Ich würde es lassen

Seit einigen Wochen habe ich ein vermehrtes Mailaufkommen zu einem Thema: der OTRAG. Zuerst von einem Professor in Kalifornien der das im Rahmen eines Projektes untersuchen will, dann von den Krautreportern, dann kontaktiert mich Norbert Brügge bei dem sich Kayser gemeldet hat und der seinen Angaben nicht so traut, es folgt ein intensiver Mailwechsel mit einem OTRAG Mitarbeiter der sich auch nach Jahren erneut meldet und zuletzt eine Mail von Kaysers letzter Ehefrau die mich nach einem Söldner fragt der im Dienste der OTRAG war. Sie hat . so zumindest meine Vermutung – auch diesee Welle ins Rollen gebracht, denn sie kündigte an, die Autobiographie von Kayser zu schreiben.

Ich vermute mit dem Anschreiben anderer wegen Informationen (sie ist erst seit 1980 dabei, hat also den Großteil der OTRAG-Geschichte verpasst) das ganze erst ausgelöst. Was die Ursache ist? der ehemalige OTRAG Mitarbeiter meinte Kayser hätte nach den jüngsten Fotos doch sehr an Vitalität verloren. Eventuell ist auch dies ein Grund.

Kayser sieht sich nach eigenen Aussagen als Opfer der deutschen Politik und sagt jedem der es hören will oder nicht, Giscard D’Estaing und Helmut Schmidt hätten seine Firma kaputtgemacht. Das mag sicherlich ein Grund sein, seine Memoiren niederzuschreiben, doch würde ich dazu abraten, wenn man eine so ausgeprägte selektive Wahrnehmung hatm wie sie Kayser schon in den Siebzigern hatte. Was die Regierung gemacht hat war ein Steuerschlupfloch zu schlissen, das das Konstrukt der OTRAG erst möglich machte. Die Firma wurde dadurch möglich das Spitzensteuerverdiener Verluste die die Firma unweigerlich in den ersten Jahren machten zu einem mehrfachen des eigentlichen Wertes von der Steuer abziehen konnten. Kayser hatte in dem Gespann Bader/Höck zwei Finanzbeamte gefunden die im hessischen ein Steuerparadies aufgebaut hatten und zahlreiche Gesellschaften mit Verlustabschreibungen dort registrierten und genehmigten, darunter auch die OTRAG. Ein Verhalten, das nach Staatsanwaltschaft an „Dreistigkeit und krimineller Energie“ kaum noch zu überbieten sei. Das war schon damals nicht legal, weil sie keinerlei Prüfungen des Geschätskonzepts machten, also ob es überhaupt eine Gewinnerzielingsabsicht gab. (Die OTRAG wies in der ersten Genehmigung einen Finanzbedarf von 714 Millionen DM aus, hatte aber nicht mal ein Sechstel dieser summe als Aktiva). Dafür flog der Sohn einer der Finanzbeamten 1977 für vier Wochen für einen Job nach Zaire zur OTRAG. Für jemand der sich so aufregt, dass man dem auch nach damaligen Gesetz illegalen Verhalten dieser Finanzbeamten ein Ende bereitete, hat Kayser eine sehr lockere Steuermoral, denn als sich die Rückstände der (nie gezahlten) Gewerbesteuer für Stuttgart in Millionenhöhe anhäuften zog man einfach nach München um.

Mit der engen Verbindung zu zwei Diktatoren (Mobutu und Gaddafi) die jeweils für den Tod Tausender verantwortlich sind, wird es Kayser auch heute schwerfallen eine „logische“ Erklärung für die Wahl von Zaire und Libyen als Startplätze zu finden, vor allem wenn man in Libyen hinsichtlich Größe der Raketen einen Schritt nach hinten machte zu Einmodul-Trägern, anstatt zu größeren Trägern oder Mehrstufenraketen überzugehen die man selbst für eine Höhenforschungsrakete bräuchte. Dafür hat man sie im schrägen Winkel aus Containern abgefeuert. Logisch: ohne Steuermöglichkeit muss man um Reichweite zu bekommen die Raketen wie Katjuschas schräg abfeuern, wenn man sie militärisch einsetzen will.

Demgegenüber hat er mnit den Mitteln und über 10 Jahren Entwicklung nicht viel erreicht. Von Zaire aus gelangen einige senkrechte Abschüsse mit mehreren Modulen die einige Kilometer Höhe erreichten, in Libyen dann weitere militärische Starts, über die er besser schweigen sollte, denn das es bei Libyen um militärischen Einsatz ging wahr allen OTRAG Mitarbeitern bekannt. nicht wenige, darunter Gallionsfigur Kurt Debus kündigten dann auch. Mit Schuld an dem Scheitern ist auch eine ziemliche Geldverschwendung: Die OTRAG hat in wenigen Jahren mindestens 150 Millionen DM verbraucht, und das mit nur rund 50 Mitarbeitern. Elon Musk hat mit weniger Geld seine Falcon 9 entwickelt und das bei sechsmal größeren Mitarbeiterstamm. Das kann man auch nicht wirtschaftlichen Erfolg nennen. 150 Millionen DM wurden ausgegeben und was gibt es als Resultat? Einige Starts eines einfachen druckgeförderten Triebwerks, dessen wesentliche Konzeption und Leistungsparameter schon mit einer Bundesförderung zwischen bis 1972 erarbeitet wurden,

Vielleicht ist Elon Musk und der Medienhype um ihn der Grund warum Kayser sich in Erinnerung bringen will. aber ich rate davon ab. Elon Musk war erfolgreich, Elon Musk versucht neue Wege und innovative Konzepte, anstatt einfachste Billigstraketen. Elon Musk hat sein eigenes Geld Investiert, während Kayser schon von den ersten 95 Millionen DM 21 Millionen für seine „Erfindungen“ einsteckte. (Die Anführungszeichen, weil die Erfindungen auch von den Mitarbeitern stammen, die nichts davon hatten und meiner Ansicht nach die Erfindungshöhe nicht so hoch ist diese Summe zu rechtfertigen). Neben dem Effekt das der Firma Geld entzogen wurde, erlaubte dies ihm einen schon in den Siebzigern enorm luxuriösen Lebensstil und heute reicht es immer noch für eine eigene Südseeinsel. Als Visionär kann man sich so nicht verkaufen, eher als jemand der aus einer Idee viel Geld für sich persönlich gemacht hat.

Kayser wurde schon in den Siebziger Jahren von einem Journalisten, der ihn für eine Coverstory begleitet hat, eine „bemerkenswerte politische Naivität“ bescheinigt. Vielleicht ist die erhalten geblieben und hat nun auch auf seine Frau übergefärbt. Vielleicht glaubt er seine Story von der Enteignung in Libyen selbst. Nur hat sich die Zeit geändert: Eine kleine Recherche im Internet und man wird schnell fündig, dass er fast 20 Jahre lang nach der Enteignung in Libyen lebte und zwar nicht als Privatmann sondern als Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften. Also irgendwie habe ich andere Vorstellungen von jemanden der enteignet worden ist. Vielleicht will er seiner rechten Hand und Nachfolger Frank Wukasch nacheifern der sich in Vorträgen als Raketenpionier feiern lässt. Da Kayser prominent im Vordergrund war und er sich nach Libyen als Retter mit der wissen Weste präsentiert, gelingt ihm dies auch, obwohl er von ehemaligen Mitarbeitern als „Hochstapler“ und von Kaisers Frau als „nicht vertrauenswürdig“ bezeichnet wird. Kayser ist dagegen zu eng mit mit Negativschlagzeilen über ihn selbst und die OTRAG verbunden.

Mein Rat: genießt euren Lebensabend auf der Südseeinsel beim Marschall Archipel und seit froh, dass heute selbst viele die mit Raumfahrt hauptberuflich zu tun haben, mit dem Namen Lutz Kayser nichts mehr anfangen können. Mit einer Autobiographie wird das Thema sicher erneut hochgekocht. Ob das unbedingt von Vorteil ist oder nicht, kann man nicht sagen. Aber ich würde das Risiko nicht eingehen. Und mit 75 kann man auch mal das Leben genießen. Falls man doch eine Autobiographie schreiben will, dann würde ich mit der Veröffentlichung warten bis Interorbital, die ja nun die Technologie liecht modernisiert einsetzen tatsächlich auch mal einen erfolgreichen Satellitenstart geschafft haben – dann gäbe es auch genügend positives Interesse an den Memoiren.

4 thoughts on “Ich würde es lassen

  1. Moin,

    was ich mich bei der Neptun frage: Terpentin und Salpetersäure als selbst zündender Treibstoff. Kiefernharz, das klingt für mich sogar relativ zur Ortag wie ein Rückschritt in eine Raketentechnik für Gaza.

    Was für einen ISP hat das? Und *ok* von Chemie keine Ahnung, in was für Druckbehältern lässt sich rauchende Schwefelsäure speichern?

    ciao,Michael

  2. Nein das ist genau der gleiche Treibstoff den die OTRAG nahm (je nach quelle als Heizöl, Terpetin oder diesel bezeichnet). Von Kiefernharz ist heute auf den Seiten keine rede mehr.

    Immerhin hat Interorbital etwas verbessert: Die Tanks haben den doppelten Durchmesser uns sind kürzer, damit hat man den Platz für eine Expansionsdüse die dann den spezifischen Impuls der oberen Stufen deutlich erhöhen. Bei Bodentests haben sie ja nur die 235 s erreicht die man schon in den siebzigern bei der OTRAG hatte.

  3. Terpetin Ohne „n“, ist das was anderes als Terpentin?

    Das kann jetzt natürlich auch ein Abschreibfehler in der Wikipedia sein, aber dort steht dass das Common Propulsion Module hypergolic White fuming nitric acid and Turpentine verwendet. Und Turpentine ist das Balsamöl aus Kiefernharz.

    Selbst wenn es bei der Chemischen Reaktion vom Impuls keinen Unterschied macht, so sollte Balsamöl doch erheblich teuerer sein als Diesel, es sei denn man ist in Gaza und hat ein paar Kiefern im Garten.

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