Militärische Experimente

Am Donnerstag hat die USAF ihr zweites HTV-2 bei dem zweiten Testflug verloren. Das HTV wurde mit einer Minotaur 4 gestartet und sollte der Prototyp eines Bombers sein, der jeden Punkt der Erde innerhalb von einer Stunde erreichen kann und Mach 20 (rund 6.900 m/s) erreicht. Es ist das zweite Experiment in den letzten Jahren, bei dem ich mich frage wozu es gut sein soll.

Also jeden Punkt der Erde innerhalb von einer Stunde erreicht auch eine ICBM, nur ist bei der die Nutzlast zu 100% eine Bombe, während es hier ein Bomber sein soll. (Ob bemannt oder nicht weiß man ja nicht). Welchen Vorteil das bringt, sehe ich nicht, nur den Nachteil, dass ich eine viel größere Rakete brauche. Mit RAMjets und Scramjets komme ich auch nicht auf Mach 12. Theoretisch sollten mit Scramjets Mach 12 möglich sein, aber praktisch hat das noch keiner geschafft. Der Rekord sind Mach 9,6 mit der X-43A und die benötigt eine Rakete, damit ihr Scramjet überhaupt wirksam wird. Also für ein operationelles System ist das viel Aufwand. Es werden mindestens eine, wahrscheinlich zwei Raketenstufen benötigt, dazu der Scramjetantrieb, der auch noch im Versuchsstadium ist und ja auch gerade mit der X-43 A erprobt wird.

Das zweite ist die X-37B. Von dem sind ja auch zwei Exemplare gestartet worden. Es ist im Prinzip ein unbemanntes kleines Shuttle. Nur der tiefere Sinn bleibt verborgen. Das die USA ein Shuttle bauen und unbemannt landen können ist glaube ich unstrittig. Schon das Space Shuttle konnte automatisch landen, dürfte es aber nicht. Es gibt heute keine Experimente die man nur kurzzeitig im Weltraum ausführt. Früher wäre das anders gewesen, als Fotografien noch mit Film gemacht wurden. Aber heute arbeiten Militärsatelliten auch über ein Jahrzehnt und übertragen die Daten verschlüsselt zur Erde. Für die Bergung von Satelliten ist es zu klein und selbst wenn es groß genug wäre, würde die Kosten/Nutzenrelation zweifelhaft sein – typisch wiegt ein Shuttle viermal mehr als die Nutzlast, also braucht man eine viermal größere Trägerrakete und dann ist das Shuttle ja auch nicht beliebig oft einsetzbar – ob da die Kosten für den Einsatz nicht die Nachbaukosten eines Satelliten übertreffen? Und mehr als SSO Orbits erreicht es eh nicht. Früher hätte man so was wohl als Waffensystem oder zum Einsammeln feindlicher Satelliten konzipiert, aber das ist ja heute nicht mehr nötig. Es fehlt dazu der Gegner.

Zuletzt gibt es das Space Shuttle selbst. Das es so aussieht wie es heute ist, verdanken wir auch der USAF. Diese wollte 1969 einen Shuttle mit einem 18 m langen Nutzlastraum, der 18,1t in einen polaren Orbit befördern sollte und eine Querreichweite von mindestens 1.800 km hatte. Die NASA plante einen Orbiter mit einem 6,7 bis 9,1 m langen Nutzlastraum, einer Querreichweite von 400-500 km und er sollte 11,34 t in den Orbit befördern. Warum die USAF diese Forderungen hatte, die praktisch einen doppelt so großen Orbiter bedeuteten? Nutzlastgewicht und Länge waren festgelegt durch die KH-9 Satelliten, die schon diese Länge hatten und bei denen die nächste Generation noch schwerer sein würde. Die Querreichweite kam durch eine noch verwegener Mission zustande: Nachdem sich 1967/8 beim Sechstage Krieg und dem Einmarsch in die CSSR zeigte, das Aufklärungssatelliten für die Information bei aktuellen Konflikten völlig ungeeignet waren (die Fotos kamen gerade aus dem Labor, alles vorbei war), dachte die USAF an einen schnelle Start eines Shuttles bei einem Konflikt, der im Nutzlastraum Kameras hatte. Die Astronauten fliegen in einem Orbit über das Zielgebiet, machen Aufnahmen und landen sofort wieder. Da sich die Erde aber in einem Umlauf weiterdreht, würde die Landung rund 1.800 km weiter westlich über dem Pazifik stattfinden und daher brauchte das Shuttle große Deltaflügel um den Landepunkt um rund 2.000 km verschieben zu können – was ebenso den Shuttle riesig und schwer machte. Die vorherigen Entwürfe hatten nur kleine Stümmelflügel oder Flügel für die Bewegung im Unterschallbereich.

Mal abgesehen davon, dass dies schon enormes Vertrauen in die Einsatzfähigkeit des Systems impliziert, denn es setzt voraus dass man es praktisch sofort starten kann – würde man einen Tag warten, dann wäre die Erde ja wieder am richtigen Platz und man benötigt keine Querreichweite. Der Vorteil einer 1-Orbit-Mission ist also nur gegeben wenn die Startvorbereitungszeit klein im Vergleich zu einer Normalmission von 1 Tag Dauer ist. Wenn man 1 Woche Vorbereitungen hat, dann ist es egal, ob die Mission dann 90 Minuten oder 24 stundend dauert.

Interessanterweise wurde 1969 das CCD erfunden und militärisch schon 1976 eingesetzt, lange bevor der erste Shuttle abhob, was die Anforderung nach einer Mission mit Fotokameras obsolet machte.

Wenn man noch weiter zurückgeht, dann fällt einem Dyna Soar ein. Ein Mini Shuttle, das zuerst als Rettungsschiff, dann Aufklärungsgefährt (zur Bergung und Inspektion eigener und fremder Satelliten) und dann als strategischer Bomber gedacht war. Es wurde Anfang der sechziger Jahre entwickelt und 1963 eingestellt und sollte auf einer Titan IIIC starten.

Also über Jahrzehnte hinweg gab es den Traum beim Militär von einem Gefährt, das wie ein Flugzeug fliegt und wie eine Rakete gestartet wird. Warum verstehe ich nicht. Denn wer Weltraunfahrt kennt, weiß, dass dies mit den Anforderungen des Militärs schwer vereinbar ist. Selbst wenn man die Kosten außen vor lässt (eine Rakete ist nicht billig und anstatt einem Bomber + Sprengkopf könnte man auch ohne Probleme mehrere Sprengköpfe starten), so ist doch klar, dass Weltraummissionen nicht gerade spontan verlaufen. Die meisten brauchen Tage der Vorbereitungszeit. Selbst wenn man eine ICBM benutzt wird doch der Gleiter durchgecheckt werden müssen (kann man sich noch erinnern, das ein Shuttle in 7 Tagen wieder startbreit sein sollte? Doch selbst das wäre zu langsam).Vielleicht weil ein militärisches Gefährt irgendwie Flügel haben muss und manövrierbar sein muss, obwohl dies nur in der Atmosphäre von Nutzen ist? Das US-Militär wird es wohl wissen aber nicht sagen.

3 thoughts on “Militärische Experimente

  1. Die Amis halten sich doch für „die Grössten“ der Welt, nicht nur in militärischen Angelegenheiten. – Und um diesen Status zu halten, meinen sie, sie müssten auch technologisch auf allen Gebieten die Grössten und Besten sein. Also testen sie alles mögliche, das sie für Zukunftsweisend halten, und von dem sie sich irgendwelche Vorteile versprechen. Das ist wahrscheinlich der ganze Sinn dahinter.
    Welche Vorteile das im Einzelnen sind, wird aber wahrscheinlich Verschlusssache bleiben, weil die Gegner sonst ja evtl. Gegenstrategien entwickeln könnten und die Vorteile somit dahin wären.

  2. Sie halten sich zwar für die Größten, trotzdem stört es sie nicht, auf vielen Gebieten so ziemlich die letzten zu sein. Energienetz, Krankenversicherung, Bildung: noch schlimmer geht es kaum.

  3. die Idee „Bomber der von USA in einer Stunde das Ziel weltweit angreift“ entstand nach September 2001
    ursprünglich schlug der Verteidigungsminister Rumsfeld (Rep) vor ICBM dafür zu verwenden !
    natürlich sollten die Atomsprengköpfe durch Wolfram oder Bismut masse ersetzt werden .
    was zum Falcon Project (Force Application and Launch from Continental United States) der DARPA führt
    Wie weit HTV mit Falcon zu tun hat ist unklar, vermutlich eine Demonstration des Konzept
    Oder HTV ist eine Neue Generation ICBM Wiedereintrittskörper und das mit Falcon ist nur die Coverstory
    (das nicht neu, sehe USAF Discovery Satelliten: offiziell Forschung Wirklichkeit Spionage Sats)
    weil Russland eine neue Generation von Wiedereintrittskörper einführte in 2004

    X-37B gibt es viele Spekulationen
    wahrscheinlich ist das X-37B dient zur Erprobung von Satelliten Komponenten…

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