„Vernichtete Lebenszeit“

Den Aufhänger zu meinem heutigen Blog liefert mir der Kommentar von Michael Gross zu meinem Blog über die Fernsehserie „Die Straßen von San Francisco“.

Hat die Serie den überhaupt noch eine Relevanz um damit Lebenszeit zu vernichten? In der gleichen Zeit könnte man ja auch ein gutes Buch lesen.“

Also wenn man mit so einem Totschlagargument kommt „Lebenszeit vernichten“, dann ist das doch eine Steilvorlage.

Eines ist klar: Was vergeudete oder vernichtete Lebenszeit ist, ist für jeden anders und aus meiner Erfahrung ändert sich das auch im Laufe des Lebens. Also kann ich nur von mir schreiben. Aber zuerst einmal sollte mal klären, was vernichtete oder vergeudete Lebenszeit ist und ob man wirklich Lebenszeit vernichten kann.

Klar ist, das unser Leben begrenzt ist, irgendwann müssen wir alle mal sterben. Wer religiös ist der glaubt vielleicht an ein Leben nach dem Tode, aber in den Religionen, die sich vom Judentum ableiten, ist das per Definition ewig, wodurch der Zeitbegriff seine Bedeutung verliert. Wenn ich mich auf diese Argumentation einlasse, das meine Zeit auf der Erde begrenzt und kostbar ist, dann müsste ich aus der Argumentation heraus, sie so sinnvoll wie möglich verbringen. Nun beschäftigen wir uns einen Großteil des Tages mit Dingen, die wir tun müssen um den Körper in Schuss zu halten. Etwa acht Stunden am Tag schlafen wir. Wir müssen etwas essen und trinken und auch mal aufs Klo gehen. Nach der Argumentation sollte man damit man ja keine Lebenszeit vergeuden, dies auf das Minimum beschränken. Also nur kurz schlafen, beim ersten Weckerklingeln aus dem Bett und nicht noch ein Weilchen dösen. Keine Zeitung auf dem Klo lesen und das Essen? Am besten Dinge, die schnell gehen also schon fertig sind wie Fast Food. Bestimmt keine Restaurantbesuche wo man noch aufs Essen warten muss. Besser Fertigessen als etwas selbst kochen. Ich wage zu prognostizieren: Man spart so Lebenszeit, verliert aber an Lebensqualität. Es soll ja Eltern geben die so eine ähnliche Einstellung haben, die sich darin äußert, dass ihre Kinder schon in der Kita Fremdsprechen lernen müssen und in der Schule dann noch Musikinstrumente oder änlcihes. Das ist dann noch wissenschaftlich unterfüttert, dahingehend das Kinder viel leichter lernen als Jugendliche oder Erwachsene, aber im Kern geht es darum, das Kinder ja keine Zeit mit so was unproduktivem wie spielen verbringen sollen.

Es geht noch weiter. Die meisten von uns haben ihren Arbeitsplatz nicht in der Wohnung. Jeden Tag sind sie mehr oder weniger lange unterwegs bis zur Arbeit. Sie sollten also zur Arbeitsstätte umziehen. Das wäre auch für die Umwelt gut. Es bleibt jedem zu überlegen wo man noch Lebenszeit einsparen kann. Vielleicht sogar beim Beruf, der einen nicht erfüllt.

Aber ich gehe mal weiter. Denn wenn man vom Punkt „Wo können wir Zeit besser nützen, die wir sonst mit lebensnotwendigen, aber nicht produktiven Tätigkeiten verbringen?“ weitergeht auf die Grundfrage: „Was ist vergeudete/vernichtete Lebenszeit?“. Zeit kann man per se ja nicht vernichten oder verschwenden. Sie verrinnt, egal was man tut. Man kann die Zeit nur unterschiedlich verbringen, eben auf verschiedene Arten nutzen. Wenn ich nun den Standpunkt einnehme, „Lebenszeit sinnvoll nutzen“, so gibt es meiner Ansicht nach zwei Sichtweisen. Eine persönliche und eine Sichtweise bei der man/frau die Zeit im Sinne eines größeren Ziels nutzt. Das kann ein soziales, kulturelles, wissenschaftliches, politisches oder etwas für Natur und Umwelt sein. Es gäbe sicher noch weitere Dinge, für die man sich einbringen kann.

In jedem falle ist die Wahl persönlich, sodass ich nur von mir sprechen kann. Ich fange mal mit dem höheren Ziel an. Ich bin kein sozialer Mensch, sodass es für mich nicht in Frage käme mich sozial zu engagieren. In vielen anderen Dingen habe ich auch nicht das Talent als das ich wirklich etwas weltbewegendes erschaffen könnte. Am ehesten noch als Programmierer. Ein System das ich nur nebenberuflich programmiert habe, wird zur Qualitätssicherung beim Hersteller von Industriesteuerungen und seinen Kunden, unter anderem Deutsche Bahn und Nestle eingesetzt. Aber so wirklich talentiert bin ich eigentlich nirgendwo. Ich kann zwar über Raumfahrt schreiben, aber wie mein Korrekturleser Mario bei der Kritik meines neuesten Buchs bei Amazon schrieb, selbst wenn ich mich bemühe setze ich trotzdem noch technische Vorkenntnisse voraus und in Deutsch bin ich eben kein Ass.

Aber für mich ist in dem Sinne als Ergebnis meiner Lebenszeit etwas anderes bedeutsam. Ich bin relativ sparsam, ein Ergebnis der Erziehung die ich genossen habe. De Fakto habe ich den Lebensstil den ich als Student hatte, nie aufgegeben. Das bedeutet das wenn ich Vollzeit arbeite, ich etwa zwei Drittel meines Einkommens auf die hohe Kante legen kann und wenn man das über einige Jahrzehnte tut, dann kommt schon ein größeres Sümmchen Busamme. Das wird irgendwann in einer Stiftung landen die ein wissenschaftliches Ziel oder eines für die Natur verfolgt. Ich habe schon seit langem eines im Kopf, aber ob dies so umsetzbar ist wie ich es mir denke, weiß ich nicht.

Aber ehrlich gesagt, ich glaube kaum, das die meisten von uns ihr Leben lang einem höheren Ziel nachstreben können, die meisten müssen etwas tun, womit sie Geld verdienen und wenn es gut läuft macht es ihnen auch Spaß. Dann rückt die persönliche Sicht auf die Lebenszeit in Zentrum. Was sehe ich persönlich als sinnvolles Verbringen von Zeit allgemein an? Nicht ganz deckungsgleich aber es trifft doch den Kern: Immer wenn ich meine Tante besuche, ist ihre erste Frage „Bist Du zufrieden?“ und das bin ich mit meinem Leben. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe nicht den Eindruck das meine Schwester mit ihrem Leben zufrieden ist und bei meinem Bruder – na ja zufrieden schon, aber nicht wirklich glücklich. Beiden geht es materiell viel besser als mir. Ob man zufrieden oder gar glücklich ist hängt sicher auch vom Geld ab, aber ab einer bestimmten Summe macht Geld auch nicht glücklich. Zum Glück gehört auch das man nicht das Gefühl hat seine Zeit mit unsinnigen zu verplempern. Was das ist, ändert sich. Also ich schreibe mal von mir. Als ich vor 13 Jahren mit den Büchern anfing schrieb ich von morgens bis abends – die beiden Raketenlexika entstanden in jeweils zwei Monaten, nun habe ich ein Buch fertig und eigentlich keine Lust an einem weiteren zu arbeiten. In jedem Falle arbeite ich nicht mehr so viel pro Tag und abends ist eben Schluss, da lasse ich mich auch berieseln, was vor zehn Jahren undenkbar war. Nun ist Berieseln lassen unproduktiv, aber nur produktiv sein bringt mir persönlich auch nicht den Mehrwert. Woanders dürften meine Vorstellung von Zeit verplempern und den Vorstellungen der Allgemeinheit auch stark abweichen. Ich programmiere wenn ich ein Problem entdecke meist selbst was, obwohl ich weiß, das wenn ich etwas suche ich sicher ein Freewareprogramm finde das dieselbe Aufgabe löst, oder ich stecke viel Zeit in Raumfahrtberechnungen die außer mir niemanden interessieren. Aber beides macht mir eben Spaß und ich sehe die Zeit nicht als vergeudet an.

Umgekehrt kann ich nicht verstehen wie Leute durch die Gegend laufend und nur auf ihr Smartphone glotzen – bei mir gibt es eben auch die computerfreie Zeit. Ebenso empfinde ich das anschauen von Sportübertragungen als vergeudete Zeit – Sport betrieb ich, aber ich schaue ihn nicht an. Ebenso empfinde ich das Anschauen von Videos auf dem Computer als verlorene Zeit. Der Unterschied zum Fernsehen ist, das ich mich dann auf die Übertragung konzentriere, man kann ja nichts anderes machen. Ich schaue nichts zur Unterhaltung auf dem Computer an, das ist schlicht und einfach zu unbequem. Bleiben also belehrende Videos. Und hier bin ich zu ungeduldig und direkt vor mit ist die Tastatur, wo ich nebenher was schreiben oder was anders machen kann. Allenfalls geht es noch wenn es beim Video nur um das Audio geht. Weiterhin haben Videos eine furchtbar niedrige Informationsdichte, sprich, wenn man alles was es dort an Fakten gibt und die Audiobeschreibung zusammenfasst, dann hat man das in einem Bruchteil der Zeit durchgelesen und kann es auch schnell überfliegen um dann nur an den Stellen hängen zu bleiben die relevant sind, Bei Videos geht so was nicht. Schnell vorspulen ist nicht das Gleiche.

Aber eines würde ich in keinem Fall tun – jede auch noch so sinnlos verronnene Zeit als „vernichtete Lebenszeit“ bezeichnen. Vielleicht wenn ich jahrelang auf einer einsamen Insel gestrandet wäre, dann würde ich diesen Ausdruck benutzen, aber ansonsten ist er mir einfach viel zu hochgegriffen.

Zum Schluss noch einen Tipp für alle Multi-Tasking-Jongleure. Wenn ich meine tägliche runde drehe höre ich normalerweise Musik oder Radio. Seit einigen Wochen habe ich entdeckt, dass die ct’ ihre Storys auch als Audiopodcast verfügbar hat. Die ct’.Story ist eine Science Fiction Geschichte in der es sich um Computer und Technik dreht. Es gibt sie in jeder Ausgabe, aber gelesen habe ich fast nie eine. Aber wenn ich sowieso laufe und die Ohren frei habe, dann dachte ich mir kann ich die Storys noch mal anhören. Leider scheinen sie das Format schon wieder beerdigt zu haben, denn die letzte Story als Audiopodcast ist schon ein Jahr alt. Besonders gut gefallen mir die, die nicht in einer fernen Zukunft spielen wo man sich ja alles mögliche Ausdenken kann, sondern die die vielleicht in einigen Jahren Wirklichkeit werden können. Und hier habe ich einige Tipps für Euch:

Eine wie Perla – könnte sogar heute schon möglich sein. Eine persönliche Assistentin erspart einem das Suchen und einkaufen im Internet und erledigt das für einen.

Von Wirsins nach Insbett: Eigentlich keine Science-Fiction Story, sondern eine Zusammenfassung von Dingen die jeder der irgendwie mit Computern und im Support schon mal gearbeitet hat, erlebt hat.

Score!: Heute schon sind die Schufa-Regeln für die Kreditvergabe undurchschaubar, was passiert wenn die Schufa mal Data Mining betreibt zeigt diese Story.

Callcenter: Auch nicht an den Haaren Herbeigezogen: Jemand soll herausfinden wer die Angestellten einer Firma dauernd mit Anrufen belästigt. Ich denke zumindest der technsiche Teil der Story ist nahe daran was wirklich möglich wäre.

One thought on “„Vernichtete Lebenszeit“

  1. Mit einem Blasenkatheter spart man sich die Pinkelrunden und mit einem Halsvenenkatheter und Flüssignahrung sogar die Zeit für die Nahrungsaufnahme 🙂

    Was „vernichtete Lebenszeit“ bedeutet ist individuell wohl verschieden. Ich puzzle z.B. ab und zu ganz gerne und höre dabei Hörbücher. Für mich ist das Entspannung, für andere ist das Zeitverschwendung. Für mich ist dagegen Zeit, die man auf „social media“ verbringt, eher eine Verschwendung.

    Bezüglich Fernsehen hat ja auch jeder seine Prioritäten. Der eine schaut gerne Promi-TV (warum auch immer), das ist für mich Zeitverschwendung, weil es mich nicht die Bohne interessiert und auch nicht tangiert. Derjenige mag mein Interesse für gute Filme, Natur- oder Wissenschaftssendungen für Zeitverschwendung und vergeudete Lebenszeit halten, weil für ihn eben z.B. Naturwissenschaft uninteressanter und unwichtiger ist, als das öffentliche Zurschaustellen von irgendwelchen „Promis“.

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