Die suggestive Wirkung von (falschen) Fakten

Nachdem ich mich gestern so über den Beitrag von Eugen Reichl ausgelassen habe, dachte ich mir: Schau mer mal ob der nicht auch blogt. Und siehe da: Sogar zu meinem Lieblingsthema SpaceX. Beim Durchlesen des Beitrags legte sich aber die Freude. Das ist so ein Beitrag wie in den US-Raumfahrtportalen, die als News die Presseerklärungen von SpaceX weitergeben, ohne die kritisch zu kommentieren. Fangen wir mal chronologisch an:

  1. Ob ein statisches Feuern von Triebwerken wirklich einen entscheidenden Schritt für die private Raumfahrt darstellt möchte ich bezweifeln. Das gab es auch vor jedem Start einer Europa Rakete und trotzdem sind davon einige gescheitert… Vor allem kein Wort davon, dass selbst dieses Probezünden (entsprechend dem Anlassen eines Motors beim Auto und Abstellen sobald er läuft) erst auf den zweiten Versuch klappte wurde nicht erwähnt.
  2. SpaceX ist nicht das erfolgreichste Start-Up der privaten US-Raumfahrt, es ist das einzige. Alle anderen Firmen haben noch keinen Orbit erreicht und betrieben daher keine Raumfahrt per Definition.
  3. Die Falcon 9 wurde nicht in einem Drittel der Zeit einer „Regierungsrakete“ gefertigt. Die Rakete taucht 2004 auf den SpaceX Webseiten auf. Nach 6 Jahren ist nun Erstflug. Ariane 1 startete 6,5 Jahre nach dem Beschluss, Ariane 5 7 Jahre 3 Monate später. Da die Rakete aber auf einem schon erprobten Einzeltriebwerk basiert, wäre der beste Vergleich die Saturn 1, die eine verbesserte Version des Jupiter Triebwerks als Cluster einsetzt. Diese wurde im November 1958 genehmigt und der Erststart erfolgte am 27.10.1961 – also nach weniger als 3 Jahre – erheblich kürzer als bei der Falcon 9
  4. Das Merlin ist nicht das einzige seit 10 Jahren neu entwickelte Raketentriebwerk. 2002 hatte das RS-68 seinen ersten Einsatz, das ist noch keine 10 Jahre her.
  5. Doppelt falsch ist die Angabe, dass der Auftrag einen Kommunikationssatelliten zu starten der erste Auftrag für ein Unternehmen der privaten Raumfahrt ist. Den ersten bekam Arianespace, eine private Firma (damals revolutionär) 1979 von Intelsat. Vor allem ist es für SpaceX der zweite – den ersten haben sie bereits wieder verloren. Der Kunde startet nun lieber mit der Ariane 5. Ich denke SpaceX profitiert hier vom Bankrott von Sea Launch. Auch Arianespace kann sich derzeit vor Aufträgen kaum retten und selbst die H-2A hat einen abbekommen.
  6. Bei dem Bericht über Launch Safety wäre natürlich auch zu erwähnen, dass SpaceX Vandenberg verließ, weil ihm die Launch Safety Bestimmungen dort zu streng waren. (Die US-Air Force wollte keine Falcon 1 starten lassen solange nebenan noch eine Titan 4 vorbereitet wurde – angesichts des langen Flugs der ersten SpaceX (Aufschlag direkt neben der Insel) wahr da die USAF auch gut beraten: Auch hier: negative Meldungen einfach weglassen.
  7. Nun kommt das beste: Raketen sind ja so kompliziert, da kann schon mal was schiefgehen. Das dient dazu schon mal die Erwartungen runter zuschrauben. Ja Raketen sind kompliziert, und Testflüge sind riskanter als spätere Flüge. Aber drei Fehlstarts in Folge hatten als letztes die N-1 und die Europa.
  8. Es kommt eine Liste von Raketen die einen Fehlstart beim ersten Start hatten. Aber auch die stimmt nicht ganz: Die Kosmos B hatte einen Fehlstart, die Kosmos C nicht und die Scout auch nicht. Vor allem ist sie suggestiv. Es gibt zwei wesentliche Einwände. Der eine ist, dass es früher viel mehr Fehlstarts gab, weil die Technik noch nicht so beherrscht und verstanden wurde. Genauso wir die ersten Flüge in Verkehrsflugzeugen auch riskanter waren als heute eine Reise in einem Airbus. Heute kann ein Unternehmen in den USA auf Spezialisten zurückgreifen die „Rocket Science“ studiert haben, auf Firmen die seit 40 Jahren Triebwerke oder andere Teile für Raketen entwickeln. Heute noch ist ein Jungfernflug riskant, wenn völlig neue Technik zum Einsatz kommt, wie man an der Ariane 5 G und ECA sieht. Aber wenn ein Unternehmen gleich mehrere Fehlstarts hintereinander heute hinlegt, ist es eigentlich weg vom Fenster – wie man an Boeing mit der Delta 3 sehen konnte – und auch SpaceX setzt die Falcon 1 nicht mehr ein.
  9. All das ist aber für die Falcon 9 irrelevant, denn sie ist keine Neuentwicklung sondern basiert auf schon entwickelten Triebwerken die nur gebündelt werden. Auch hier: Der passende Vergleich ist die Saturn I und die flog 20 mal erfolgreich ohne jeden Fehlstart. Daran muss sich die Falcon 9 messen, nicht an ihrem Vorgängermodell.

In der Summe ein guter P&R Artikel, die Fakten weggelassen die nicht ins positive Bild passen, unpassende Vergleiche gezogen um das Produkt gut aussehen zu lassen und den Leser schon mal auf Fehlschläge vorbereiten. Besonders gut finde ich den Satz: „Wie gesagt: Fehler zeigen sich auch dann, wenn man mit dem Testen schon aufgehört hat.“. Denn beim Merlin hat SpaceX nach 3.300 s Testzeit aufgehört mit den Tests – Das Vulcain 1 absolvierte 86.000 s, das F-1 Triebwerk nach 239.000 s – und damit will man dann „wenigen Jahren auch bemannt eingesetzt werden.“…

Ich glaube ich schreib mal an SpaceX wie viel sie für solche Jubelartikel bezahlen. Vielleicht lohnt es sich ja….

6 thoughts on “Die suggestive Wirkung von (falschen) Fakten

  1. Und der Satz „Bugs show up beyond the point where you’ve stopped testing“ soll eines der Hauptaxiome der Raketentechnik sein? Selbst in Abwandlungen bekommt man für diesen Satz nur einen Treffer im Internet, und das ist der Artikel selbst. Vielleicht hat Elon Musk ihm den ja diktiert. Der Begriff „Bug“ wird meines Wissens fast ausschließlich für Softwarefehler verwendet.

    P.S.: Eugen Reichl ist doch derjenige, der dieses verdächtig viele Rechtschreibfehler enthaltende Raketentypenbuch veröffentlicht hat.

  2. Wegen der vielen Rechtschreibfehler dachte ich ja auch zuerst dran, er hat von mir abgeschrieben (von der Website, nicht dem Buch). Aber wie ich dann feststellte ist es die Website von Mark Wade die als Datenquelle diente. Die Rechtschreibfehler scheinen charakteristisch zu sein, auch beim neuen Buch über X-Planes ist die Kritik verheerend.

    Ich habe auch noch nie von einem solchen Spruch gehört und „Bugs“ kenne ich auch nur von der Softwaretechnik. Bei Raketentechnik wird meistens gar nicht von einem Fehler gesprochen sondern das ganze umschrieben wie „Verbrennungsinstabilitäten“, „Strukturelle Schwäche“ oder ähnliches.

    Edit: Es gibt eine zweite Fundstelle, das ist die SpaceX Pressseeklärung vom 13.3. – also nur abgeschrieben, das ist schon blamabel für einen Buchautor…..

  3. Moin Bernd,

    das beste am Artikel ist wirklich: „Bugs show up beyond the point where you’ve stopped testing“ Diesen Satz kenn ich aus der agilen Softwareentwicklung.

    In der Softwareentwicklung sind derzeit verschiedene testgetriebene Rapid Prototyping Modelle modern, die unter dem Dach ‚agil‘ zusammengefasst werden. Ein Architekt kann berechnen, ob ein Hausdach haellt – ein Programmierer muss das Testen.

    Leider ist das beste am Artikel kein Original. Der Satz ist abgeschrieben und zeigt wie SpaceX denkt.

    ciao,Michael

  4. Das habe ich ja schon bemerkt. Das interessante daran ist ja das SpaceX dieses Konzept „lebt“. Bei anderen Neuentwicklungen ist es üblich alles extensiv unter verschiedenen Bedingungen zu testen um sicher zu sein. (Siehe angeführte Zeiten für die Triebwerksentwicklung). Entsprechend sind auch die Resultate. Ich finde es nur sehr traurig wenn ein Blog nur abschreibt. Ich mag mich ja ab und an irren, aber ich vertrete wenigstens noch eine eigene Meinung und schreibe nicht kritiklos alles von einer US Website ab.

  5. eugen reichl ist doch eh der grösste plagiator, der sich auf dem gebiet des raumfahrtjournalismus rumtreibt. früher, als es den star observer noch gab, fand ichs richtig nervig, dinge unter seinem namen zulesen, die ich im internet teilweise schon monate zuvor fast buchstabengetreu bereits gelesen hatte.

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