Der unmündige Verbraucher

Peter Lange hat mich auf die Idee meines heutigen Blogs gebracht. Das Lebensmittelrecht geht ja von dem „mündigen“ Verbraucher aus, also von einem informierten Verbraucher. Wir haben ja heute die Tendenz, dass jeder für unmündig erklärt wird, aber egal ob es einigen gefällt oder nicht: so sind alle unsere Gesetze gestrickt. Niemand kann sich bei anderen Dingen damit herausreden, dass er etwas nicht kenne oder dass er nicht nachgedacht hat, wenn er dagegen verstößt. Also mal ein paar Beispiele aus anderen Gebieten: Wenn jemand ein Fahrrad am Wegrand sieht und das steht da längere Zeit rum, kann er es auch nicht mitnehmen, nur weil er meint das ist herrenlos. Genauso gibt einem die Vorfahrt auch nicht das Recht bei einer Kreuzung ohne auf die kreuzende Straße zu achten einfach durchzubrettern.

Unter dem mündigen Verbraucher versteht bei uns das Gesetz einen informierten Verbraucher. Auf den ist die gesamte Gesetzgebung ausgelegt und auch die Kontrollen. Das dies in der Praxis mit der Kennzeichnung kollidiert, braucht man mir nicht zu erzählen. In der Realität kann niemand bei allen Produkten die er kauft die Kennzeichnung lesen. Das tue auch ich nur selten, wenn ich was sehe, wo mir die Bezeichnung nichts sagt, viel häufiger passiert das nach dem Kauf, wenn ich beim Essen mal die Packung ansehe oder mir das Gericht komisch vorkam. Doch das war schon früher so. Sinn der Kennzeichnung ist es auch, den der sich dafür interessiert, zu unterrichten. Es ist aufgrund dessen, dass die meisten verarbeiteten Lebensmittel aus zig Zutaten bestehen, einfach zeitlich nicht möglich sich bei jedem Produkt vor einem Kauf die Kennzeichnung durchzulesen.

Peter Langer regt sich über Produkte auf die fettreich oder zuckerreich sind, und meint die gehören verboten oder gebrandmarkt. Nun die Kennzeichnung verbietet erst mal nichts und unser Lebensmittelrecht schützt den Verbraucher nur vor Täuschung und vor gesundheitlichen Schäden. Es gibt keinen Passus, dass jemand verpflichtet ist besonders „hochwertige“ oder auch nur „gesunde“ Lebensmittel herzustellen. (Die Hochkommas sollen schon zeigen, das es recht schwierig werden würde, diese Begriffe mit konkreten Fakten zu füllen).

Warum geht es eigentlich? Also wenn mir die Qualität von Lebensmitteln wichtig ist, Qualität im Sinne von Nährstoffen, dann wäre viel sinnvoller, die Nährwertkennzeichnung verpflichtend einzuführen. Wenn man die zusätzliche, meist irreführende, GDA Kennzeichnung und die Ampel weglässt, dann hat man auch genügend Platz dafür. Das grundsätzliche Problem einer Ampel ist, dass ich nicht mehr differenzieren kann. Also haben Kekse einen Energiegehalt von 1.600 oder 2.200 kJ? Sie werden bei Zucker und Fett beide rote Ampeln bekommen, aber es gibt trotzdem einen Unterschied im Nährstoffgehalt. Die Ampel unterscheidet nur niedrige, moderate und hohe Gehalte (wobei man über die Grenzen auch debattieren kann). Diese Absolutwerte sind aber sinnlos, weil wir unterschiedlichste Lebensmittel haben. Das sieht man schon im Brennwert der zwischen unter 100 kJ für Gemüse und 3800 kJ für reines Fett liegt. Wenn ich das alles in drei Kategorien einteile, kann ich kaum noch differenzieren. Das ist was für DREV (dümmste, real existierende Verbraucher).

Was ist wirklich das Problem? Das wirkliche Problem ist ein anderes. Es ist nicht der Absolutwert an Zucker oder Fett, denn man leicht bei den Nährwertangaben raus finden kann, auch wenn substituiert wird, wie Monosaccharide oder Zuckeralkohole anstatt Zucker einzusetzen. Es ist, dass die Industrie versucht, wertgebende Bestandteile zu verringern und durch preiswerte zu ersetzen. Und es ist das Umgehen der Vorschriften für Kennzeichnung und Zusatzstoffeinsatz, indem Lebensmittel mit Zusatzstoffeigenschaften zugesetzt werden anstatt Zusatzstoffen, also rot färbenden Pflanzenextrakte zu Wurst gegeben werden, oder schwarz färbende Sirupe zu Brot, damit es dunkel aussieht.

Daher halte ich die Idee eines zentralen Registers der Rezepturen, die man einsehen kann, für besser. Dort gibt es die Möglichkeit der Ausführlichkeit, die man bei den Packungen nicht hat und es setzt die Hersteller unter Zugzwang. Zugzwang zu erklären, warum bitte in ein Brot Runkelrübenextrakt reingehört? Dass würde diesen Machenschaften dann auch ein Ende setzen. Die Lebensmittelkontrolle scheint ja damit überfordert zu sein.

Was jede Kennzeichnung nicht bekämpfen kann ist die Werbung. Und darum geht es ja bei Peter Langer. Zum einen sind die Fachexperten also Lebensmittelchemiker für die Produkte zuständig und die Werbung in TV, Print und Internet müsste von den Staatsanwälten verfolgt werden, die da nicht besonders eifrig sind. Zum anderen soll nun ja die EU Angaben die in Richtung „Gesundheit“ oder „Verhinderung von Krankheiten“ sorgen und da sind nun als prominentes Beispiel schon mal die probiotischen Jogurts gefloppt. Seit zwei Jahren müssen alle Werbeaussagen über gesundheitliche Wirkungen von der EU genehmigt werden – oder eben nicht.

Wird es was helfen? Natürlich nicht. Zum einen gibt es immer noch Formulierungen die zu unspezifisch sind um von der EU einkassiert zu werden wie „hilft sich wohl zu fühlen“ – das kann man auch zu einer Flasche Schnaps oder einer Tafel Schokolade sagen. Dann gibt es noch die zahlreichen Werbungen die nichts mit Gesundheit zu tun haben. Also Milchschnitte und Nutella oder die „Nimm 2“ Bonbons die ja Peter Langer so nerven haben nie mit gesundheitlichen Wirkungen geworben sondern nur mit „leichter Zwischenmahlzeit“ – korrekt- die Schnitte wiegt nur 28 g oder „Vitamine und Naschen“ – auch korrekt Bonbons sind zum Naschen da und sie sind vitaminisiert. Das sie dadurch nicht besser als andere Bonbons sind, das ist eigentlich logisch, denn als Naschwerk sollte man in jedem Falle wenig davon essen. Das gilt genauso auch für andere Dinge wie Nutella oder die Milchschnitte.

Woran jede Nährwertkennzeichnung, egal ob Ampel oder jedes andere System, nichts ändern wird, sind unsere Vorlieben. Fett schmeckt gut, es gibt ein cremiges Mundgefühl.Zucker vermittelt Süßgeschmack und den lieben wir. So sind wir evolutionsmäßig gepolt und daher muss man das Gehirn einschalten und selbst auf den Konsum achten. Nun von Herstellern zu verlangen, dass sie Produkte entwickeln die nicht fetthaltig oder süß sind, halte ich für äußerst weltfremd, zumal es ja viele traditionelle Produkte gibt die fetthaltig und/oder süß sind wie Speiseeis, Pizza, Käse, Wurst, Butter, Margarine, Wiener Schnitzel, Ketschup, Fruchtsaft, Obst, Bonbons ….

Unsere Sinne sind übrigens zuverlässig genug. Sie kann man nur schwer täuschen. Das kann jeder mal probieren indem er eine Light-Butter nimmt. Nur scheinen die DREV auch schon diese nicht mehr zu beachten….

5 thoughts on “Der unmündige Verbraucher

  1. Gerade Schwarzbrot (in der Norddeutschen Bedeutung) ist ein Grenzfall.
    Viele moderne Schwarzbrote sind teilweise sehr hell, da sie nur kurz gebacken werden.

    Klassisches Pumpernickel und klassische Schwarzbrote aus Bauernbacköfen bleiben 24 Stunden bei abnehmender Hitze im Backofen, und schmecken süßlich.
    Vermutlich wird ein Teil der Stärke zu Zucker umgewandelt, und davon wieder ein Teil karamelisiert.
    Wenn man ein ähnliches Ergebnis bei kürzerer Backzeit erreichen will, muß in irgendeiner Form Zucker zugegeben werden.
    Ein großes Problem scheint es zu sein die anderen Eigenschaften zu erreichen, die ein Schwarzbrot haben sollte, u.a. daß es mindestens eine Woche gut schmeckt. Klassische Schwarzbrote sind darauf ausgelegt zwei Monate haltbar zu sein. (Auf Norddeutschen Bauernhöfen wurde traditionell einmal im Monat gebacken.

    p.s. im Raum Stuttgart wird der Begriff Schwarzbrot teilweise für ein Brot verwendet, welches anderenorts Graubrot heißt (Siehe das Bild in Wikipedia unter Graubrot bzw. Mischbrot).
    Ich habe in meinen fünf Jahren in Stuttgart nirgendwo Schwarzbrot kaufen können. (Ok, es gab abgepacktes Schwarzbrot im Supermarkt, aber das habe ich nicht mal in meinem erstan Jahr an der Uni gegessen.)

  2. Begriffe sind wie Du schon schreibst so eine Sache. Sowohl Schwarzbrot wie Graubrot gibt es zumindest nicht als anerkannte Bezeichnungen, wohl aber Pumpernickel, das der allgemeine Begriff für die Broote ist die Du nennst.
    Hier (in Stuttgart) würde man unter Schwarzbrot ein Vollkornbrot verstehen. Pumpernickel ist bei uns weitgehend unbekannt, wohl auch weil bei uns mindestens einmal in der Woche gebacken wurde (ja ja die fleissigen Schwaben….). Graubrot kenne ich dagegen als Begriff hier überhaupt nicht.

    Viel schlimmer ist aber die Explosion von neuen Begriffen die gar nichts mehr über die Zusammensetzung aussagen. Nur mal als Beispiel von ALDI „Unser Kerniges“, „Unser meisterliches“ „Unser rustikales“.

    okay das ist extrem, aber wer mal in einem Bäckerladen rumschaut wird wohl kaum noch normales Vollkornbrot, Weizenmischbrot oder Roggenmischbrot finden, sondern vor allem solche Phantasiebezeichnungen.

  3. Ich koche nach einem Kochbuch aus den 50er Jahren. Industriell verarbeitet Fertigmischungen usw. gab es da kaum. aber dafür „Doppelfettstufe“. Bei einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger Bewegung ist das OK.
    Ich hab leztens mal eine Dose Linsensuppe gekauft und das war auch das letzte mal. Der darin enthaltene „Fleichersatz“ irgendein Brät war wohl auch noch mit Zucker bzw. Süßstoff aufgepeppt. Demnächst wieder (Dampf)kochtopf, trockene Linsen, etwas Suppengemüse und mageres Fleisch vom Metzger. 1/2 Stunde Arbeit die gut investiert ist.
    In unserer Firmenkantine esse ich meist 2 Beilagen wie z.B Kartoffeln und ein Gemüse sowie einen Rohkostsalat das genügt mir.

  4. „Peter Langer regt sich über Produkte auf die fettreich oder zuckerreich sind, und meint die gehören verboten oder gebrandmarkt. “

    Verbote von Produkten habe ich nie gefordert.
    Wenn eine klare Kennzeichnung „brandmarken“ ist, dann ja.

    „Nun die Kennzeichnung verbietet erst mal nichts und unser Lebensmittelrecht schützt den Verbraucher nur vor Täuschung und vor gesundheitlichen Schäden.“

    z.B. der Hinweis „ohne Fett“ bei Gummibärchen.
    Toller Schutz.

    Die Verkehrsvergleiche treffen ins Leere.

    Niemand macht im Fernsehen dafür Werbung, dass man Räder klauen soll oder die Vorfahrt missachten.

    Mal was grundsätzliches zur Diskussion.
    Diese bewegt sich auf hohem Niveau.

    Leider ist das viel zu abgehoben für die Zielgruppe die eigentlich betroffen ist. Leute mit nicht so guter Bildung und oder deutschen Sprachkenntnissen und vor allem Kinder.

    Wir wohnen in einem Viertel in dem es eine Mischung aus typisch bildungsbürgerlichen Einfamilienhausbewohnern und Sozialwohnungen gibt.
    Meine Kinder sind in integrativen Kinderkrippen und Kindergärten gewesen.

    Da kommt man so manches Mal in Wohnungen, in die man sonst nicht gehen würde.
    Und es ist halt leider dort die Realität zu besichtigen:
    Chips, süsses Gummigetier in unglaublicher Artenvielfalt, keine geregelten Mahlzeiten und Flachbildschirme in Zimmern von 5 jährigen.
    Und ob Ihr es glaubt oder nicht hat mir so eine Mutter tatsächlich mit den Worten „Gesund!Gesund!“ einen Hinweis auf Vitamin C auf einer Flasche mit pappsüßer Limo gezeigt.

    Es ist geradezu zynisch angesichts solcher Propagandaopfer den mündigen Verbraucher zu beschwören!

    Wenn man sich ansieht welches Gewicht, mit welcher Frequenz und mit welchem aberwitzigen Aufwand die Industrie wirbt und dagegen mal die wenigen Versuche von Aufklärung dagegensetzt, dann kann man nur von asymmmetrischer Kriegsführung sprechen.

    Oder glaubt jemand, dass ein Privatsender Spots für gesunde Ernährung in ähnlicher Häufigkeit senden würde wie für schädliche Lebnsmittel?

    Wer mal wissen will, wie es einem Migranten mit zu wenig Bildung und Sprachkenntissen in einem deutschen Discounter geht, der kann ja gerne mal einen türkischen Supermarkt besuchen und dort die Inhaltslisten zu entziffern.

    Wenn dann noch das Fernsehen in die Infolücke einspringt ist klar, was passiert.

    Tatsache ist nun mal, dass edie bisherige Kennzeichnung weitgehend wirkungslos ist und es so wie bisher nicht weitergehen kann.

    Die 25 jährigen adipösen Diabetieker werden uns sonst bald in Massen auf die Zehen fallen (in Form von exorbitant steigenden Krankenkassenbeiträgen).

    Dann werden auch die Rufe nach Fettsteuern und dergleichen wirklich freiheitseinschränkendem BLÖDSINN lauter werden.

    Ich behaupte nicht, dass eine zusätzliche EINFACHE Kennzeichnung von Lebensmitteln schlagartig alle Probleme lösen würde.

    Ja, man sollte die Ampel einfach versuchen, viele „Schüsse“ haben wir nicht mehr.

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