Buchkritik: „Schlachtschiff Bismarck“

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Mit dem Kauf des Buchs „Schlachtschiff Bismarck“ tat ich mich etwas schwer. Der Autor Burkard Freiherr von Müllenheim-Rechberg war der ranghöchste Überlebende der Versenkung der Bismarck und auf dem Schiff Kommandant des Artellerieleitstands achtern. Immer wenn ich eine Geschichte aus den Worten eines selbst dabei gewesenen höre, befürchte ich das sie geschönt wird oder die in Nazideutschland aufgewachsenen eine gewissen Glorifizierung bringen. Trotzdem bewegte mich seit Langem eine Frage, nämlich die, warum die Bismarck die innerhalb weniger Minuten den Stolz der britischen Flotte die Hood versenkte, bei der anschließenden Schlacht die zu ihrer Versenkung führte, beim Gegner keinen einzigen Treffer landen konnte. Die Frage ist nun beantwortet, doch dazu später mehr.

Wie sich herausstellt sind meine Befürchtungen über Glorifizierung unbegründet. Im Gegenteil: der Autor hält Hitler für einen gefährlichen Irren und sympathisiert ofen mit dem Widerstand. Er versteht es zudem gut, eine historische Schilderung mit einem eigenen Bericht zu kombinieren und dabei sachlich zu bleiben.

Burkard Freiherr von Müllenheim-Rechberg beginnt sein Buch mit seiner ersten Besichtigung der Bismarck, noch auf der Werft, dann folgt kurz die Indienststellung und Übungsfahrten bis dann das gesamte Unternehmen Rheinübung geschildert wird. Doch das Buch endet nicht damit und er schildert auch noch seine Kriegsgefangenschaft, wobei ich die Schilderung der Verhörmethoden der Briten stellenweise interessanter fand als die Berichte von Bord. Das Buch ist neutral geschrieben, ohne Pathos, es finden sich zahlreiche Einschübe über „Was wäre wenn“ Szenarien, so die Diskussion, ob nicht ein anderer Rückweg besser gewesen wäre, oder welche Alternativen es nach dem Ausfall der Ruderanlage gab, dass Schiff wieder manövrierfähig zu bekommen. Das Buch ist also beiliebe nicht das, was ich befrachtete, ja stellenweise zu neutral, unkommentiert bleibt zum Beispiel, dass die Briten noch lange nachdem die Bismark keine einsatzbereiten Geschütze mehr hatten, auf das Schiff schossen, auch wenn die Folgen wie die Todesopfer durch die Einschläge genannt werden.

Für alle, die die Geschichte nicht kennen: Das Schlachtschiff Bismarck und der schwere Kreuzer Prinz Eugen liefen am 18.5.1941 also vor fast genau 80 Jahren, zum Unternehmen Brünierung aus. Ziel war es, Handelskrieg zu führen. Eigentlich war eine größere Streitmacht vorgesehen doch die Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau waren in Reparatur, das Schwesterschiff Tirpitz gerade erst fertig und die Mannschaften noch nicht ausgebildet. Das Unternehmen begann schon schlicht, da Kapitän Lütjens als Aufmarschroute die Dänemarkstraße vorbei durch den Kattegat, an der schwedischen und norwegischen Küste entlang wählte, anstatt über Deutschland in die Nordsee zu stechen. So wurden die Schiffe mehrfach von dänischen, norwegischen und schwedischen Kräften gesichtet und die Briten benachrichtigt, die dann sie abfangen wollten. Bald wurde die Streitmacht auch dem bewusst, denn sie stoßen mit der Norfolk zusammen einer von zwei Kreuzern, die in Folge die Flotte in sicherem Abstand begleiteten und ihre Position laufend zur Admiralität funkten.

Am 24.5.1941 kam ihnen das Schlachtschiff Prince of Wales und der Schlachtkreuzer Hood entgegen. Die Hood war obwohl zwei Jahrzehnte alt, das Flagschiff der britischen Flotte. Sie war bis zur Indienststellung der Bismarck das größte Schlachtschiff. Innerhalb von 6 Minuten versenkte die Bismarck die Hood und landete auch einige Treffer auf der Prince of Wales bevor diese abdrehte. Die Prince of Wales hatte Glück, denn eine Granate der Prinz Eugen schlug in der Munitionskammer der 13,3 cm Granaten ein, explodierte aber nicht. Ein ähnlicher Treffer in die Munitionskammer der Hood führte zur Explosion und das Schiff zerfiel in drei Teile.

Die Bismark hatte drei Treffer erhalten, die die Hauptpanzerung nicht durchschlugen aber dafür sorgten, dass die Sektionen mit Wasser voll liefen und das Schiff so leichte Schlagseite bekam und an Fahrt verlor.

Anstatt nun, da klar war das man entdeckt war und das Ziel Handelkrieg zu führen nicht mehr durchführbar war den direkten Kurs zurück einzuschlagen – der wie sich später herausstellte sicher gewesen wäre, wählte Lütjens den Weg um Irland herum um den französischen Atlantikhafen Saint-Nazaire anzulaufen.

Die Prinz Eugen wurde abgelöst und sollte so die bedien Verfolger Norfolk und Suffolk irreführen, doch das gelang nicht, auch einige Ausbruchsversuche der Bismark, bis einer gelang. Leider bemerkte Lütjens dies nicht und setzte einen längeren Funkspruch ab, der den Briten eine Funkpeilung ermöglichte. Ohne diesen Funkspruch wäre die Bismarck den Briten wohl entkommen.

Die entsendeten Marinekräfte konnten die Bismark nicht mehr einholen, so entschloss sich die Admiralität die Bismarck mit Flugzügen anzugreifen um sie zu beschädigen, sodass sie an Geschwindigkeit verlor. Der erste Angriff erzielt keinen Treffer der die Bismarck stark beschädigte, der zweite Angriff hatte mehr Erfolg ein Torpedo traf die Ruderanlage, sodass das Ruder nun in einer festen Position war und dies leider in einer extremen. Die Bismarck war manövrierunfähig. Man versuchte das Problem zu lösen, es gab aber keine Möglichkeit. Danach wurde die Bismark durch den Wind auf einen Nordwestkurs getrieben, geradewegs auf die Briten zu. Man reduzierte die Geschwindigkeit, soweit möglich, damit das Schiff stabil war.

Am Morgen des 28 Mai begann die letzte Schlacht. Die Briten hatten die Schlachtschiffe King George V und Rodney aufgefahren sowie die Kreuzer Norfolk und Dorsetshire. Schon 15 Minuten nach Schlachtbeginn traf ein Volltreffer den Hauptartilleriestand, der zweite vordere Artilleriestand wurde wenig später getroffen. Ohne Artillerieleitung feuerten die Türme selbstständig weiter, die vorderen Türme wurden aber bald ausgeschaltet. Erst danach umrundeten die beiden Schlachtschiffe, die Bismark und die hintere Artillerie konnte, eingreifen, doch auch hier bekam der achtere Artilleriestand bald einen Treffer und die Szene wiederholte sich. Der Kampf begann um 8:43. Um 9:31 feuerte Turm C der Bismarck die letzte Salve ab, doch erst um 10:22 stellten die Briten das Feuer ein – die beiden Schlachtschiffe rückten ab, sie hatten keine Munition mehr und der Befehlshaber funkte zur Heimat „Kann Bismarck mit Granaten nicht versenken“. Der Kreuzer Dorsetshire bekam den Befehl die Bismarck durch Torpedos zu versenken und kurz nach dem Beschuss sank sie auch. Allerdings hatte die Besatzung schon, um 10:10 die Selbstversenkung in die Wege geleitet und den Befehl erhalten das Schiff zu verlassen. Viele starben, weil zu dem Zeitpunkt die Briten noch auf das Schiff feuerten. Bis heute ist umstritten, weshalb die Bismarck sank. Die Überlebenden sagten weil sie sie selbst versenkten. Beim Untergang drehte sie sich und man sah keine Beschädigung des Schiffs unter der Wasserlinie. Die Briten reklamierten ihre Torpedos als Ursache. Das Wrack wurde mittlerweile auf dem Meeresboden durch U-Boote fotografiert und diese meldeten ebenfalls das man keine Beschädigungen unter der Wasserlinie sieht.

Doch nun zu meiner Frage: es war sicher klar das die Bismarck gegen die Übermacht kein Chance hatte, doch ihre Artillerie war noch intakt, warum gab es keinen einzigen direkten Treffer auf den britischen Schiffen? Die Lösung liegt in der Manövrierunfähigkeit, den frühen Treffern im Artillerieleitstand und der Art wie Seeschlachten ausgefochten wurden.

Fangen wir mit dem letzteren an. Die Entfernung wurde mittels stereoskopischer Entfernungsmesser festgestellt. Bei der Bismark waren dies bei den Artillerieleitständen zwei Optiken im Abstand von 10 m. Bedingt durch die Parallaxe sieht man das Bild rechts und links leicht verschoben. Auf den Optiken gibt es eine Skala mit Marken, anhand derer man dann die Entfernung bestimmen kann, indem man Punkte auf den beiden Marken vergleicht. Das Funkleitsystem – heute sagt man Radar dazu – war für eine präzise Entfernungsortung nicht nutzbar. Die Bismark feuerte dann eine Salve aus allen verfügbaren Türmen, deren Zielweite anfangs um 400 m auseinanderlag. Die Einschlagpunkte wurden gemeldet und entsprechend die Entfernung angepasst und die Distanz sukzessive angepasst. Das nannte man „Einschissen“ bis die Treffer „deckend“ waren, das heißt die richtige Entfernung hatte. Ein deckender Treffer muss aber nicht das Schiff treffen, sondern kann auch links oder rechts ins Wasser gehen.

Während der Kurs der Bismarck berechenbar war – man sieht dies deutlich auf der Skizze des Gefechts und sie zudem langsam fuhr, waren die englischen Schiffe beweglich und schnell. Anfangs brauchte eine Granate rund eine Minute bis zum Ziel. Die Bismarck beschoss ausschließlich die Rodney, die 22 Knoten, also 40 km/h schnell war. Zwischen Abschuss und Aufschlag konnte die Rodney so bis zu 670 m zurücklegen und das tat sie – sie wendete nach jedem Schuss und ging wieder auf Distanz, sodass eine Salve die annahm, dass die Rodney weiter auf die Bismarck zulief, zu kurz war. Der Ausfall der Artillerieleitstände früh im Gefecht – um 9:02 der Hauptleitstand – verschlimmerte das, denn die Türme hatten zwar auch Messgeräte, aber mit kleinerer Parallaxe und tiefer angeordnet. Sobald die vordere Artellerie ausgefallen war, kamen die Schiffe näher heran und nun konnten sie aus geringer Distanz gezielt die hintere Artillerie und den achteren Artilleriestand ausschalten. So verwundert es nicht, dass die Bismarck keinen Treffer landen konnte.

Dank der guten Panzerung überlebten die meisten, die nicht im Oberdeck waren, trotzdem den Beschuss. Viele wurden erst getötet als sie das Schiff verlassen wollten, da die Briten weiter feuerten. Selbst als die Bismarck sank, zogen die beiden Schlachtschiffe ab und beteiligten sich nicht an der Rettung, die Dorsethsire und der Zerstörer Maori nahmen 110 von etwa 800 Überlebenden auf, drehten aber auch dann ab angeblich, weil sie ein U-Boot sahen. Es gab aber keines, dafür aber Trümmerteile genug. Ein Offizier meinte zum Autor des Besuchs „Fürs Verhör haben wir genug Leute“. Dieses Vorgehen war kein Einzelfall. Auch bei der Scharnhorst wurden viele Schiffbrüchige in Flößen nicht gerettet, aber alle Offiziere, die für Verhörs wichtig waren. Als der Truppentransporter Laconia versenkt wurde, barg das U-Boot die Schiffbrüchigen, rief weitere U-Boote zur Bergung hinzu und informierte unverschlüsselt über den Tatbestand und legte Rote-Kreuzfahnen aus. Trotzdem wurden die U-Boote angegriffen. Das führte den auch zum Laconia Befehl.

Gibt es auch Kritik am Buch? Ja, man erfährt recht wenig vom Leben auf dem Schiff. Auch wer sich, wie ich, für Technik interessiert, kommt zu kurz. Welchen Sinn die einzelnen Aufbauten haben, wie man eine 800 kg schwere Granate lädt, das alles erfährt man nicht. Nur kurz wird die Einteilung des Schiffs in Sektionen, die Panzerung und die Ausstattung mit Geschützen besprochen, aber nicht tiefer gehend. Heute bietet jede Internetseite über die Bismarck da mehr Informationen. Da das Buch heute antiquarisch recht billig erhältlich ist, gibt es von mir eine eindeutige Kaufempfehlung.

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