Mythos steigende Startkosten

Seit Jahren wird gejammert: Die Startkosten für Satelliten steigen an. Und viele plappern es nach. Trotzdem werden viele kommerzielle Kommunikationssatelliten gestartet und in den letzten Jahren hat sich als neues Geschäftsfeld die Erdbeobachtung von privaten Unternehmen etabliert. Zeit dem nachzugehen.

Also lasen wir mal die Zahlen sprechen. Ich nehme hier mal vier Linien. Die Atlas, Ariane, Titan und Delta.

Träger Startpreis
Atlas Agena B 8,5
Atlas Centaur 46
Atlas II 90
Atlas V 521 194
Ariane 1 50
Ariane 4 84
Ariane 5 G 130
Ariane 5 ECA 160
Titan II 10
Titan 3C 23,2
Titan 34D 126
Totan 4 250
Titan 4B 411
Thor Agena B 5,6
Thor Delta 3,6
Thor Delta 1914 6
Thor Delta 3924 34
Thor Delta 7925 50

Also da haben doch alle recht oder? Steigerungen um den Faktor 40! Kei Wunder das da alle jammern. Nun ja nicht ganz. Denn diese Tabelle ist unvollständig. Die Träger wurden ja weiterentwickelt und die Nutzlast stieg an. Also hier eine zweite Tabelle mit den entsprechenden Maximalnutzlasten und dem Preis pro Tonne Nutzlast: (Bei Ariane nur GTO Nutzlasten)

Träger Startpreis Nutzlast pro Tonne
Atlas Agena B 8,5 2721 3,1
Atlas Centaur 46 4500 10,2
Atlas II 90 6580 13,7
Atlas V 521 194 20520 9,5
Ariane 1 50 1860 27
Ariane 4 84 4400 19
Ariane 5 G 180 6820 26
Ariane 5 ECA 224 10000 22,4
Titan II 10 3700 2,7
Titan 3C 23,2 12000 1,9
Titan 34D 126 14400 8,75
Titan 4 250 18160 13,7
Titan 4B 411 21680 18,9
Thor Agena B 5,6 743 7,5
Thor Delta 3,6 290 12,4
Thor Delta 1914 6 1835 3,2
Thor Delta 3924 34 3450 9,8
Thor Delta 7925 50 5089 9,8

Nun sieht dies schon anders aus. die Ariane Familie wurde immer billiger, gemessen an der Nutzlast. Die gleiche Tendenz gab es bei der Thor Delta und die Atlas Centaur pendelt um einen Wert von 10 Millionen Dollar pro Tonne. Lediglich die Titan wurde immer teurer, was auch zum Einstellen des Musters führte.

Nochmals andere Zahlen erhält man, wenn man berücksichtigt, dass ich hier Zahlen von 2011 mit denen von 1960 gemischt habe. So kostete 1960 ein VW Käfer Cabrio rund 8.900 DM. Das entspricht rund 4.500 Euro. Bekommt man heute ein Cabrio für 4.500 Euro? Wenn ich die offizielle NASA Tabelle für die Umrechnung von früheren Kosten benutze (siehe dieser Blog), und sie auf das Jahr 2000 beziehe, so erhalte ich folgende Tabelle:

Träger Startpreis Nutzlast pro Tonne
Atlas Agena B 39,9 2721 14,6
Atlas Centaur 86,6 4500 19,3
Atlas II 107 6580 16,3
Atlas V 521 163 20520 8
Ariane 1 77 1860 41
Ariane 4 107 4400 24
Ariane 5 G 131 6820 19,2
Ariane 5 ECA 120 10000 12
Titan II 44 3700 12
Titan 3C 86 12000 7,2
Titan 34D 181 14400 12,6
Titan 4 317 18160 17,4
Titan 4B 431 21680 19,9
Thor Agena B 26,7 743 36
Thor Delta 17,1 290 59
Thor Delta 1914 20 1835 11
Thor Delta 3924 54 3450 15,6
Thor Delta 7925 53 5089 10,4

Nun sieht es ganz anders aus. Praktisch alle Muster sind preiswerter geworden. Warum jammern dann trotzdem alle über steigende Startkosten. Nun sie jammern nicht über steigende Startkosten selbst, sondern dass praktisch alle drei großen westlichen Träger seit 2000 subventioniert werden. EADS/Arianespace erhielten bis letztes Jahr 190 Millionen Euro pro Jahr an Subventionieren. Das Geld sollte genutzt werden um die Produktion zu verbilligen, sodass sie keine weiteren mehr benötigt. Gelungen ist das nicht. Immerhin ist es weniger geworden für 2011/12 sind es 120 Millionen pro Jahr. Schlimmer ist es bei den USA. ULA erhält pro Jahr an 1,1 Milliarden Dollar von der USAF, primär damit sie nicht qualifiziertes Personal entlassen. Das ist der Preis, denn die USAF zahlt, damit zwei Produktionslinien für denselben Nutzlastbereich und maximal 10 Starts pro Jahr betrieben werden, damit immer ein Träger zur Verfügung hat auch wenn der andere für Monate „gegroundet“ ist. Bei Arianespace ist es die Konkurrenz aus China und Russland welche die Preise drückt, denn wie man sieht ist der Startpreis absolut gesehen gesunken und bei höhere Nutzlast pro Tonne sogar deutlich preiswerter. Die heutige Ariane 5 ECA ist die pro Tonne Nutzlast preiswerteste Version überhaupt.

Nun Europa hat wenig Chancen hier was zu machen, außer Ariane 5 weiter in der Nutzlast zu steigern um schwerere und teurere Satelliten zu starten. Bei den USA sieht es anders aus. Sie betreiben derzeit einen richtigen Zoo von Trägerraketen. Als sie noch viel mehr Nutzlasten starteten kamen sie mit der Thor, Atlas und Titan aus. Heute sind es Pegasus, Minotaur I,IV, Falcon 9,Taurus XL, Taurus II, Atlas V und Delta IV. Viele dieser Modelle konkurrieren um dieselbe Nutzlast. Selbst Russland mit mehr Starts leistet sich nicht diesen Luxus. Die russische Regierung nutzt nur Rokot, Sojus und Proton, ab und an, wenn es nicht anders geht noch eine Zenit und möchte alle diese Modelle durch die Angara ersetzen.

Kurzum: Vor allem in den USA ist die Jammerei über steigende Startkosten hausgemacht. Wer darauf besteht so viele Modelle zu betreiben, muss sich nicht über die Folgen beschweren.

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