowohl Boeings Starliner wie auch SpaceX „Crew Dragon“ Platz für sieben Personen haben, dabei sogar noch etwas bequemer als in der Sojus. Nun ist, wenn man nur die Kosten, für die Flüge nimmt, die Beforderung mit den Vehikeln teurer als mit der Sojus, was daran liegt, das selbst bei vier Sitzen pro Start jeder einzelne Flug teurer ist als das Kaufen der Sitzplätze bei Russland. Ich gehe im Folgenden aus, das man die bisherige Crew Rotation von 180 Tagen beibehält, dann würde es pro Jahr zwei Starts geben, ich nehme je einen für SpaceX und Boeing an. Die kosten bei den publizierten Preisen beider Firmen 220 und 360 Millionen Dollar, mithin zusammen 580 Millionen Dollar. Die Sitze bei Roskosmos gebucht, kosten knapp 490 Millionen Dollar. Mithin ist die reine US-Lösung um 90 Millionen teurer, ein kleiner Preis für etwas mehr nationales Ego und das Geld bliebt auch im Lande.

Die Frage, die ich mir stellte, war nun: wie viele Touristen müssten mitgenommen werden, damit die Bilanz auf eine schwarze Null kommt. Vor Jahren waren mal 55 Millionen Dollar für den Flug von Sarah Brightman im Gespräch, doch zu dem Flug kam es nie. Die letzte Zahl, die ich fand, liegt bei 52 Millionen Dollar von Bigelow. Doch die sind nun auch pleite.

So für alle internetaffinen Leser: auf die heutige Zahl kommt man, wenn man die 90 Millionen Dollar Mehrkosten durch 52 Millionen pro Ticket teilt. Mithin würden 2 beförderte Touristen pro Jahr dafür sorgen, dass die NASA im Plus ist.

Interessanterweise hat die NASA das sogar mal durchdacht und eine Preisliste veröffentlicht. Die Preise sind zivil und mit Sicherheit nicht kostendeckend – Fracht kostet ab 3.000 Dollar pro Kilogramm, während nach dem OIG-Report bei CRS-2 die kosten bei fast 72.000 Dollar liegen. Damit man das nicht ausnutzt, ist die Menge auch auf 175 kg für alle Touristen beschränkt, bei der Masse, die auch wieder runter kommt auf 125 kg. Die müssten sich alle Touristen teilen. Auch die Kosten für ISS Ressourcen wie Lebenserhaltung und Versorgungsgüter mit etwa 34.000 Dollar pro Tag sind auch nicht kostendeckend, denn die NASA gibt 2020 für Versorgung der ISS (Besatzung und Fracht) insgesamt 1847 Millionen Dollar aus, und in den folgenden Jahren ähnliche Summen. Entsprechend kann man leicht ausrechnen, dass bei derzeit drei US-Astronauten jeder leicht über 1 Million Dollar pro Tag kostet und nicht nur 34.000.

Ich meine aber ernsthaft, dass man tatsächlich Tourismus durch die NASA durchführen sollte, aber sie dann eben nicht nur kostendeckend sein sollte, sondern Gewinn einbringt.

Mein Szenario geht davon aus, das es zwei US-Flüge pro Jahr gibt die je vier Personen zur ISS bringen. Bevor die Besatzung die abgelöst wird, nach Hause zurückkehrt, gibt es eine kurze Zeit, in der beide Besatzungen an Bord sind. Das ist auch heute so. Orientiert man sich nach der Dauer eines normalen Urlaubs, wären es 7 bis 14 Tage. Die Touristen, die mit dem einen Flug zur ISS kommen, kehren dann mit der letzten Besatzung zurück.

Damit das echter Weltraumtourismus wird, muss das auch mit der Vorbereitung korrespondieren. Weltraumtouristen durchlaufen bei Roskosmos derzeit eine umfangreiche Basisausbildung. Wenn ich davon ausgehe, dass an Bord jedes Raumschiffs vier Astronauten sind, die gut ausgebildet sind, dann sollte die Ausbildung für die Touristen auf das Nötigste beschränkt werden. Das ist vor allem das Überlebenstraining, das Verhalten in Notfällen und die Routineeinweisung in das Raumschiff und die ISS. Im Space Shuttle Programm gab es den Payload Specialist, der nicht das Shuttle steuern sollte, sondern nur für die Nutzlast zuständig war. Das waren z. B. die Astronauten, die im Spacelab arbeiteten aber auch Zivilisten wie saudi-arabische Prinzen, US-Politiker oder prominentes Beispiel Christa McAuliffle als „Teacher in Space“. Ursprünglich waren für Payload Specialist nur 50 Stunden Basistraining, und wenn sie mit den Shuttle Systemen zu tun hatten, wie z.B. beim Aussetzen von Satelliten, kamen weitere 159 Stunden dazu. Die könnten bei den Weltraumtouristen entfallen. Im Prinzip orientiere ich mich an normalen Tourismus. Da bekommt man auch eine Einweisung für den Notfall, muss aber nicht das Flugzeug steuern oder die Maschinen des Schiffs warten können.

Nehmen wir an, die NASA könnte alle sechs Sitzplätze pro Jahr belegen und würde 52 Millionen Dollar pro Trip berechnen, dann würden bei 14 Tagen Aufenthalt pro Person im Jahr 80 Millionen Dollar für zusätzliche Fracht anfallen. Demgegenüber gäbe es Einnahmen von 312 Millionen Dollar, die sicherlich auch alle mit dem Start assoziierten Kosten, wie Training, erhöhter Aufwand bei Start und Landung abdecken. Ich denke die NASA könnte so leicht 200 Millionen Dollar pro Jahr erlösen – nicht viel, die ISS kostet im Jahr über 3 Milliarden, aber besser als gar nichts.

Als Gegenrechnung könnte man den Preis ausrechnen, der gerade kostendeckend ist. Setzt man 2 Millionen für das Basistraining und erhöhten Aufwand da nun sieben anstatt vier Personen starten pro Person an. Dann sind dies zusätzliche Ausgaben in der Höhe von 92 Millionen Dollar, pro Sitzplatz also etwa 16 Millionen Dollar pro Tourist, billiger als der Sitzplatz vor mehr als zehn Jahren bei den Russen war.

Außer Touristen gäbe es wie beim Payload Specialist Programm natürlich auch andere Kandidaten. Da wären zuerst mal die Nationen zu nennen die gerne auch einen Astronauten hätten aber kein Anrecht auf einen Transport zur ISS (also nicht JAXA, CSA oder ESA) oder die meinen, zu wenige Astronauten wären vom eigenen Land im All. Deutschland dürfte wie schon zu Shuttle Zeiten da sicher den einen oder anderen Sitz kaufen.

Wenn die NASA schlau ist, startet sie einflussreiche Politiker, hat sie zu Anfang der Shuttle Ära auch gemacht. Vielleicht sogar auch mal den Präsidenten, Trump müsste nur vier Wochenenden, in denen er golft, zusammenlegen. Dann bekommt sie vielleicht auch die Mittel für die Rückkehr zum Mond.

Ich glaube so würde Weltraumtourismus funktionieren, aber kaum mit eigenen Flügen die voll finanziert werden müssen und einer eigenen Raumstation wie Bigelow es vorschwebt. Ich glaube auch nicht das es einen Bedarf gibt für einen längerfristigen Aufenthalt, außer vielleicht durch andere Raumfahrtagenturen, aber sicher nicht durch kommerzielle Firmen und Touristen werden sicher auch nicht mehr als einige Wochen oben bleiben wollen.

[Edit]

Gehört nicht direkt zum Space Tourismus, aber auch dazu: Russland hat nun ja ein Problem, da die US-Starts, aber auch die Flüge von ESA/JAXA Astronauten Geld einbrachten. Sie stellten schließlich mehr als die Hälfte der Besatzungsmitglieder. Für Russland ist das ein doppelter Verlust, denn wenn sie nun die Sitze selbst nutzen, dann benötigen sie auch entsprechend mehr Versorgungsgüter. Bei in der Regel zwei bis drei Kosmonauten waren das drei Progress Starts pro Jahr. Sie können natürlich die Startzahl halbieren, wenn sie eine rein russische Crew starten. Sie können auch nur zwei Kosmonauten starten und einen Touristen mitnehmen, der dann kurze Zeit an Bord der ISS bleibt, doch das es mit Sarah Brightman nur einen Kandidaten gab, und diese auch absprang, deutet nicht auf eine große Nachfrage beim russischen Modell hin. Aber, wenn man mal die Frage nur unter rein ökonomischen Aspekten sieht, könnten russische Kosmonauten an Bord der US-Vehikel mitfliegen, bei zweien pro Flug gäbe es dann immer noch Platz für einen Touristen. Zumindest diskutiert wurde das mal. Ein Flug könnte dann folgende Personen transportieren:

  • 3 US-Astronauten
  • 1 ESA/JAXA Astronaut
  • 2 Kosmonauten
  • 1 Tourist

Damit wären alle zufrieden, also ein echtes Winner-Winner Geschäft:

  • Die USA würden die meisten Astronauten stellen und ihrem Vorrangstatus gerecht werden.
  • ESA/JAXA hätten doppelt so viele Sitzplätze wie vorher (ein Astronaut pro Raumfahrtorganisation/Jahr anstatt alle zwei Jahre).
  • Russland hätte etwas weniger Kosmonauten als bisher, doch der US-Transport wäre billiger, als zwei Sojus pro Jahr zu bauen.
  • Der Tourismus ist wieder möglich. Zwei Touristen pro Jahr ist immer noch mehr als vor Fertigstellung der ISS möglich war
  • Es wären regulär wie bisher sechs Personen an Bord der ISS, man benötigt also nicht mehr Fracht was weitere Kosten verursachen würden
  • Die US-Vehikel würden voll ausgelastet werden und die Nicht-US Personen generieren Einnahmen, welche die Kosten senken.

5 thoughts on “Die Zahl für heute: 1,8

  1. Angenommen man würde die Stammbesatzung der ISS auf 10 Personen erhöhen wie sähe es Dan eigentlichit der Unterbringung der Astronauten auf der Station aus? Bräuchte man Dan ein zusätzliches wohnmodul?
    Die Russen haben ja Swesda als Wohnmodul und im Westlichen Teil wohnt/schläft man ja in den Verbindungsknoten.
    Versorgungstechnisch könnten sich ja die Europäer und Japaner noch stärker einbringen wen sie im Gegenzug min. 1 Permanenten Platz auf der ISS erhalten.

    1. Nein, da der Wohnbereich jedes Astronauten aus einem Rack wie für Experimente besteht gibt es genügend Platz. Gestrichen wurde zwar ein reines Wohnmodul, aber dafür wurden ja das PMM und Beam angebracht die nur als Stauraum bzw. gar nicht genutzt werden. Alleine das PMM hat aber Platz für 16 Racks.

      1. Dan wäre prinzipiell bei einer Erweiterung der Besatzung auf 10 Personen das einzige Problem der erhöhte Versorgungsbedarf?
        Weil das wäre ja durch weiter ATV + HTV Starts zu lösen.

        1. Wäre schon, nur ist vor einigen Tagen das letzte HTV gestartet, Japan will was neues entwickeln und denselben Beschluss hat die ESA schon vor Jahren gemacht. Außerdem wären es ja dann vor allem mehr US-Astronauten und da kostet siehe verlinkter Blog das eben 1328 Millionen pro Jahr mehr. Angesichts des wahnsinnigen Forschungsoutputs der ISS fallen mir spontan jede Menge Raumfahrtprojekte ein, die man alternativ finanzieren könnte, z.b. je zwei neue Discovery-Class Missionen pro Jahr.

  2. Wenn man mal davon ausgeht, das die ISS keine reine PR-Station für die bemante Raumfahrt ist, sondern dass die Forschung dort zwingend nötig ist sehe ich die aktuelle Verfahrensweise als nicht so clever an. Ein großer Teil der Arbeitszeit geht für Stationserhalt also quasi Hausmeistertätigkeit drauf. Bei einer vollen Ausnutzung der Sitzpläte 7 in Dragon und 3 Sojus müsste sich der Wissenschaftliche Output der Station mehr als verdoppeln. Mehrkosten wären 2 Zusätzliche Versorgungsflüge pro Jahr. Im vergleich der Gesamtkosten der ISS wäre das Gering geht man von einer auf das Jahr 2028 begrenzten Lebenszeit aus, so müsste man mit einer 10 Mann Besatzung die gleiche Menge an Forschung bewältigen wie bei einem hypotetischem weiterbetrieb bis in das Jahr 2036-2040.

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