Gerüchteküche Chayyam Satellit

Gestern hatte eine Sojus 17 Satelliten ins All befördert, darunter den Satelliten Chayyam, wer in englischen Medien sucht: dort heißt er „Khayyam“. Letzte Woche berichtete, die Washington Post die sich wiederum auf US-Geheimdienste bezieht, dass dieser Satellit für Iran nach dem Start von dem russischen Militär genutzt werden könne um den Krieg in der Ukraine besser zu planen. Erst danach würde er an Iran übergeben werden. Die Tagesschau verweist darauf, dass dieser Start drei Wochen nach dem Besuch von Putin im Iran stattfand. Also wenn George Dabbl-Ju Bush noch im Amt wäre, er würde wahrscheinlich von der Axe des Bösen“ sprachen. Aber hier sind wir ja in einem Blog, der der Verseichtung entgegenwirken will, also erst mal die Fakten:

Startzeitpunkt: Putins Besuch war sicher mit dem Start abgesprochen, zwei zeitnahe Meldungen zu den Beziehungen Russland-Iran machen mehr Eindruck beim eigenen Volk wie auch in der Welt. So wird ein Schuh draus, nicht damit das man bei dem Staatsbesuch diesen Start beschlossen hat. Wer sich auskennt, weiß das eine Startkampagne alleine mehrere Wochen dauern kann, und da muss der Satellit ja schon fertig sein. Die hat Russland ja nicht einfach so rumliegen. Von der Ausrüstung die der Iran braucht, um die Daten zu empfangen und um den Satelliten zu steuern, mal ganz zu schwiegen.

Der Satellit ist kein iranischer Satellit, sondern ein russischer, ein Erdbeobachtungssatellit des Typs Kanopus V. Der trägt, wie dies Erdbeobachtungssatelliten im Allgemeinen tun eine Multispektralkamera mit vier Kanälen und eine höher auflösende panchromatische Kamera. Eine Multispektralkamera kann aufnahmen in mehreren getrennten Spektralkanälen machen, die jeweils andere Dinge hervorheben wie Vegetation, photosynthetische Aktivität, Bebauung, Mineralien. Das können sehr viele Kanäle sein (bis zu 256) oder nur wenige, wenn man nur an bestimmten Bändern interessiert ist. Eine panchromatische Kamera ist einfach eine Kamera, die ein Graustufenbild anfertigt, aber das über den ganzen sichtbaren Bereich.

Details sind wie immer bei russischen Satelliten spärlich. Aber die Wikipedia gibt die Auflösung mit 10,5 m bei der Multispektralkamera und 2,1 m bei der panchromatischen Kamera an. Bei Space.com (erstaunlicherweise berichten die populären Portale Spacnews.com und Specflightnow nicht über den Start) wurde durch einen Zahlendreher daraus 1,2 m. Bei der Brennweite von 1,797 mm und genannten Bahnhöhe von 510 km würde das aber enorm kleine und entsprechend lichtunempfindliche Pixel mit 4,3 Mikrometer Größe voraussetzen. Bei einer Auflösung von 2,1 m sind es 7,4 Mikrometer pro Pixel, was auch die Pixelgröße der Worldview-Satelliten ist. Die russische Wikipedia gibt auch an, dass diese Kamera maximal 43,1 km² auf einmal ablichten kann. Die niedriger auflösende Multispektralkamera mit 10,5 m Auflösung kann dagegen bis zu 23 km breite und 856 km lange Streifen anfertigen.

Das alles sind typische Daten eines Erdbeobachtungssatelliten. Will man einen Spionagesatelliten bauen, so geht man anders vor. Dann gibt es ein größeres Teleskop mit höherer Auflösung. Multispektralkameras hat dieser Satellitentyp üblicherweise nicht, aber mit Filtern belegte Zeilen im Teleskop, aus denen man Farbaufnahmen anfertigen kann. Vor allem können diese Satelliten viel mehr Fläche im Verhältnis zur Auflösung kartieren. Für Kanopus-V gibt Russland für die niedrige Auflösung 0,5 bis 2 Millionen km pro Tag an. Die Plejades Satelliten können bei fünfmal höherer Auflösung 1 Million km² erfassen – das ist die 25-fache Datenmenge oder ein anderes Beispiel. Im Streifenmodus kann Kanopus V 23 x 856 km mit 10,5 m Auflösung erfassen, Plejade 20 x 800 km in 0,7 m Auflösung. Das ist, wenn man die Datenmenge nimmt mehr als das 200-fache und es setzt an Bord des Satelliten ein entsprechend leistungsfähigeres System voraus, wie auch auf der Erde die Möglichkeit diese Daten schnell zu empfangen. Vor allem aber – wenn Iran einen Spionagesatelliten haben will, warum kauft es dann einen Erderkundungssatellit? Man kann Spionagesatelliten auch kaufen. Saudi Arabien hat von Airbus zwei FalconEye Satelliten gekauft, die auf den schon erwähnten Plejades basieren. Einer wurde schon gestartet, ging aber dabei verloren. Iran kann sicher von Airbus keinen Satellit kaufen, aber wenn Russland einen Erderkundungssatelliten liefern kann, dann auch einen Spionagesatelliten. Westliche Proteste dürften Putin ziemlich egal sein.

Kurz: Für mich ist das ein Erdbeobachtungssatellit. Kein Spionagesatellit. Mit 2,1 m Auflösung kann er vielleicht Schäden durch die Artillerie feststellen, doch um Punktzeile wie Panzer oder Artillerie auszuspähen, ist die Auflösung zu gering und die erfasste Fläche in diesem Modus zu klein.

Das nächste ist, das ich mittlerweile das Militär kenne. Das arbeitet normalerweise nicht „auf Kante“. Sie halten immer Reserven bereit. Wäre ja auch dumm, wenn man nach einigen Kriegstagen kein Material mehr hat. Diese Haltung hat ja auch die Bundeswehr. Als Laie würde ich beim Ukrainekrieg ja sagen „Gebt der Ukraine was immer sie will, je mehr russisches Equipment zerstört wird, um so weniger bleibt übrig, um uns zu bedrohen“. Aber die kann nichts abgeben, weil sie ja immer noch – obwohl Russland gerade schon einen verlustreichen Krieg in der Ukraine führt, gegen einen Angriff (der auch zuerst gegen Polen ginge) gewappnet sein muss. Egal wie unwahrscheinlich das jetzt ist, wo Russland ja nicht mal die kleine Ukraine besiegen kann.

Über Russland weiß man nichts, aber ich vermute dort tickt man auch nicht anders als bei den USA und die haben immer mehrere Satelliten in Reserve gehabt, egal ob dies Spionagesatelliten, Wettersatelliten oder Kommunikationssatelliten waren. Als man noch die filmbasierten Aufklärungssatelliten der Keyhhole Serie betrieb, war im Falle eines Konflikts immer einer Startbereit auf einer Trägerrakete montiert, es könnte ja sein, das der Satellit im Orbit gerade keinen Film mehr hat (diese Satelliten konnte man nicht „auf Vorrat“ ins All schicken, da wäre der Film langsam eingeschwärzt worden und ihre Lebensdauer war begrenzt). Selbst als Mitte der Achtziger Jahre gleich zwei der KH-11 Kennan Satelliten hintereinander bei Fehlstarts verloren gingen, hatten sie immer noch einen einsatzfähigen im Orbit. Also dürfte Russland, die diesen Krieg sicher von langer Hand vorbereitet haben keinen Satelliten brauchen, wenn ja und wenn sie dann dazu einen Erdbeobachtungssatelliten mit niedriger Auflösung und niedriger Flächenabdeckung einsetzen, dann steht es wirklich schlecht um Russland.

Kommen wir zu Iran. Iran entwickelt seit Jahren eigene Trägerraketen. Die Technologie soll aus Nordkorea kommen, die sie wiederum aus alten russischen Raketen entwickelt haben. Inzwischen sind sie bei der zweiten Generation von Trägerraketen, die Erfolge sind aber überschaubar:

Nr. Success Date Payload Name Launch Vehicle Perigee Apogee Inclination Period Orbitstatus

1

16.08.2008 IRSA Test Payload Safir

2

v 02.02.2009 Omid Safir

245

377

55,51

90,7

Reentered

3

v 15.06.2011 Rasad Safir

233

271

55,67

89,5

Reentered

4

v 03.02.2012 Navid-e Elm-o Sanat Safir

275

373

56,02

91

Reentered

5

23.05.2012 Fajr Safir

6

22.09.2012 Fajr? Safir

7

v 02.02.2015 Fajr Safir

224

469

55,54

91,4

Reentered

8

15.01.2019 Payam Simorgh

9

05.02.2019 Dousti Safir

10

09.02.2020 Zafar Simorgh

11

v 22.04.2020 Noor 1 Qased

426

436

59,81

93,1

In Earth orbit

12

12.06.2021 Tolou-2? Simorgh

13

30.12.2021 Test payloads Simorgh

14

v 08.03.2022 Noor 2 Qased
All items Payloads Success Launch success [%]
Summary

14

6

42,86

Von 14 Starts glückten nur sechs, nur einer ist noch aktiv. Seit 2020 ist kein Start mehr geglückt. So wundert es nicht, das man einen Satelliten von Russland kaufte. Die Bilanz zeigt übrigens auch, dass Iran sogar wieder kleinere Brötchen backt: Die Quased soll nur 10 bis 50 kg Nutzlast haben, weniger als Safir oder die noch leistungsfähigere Simorgh. Lieber einen kleinen Satelliten im Orbit als gar keinen (beim letzten gibt es noch keine Orbitangaben, der Haken verrät aber das der Start erfolgreich war).

Für Spionagezwecke denke ich würde Iran, wenn es drauf ankäme wahrscheinlich über Mittelsmänner ganz einfach Bilder von Digiglobe kaufen und die gibt es in bis zu 35 cm Auflösung nicht 2,1 m.

Ich komme mal auf Russland zurück und den Nutzen eines Kanopus-V. Man kann mit ihm vielleicht größere Gebiete in niedriger Auflösung abbilden, doch das können andere Satelliten auch, und die hat Russland ja. Alleine von der Kanopus-Serie wurden schon vier gestartet. Ich gehe davon aus das man im Krieg eher zeitnahe Aufnahmen braucht nicht, welche die man einmal pro Tag bei einem Überflug anfertigen kann. Das leisten viel besser Drohnen. Weil sie viel näher dran sind – einige Metrolekt anstatt 510 km können sie detaillierte Aufnahmen machen und sie können, auch wenn etwas Interessantes entdeckt wird dorthin fliegen und es genauer untersuchen. Das kann ein Satellit nicht. Gut, Drohnen kann man abschießen, aber sie sich auch vergleichsweise billig, in jedem Falle billig verglichen mit einem Satellit. Für Aufklärungszwecke würde sogar ein kommerzielles Exemplar ausreichen, das dann einige Tausend Euro kostet, davon müsste man schon über 10.000 abschießen um nur mal den Start zu finanzieren. (der Abschuss wäre dann sogar teurer als die Drohne …). Alternativ geht man in die Höhe: Russland hat eine Kampfdrohne RSK MiG-Skat die immerhin 12 km Höhe erreicht. Keine Ahnung, ob sie das vor Abschuss schützt, aber sie fällt in der Höhe zumindest nicht so auf. Im Allgemeinen fliegen Aufklärungsdrohnen aber tiefer. Selbst mit einem kleinen Teleskop – nehmen wir mal 12 cm Durchmesser, das kann sich jeder für einige Hundert Euro kaufen, und wiegt nur einige Kilogramm, kann man aus 12 km Höhe problemlos Aufnahmen mit einer maximalen Auflösung von 6 cm machen. Das erreicht kein Satellit. Und eine Drohne ist in Echtzeit steuerbar. Man kann auf einem Bildschirm die Szene verfolgen und heranzoomen oder dorthin fliegen, alles nicht mit einem Satelliten möglich. Kurz: für einen Krieg, der im Gange, ist und nicht zur Aufklärung vor einem Krieg oder der allgemeinen Feststellung der Stärke eines Gegners, ist eine Drohne viel geeigneter als ein Satellit, erst recht ein Erderkundungssatellit.

Ich vermute mal die Geheimdienstquellen, welche die Washington Post zitiert sind die gleichen die schon 2003 die Chemiewaffen im Irak entdeckt haben.

2 thoughts on “Gerüchteküche Chayyam Satellit

  1. „Alternativ geht man in die Höhe: Russland hat eine Kampfdrohne RSK MiG-Skat die immerhin 12 km Höhe erreicht. Keine Ahnung, ob sie das vor Abschuss schützt, aber sie fällt in der Höhe zumindest nicht so auf. “

    Wenn ich Wikipedia DE und EN glaube ist die MiG Skat nie zum fliegen gekommen und die Entwicklung gestoppt worden. Ich bezweifele auch das Russland ausreichend passenden Halbleiter noch bekommt.

    Es gibt verschiedenste möglichkeiten wie sich Flugzeuge gegen einen Abschuss schützen können. Höhe ist davon aber so ziemlich die schlechteste. Alle weitreichenden Flugabwehrkartensysteme freuen sich. Überfliegen kann man nur Kurzstreckensysteme wie Stinger oder vielleicht noch Tor.

  2. Mit russischen Satelliten in Reserve wäre ich mir nicht so sicher.
    Wen der Zustand der russischen Aufklärungssatteliten ähnlich ist wie der des Restes der russischen Streitkräfte Dan könnte es sein das Russland bei den Satelliten auch einen akuten Mangel hat. Die haben ja so schon ein Problem an Mikrochip für ihr Militärgerät zu kommen und schlachten alles aus um an Mikrochips zu kommen.

    Und das Rum hacken auf den USA wegen dem Irak finde ich aktuell nicht angebracht. Die USA haben ohne Zweifel schon einen Haufen Mist gebaut ABER: In der aktuellen Situation bin ich einfach nur froh das wir sie haben in der NATO. Unsere Bundeswehr würde uns kaum verteidigen können und im Vergleich zu den USA kriegen wir ja auch kaum Waffen in die Ukraine geliefert.

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