Zusammengerotzt, aber erfolgreich

Für den heutigen Blog hatte ich kein Problem eine Überschrift zu finden. Andere Vorschläge, die ich hatte, waren „Unternehmen Zufall“, „Nichts ist so erfolgreich wie ein Provisorium“, „Der Name macht‘s“ oder „Sieg der Mittelmäßigkeit“. Bevor ihr weiterlest überlegt selbst mal, um was es gehen könnte ….

Es geht um den IBM PC und seine Technik. Ich habe kürzlich einen relativ langen Artikel über Gary Kildall gelesen, aus dem Buch „They Made America“ über Techniker, Erfinder, Unternehmer aus zwei Jahrhunderten. Von den Informatikern – und da gäbe es sicherlich etliche Kandidaten – hat es nur Gary Kildall in das Buch geschafft. Natürlich kommt auch die Episode wie der IBM PC zu DOS kam da zur Sprache. Gary Kildall hielt nicht so viel von dem Gerät. Es wäre zu wenig innovativ. Ähnliches habe ich von Andy Herzfeld in einem Interview gehört. Die Apple Entwickler haben einen IBM PC gekauft auseinandergenommen und kamen zum Schluss es leiste weniger als der zeitgleich erschienene Apple III.

Die Sicht von IBM, die ich auch bisher verbreitet habe, ist die, dass IBM ein schnell wachsendes neues Marktsegment sah, in dem sie nicht vertreten waren. Eine kleine Gruppe unter der Leitung von Phillip Estridge habe in 12 Monaten einen PC geschaffen und mit IBM Traditionen gebrochen (eigentlich stammte fast nichts am PC von IBM) und sei dann vom Erfolg des PC überrascht geworden.

Hier nun eine andere Sicht. Nämlich die, dass IBM sich wenig Mühe beim Design des PC gab und ein Gerät auf den Markt brachte, dass eigentlich nicht Stand der Technik war und auch nicht den Qualitätsansprüchen genügte die IBM woanders an sich selbst stellte.

Dazu muss man die Vorgeschichte des PC kennen. Seit Mitte der Siebziger Jahre versuchte IBM mit mehreren Geräten im Mikrocomputermarkt Fuß zu fassen. Da war die IBM 5100 Serie, basierend auf eigenen Logikbausteinen. Diese Geräte waren mit 10.000 Dollar als Einstandspreis viel zu teuer. Es folgte der IBM Displaywriter, auch in IBM Technologie, aber nun nicht gedacht für Wissenschaftler und Ingenieure, sondern Büroarbeiten. Dieses Gerät war sogar relativ erfolgreich, denn es konnte Texte aus einzelnen Textbausteinen zusammensetzen und Serienbriefe verfassen. Es gab zahlreiche Branchen, wo man Kunden eigentlich immer die gleichen vorformulierten Antworten gab, wie Versicherungen oder Banken. Dort war eine soclhe Technologie eine deutliche Arbeitserleichterung.

Der unmittelbare Vorgänger des IBM PC war das Modell 5322 „Datamaster“. Erstmals setzte man keine IBM-Technologie ein, sondern verwandte den Mikroprozessor 8085 von Intel. IBM setzte aber eigene 8 Zoll Floppylaufwerke ein, mit einer beeindruckenden Kapazität, aber eben auch sehr teuer. Die kleinste Konfiguration kostete 7.900 Dollar, mit Drucker und Textverarbeitungsprogramm landete man bei fast 10.000 Dollar. Dafür gab es zur gleichen Zeit zwei bis drei CP/M Rechner, die mit Wordstar ähnliches konnten. Vor allem dauerte die Entwicklung des Data Masters zwei Jahre, viel zu lange. Am längsten hielt der BASIC-Interpreter auf. Der Datamaster erschien so auch nur einen Monat vor dem IBM PC.

Als im August 1980 IBM beschloss einen weiteren Anlauf zu machen, war dem Management die Problematik bekannt: Man brauchte zu lange für einen PC und mit eigener Technik waren sie zu teuer. So verwundert es nicht das man beschloss den PC aus Bauteilen zu konstruieren, die von anderen Herstellern stammten, Doch wie den Zeitfaktor verkürzen? Nun ganz einfach indem man vom einzigen Modell, das es schon gab, dem Datamaster, so viel möglich übernimmt. Das erklärt fast alle Designentscheidungen beim IBM PC: Durch die Wahl des 8088 Prozessors mit nur 4,77 MHz konnte man die gesamten Peripheriebausteine des 8085 nehmen, das sparte Zeit beim Design der Hauptplatine. Als der Datamaster konzipiert wurde, waren 16 KBit RAMs Standard, also bekam der IBM PC nur Steckplätze für 16 KBit RAM, was den internen Speicher auf 64 KByte beschränkte. Erweitern konnte man ihn nur mit Steckkarten. Die aber auch maximal 64 KByte fassten. 1979 erschienen aber schon 64 KBit RAM und die meisten CP/M Rechner hatten auf dem Mainboard nicht nur Platz für 64 KByte RAM, sondern sogar noch Komponenten, die man beim IBM PC auf Steckkarte nachrüsten musste wie Druckeranschluss oder Anschluss an einen Monitor. Die krumme Taktfrequenz von 4,77 MHz (die normale Taktfrequenz des 8088 betrug 5 MHz) kam zustande, das man um 50 Cent für einen zweiten Oszillator zu sparen Prozessortakt und Takt für das NTSC-Signal aus einem Mastertakt durch Teilung (Faktor 3 und 4) ableitete. Vom IBM-Datamaster übernahm man auch den Bus für Steckkarten, auch hier ein Vorteil, das der 8088 nur einen 8 Bit breiten Datenbus hatte. Die ct‘ schrieb über das Bussystem „unglücklich gewählte Polaritäten, etwa der Interrupt-Leitungen, unsaubere Timings, schlechte Entkopplungen … eben hingestolpert“. Also nach IBM-Qualität hört sich das nicht an, die war bei den größeren Computern berühmt. Sicher wird auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, das ein 68000 Prozessor, ja selbst ein 8086 mit 8 MHz in einer anderen Liga spielte und man sich so nicht selbst Konkurrenz machte. Aber ich denke die weitestgehende Komparabilität, die sich ja auch auf die Software bezog – man konnte ein Assemberprogramm für den 8080 auf den 8086/8 crossassemblieren, weil es ähnliche Befehle gab und die gleichen Register, war das wichtigste.

Die Geschichte mit dem DOS Deal zeigt aber wie gut sich IBM mit Computern und Märkten auskennt. Sie brauchten natürlich auch Software für ihren Rechner. Das war ein Betriebssystem und der BASIC-Interpreter. Der Letztere hatte als IBM Entwicklung dafür gesorgt, dass der Datamaster zwei Jahre brauchte. Sie gingen zu Microsoft, weil diese eine Softcard für den Apple II vertrieben die einen Z80 Prozessor hatte und ihn befähigte, CP/M Software laufen zu lassen. Vertrieben wurde sie mit einer Lizenz von CP/M und BASIC-80, dem Basic von Microsoft. Der ganze Sinn der Karte war es nur, den Verkauf von BASIC-80 zu fördern. Microsoft machte mehr Umsatz mit dieser Karte als mit allen anderen Produkten. Den Käufern ging es nicht um BASIC-80 sondern CP/M. Auch wenn der Apple II sich besser verkaufte als jeder einzelne CP/M Computer, so gab es doch so viele verschiedene Modelle das CP/M der Betriebssystemstandard war. Jeder wusste das und jeder wusste auch, dass es von Digital Research kam. IBM wusste es nicht. Sie glaubten Microsoft wäre im Besitz der Rechte, weil sie es mit der softcard vertrieben, das ist wie, wenn man glaubt, ein Porsche, der einen Audi-Motor hat, wäre ein Audi. Selbst ich als Nicht-Autobesitzer weis das, dem nicht so ist. IBM achte sich auch keine Mühe die Software, die von Microsoft kam zu untersuchen – und viel aus allen Wolken, als schon vor der Veröffentlichung sich Gary Kildall meldete, da ihr PC-DOS geklaut war. Dabei konnte man die Ähnlichkeit schon auf der Kommandoebene erkennen. Die Qualität von PC-DOS 1.0 war denn auch nicht besonders und Microsoft musste bald eine fehlerbereinigte Version nachschieben. Das spricht nun nicht gerade von Marktkenntnis, nicht mal von einer guten Qualitätssicherung.

Was herauskam war:

  • Ein Rechner der nur, wenn man vier RAM-Bänke aufrüstete, auf 64 KByte Speicher kam.
  • Ein Rechner, der für Bildschirm, Drucker eigene Steckkarten benötigte.
  • Ein Rechner, der auf Diskettenlaufwerke mit einer Rohkapazität von 500 KByte gerade mal 160 KByte speichern konnte – wegen eines Fehlers des Betriebssystems, später nachgebessert auf 320 und 360 KByte – verfügbar waren zu dem Zeitpunkt aber schon Floppys mit der doppelten Kapazität.
  • Ein Rechner mit einem BASIC-Interpreter und wie ein Heimcomputer, mit Anschluss an einen Kassettenrekorder und Fernseher. Das BASIC konnte aber mit den Diskettenlaufwerken nichts anfangen.

Kurz: der Käufer bekam für 1.265 Dollar eine Zentraleinheit. Damit konnte er aber nichts anfangen. Er benötigte mindestens eine Tastatur. Das hob den Preis auf 1.500 Dollar an. In einer Konfiguration mit zwei Diskettenlaufwerken, 128-KB-RAM (mit 64 kam man, da x86 Code länger ist als 8080 Code ist und das Betriebssystem alleine 12 K benötigte, nicht weit) und Monochrommonitor kam man auf 4.420 Dollar.

Nur zum Vergleich: Ein Osborne 1, CP/M Komplettcomputer mit Software kostete 1.795 Dollar, mit Monitor vielleicht 2.0000. Ein Apple II+ mit zwei Laufwerken etwa 2.400 Dollar. Selbst der neue Apple III kostete mit 3.600 Dollar erheblich weniger. Vom neuen Prozessor hatte der Nutzer wenig, denn die erste Software war über Croassassembler übersetzte 8080 Software. Das galt sogar für en BASIC Interpreter, der langsamer war als auf schnellen CP/M Systemen. Zudem war der RAM-Ausbau extrem teuer.

IBM hatte einen Rechner konstruiert, an dem wenig neu war, vieles nur vom Datamaster übernommen. Er war in der Basisausführung im Prinzip ein Heimcomputer wie ein Atari 800, Ti 99/4A oder VC-20 nur dreimal teurer. Man konnte ihn zu einem Computer für Geschäftsanwendungen ausbauen. Doch selbst dann war er doppelt so teuer wie ein eingeführter 8 Bitter und immer noch erheblich teurer als Apples neues Flagschiff der Apple III. Gut er war nur halb so teuer wie der Datamaster aus dem er hervorging, aber bedenkt man das er eine neue Linie war, ohne das er wie ein neuer CP/M Rechner auf einen riesigen Fundus an Software zugreifen, konnte so verwundert es, das das Gerät erfolgreich war, sich sogar weitaus mehr verkaufte, als die kühnsten Prognosen vorhersagten.

Es gab dafür zwei Gründe. Der eine waren drei Buchstaben auf dem Gerät: IBM. Jeder kannte IBM, die meisten kannten nur einen Computerhersteller und das war IBM. IBM hatte einen guten Ruf. Die Rechner waren nicht immer die technologisch besten, aber IBM hatte einen hervorragenden Service und einen noch besseren Vertrieb. Wenn also IBM einen Mikrocomputer baut, dann taugt der was, wurde dieses Marktsegment für viele erst interessant. Zudem wurden die Computer damals wegen des Preises in größeren Firmen eingesetzt und die hatten meist auch einen Zentralrechner von IBM, waren also „vorbelastet“. Die Frage ob man dann andere Architekturen und Firmen in Betracht stellte gab es gar nicht, oder wie ein geflügeltes Word damals war: „Noch nie wurde jemand dafür entlassen, dass er von IBM gekauft hat“.

Der zweite Faktor war die offene Architektur. Für die gab es zwei Gründe. Das eine war sicher das Phillip Estridge von seiner privaten Nutzung eines Apples die Vorteile kannte. Es bedeutete, dass jede Firma Zubehör entwickeln konnte, selbst für exotische Anwendungen an die IBM nicht gedacht hatte oder für die der potenzielle Kundenkreis zu klein war. Das zweite war schlicht und einfach das IBM gar nicht die Ressourcen hatte alles selbst zu entwickeln. So gab es bald jede Menge Zusatzkarten, manche davon verdrängte die IBM Lösung in der Gunst der Käufer wie die Hercules Grafikkarte die Grafik und Text konnte – dafür musste man bei IBM zwei Karten kaufen.

Den Ruf, den IBM hatte, sah man auch am fehlenden Markterfolg der anderen Kompatiblen. IBM war nicht die einzige Firma die 8086/88 Rechner herausbrachte. Es gab den Victor Sirius – er verfügte über mehr Speicher einen echten hochauflösenden grafikfähigen Bildschirm und Floppys mit der vierfachen Kapazität des IBM oder der Texas Instruments Rainbow, der als Doppelprozessorsystem einen fließenden Übergang ermöglichte denn sein Z80 Prozessor konnte auch CP/M-80 Software ausführen. Alle diese Rechner waren MS-DOS kompatibel, sprich Programme, die für MS-DOS geschrieben waren, liefen auch bei ihnen. Praktisch alle hatten Vorteile gegenüber dem IBM PC oder waren zumindest billiger. Dumm nur, dass IBM einen so langsamen Prozessor gewählt hatte. Programmierer übergingen das PC-DOS und griffen direkt auf das BIOS zu oder schrieben sogar direkt in den Bildschirmspeicher. Solche Programme liefen dann nur auf dem IBM PC und sie führten letztendlich zum Tod der „nur“ MS-DOS Kompatiblen.

Auf längere Frist führte die offene Architektur aber zu Nachbauten. Es verging eine lange Zeit – zwei Jahre – bis der erste rechtlich unangreifbare Nachbau, der Compaq Portable erschien. Obwohl „portabel“ war er 500 Dollar billiger als ein IBM PC und er war nur der erste von vielen. IBM blieb immer teurer als die Konkurrenz, doch selbst Flops wie der IBM PC junior als Heimcomputer gefährdeten die Marktmacht nicht. Die ging erst verloren, als IBM beschloss, sich von der offenen Architektur abzuwenden und eine eigene geschlossene Hardware- und Softwarearchitektur zu etablieren. Das ging nach hinten los, nach einigen Jahren stampfte man diese PS/2 Linie dann wieder ein, bis dahin war der Marktanteil aber, soweit gesunken das man auch keine neuen Standards mehr durchsetzen konnte. Die Lektion mussten auch andere lernen, so Ed Roberts, der den ersten „PC“ baute, der auch bald kopiert wurde (als IMSAI 8080, Star im Film War Games) oder Steve Jobs, der nachdem es einige Nachbauten des Apple II gab, den Macintosh als geschlossenes System konzipierte.

3 thoughts on “Zusammengerotzt, aber erfolgreich

  1. Es gibt eine wunderbare dramatische Serie über diese Computer-Zeit: Halt and Catch Fire. Wer Mad Men und Computergeschichte mag, dem kann ich diese Serie ans Herz legen.

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