Warum ich gegen bemannte Raumfahrt bin….

Bemannte Raumfahrt in verschiedensten Aspekten, darum drehte es sich in den letzten Wochen hier im Blog. Teilweise wegen aktueller Meldungen, teilweise wegen Fragen die an mich gerichtet wurden. Ich will das Thema heute abschließen und erläutern, warum ich gegen bemannte Raumfahrt bin, zumindest für die ESA und DLR.

Fangen wir an mal die ESA und ihr Engagement in der bemannten Raumfahrt zu beleuchten. Was sind die aufgaben der ESA? Nun es sind:

Wissenschaftliche Forschung – Raumsonden, Satelliten zur Erdvermessung und geophysikalische Forschung

  • Anwendungsnahe Forschung: Meist in Verbindung mit anderen Partnern: Erderkundung und Meteorologie
  • Technologieentwicklung: Meist unspektakulär und nur selten mit einem Start verbunden. Das ist Forschung im kleinen: Entwicklung von Verbundwerkstoffen, weltraumtauglichen Prozessoren etc.
  • Sicherung eines unabhängigen Zugangs zum Weltraum: Entwicklung der Ariane und Vega aber auch experimenteller Kommunikationssatelliten um der europäischen Industrie know-How zu vermitteln.

Das ist meine Einteilung, denn sie teilt nach unterschiedlichen Fragstellungen das Budget ein. Wie passt nun bemannte Raumfahrt in dieses Konzept?

Bemannte Raumfahrt passt nicht in den Bereich wissenschaftliche Forschung so richtig hinein. Die meisten Experimente brauchen keine Personen zur Betätigung. Selbst wenn die Rückführung ein Thema ist, kann man dies oft mit den unbemannten Foton Kapseln umsetzen.

Bei der ISS sollte ja vor allem anwendungsorientierte Forschung stattfinden. Früher war ja mal die Rede, die laufenden Kosten der ISS durch Forschung für die Industrie zu finanzieren. Neben der mangelnden Nachfrage gibt es noch drei weitere Einschränkungen. Das eine sind die extrem langen Vorbereitungszeiten für eine bemannte Mission. Columbus wird seit 1995 entwickelt. Nach 13 Jahren findet nun (vielleicht) Forschung statt. Bei einem Satelliten kann man ein Experiment typischerweise in 5 Jahren im Orbit haben. Noch problematischer ist die Sicherheitsproblematik. Sie machen die Experimententwicklung teuer und aufwendig. Zuletzt das politische Risiko, dass man gerade jetzt bei der ISS sieht.

Am ehesten passt bemannte Raumfahrt noch in den Bereich "unabhängiger Zugang" zum Weltraum. Nur eben umgeschrieben in "eigene bemannte Missionen". Es gibt aber einen Unterschied: Ariane 5 und Vega sind ein Garant, dass die anderen Missionen durchgeführt werden. Es ist heute ziemlich unwahrscheinlich, dass man für europäische Satelliten, selbst Spionagesatelliten keinen Start bekommt, aber das ist eine Folge von Ariane und man tut gut daran darauf zu achten, dass man ein eigenes Trägersystem hat.

Die bemannte Raumfahrt ist aber nicht eigenständig. Immer lehnt sich Europa an andere Nationen an. Zumeist an die USA und die Erfahrungen sind meiner Ansicht nach bislang immer enttäuschend gewesen: Die ESA hat das Spacelab entwickelt, ein Exemplar der NASA geschenkt für einen halben Jungfernflug zur Erprobung (und 21 Millionen Dollar Zoll dafür gezahlt!) und dann konnte man kaum Missionen finanzieren, weil die Space Shuttle Starts zu teuer wurden.

Nun ist man bei der ISS beteiligt. Mit Columbus, ATV, ATV Flügen und Cupola, Node 2+3 und diverser kleiner Hardware und vor allem diversen Verzögerungen. hat die ISS die ESA bislang 8 Milliarden Euro gekostet. Das ist doppelt so teuer wie die Ariane Entwicklung. Und was hat man davon? Es ist nicht mal sicher ob man als Europäer nach 2012 dort forschen kann und wenn ja, so ist unser Anteil derzeit 8 % der Crewzeit. Da maximal 4 Personen produktiv arbeiten können, sind dies 0.32 Mann-Tage bei einem Labor, in dem 2 Personen gleichzeitig arbeiten sollen.

Das kann man unter zwei Gesichtspunkten sehen: Geht es wirklich um Forschung, so ist eigentlich seit Mitte der 80 er Jahre klar, dass die Kosten in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Warum? Lesen sie oben nach. Der Grundgedanke vom Spacelab war es ja, oft zu fliegen, somit recht schnell Experimente in den Orbit bringen zu können und die systeminhärente Trägheit von bemannter Raumfahrt so zu umgehen. Der Ansatz war nicht schlecht und ich halte ihn besser als den von der ISS. Wer sich nur mal die Entwicklung in anderen Bereichen der Raumfahrt ansieht, wie z.B. Kameras an Bord von Raumsonden rapide besser wurden der versteht,, dass es essentiell wichtig für die ISS ist, die Racks auszutauschen und die Experimente aktuell zu halten. Gerade das wird aber entfallen müssen, wenn das Space Shuttle ausgemustert wird.

Wenn die bemannte Raumfahrt in den Bereich "eigenständiger Zugang" fällt, oder vielleicht eher beschrieben, als Prestigeprojekt, Nationalstolz, etc. dann muss man auch unabhängig sein. Nun steht ja die Entscheidung an, für eine Erweiterung des ATV als ein Rücktransportvehikel, das eine Weichenstellung ist für eine bemannte Version. Wird dies umgesetzt so blättert man nochmal 4 Milliarden hin und die Folgekosten für die ISS werden auch höher. Für die Summe hätte man es auch alleine tun können. Nur hätte man dann eine Raumstation die nicht nur von 0.32 Mann durchschnittlich genutzt wird. Wir hätten sogar die Möglichkeit sie auszubauen – Das ATV soll ja als bemannte Version mindestens 3, sogar bis zu 5 Astronauten transportieren. Heute können wir froh sein, wenn ein Europäer unter der Besatzung ist und das wird bei 8 % von 6 Personen nicht sehr oft der Fall sein.

Das grundsätzliche Problem an der bemannten Raumfahrt ist, dass die wesentliche Triebfeder die Politik ist. Und so wie politische Richtungen sich ändern, ändert sich auch die bemannte Raumfahrt. Man muss sich doch nur mal die Geschichte der letzten bemannten Projekte ansehen:

  • Apollo: Fiel von 100 % Interesse bei Apollo 11 (Hurra wir sind Erster!) auf 0 % bei Apollo 12 (Ist das eine Wiederholung von Apollo 11?) – plötzlich stellt man fest dass die restlichen 8 Missionen doch glatte 10 % des Gesamtbudgets kosten und stellte vorzeitig ein.
  • Space Shuttle: Wurde schon in der Entwicklung viel teuer und litt unter Verspätungen. Danach war er viel zu teuer. Zeigt aber den Einfluss der Politik extrem gut. Nach dem Verlust der Challenger hieß es "Jetzt erst recht!" und nach Columbia "O Weh o Weh, da könnte ja noch mal was passieren".
  • Constellation Programm: Glauben Sie wirklich dass die Mondlandung den nächsten Präsidentschaftskandidaten überlebt, nachdem man in 4 Jahren nicht mal das Design der Ares V und des Mondlanders abschließen kann und die erste Mondlandung nicht vor 12 Jahren angesetzt ist? (Wie hat die NASA das in den 60 er Jahren nur in 8 Jahren geschafft?)

In Europa verändern sich politische Strömungen weniger stark. Aber dafür haben wir das Konsensproblem. Eigentlich will nur Frankreich das Risiko eingehen, selbst auf eigenen Füssen zu stehen. Deutschland buttert zwar gerne enorme Summen in die bemannte Raumfahrt, aber meist nur wenn wir uns da an die NASA anhängen können. Das ist das Grundproblem. Eine eigenständige Raumstation für 2 Astronauten, vielleicht auch 3 oder 4 wäre sicher nicht teurer als die Beteiligung an der ISS. Nur die Folgekosten wären höher, zumindest wenn man selbst alles machen will.

Solange man nicht dazu bereit ist, sollte man das Geld in unbemannte Forschung investieren. Mal eine andere Rechnung: Die durchschnittlich investierten Summe entspricht 450 Millionen Euro pro Jahr. Würde man dieses Geld in die Planetenforschung investieren, so könnte man sich alle 3 Jahre zwei Mittelkasse Missionen wie Mars Express und eine teurere Mission wie Bepi Colombo leisten. In 20 Jahren also 20 Missionen. Gegenüber den von 1995-2015 finanzierten Missionen (Rosetta, Mars Express, Venus Express, Smart-1, BepiColombo, Exomars) entspricht dies einer Verdreifachung der Missionen.

Selbst unter P&R Aspekten halte ich dies für besser, denn bald würde man sich auch an eine europäische Raumstation gewöhnen, während jede Mission neue Erkenntnisse bringen wird. Aber in P&R Dingen ist ja die ESA noch Entwicklungsland. Man denke nur an den Vorbeiflug von Rosetta an Steins vor zwei Wochen – Eine Konferenz mit 6 Bildern, das wars. Anstatt nun weiteres Material und Erkenntnisse nachzulegen. Leute, leistet euch mal einen Berater, ihr habts nötig.

Zuletzt noch die Frage von Wyatt Earp. Eigentlich sollte die ja mein kleiner Bruder Billy the Kid beantworten, doch der raubt gerade wieder eine Postkutsche aus . Also ich weiß nicht, was aus den Entwicklungsarbeiten geworden ist. Das ganze ist sehr komisch. Bei den letzten Startlisten ist nun ja auch nicht mehr das umgebaute MPLM dabei, das als Ersatzquartier gedacht war damit die Stammbesatzung 6 Personen betragen kann. Nun soll die Besatzung in den Kopplungsknoten hausen. Sehr toll….

Umgekehrt: Die ISS lag schon 2003 als die Columbia verloren ging so weit hinter dem Zeitplan hinterher (Fertigstellung geplant für 2004) so dass die schon geplanten Module eigentlich weitgehend fertiggestellt sein sollten. Die Frage ist allerdings was es bringen würde. Ein Wohnmodul mehr für die Besatzung wäre okay, doch heute gibt es schon 3 Labors in denen je zwei bis drei Personen arbeiten können für maximal vier Astronauten die nicht mit "Hausarbeiten" beschäftigt sind. Anders gesagt: Die derzeitigen Labore könnte man auch mit 8 Mann Stammbesatzung betreiben, ohne das jemand langweilig werden würde. So viele Personen kann man aber mit der Sojus nicht zur ISS bringen.

So, das wars mit der bemannten Raumfahrt. Freuen wir uns auf echte Erkenntnisse, vermittelt von Cassini beim Vorbeiflug an Enceladus am 9.10.2008 und Messenger an Merkur am 6.10.2008.

3 thoughts on “Warum ich gegen bemannte Raumfahrt bin….

  1. @ Van
    In der Philosophie klingt vieles gut. Z.B. „Was war vor dem Urknall“ oder „Ich will schneller als Licht sein“. SAGEN kann man so vieles…

    Was das persönliche „Mondstapfen“ angeht… Auch hier stellt sich mir die Frage nach dem Sinn. Es gibt viele Flecken auf der Erde die man deutlich einfacher besuchen kann und die auch (noch) deutlich lebensfreundlicher sind. Zudem kosten solche Trips sehr viel an Energie. Das alles, damit nur ein paar wenige ihren Hintern sonstwo ins Sonnensystem hinbewegen können? Die meisten Leute kennen meist noch nichtmal die schönen Seiten ihrer näheren Umgebung! Gut, das Gleiche könnte man über Fernreisen im Allgemeinen auch sagen, aber das führt jetzt wohl zuweit.

  2. Was die derzeitige Handhabung der bekannten Raumfahrt angeht stimme ich dem Artikel voll zu.

    Nichts für ungut, aber das ISS Projekt ist eine komplette Katastrophe. Und die bemannte Raumfahrt steckt leider sowieso seit Apollo praktisch in einer Sackgasse.

    Ohne eine neue „Killerapplikation“, welche die bemannte Raumfahrt DEUTLICH billiger macht, wird es keine weitere Bewegung geben, Punkt aus.

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