Video killed the written Word

Den heutigen Beitrag hatte ich schon seit einigen Tagen vor, aber durch die Frage von Duc Lo Ngygen hat ihn noch etwas aktueller gemacht. Dazu noch am Schluss mehr.

Es geht um die Verdrängung von geschriebenen Informationen durch Videos und die allgemein sinkende Informationsmenge zur Raumfahrt. Ich mache mal einen Zeitsprung, zurück ins Jahr 1997. Da hatte ich meine ersten Erfahrungen mit dem Internet. Ich hatte selbst noch keinen Anschluss, der kam erst ein Jahr später, aber ich arbeitete bei einer Firma mit Internetanschluss, damals noch über ISDN. Es war um die Zeit der Pathfinder Landung und ich saugte alles auf was es da gab. Und das war nicht wenig. Man erfuhr von IBM Details über den Bordcomputer, der einen PowerPC einsetzte, von Motorola über das Radiomodem mit dem Pathfinder und Sojourner Daten austauschten (das auch von Motorola stammte) und es gab die Webseite, die nicht nur jeden Tag die neuesten Fotos verbreitete – für jemanden, der sie vorher nur in der Zeitung oder erst Monate oder Jahre später in einem Buch sah, eine Sensation – sondern auch jede Menge Informationen über die Sonde. Vieles stand in FAQ, die Fragen gingen damals viel tiefer, was man aber leicht daran erklären kann, das die breite Bevölkerung noch kein Internet hatte, wer Internet hatte, hatte meist einen technischen oder wissenschaftlichen Hintergrund und stellte entsprechend auch nicht triviale Fragen.

Nun habe ich gerade den Artikel über Lucy fertiggestellt und er ist Anlass das Thema aufzugreifen. Ich habe fast nichts über die Raumsonde selbst gefunden. „Fast nichts“ weil es durch das Nicht-Einrasten nach dem Start eines der beiden Solarpaneele es etwas über dieses Paneel gab.

Selbst die kurze Beschreibung die ich in einem Buch von 1980 über die Voyager Raumsonde fand, ist da umfangreicher. Bei den Instrumenten sieht es besser aus, da Wissenschaftler deren Beschreibung, Zielsetzung und Erwartungen publizieren, ohne Publikation geht man im heutigen Wissenschaftsbetrieb unter. Doch selbst hier griff ich vornehmlich auf alte Beschreibungen zurück, die es schon gab, denn mit einer Ausnahme handelt es sich um Instrumente die schon auf New Horizons und Osiris-Rex eingesetzt wurde. In meinem Bericht sieht man das auch an dem wesentlich kürzeren Abschnitt über die T2CAM, das einzige neue Experiment. Es gab viel über die Missionsplanung und Bahn, praktisch alle Dokumente auf dem NASA Technical Reports Server beschäftigen sich mit dieser Thematik. Daraus besteht dann auch der größte Teil des Artikels, der im Umfang und Ausführlichkeit für eine US-Raumsonde einen Tiefpunkt für mich darstellt. Besonders deutlich wird das bei den offiziellen Dokumenten. Traditionell gibt es bei der NASA für Missionen ein Press Kit. Ist man doch interessiert, das Journalisten über die Mission berichten. Das ist Tradition und gab es schon zu Apollo Zeiten. Wer mal vergleichen möchte. Das offizielle Press Kit von Pathfinder hat 44 Seiten, das von Lucy, obwohl sowohl in der Instrumentierung wie Mission komplexer noch 12 Seiten. Auf den Teil, der für mich am wichtigen ist, die Raumsonde und Instrument,e entfallen bei Pathfinder neun Seiten, bei Lucy zwei Seiten.

Besonders die NASA hat enorm abgebaut. Lange Zeit war sie vorbildlich. Man hatte eher das Problem aus einem Wust von Dokumenten die Informationen zu finden die für einen selbst relevant sind. Während man bei der ESA zwar Hochglanzbroschüren produzierte, aber diese wenig Inhalt haben, finde ich in den letzten Jahren mehr Infos über ESA Sonden als NASA-Sonden. Ich habe dies schon bei den letzten Artikeln über Parker Solar Probe vs. Solar Orbiter oder eben JUICE vs. Lucy gesehen.

Die Raumfahrtagenturen gehen mit der Zeit, so war als Blogs „in“ waren, bei der ESA Blogs von Missionsmitarbeitern die wichtigste Informationsquelle, das ist inzwischen auch beim Abflauen und der NASA Blog zu Lucy muss nicht nur erst mal gefunden werden – der entsprechende Link auf der NASA Seite ist tot, sondern auch wenig erhellend. Inzwischen hat sich die schriftliche Information auf Twitter verlagert – mit gravierenden Folgen, denn in die weniger als 200 Zeichen kann man praktisch nichts informationstechnisch relevantes publizieren, und das ist für mich extrem unübersichtlich, weil ich bisher keine Möglichkeit gefunden, habe nur Tweets einer Person zu lesen, ohne die Kommentare anderer Personen zu den Tweets oder die Retweeds die für mich Twitter „zumüllen“.

Stattdessen dominieren auf der offiziellen NASA Seite Videos. Ich verstehe, das man so mehr Personen erreicht. Videos sind einfacher zu konsumieren und viele wollen auch nichts mehr lesen. Das Problem, das ich habe, ist das Videos keine Ergänzung von schriftlichen Informationen sind, sondern sie mehr und mehr diese ersetzen. Für mich ist das unverständlich. Zum einen ist der aufwand für ein PDF doch deutlich kleiner, als ein Video zu drehen, zu schneiden, zu bearbeiten, (s kommen ja meist noch Animationen hinzu). Zum anderen erreicht man mit detaillierten Informationen, Hintergrundwissen eine andere Schicht. Eben Leute, die sich wirklich für die Materie interessieren, nicht nur oberflächlich Videos konsumieren. Diese Leute sind in der Regel aber Meinungsvervielfältiger wie Journalisten oder eben ambitionierte Amateure, davon gibt es außer mir ja noch etliche andere. Der Nutzen ist damit noch größer.

Ich habe ja schon vor Jahren beschlossen, das ich keine neuen Artikel über Raketen mehr mache. Der Grund ist der gleiche wie bei der Problematik bei den Raumsonden jetzt. Die meisten „neuen“ Träger werden durch Firmen mit eigenem Kapital entwickelt. Ihre „Users Guide“ werden immer schmaler und es steht immer weniger drin. Dafür gibt es Animationen oder Videos von Starts oder Tests die Eindruck machen sollen, aber keinen Informationswert haben. Das hat inzwischen auch auf die Raumfahrtagenturen übergegriffen, sofern sie noch Träger entwickeln. Dokumente über Ariane 6, SLS oder H-3 sind selten und Informationen sind dürftig. Ich überlege, ob ich das nun auch auf Raumsonden übertrage.

Nun noch zu „privaten“ Videos, Videokanälen von Amateuren oder Videos mehr zur Unterhaltung, im neudeutsch „Edutainment“ auf Youtube und anderen Kanälen, nach denen Duc Lo Nguyen gefragt hat. Diese sehe ich überhaupt nicht an. Das hat bei mir primär technische Gründe. Ich sehe mit Brille je nach Tagesform zwischen 25 und 35 Prozent. Für die Arbeit habe ich daher einen stationären PC mit zwei 32 Zoll Fernsehern, die ich als Monitore nutze (Monitore in der Größe sind erheblich teurer und haben nicht die niedrige Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixel, die ich brauche, wenn ich mehr Platz auf dem Schreibtisch hätte, würde ich auch 40 Zoll Fernseher nehmen). Ein Tablett, Notebook oder Smartphone habe ich nicht. Dort ist die Darstellung für mich viel zu klein um sie bedienen zu können.

Videos schaut man sich aber entspannt an, im Liegen, nicht auf einem Schreibsessel, wobei beim PC dann ja meistens auf dem anderen Monitor noch eine Anwendung offen ist die ablenkt oder an der ich arbeite. Videos brauchen auch die ganze Aufmerksamkeit. Ich kann sie so einfach nicht nebenbei schauen. Schon bei reinen Unterhaltungsvideos bekomme ich vom Inhalt nichts mit, wenn ich nebenher was mache. Videos aus dem Internet schaue ich eigentlich nur von den Mediatheken an, am Fernseher, entweder direkt von den Mediatheken oder mit Mediathekview heruntergeladen und auf das NAS kopiert. Der Fernseher ist zwar internetfähig, aber zum einen kommt man ohne Maus und Tastatur nicht weit, sodass ich dauernd aufstehen und zum Fernseher gehen müsste, um zu wechseln, vorzuspulen etc. und zum anderen ändern YouTube und Co dauernd ihre Oberflächen und Softwarestandards. Der Fernseher ist von 2015, erhielt einige Zeit Software-Updates, mittlerweile seit Jahren nicht mehr und YouTube ist dort praktisch nicht nutzbar, weil die Oberfläche nicht mehr dargestellt wird.

Es gibt aber auch etwas Neues. Für die aussterbende Minderheit derer die tatsächlich noch lesen und nicht nur Videos schauen, will ich dieses Jahr – am 19. Dezember jährt sich der 50-jährige Abschluss der Apollo 17 Mission, und damit des Apolloprogramms – die beiden noch ausstehenden Bücher zum Apolloprogramm herausbringen. Ein ehrgeiziges Ziel, denn Band 2, der eher dünner ist ist recherchemäßig erst zur Hälfte erledigt, Band 3 liegt noch weiter zurück, und dann kommt nach der Recherche ja noch die Korrektur und das Layouten. Aber ich schreibe das mal hier, um mir selbst Druck zu machen. Ihr dürft mich auch dran erinnern.

3 thoughts on “Video killed the written Word

  1. Guten Mittag Herrn Leitenberger,
    bezüglich der allgemein sinkende Informationsmenge bezüglich Raumsonden und Raketen, muss ich Ihnen leider zustimmen. Für Raumfahrtbegeisterte die mehr auf das Technische eingehen wollen, findet man wenig bzw. kaum noch Informationen. Das finde ich bedauerlich.

    Meiner Meinung nach, warum die NASA etc. Informationen immer weniger preisgeben, beziehungsweise kürzen, auf die nur noch für die Allgemeinheit relevante Sachen, könnte ja an der heutigen Konsumgesellschaft liegen.

    Als ich noch ein Kind war, war das Smartphone noch in den Startlöchern. Also meine Kindheit war frei von Social Media und Youtube etc. Damals haben ich und meine Freunde, nehmen wir mal an, Mr. Bean angeguckt. Eine Folge dauert ungefähr so 20 Min. Beziehungsweise haben wir auch damals Dokus angeguckt die 1 Stunde lang dauern, dass sehr genau über den Betrieb eines Flughafen erklärt hatte. Für die heutige Generation Z ist es unvorstellbar 1 Stunde Ihres Lebens zu vergeuden. Kinder von heute gucken keine ganze Folge Mr. Bean mehr an. Sondern nur noch Auschnitte davon, die nicht länger als 30 Sekunden dauern. (Bemerkt habe ich es bei meiner Schulpraktikum)

    In letzter Zeit entwickelt sich ein Trend, dass meiner Meinung nach die heutige Gesellschaft sehr gut abbildet , es nennt sich TikTok, beziehungsweise YouTube Shorts. Eine Videoplattform für Unterhaltung, News und Co. .Die Videos dürfen aber nur maximal 30 Sekunden lang sein und werden mit nerviger Hitnergrundmusik hinterlegt. Meiner Meinung nach ein perfektes und auch trauriges Abbild der heutigen Gesellschaft.

    Nehmen wir mal ein Beispiel. Wie geht Wahlkampf denn von heute? Viele denken mit guten Argumenten bei einer Podiumsdiskussion, kann man jeden Wähler überzeugen.
    Tja, heute funktioniert es nicht mehr so richtig. Wahlkampf geht auch kürzer. Welcher junger Wähler will schon denn 2 Stunden seines Leben vergeuden, wenn man schon TikTok hat. Wähler kann man auch mit 30 Sekunden Videos überzeugen.
    Inhalt der Partei -> egal.
    Parteiprogramm -> braucht man nicht.
    Hauptsache der Kandidat kommt sympathisch rüber -> sehr wichtig!

    Ein Spiegel Artikel zeigt es.

    https://www.spiegel.de/netzwelt/wahlkampf-im-netz-ein-75-jaehriger-macht-vor-wie-das-geht-a-8f739d57-74f8-4d29-af9b-21936427226b

    Ein nerviges 30 Sekunden Video, wo der Politiker zu der Musik „Who wants me? “ tanzt und nach jeden Refrain, wenn das Logo der gegnerischen Partei kommt “ No“ ruft.

    Ich weiß nicht wohin die junge Generation zusteuert. Aber wenn es so weitergeht, befürchte ich das es die nächste Revolution ist. Viele Zeitungen haben jetzt schon TikTok.
    Sogar seriöse Nachrichtenportale wie Tagesschau:
    https://www.tiktok.com/@tagesschau

    Tageschau für die heutige Generation in 30 Sekunden, alles und vollständig erklärt.
    Hallo? Nachrichten kann man nicht verstehen in 30 Sekunden Kurzvideos?!

    Manchmal fühle ich mich wie ein Mann älteren Jahrgangs, obwohl ich selber in den 2000er Jahren geboren bin. Vielleicht habe ich selber den Anschluss zu der heutigen Generation verloren. Wenn ein Kind mich fragt, ob ich TikTok habe und ich mit „Nein“ beantworte werde ich blöd angeschaut. Vielleicht ist es für die heutige Generation solche Social Media’s normal, weil Sie damit aufgewachsen sind…….. Und es nicht anders kennen. Und die Nasa und auch andere passen sich damit an.

    https://www.tiktok.com/@space.generation

  2. Zum Thema Aufmerksamkeitsspanne. Da gibt es gerade im Bereich der Podcast aber auch genau die gegenteilige Entwicklung. Man höre z.B. Raumzeit von Tim Pritlov, da sind die Episoden meist so 1:45, bei anderen Podcast von ihm können es aber auch mal 4 Stunden werden. Bei diversen anderen „Privaten“ Podcast sieht es ähnlich aus. Das NDR hatte da ja auch die Erfahrung gemacht als sie mit dem Coronavirus Update begonnen haben. Die Episoden wurden immer länger und „wissenschaftlicher“. Aber die Hörer haben es noch „extremer“ verlangt.

    Die Nachfrage nach hochkarätiger Wissenschaftskommunikation ist da, genau so aber auch die seichte kurzweiligen Formate zum Einstieg oder zwischendurch.

  3. Hallo, Herr Leitenberger,

    Ich sehe das wie Sie. Ich repariere gerne Sachen und eine geschriebene, eventuell mit Skizzen versehene Reparaturanleitung ist mir wesentlich lieber als ein Video, wo ich mir das ganze Gerede reinziehen muss, obwohl es mir vielleicht nur auf einen Schritt ankommt oder ich z.b. nur einen bestimmten Einstellwert suche.

    Das Selbe gilt für Bedienungsanleitungen, diese sind zum Einen völlig überladen mit sinnlosen Sicherheitshinweisen, zum Anderen komme ich mit den Bildergeschichten, wie sie zunehmend Verwendung finden, schlechter zurecht als mit einem Text. Technische Daten und Wartungspläne sucht man meist vergebens.
    Der Gehalt an brauchbarer Information wird jedenfalls zusehends geringer. Es dürfte sich wohl um einen generellen Trend handeln.

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