Oops! … I Did It Again – Die bösen Deutschen

Es war eine lange Pause seit dem letzten Blog, zwei Wochen. Daher erst mal warum ich so lange nichts von mir hören habe lassen. Jetzt ist Freibadsaison. Im Sommer habe ich eine Saisonkarte und gehe jeden Tag schwimmen. Da fehlen mir dann immer 4 Stunden, die zusammenkommen, wenn man die Gesamtzeit rechnet – zum Freibad zwei Ortschaften weiter fahren, Schwimmen, zurückfahren und dann noch etwas ausruhen. Zwar treibe ich auch im Winter Sport und schwimme, dann aber nur dreimal in der Woche und zwei Termine sind abends.

Dann habe ich seit letzter Woche auch wieder (vor dem Schwimmen) etwas zu Programmieren. Irgendwann muss das Geld zum Leben ja auch verdient werden.

Der Hauptgrund, warum ich mich so rarmache, ist aber das ich wieder was zu Schreiben angefangen habe. Eigentlich wollte ich ja an meine beiden Baustellen ran. Das Problem: die sind schon 300 bzw. 400 Seiten groß. Mich da einzulesen braucht Zeit und Sitzfleisch und irgendwie fällt mir das im Sommer sehr schwer. Im Winter eher weniger. Als ich dann noch die Anfrage bekam, ob ich einen Artikel zu einem Katalog begleitend zu einer Wanderausstellung schreiben könnte, die nächstes Jahr zum 50-sten Jahrestag der Mondlandung stattfindet, habe ich mich an das letzte Jubiläum erinnert, 2009 das 40-ste. Mein erstes Raumfahrtbuch „Das Gemini Programm“ war damals schon raus und verkaufte sich in dem Jahr wirklich gut. Wie wird das dann erst bei 50-sten sein? Und dieses Jahr gibt es auch ein Jubiläum – das Mercuryprogramm feiert den 60-sten.

Kurzum, ich bin meinem Vorsatz „Kein weiteres Raumfahrtbuch“ untreu geworden und schreibe gerade am Manuskript „Das Mercury Programm“. 200 Seiten sind schon getippt, obwohl das Raumfahrzeug die Raketen und jeweils die Hälfte der Kapitel über Astronauten und Geschichte noch fehlen. Das liegt an insgesamt 22 Missionen die alleine über 100 Seiten belegen. Und vielleicht kommt auch noch eines über die Apollo-Hardware, also Trägerraketen (da kann ich auf mein Buch US-Trägerraketen zurückgreifen), CSM und LM. Ganz Apollo will ich nicht aufarbeiten, da wären bei einem Buch von mir auch die meisten enttäuscht, die viel über die Missionen erwarten, weil das eben nicht mein Interessensgebiet ist. Aber über die Hardware wollte ich mich selbst mal eingehender informieren. Die Bücher haben ja auch immer einen Nutzen für mich, ich lerne immer selber was dazu.

Ich hoffe Mario überreden zu können das er sich des Manuskripts annimmt, er hat eine tolle Leistung bei den letzten beiden Büchern erbracht und vielleicht findet sich jemand der noch dazu bereit ist. Elendsoft will ich nicht dauernd einspannen. So suche ich noch nach einem Korrekturleser. Voraussetzung ist eigentlich nur das er gut Deutsch kann und meine vielen Grammatik- und Orthografiefehler findet. Als Belohnung gibt’s ein beliebiges Buch von mir, kann auch ein dickes wie die US-Trägerraketen sein. Mit zwei schnellen Korrekturlesern könnte es bis zum 26.11.2018 erscheinen. Das ist der 60-ste Jahrestag des offiziellen Programmstarts von Mercury auch wenn es schon vorher die Space Task Group (STG), Entwürfe und seit Oktober aufrufe an die Luftfahrtindustrie gab, Vorschläge zu unterbreiten.

Die Recherche liefert mir auch meinen heutigen Aufhänger, auch wenn ich geschwankt habe, ob ich nicht was zu Seehofer sagen sollte. Ich hab es gelassen, aber einige Sätze müssen sein: Die Regierung braucht keine Opposition, sie hat die CSU und gegen Seehofer wirkt selbst Gauland liberal. Als Strauß unter Kohl aufmuckte und das war weitaus weniger als heute Seehofer, drohte Kohl die CDU auch nach Bayern auszudehnen. Nur mal als Tipp Angela, es wäre Zeit das Mal umzusetzen.

Also für mein Buch habe ich natürlich auch viel gelesen, die Autobiografien von Deke Slayton, Gene Kranz und Chris Kraft, es folgt noch das Astronautenbuch. Es gibt dort viele Details vor allem aber kann man die Missionen lebendiger schildern als wenn man nur die Missionsreporte oder das Standardwerk „This new Ozean“ durchliest.

Besonders übel stieß mir Krafts Autobiografie auf. Der Mann kennt nur Schwarz-Weiß. Entweder jemand ist fern jeder Kritik oder er trägt alles zusammen, was gegen ihn spricht. Eines ist recht klar, er hält nichts von den „Deutschen“, sprich den Raketenwissenschaftlern um Von Braun. Das kommt an Sprüchen raus wie „Ich habe dafür gesorgt, dass der Abortknopf von Kurt Debus inaktiv wurde, wenn die Rakete abhob“ oder „Von Braun ist es egal, für welche Fahne er arbeitet.“.

Okay, das waren andere Zeiten. Es war kalter Krieg mit einem Rüstungswettlauf und wenige Jahre vorher gab es die Hetze unter McCarthy gegen angebliche Kommunisten und ihre Sympathisanten. Patriotismus wurde dagegen nicht hinterfragt.

Aber selbst wenn ich mal davon ausgehe das Kraft wohl meint die USA hätten das beste und gerechteste System auf der Welt (was meiner Ansicht nach für Nicht-Weiße bis heute nicht der Fall ist) so gibt es für mich noch eine übergeordnete Moral, denn auch das so „vorbildliche“ System hat im Zweiten Weltkrieg Millionen von Zivilisten in Deutschland und Japan getötet, zwei Atombomben angeworfen und Waffen wie Napalm entwickelt und in Korea eingesetzt. Mit der Flagge kann man also nicht alles rechtfertigen.

Das von Braun zumindest moralisch mitschuldig an dem Tod der Zwangsarbeiter ist und durch die A-4 auch Zivilisten bei Bombenangriffen starben spielt bei Kraft übrigens keine Rolle. Alleine die Tatsache das sie mal für Nazideutschland gearbeitet hat reicht für seine Antipathie.

Ganz dicke wird es nach dem Flug MR-2. Der zweite Flug einer Redstone endete mit einer Auslösung des Fluchtturms, weil die Redstone zu viel Schub hatte und zu früh Brennschluss. Der Schimpanse Ham flog weiter als geplant und war stärkeren Belastungen ausgesetzt. Die Redstone war ausgereift, doch diese Version mit verlängerten Tanks flog zum ersten Mal im Mercurpyogramm. Die Brenndauer wurde zu hoch angesetzt. Man fand die Fehler, die nicht nur im zu hohen Schub sondern auch starken Vibrationen bestanden, die durchaus für den Astronauten gefährlkich sein konnten. Kraft wollte dann mit dem nächsten Start Shepard starten. Von Braun und Joachim Küttner, Deputy Manager für das Mercuryprogramm beim MSFC wollten einen weiteren Erprobungsstart und verwiesen auf Berechnungen, dass es ein 12 % LOM und 2 % LOC Risiko gäbe, für sie unakzeptabel hoch.

Kraft der nach eigenen Angaben damit rechnete, einen bis zwei Astronauten während des Mercuryprogramms zu verlieren war wichtiger vor den Russen im Weltraum zu sein. Von Braun setzte sich durch. Den Unmut der STG sieht man an der Benennung des Flugs als Mercury Redstone BD (BD = Booster Development) und dem Starten eines Boilerplates anstatt einer echten Kapsel. Er war erfolgreich und fand am 24.3.1961 statt. Vor dem Start von Shepard am 5.5.1961 kam dann am 12.4. die Meldung von Gagarins Flug. Kraft schreibt, dass „die Deutschen“ daran schuld wären, dass die Russen die USA geschlagen haben.

Wirklich? Also selbst wenn am 24.3. Shepard geflogen wäre, der suborbitale Hopser mit 5 Minuten Schwerelosigkeit wäre doch von Gagarins Flug in einen echten Orbit deklassiert worden. Selbst der kleine Hopser reichte aber Kennedy für die Mondrede. Wäre es zu der gekommen, wenn man vor den Russen zuerst im All gewesen wäre, wenn auch nur für ein paar Minuten?

Vor allem stößt es mir auf, wenn ich bei der Recherche drüber stolpere, das der ehemalige Me-163 Pilot Bernhard Hohmann dafür gesorgt hat das die Atlas welche die NASA bekam, auch deren Ansprüchen genügte. Die Qualitätssicherung bei Corvair war damals mangelhaft. Es wurde nichts dokumentiert, weder Arbeitsschritte noch Geschichte eines Teils. Selbst nach der Kontrolle kamen zur NASA noch Atlas wie die von Cooper, die falsch verkabelt waren. Insgesamt war die Erfolgsbilanz der Atlas lausig. Die Flüge MA-1 und MA-3 scheiterten. Big Joe ist zwar für die NASA ein Erfolg, weil der Hitzeschutzschild getestet wurde, für die USAF aber wegen der fehlenden Abtrennung der Boostertriebwerke und zu geringen Leistung ein Fehlschlag und selbst zum Ende des Mercurypogramms gab es bei den Atlasentwicklungsflügen und den Satellitenträgern viele Fehlschläge, denn offensichtlich wurden nur die NASA-Raketen besonders geprüft. Von einer Zuverlässigkeit von 88 % wie bei der Redstone war die Atlas weit entfernt. Als John Glenn startete, war ihre Erfolgsquote bei 60 % – zwei von fünf Starts scheiterten, bei der Redstone war es einer von acht.

Von Braun mag zwar nicht interessieren, für welches Land er entwickelt, aber das die Rakete dann zuverlässig ist und der Astronaut nicht umkommt, schon. Vor allem, wenn man in Krafts Autobiografie mitbekommt, wie die eigenen (US-amerikanischen) Brüder die NASA behandeln. Für die Air Force war sie ein Bittsteller. Während das MSFC auf alle Forderungen der STG einging und in die eigentlich schon fertig entwickelte und zuverlässige Redstone 800 Änderungen einbaute, wodurch neue Fehler entstanden wie bei MR-1, weigerte sich die Air Force zuerst beharrlich, überhaupt etwas an der Atlas zu machen. Als die Atlas bei MA-1 beim Durchqueren von Max-Q explodierte schoben sie die Schuld einfach auf die Mercurykapsel. Die STG musste bis zum Staatssekretär gehen, um gewünschte Änderungen an der Rakete durchzusetzen. Die Deutschen, die Kraft so wenig leiden kann, zogen wenigstens am gleichen Strang und hatten das gleiche Ziel, während für die USAF nur ihre ICBM zählte. Aber die ist ja amerikanisch, auch wenn sie eine Wasserstoffbombe mit 8 MT Sprengkraft trug. Die Russen freuen sich sicher, wenn sie von einer US-H-Bombe umgebracht werden … (bzw. die Amis, wenn von fünf H-Bomben dann zwei auf dem eigenen Gebiet niedergehen….)

Über seine eigenen Fehler spricht Kraft nicht. Selbstreflexion gibt es nicht. Dabei gäbe es dafür durchaus Grund. Kraft hat ein Evangelium, das sind „Procedures“. Am besten in Deutsch wohl mit Verfahrenvorschriften zu übersetzen. Sicherheit gab es dadurch das man schnittweise alle Routinearbeiten übte, bis sie auswendig beherrscht wurden und dann ging man die Fälle von Fehlfunktionen, wo man entsprechende Listen erarbeitete. Das „Handbuch“ das die Piloten hatten ist voll davon. Hier die für einen Flugabbruch aus dem Handbuch für John Glenns Mission

Abort Prior Tower Jettison

1: Actuate the short handle prior command form the ground. If abort light does illuminate, press Cap Sep ring and press Jet Retro.

2: Check „Sep capsule“ telelight green

3: Check „Jet retro“ telelight green

4: Monitor „Jett Tower“ telelight until it becomes green

For off the pad abort allow 2 seconds, but not more than 3-1/2 seconds after Tower Jettison, before depressing drogue parachute deploy button (in event of drogue failure)

5: Monitor altitude and if antenna fairing does not deploy below 10.000 feet pull Main chute deploy ring.

6: If Main chute fails to deploy properly, pull Reserve chute deploy ring

7: Snorkel Ring – PULL

8: Complete normal reentry procedures

Nett nicht? Spart das eigene Denken ein. Dann las ich bei Deke Slaytons Memoiren, der immer wieder Einschübe hat mit „Other Voices”, in denen andere ihren Senf zu einem Kapitel geben, das Krafts Vorgesetzter Walt Williams dieses Training auf „Procedures“ für den Verlust der Liberty Bell 7 verantwortlich macht. Damals kam Gus Grissom versehentlich an die Auslösung der Luke und in der rauen See lief die Kapsel schnell voll Wasser. Wenn Grissom nicht die Checkliste nach der Landung nach den „Procedures“ abgearbeitet hätte, sondern „systemisch“ gedacht hätte, dann wäre das Ziehen des Sicherungsstifts für die Auslösung der Luke das Letzte gewesen, was er gemacht hätte.

8 thoughts on “Oops! … I Did It Again – Die bösen Deutschen

  1. Also, das Mercury-Buch ist von mir schon gekauft!
    Auch die Apollo-Bücher stehen schon auf meiner Liste!
    Das Gemini-Buch werde ich leider nicht kaufen, das habe ich bereits!

    Bis jetzt hielt ich von Craft eigentlich viel, schließlich hat er Apollo 13 bewältigt!
    Das er die Deutschen nicht mag, kann ich verstehen. Aber die Leistungen die die Deutschen auf amerikanischer Seite in der NASA und auch bei den Luft- und Raumfahrtfirmen geleistet haben waren doch essentiell!
    Dabei darf man die Deutschen bei den Russen nicht vergessen, die es unter ungleich schwierigeren Verhältnissen geschafft haben, praktisch „aus dem Kopf“, ohne Unterlagen oder komplette Raketen den Russen ebenfalls entscheidend weiterzuhelfen!
    Und das „die Deutschen“ lieber eine Rakete mehr als Test starten ließen, bewährte sich bis einschließlich Skylab eigentlich hervorragend, die tragischen Vorkommnisse bei Apollo 1 hierbei übersehend…
    Auch einige Sicherheitssysteme wurden auf Drängen „der Deutschen“ eingebaut, leider wurde das nach Skylab sträflich unterlassen. Mit den bekannten Folgen!
    Da waren die Russen etwas schlauer, leider auch erst nach vielen Toten…

    Hoffentlich werden keine Raumfahrer mehr im All bleiben!

    Meint Ralf mit Z

  2. „Bis jetzt hielt ich von Craft eigentlich viel, schließlich hat er Apollo 13 bewältigt!“

    Ähäm !? War das nicht eher Gene Kranz ?

    Ulli

  3. „Als Strauß unter Kohl aufmuckte und das war weitaus weniger als heute Seehofer, drohte Kohl die CDU auch nach Bayern auszudehnen. Nur mal als Tipp Angela, es wäre Zeit das Mal umzusetzen.“

    Wenn man sich die Umfragen unter Bayern, allgemeinen Wählern und Unionsanhängern ansieht, die eher Seehofer bevorzugen, wird klar, dass die CDU dabei viel mehr zur verlieren hätte als die CSU. Wenn mehr als 70 % der Bayern sagen, die CSU sollte die Koalition platzen lassen, falls man sich bei der Zurückweisung nicht durchsetzen kann, dann sehe ich nicht, wo das Wählerpotential einer bayerischen CDU herkommen sollte.

    1. Ich weiß nicht, ich kenne einige Leute, die hier in Bayern lieber die CDU als die CSU wählen würden. Sie mögen Merkel, aber keinen Söder und keinen Seehofer. Due tun sich echt schwer, wo sie ihr Kreuz machen sollten.

      1. Die CDU in Bayern bedeutet aber auch die CSU im Rest der Republik.
        dieses würde die AFD wohl sehr schwächen. Und zu einer Konservativen Mehrheit ohne Merkel führen.

        Merkels Asylpolitik mag zwar in Deutschland von knapp der Hälfte der Bevölkerung akzeptiert werden. Aber es zerstört Europa. Brexit und ein Rechtsruck bei nahezu jeder Wahl in Europa nach Merkels Einladung an Nordafrika sind die folgen.

  4. Ich finde es übrigens super, dass du von deinen Vorsätzen mit den Raumfahrtbücherb aufzuhören immer wieder abweichst. Ich hoffe das bleibt in Zukunft auch so. 🙂
    Das Mercury-Buch ist jedenfalls gekauft. Es ist zu dem Thema sonst auch kaum anspruchsvolle deutsche Literatur verfügbar.

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