Einige Bemerkungen zur „Golden Record“

Durch eine seltsame Inzidenz der Zufälle arbeite ich gerade am Fertigstellen des Kapitels über die „Golden Record“, also die Schallplatte die mit Voyager durch die Galaxis reist. Gleichzeitig bekomme ich eine Mail von einem meiner Korrekturleser (der eigentlich was anderes durchlesen sollte), ich sollte die von der NASA übernommene Auflistung dieses Kapitels doch kürzer zusammenfassen. Mir fielen dann ein paar Dinge auf, dich einfach mit euch teilen musste.

So habe ich mir mal die Musikstücke angesehen. Zu meiner Freude ist Deutschland recht gut vertreten: zweimal Beethoven und zweimal Bach, aber kein Schubert oder Brahms oder wenn es sonst noch so gibt (ich gebe es zu: von klassischer Musik habe ich nur wenig Ahnung). Die gewählten Stücke sind zum Teil nicht die, die ich vermutet hätte. Also bei Mozart die kleine Nachtmusik, stattdessen „Mozart, The Magic Flute, Queen of the Night aria“ und von den beiden Stücken von Beethoven und Bach kannte ich auch nur je eines. Da fiel mir dann noch ein Eintrag auf „Peru, panpipes and drum, collected by Casa de la Cultura, Lima. 0:52“. Okay, woran denkt ihr, wenn ihr „Panflöten“ und „Peru“ in einem Satz hört? Ich wette 99 Prozent von euch haben denselben Gedanken wie ich: es kommen einem sofort Straßenmusiker in Ponchos in den Sinn, die in Fußgängerzonen immer dieselben zwei Lieder spielen oder noch schlimmer, modernes auf der Panflöte. Also hörte ich mal rein und – ihr werdet es nicht glauben. Es ist genau eines dieser zwei Lieder, nämlich „El Condor Pasa“. Obwohl das Stück in einem Kulturhaus in Lima aufgenommen ist die Musik recht schlecht, also in vielen Fußgängerzonen habe ich besseres gehört.

Das nächste, was mit der Golden Record zu tun hat ist mein Thema „Verseichtung“, ein neues Wort, das ich erfunden habe (das Schöne am Deutschen ist ja das man durch Zusammenfügen von Wörtern neue erfinden kann, auch wenn Deutschlehrer das gar nicht so gerne sehen, aber die lesen bei mir recht selten, weil sie sich schon über die zahlreichen Orthografiefehler aufregen). Für alle die den Blog nicht gelesen haben: „Verseichtung“ beziehungsweise als Verb „verseichten“ ist das schleichende absinken der intellektuellen Qualität von etwas. Das kann man als Information die angeboten wird (z. B. in einem Press Release der NASA oder der Information einer Video-Dokumentation) verstehen, aber auch das generelle Absinken des Bildungsniveaus oder dessen, was in einer Schule oder Universität gelehrt wird.

Es gibt eine offizielle NASA Homepage zu Voyager: https://voyager.jpl.nasa.gov/

Diese Seite ist nicht wirklich informativ, wenn jemand wissen will, wie die Sonde arbeitet, oder ihre Experimente funktionieren. Dieses Gimmick, die „Golden Record“ wird aber in aller Breite auf mehreren Seiten besprochen. Man muss nur mal die Seite über die Raumsonde mit den vielen Seiten der Golden Record Vergleichen. Das ist das was ich mit „versichten“ meine. Was da steht, geht nicht in die Tiefe, es betrifft ein populäres Thema, hat mit den eigentlichen Raumsonden aber gar nichts zu tun. Es bringt keine Wissenschaft, es wird aber richtig breitgetreten.

Doch das Verseichten macht auch von den Seiten der Golden Record nicht halt. Wie wurden die Bilder den aufgezeichnet? Steht dort nicht drin. Man findet auch keine dekodierten Bilder, der Schallplatte, sondern nur die Originale, die man digitalisiert hat. Nach etwas Suchen fand ich einen Blog wo jemand sich die Mühe machte das Audio zu dekodieren. Dort findet man dann natürlich auch durch Re-Engineering eine Darstellung des Formates. Aber wenn man es sich durchliest, auch wenn der Autor sagt, er gehe von „Null Vorkenntnissen“ aus, so stimmt das nicht. Er macht die Annahme das es ein 4:3 Format wie im US-Fernsehen ist, er weiß, dass die erste Darstellung ein Kreis ist und kann so lange tüfteln, bis dieser Kreis auch dekodiert wird.

Ich selbst fand interessant, das ich hier zum einzigen Mal auch die dekodierten Bilder fand. Auf allen Seiten findet man nur die Vorlagen die benutzt wurden. Ich glaube das auch damals niemand sich die Mühe gemacht hat die Bilder auch wieder auszulesen und darzustellen, denn diese sind voller Artefakte. Einiges ist der Videotechnik geschuldet wie z. B. in dem ersten Bild mit hohen Kontrasten die Streifen unter den Schriftzeichen. (Man hätte vielleicht Voyagers Kamera nehmen sollen – deren Bilder sind besser …) aber viel ist auch der Audiotechnik geschuldet. Das ganze lief ja so ab: Eine Videokamera wandelte das Bild in elektrische Ströme um, die wurden in Audiosignale konvertiert, wobei die Helligkeit eines Pixels einfach der Lautstärke zu diesem Zeitpunkt entsprach. Ein ganz helles Pixel erzeugte also maximale Lautstärke und ein ganz dunkles erzeugte Stille. Nur ganz dunkel war kein Bild. Hört man sich das Audio an, so hört man nach dem Synchronisations-Piep (ähnlich dem Piep den man von Apollo Sprachübertragungen kennt) ein Brummen. Um die volle Bandbreite der Informationen verarbeiten zu können, hätte das Audioequipment, das ja dann diese Daten auf Magnetband speichert und später in die Vorlage für die Schallplattenpressung bringt Audiowellen mit 43 kHz Bandbreite verarbeiten müssen. Das war in den Siebzigern wohl nicht möglich. Meine Kompaktkassetten gingen z. B. nur bis 14 kHz. Da bei 20 kHz das menschliche Gehör aufhört, macht Audioequipment dass Töne mir mehr als 20 kHz Bandbreite verarbeitet und spiechert vor Einführung der CD mit 44 kHz Abtastfrequenz keinen Sinn.

Das nächste, was mir auffiel, weil ich auch ein Kapitel über die Erforschung der Gasriesen vor Voyager hatte und da in alten Büchern gewälzt habe, war das die Angaben in einem Bild falsch sind. Ich meine das dritte Bild mit folgenden Daten:

Planet Jupiter Saturn Uranus Neptun Pluto
Durchmesser 142.000 121.000 47.600 44.600 14.000
Entfernung [Mill. km] 778 1.428 2.872 4.498 591
Masse [Erde=1] 318 95 14,6 17,2 0,9
Tagdauer [Erde=1] 0,41 0,43 0,45 0,65 0,7

Das offensichtlichste ist das bei der Distanz von Pluto eine „0“ (5.910 Mill. km) fehlt – fiel mir sofort auf, hat das niemand kontrolliert? Aber auch die anderen Daten stimmen nicht. Die Rotationsdauer von Uranus und Neptun waren damals weitestgehend unbekannt. Die von Uranus ist deutlich niedriger, als alle Schätzungen, die ich kenne, aber wie schon gesagt man kannte sie nicht. Deutliche Abweichungen gab es aber bei Pluto. 1977 war bekannt:

  • Pluto muss kleiner als 6.800 km sein, er verpasste bei einer Sternbedeckung einen Stern, wäre er größer als 6.800 km so hätte er ihn bedeckt.
  • Die Rotationsperiode war durch Lichtschwankungen genau bekannt: 6,38 Tage. Das beruhte nicht auf Variationen der Helligkeit von Pluto, sondern Charon, der in 6,38 Tagen Pluto umkreist und Plutos Rotation auf 6,38 Tage abgebremst hat. Die Lichtkurve schwankt aber durch die Verdeckung von Charon durch Pluto.
  • Die Durchmesser von Uranus (47.500 km) und Neptun (44.600) wichen von allen Schätzungen dieser Zeit (51.800 – 52.400 für Uranus, 48.600 – 49.500 für Neptun) ab.

Also für Dr. Frank Drake als Astrophysiker ist das kein Ruhmesblatt.

Dann gibt es noch die Story um den Kuss. Es gibt ja zur Golden Record eine Vorgeschichte. Schon bei Pioneer 10 und 11 wurde eine Plakette angebracht, die über uns informieren sollte. Bei dieser hat man die Vagina der Frau weggelassen. Es gab eine heiße Diskussion um dieses Detail. Entsprechend war man sensibilisiert. Auch bei Voyager dürfte bei den Bildern keine Vagina dabei sein. Es gibt zwar ein Bild menschliche Sexualorgane, doch das zeigt nur ein Schnittbild. In der Evolution der wirbeltiere finden sich erneut nackte, nun hebt die Frau die Hand, aber ist sie eine Frau ohne Vagina? Die fehlt immer noch.Auch bei einer stillenden Frau findet man keine sichtbaren Brustnippel. Man weiß ja seit dem Nippelgate, welch enorme Gefahr von weiblichen Brustnippeln ausgeht. (Männliche sind völlig okay, sonst wäre wohl eine Serie wie Baywatch nicht möglich). Nun gab es unter den Geräuschen einen Kuss. Das rief erneut die Sittenwächter der NASA auf den Plan. Sie machten zur Auflage, das es ein „erkennbar heterosexueller Kuss“ sein musste. Verwendet wurde schließlich ein Wangenkuss von Timothy Ferris (Produzent der Platte) und Ann Druyan (NASA Verantwortliche für das Auftreiben der Geräusche). Wie die Außerirdischen diesen aber von einem homosexuellen Kuss unterscheiden sollen, bleibt wohl Geheimnis der NASA. Er hört sich zumindest sehr unverbindlich an.

Dann gibt es Grüße in vielen Sprachen. Ich war erstaunt über die Aufnahme von drei Sprachen, die man nur in Schriftform kennt: Akkadisch (2600 v. Chr. – 100 n. Chr.), Sumerisch (3.300 v. Chr. – 100 n. Chr.) und Hethitisch (1.750 – 1.200 v. Chr). Anders als bei Latein gibt es bei diesen Sprachen keine mündliche Überlieferung. Ob die wohl korrekt ausgesprochen wurden? Dafür hat man keine von „native Americans“ gesprochene Sprache aufgenommen. Das ist kein Ruhmesblatt. Dafür habe ich was Neues gelernt. Die Nazis haben ja das „Heil!“ als Gruß eingeführt. Es soll ein uralter germanischer Gruß sein. Was wurde in Hethitisch gesprochen, eine Sprache die ausstarb lange bevor es Germanen gab? „Heil“. Gut hört sich nicht wie unser Heil an, aber die Sinnbedeutung muss es wohl damals schon gegeben haben.

Zuletzt fand ich das einige Bilder etwas komisch wirken. Da gibt es Kinder, die einen Globus betatschen. Den Sinn habe ich nicht verstanden, aber ich bin auch kein Außerirdischer. Oder was soll eine Abbildung einer Frau in einem Supermarkt symbolisieren. Da gibt es zwei Bilder von Straßen mit Fahrzeugen: einmal einen Stau in Bangkok und einmal eine fast leere US-Highway. Was leiten Außerirdische wohl davon ab? Das die Metalllebenswesen auf den Straßen inzwischen fast ausgestorben sind? Mein absoluter Liebling ist aber dieses Bild. Das sieht für mich eher wie ein Bild aus einer Essorgie aus als normales Essen und Trinken.

Die wichtigste Person auf dieser Welt ist übrigens der UN-Generalsekretär damals Kurt Waldheim. Seine Ansprache ist die längste auf der Platte, erheblich länger als die von Jimmy Carter, damaliger US-Präsident. Und sie ist in Englisch mit einem deutlichen Akzent. Also wenn man wirklich annimmt das diese Platte von Außerirdischen gefunden wird, dann sollten Sprachen doch keine Rolle spielen. Hätte er die Botschaft auf Österreichisch gebracht, hätte man sogar eine Sprache mehr.

Letzte Bemerkung: Auf der Plattenhülle gibt es eine Stelle mit ein galvanisiertem Uran-238. Aus dem Zerfall sollen die Aliens berechnen können wann die Platte die Reise antrat. Die Website gibt die Aktivität mit 0,00026 Mikrocurie an. Curie war schon 1977 nicht die offizielle SI Einheit. Das war das Becquerel, die älteren kennen das Wort noch vom April 1986, als jeder von den Becquerel sprach. Ich glaube auch die Macher dieses Markers dachten daran, den die Aktivität beträgt genau 10 Becquerel. Logisch, alle Angaben in den Bildern sind ja auch im SI-System und nicht im US-System, warum dann nicht auch die Radioaktivität nutzen um nochmals auf das Dezimalsystem, das wir verwenden, hinzuweisen. Denn in 1 Sekunde zerfallen bei 10 Becquerel genau 10 Atome, es gibt also in einem Geigerzähler 10 Klicks. Es würde bei der langen Halbwertszeit von U-238 Hunderte von Millionen Jahre dauern bis es auf 9 heruntergeht.

Damit waren sie weiter als die NASA heute, die auf der Homepage von Voyager die Entfernung zuerst mal in US-einheiten angibt, immerhin kann man noch auf SI-Einheiten umschalten…

4 thoughts on “Einige Bemerkungen zur „Golden Record“

  1. Danke für diesen Blog viele meiner Fragen wurden beantwortet.

    Mir tuen nur die Außerirdischen leid, die schon bei Pioneer 10 und 11 an der Codierung der Inhalte verzweifeln werden.. Und an der Aceribo-Botschaft und, und und….

    Kein Wunder das die Klingonen Pioneer 10 abschießen werden.

  2. Die Botschaft von US-Präsident Jimmy Carter ist die längste aller Ansprachen an die Außerirdischen und ist sie auch am bedeutsamsten
    „… Wir schicken diese Botschaft ins Weltall. Wahrscheinlich wird sie auch noch 1 Milliarde Jahre nach uns leben, wenn unsere Zivilisation sich zutiefst verändert und die Oberfläche der Erde sich weitgehend verwandelt haben wird. …“
    https://www.presidency.ucsb.edu/documents/voyager-spacecraft-statement-the-president

    1. “As the Secretary General of the United Nations, an organization of 147 member states who represent almost all of the human inhabitants of the planet Earth, I send greetings on behalf of the people of our planet. We step out of our solar system into the universe seeking only peace and friendship, to teach if we are called upon, to be taught if we are fortunate. We know full well that our planet and all its inhabitants are but a small part of this immense universe that surrounds us and it is with humility and hope that we take this step.”

      Ist für mich definitiv länger

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