Europas bemannte Raumfahrt und Russlands Raumfahrt

In der aktuellen SuW kamen zwei Artikel bzw. ein Artikel und ein Interview. Im Artikel von Alexander Stirn geht es um die Zukunft bemannter Raumfahrt und im Interview hat man Eugen Reichl zu seiner Meinung über den Stand von Russlands Raumfahrt gefragt. Beide haben eine Gemeinsamkeit, auf die ich noch zurückkomme.

Alexander Stirn ist seit etwa zwei Jahren Journalist und hat in der Zeit schon einiges über die bemannte Raumfahrt geschrieben. In diesem Artikel hat sich seine vorher fast euphorische Begeisterung für SpaceX deutlich abgekühlt, wohl weil er nun langsam begreift, dass es eine Firma ist die Geld verdienen möchte und dank Elon Musk eine paranoide Angst davor hat das, irgend etwas über ihre Arbeit und ihre Produkte an die Öffentlichkeit gerät. Er beschreibt, das Samantha Cristoforetti in der Vorbereitung der ISS Mission 67 bei SpaceX nicht mal vom Simulator in die Kaffeeküche gehen dürfte, um sich in der Mikrowelle etwas aufzuwärmen, ohne einen Aufpasser zu haben und das sich Alexander Gerst darüber beschwert, das man bei den Russen voll in das System eingebunden wäre und wie die Kosmonauten trainiert, wie man die Sojus fliegt und bei SpaceX nur zahlende Gäste sei. Ja was erwartet er denn von einer Firma, wo man nicht mal fundamentale Daten ihrer Raumschiffe kennt? Die NASA hat Flüge als Leistungen eingekauft, nicht mehr.

In Stirns Artikel geht es darum, dass die ISS ab 2030 ausgemustert werden soll. Was übrigens nicht sicher ist, nur hat man den Betrieb derzeit bis zu diesem Zeitpunkt verlängert, das tut man natürlich nicht Jahrzehnte im Voraus , sondern entscheidet über eine weitere Verlängerung typisch etwa vier Jahre vor dem derzeit geplanten Ende, so war es bei den bisherigen Verlängerungen von 2016 aus auf 2020, 2024 und 2028 auch so und das ist auch sinnvoll, man muss ja wissen in welchem Zustand alle Systeme sind und welchen Aufwand man für den Erhalt treiben muss. Alleine weil die bemannten US-Zubringer erst jetzt – nach über 20 Jahren ISS Betrieb genutzt werden und man dann doch wenigstens etliche Flüge haben will, wenn man schon 8 Mrd. Dollar für die Entwicklung bezahlt hat, wird man verlängern. Das gleiche gilt auch für den Dream Chaser als Frachtransporter, dessen Jungfernflug auch noch aussteht. Diese Firma bezahlt die Entwicklung ja sogar selbst anders als SpaceX und Boeing bei den bemannten Transportern. Sie wird dies sicher nicht tun wenn sie diese Kosten nicht über die Flüge wieder reinholt.

Doch Stirn schweift weiter. Er verweist auf kommerzielle Raumstationen die nun kommen werden, die ISS ersetzen, und bei denen Europa dann nicht beteiligt ist, weil das bisherige System des Austauschs nicht mehr funktioniert. Das lief bisher so: Europa baut für seine Beteiligung an etwas in der bemannten Raumfahrt Equipment für die NASA oder erbringt Leistungen. Für den Transport von Columbus waren das zwei Verbindungsknoten für die ISS (gerne vergessen: gemessen an Volumen wurde der größte Teil der ISS in Europa gebaut). Für den Betrieb von 2006 bis 2018 waren es fünf ATV Transporte und für den Betrieb seitdem, ist es das Servicemodul der Orion. Kommerzielle Betreiber wollen mit ihren Stationen natürlich Geld verdienen. Ich zumindest sehe hier immer noch die Möglichkeit sich zu beteiligen und zwar mit der Ariane 62 bzw. 64 um die Versorgungsraumschiffe und bemannten Transporter zu starten. Da man so nichts neues entwickeln müsste und die Ariane Produktion besser auslasten würde (niedrigere Startpreise) wäre das sogar besser als die bisherigen Austauschprogramme. Ob solche kommerziellen Stationen allerdings kommen ist offen. Bigelow als einzige Firma, die dies seit langem verfolgt hat, stellte erst die Entwicklung ein und ist nun pleite und bisher sehe ich auch nicht die Nachfrage.

Dann geht es um das Artemisprogramm. Da ist Europa bei dem Lunar Gateway wieder dabei. Man fertigt auch hier ein Modul, ebenso übrigens Japan. Nur der Auftrag für die eigentliche Landung wurde von der NASA wieder analog zu CCDev vergeben. Eine Firma erhält den Auftrag, die NASA ist nur Kunde und nicht am System selbst beteiligt, außer natürlich bei der Kontrolle, ob die Anforderungen eingehalten werden. Also dürfte es genauso wie beim Transport der Astronauten zur ISS gehen. Aber ehrlich gesagt: ist das wichtig? Interessiert die Öffentlichkeit, ob alle Astronauten das Raumtaxi fliegen können oder ob sie ihre Arbeit auf der Mondoberfläche durchführen können? Vor allem vermisse ich eine kritische Distanz Stirns. Also nur mal erwähnt. Nach Musk sollte das Starship bis Ende 2020 zum ersten Mal fliegen. Das ist es nicht. Die meisten Versuche nur mal aus rund 10 bis 15 km Höhe zu landen scheiterten. Und für eine Mondmission wird man es ein Dutzend Mal auftanken müssen, bisher noch nicht erprobt und selbst wenn es geht, ob SpaceX die schnelle Flugrate hinbekommt, die sie dafür brauchen, denn der Treibstoff verdampft ja weil er -160 und -180 Grad Celsius kalt ist, ist auch eine offene Frage, ebenso ob die Mondlandung an dem Vehikel mit seiner Höhe auf unebenem Gelände klappt und dann die Leute auch aussteigen und wieder einsteigen können. Das sind alles völlig unerprobte Technologien und für weitaus weniger technologische Anforderungen bei der Bergung von Falcon 9 Erststufen. Für deren erste erfolgreiche Bergung brauchte SpaceX Jahre.

Eugen Reichl – im Artikel Raumfahrtexperte bezeichnet – vertritt die Meinung, es gäbe in Russland drei Epochen der Raumfahrt. Die erste ging bis 1966, dem Jahr von Koroljow Tod – und wäre die goldene Zeit gewesen. In ihr wurde alles entwickelt, von dem Russland bis heute zehrt. Bis zum Zusammenbruch der UdSSR erstreckt sich die zweite Epoche der Stabilisierung, in der man im wesentlichen das einsetzte, was bis 1966 entwickelt wurde, aber es schon mit der Raumfahrt bergab ging. Und seitdem geht es bergab. Er meint das Russland sich selbst viel schadet, weil die Raumfahrtindustrie vor allem von Starts für anderen Nationen lebt und Russlands Raumfahrt in einigen Jahren in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wird, noch hinter Indien sein wird.

In den drei Epochen und der allgemeinen Beurteilung gehe ich konform, aber Reichl macht einen grundlegenden Fehler. Es gibt nicht die russische Raumfahrt. Es gibt wie auch bei uns vier getrennte Gebiete. Dies sind die Raumfahrt für Forschungszwecke, die bemannte Raumfahrt, die militärische Raumfahrt und davon noch abgekoppelt, bei uns schon nicht mit öffentlichen Geldern finanziert die Anwendungsraumfahrt.

Ich fange mit dem letzten an, weil das außerhalb der Sowjetunion schon nicht mehr Bestandteil der öffentlichen Hand ist. Sobald man mit etwas Geld verdienen kann, finden sich auch Firmen, die es finanzieren. Das fing in den Sechzigern mit Kommunikationssatelliten an, dann folgte Erdaufklärung und derzeit sorgt dieser Sektor sogar für die meisten Starts, vor allem für Megakonstellationen. In Russland ist dieser Sektor immer noch steuerfinanziert. Ebenfalls außer der Reihe läuft der militärische Bereich. Er macht in Russland die meisten Starts aus. Übe ihn weiß man wie auch über die militärische Raumfahrt im Westen fast nichts. Es bleiben nur zwei Bereiche übrig: bemannte Raumfahrt und Weltraumforschung. Die bemannte Raumfahrt ist das Aushängeschild, es ist der einzige Bereic,h der auch im Ausland in den Nachrichten erscheint. Sie ist für jeden sofort verständlich, wenn es Videos von schwebenden Kosmonauten gibt, anders als die Ergebnisse von Raumsonden und Satelliten. Daher wurde sie auch kontinuierlich seit Gagarin durchgeführt und hier wurde mit den Saljut Stationen auch nach 1966 noch neues entwickelt.

Die wissenschaftliche Forschung kann man sogar in zwei Phasen einteilen. Die erste Phase bis etwa 1988 und die zweite danach. Die erste Phase ist für eine Industrienation eigentlich kindisch. Es ging darum den USA zuvorzukommen. Im erdnahen Raum bei den Satelliten war dies nur während des ersten Jahres der Fall, dann begannen die Usa sehr schnell viele Anwendungsgebiete mit ihren Satelliten zu erschließen. Das ging los von geophysikalischer Forschung (Explorer Serie) über Wettersatelliten (Tiros), Kommunikationssatelliten (Coruier, Telstar, Syncom), Navigation (Transit). Russland startete nach den ersten Spuntik fast nichts mehr zur froschung im Erdorbit. Danach ging es darum jeweils den USA zuvorzukommen. Das begann beim Mond, setzte sich dann über Mars und Venus fort. Nur bei der Venus gelang es – vor allem aber deswegen, weil nachdem man die ersten Daten über die Temperaturen und Drücke an der Oberfläche hatte, die USA die Venusforschung stark herunterfuhren. Seit Ende der Sowjetunion hat Russland gerade mal zwei Raumsonden gestartet, die beide scheiterten. Dieses Jahr sollte mit Luna 25 die dritte kommen. Also Indien hat genauso viele Raumsonden gestartet und das nicht erst seit 1988, sondern seit 2008. Hinsichtlich wissenschaftlicher Forschung (auch im Erdorbit) rangiert Russland schon lange hinter Indien. Zumindest was die Zahl der Missionen angeht. Hinsichtlich der Qualität der Experimente sind sie gleichauf, hinken beide aber hinter Europa und den USA hinterher.

Ich glaube auch nicht das die nun wegfallenden Starts mit der Sojus einen so großen Einschnitt bedeuten, denn Russland startet im Jahr etwa doppelt so viel, wie durch das Embargo wegfällt und das sind Starts die nicht nur für 2022 geplant sind. Zudem hat nur die Trägerindustrie Kunden im Ausland, bei den Herstellern von Satelliten gibt es nur die Inlandsnachfrage.

Reichl geht auf die Aussagen von Rogodzin ein, der viel von sich twittert, oft unüberlegt und nach den Sanktionen sogar drohte US-Astronauten auf der ISS zu lassen – als ob er das irgendwie beeinflussen könnte – das kann nur die Besatzung dort, die anders als die Politiker auch jetzt noch zusammenarbeiten kann. Rogodzin dürfte auch zuzuschreiben sein, dass nachdem angekündigt wurde, dass man auf der ISS einen Film drehen will, Russland noch schnell eine eigene Besatzung zur ISS schickte die einen russischen Film dort dreht. Also manchmal komme ich mir vor, wie im Kindergarten. Wäre lustig, würde Nauka nicht zehn Jahre zu spät kommen und nicht nach dem Andocken ungeplant ihre Düsen zünden. Darauf sollte Rogodzin sein Augenmerk richten: auf die zahlreichen seltsamen Vorkommnisse in der russischen Raumfahrt die es in den letzten Jahren gab. Von vertauscht eingebauten Beschleunigungssensoren die eine Rakete einen Looping durchführen lassen bis zu einem an der Außenseite gebohrten Loch in einer Sojuskapsel. Aber wie bei Putin sind ja auch daran die anderen Schuld.

Die Gemeinsamkeit beider Artikel ist, dass sie nach einem größeren europäischen Engagement fordern, mit markigen Worten, aber eben ohne richtige Begründung. Nur zu sagen das man Erfahrung in der bemannten Raumfahrt aufgibt (Stirn) oder das Europa nicht würdig wäre (Reichl) reicht eben nicht. Wir reden hier von einem nicht kleinen Finanzposten. In den USA macht die bemannte Raumfahrt die Hälfte des NASA-Budgets aus. Da NASA Budget ist dreimal so hoch wie das der ESA. Das bemannte Budget beträgt bei der ESA etwa ein Zehntel des gesamten ESA-Budgets. Die NASA gab 8 Mrd. Dollar für die Entwicklung der beiden Raumfahrzeuge aus. Die Mittel für die Transporte zur ISS seitens der NASA sind viermal so hoch wie das gesamte bemannte Budget der ESA. Und das alles dafür das einige Astronauten schöne Bilder machen. Denn nennenswerte Forschung, die auch in den Zeitschriften erscheint, die zur ersten Riege gehören, findet auf der ISS nicht statt. Wenn man in einem infantilen Stadium gefangen bleibt, in dem einen das reicht, dann ist das für den beteiligten schön, aber eine Gesellschaft überzeugt man so nicht. Selbst wenn man Know-How verliert: Es dreht sich ja immer im Kreise. Das Know-How braucht man nur, wenn man bemannte Raumfahrt betreibt, doch wenn man die nicht betreibt, braucht man es nicht und anders als unbemannte Raumfahrt hilft sie auch nicht beim Lösen der Problem auf der Erde. Hier ist nämlich Europa mit dem Kopernikus Programm weltweit führend.

Weil’s gerade so passt: Josef Aschbacher gab ein Interview bei SWR1, in dem es um die Folgen des Russlandembargos für die ESA geht. Das wäre noch ein anderes Thema, zu dem ich noch einiges zu sagen hätte, aber zu dem Thema hier erwähnt er, dass man in Europa so etwas wie SpaceX brauche. Er verbindet das mit Geldforderungen zur „Anschubfinanzierung“. SpaceX hat nach Aschbacher bisher 12 Mrd. Dollar von der NASA bekommen – das sind 4,3 Mrd. mehr als im September 2019 als Bridistine 7,7 Mrd. Dollar nannte. Mal abgesehen davon das dies ein mehrfaches des ESA-Haushalts ist und wir hier nicht so viel Geld haben, bringt diese Art der Finanzierung für den Staat und die Bürger nichts. Vorher haben auch Firmen Hardware entwickelt, zusammen mit der NASA und jeder konnte daran teilhaben. Es gibt zu den vergangenen Projekten Dutzende von Dokumenten öffentlich einsehbar, Bilder und Filme von jeder Phase, auch vom Innenleben der Raumfahrzeuge und dem Training und das fällt nun alles weg. Ist nun alles Fimengeheimnis, das geht so weit das NASA-Mitarbeiter Flacons nicht mal auf dem Kennedy Space Center (NASA Eigentum) fotografieren dürfen. Stattdessen nutzt die Firma das Geld ein Satellitennetz aufzubauen, das höchst umstritten ist. Der Staat finanziert damit etwas was die Forschung in anderen Gebieten wie der Astronomue beeinträchtigt. Wollen wir das auch in Europa? Meiner Ansicht nach eher nicht.

3 thoughts on “Europas bemannte Raumfahrt und Russlands Raumfahrt

  1. Zur ISS:

    Es ist ja imo. interessant, dass sie inzwischen im Vergleich zur „Pannenstation“ Mir ein richtiger Greis geworden ist, den sich niemand traut endgültig in Rente zu schicken.

    Was private Stationen betrifft: Es ist nicht nur Bigelow. (Persönlich finde ich es ja schade, dass die Transhab Technik bislang noch keinen wirklichen nutzen gefunden hat.) Siehe Axiom, siehe Orbital Reef. Aber auch hier ist imo. abzuwarten wann und ob was kommt, denn versprochen wurde in den letzten Jahren viel.

    Lustiges Detail am Rande:

    Kürzlich kam es zur zwölften erfolgreichen Landung eine Falcon Boosters. Eines der Kommentare war wie „langweilig“ das Ganze inzwischen geworden ist. (bzw. normal = kein Hype mehr.)

    1. Zur ISS:
      Man kann durchaus einen vergleich zu einem irdischen haus ziehe. Das wird in Deutschland auch in der Regel 70 Jahre lang genutzt, in den USa mit anderen baustandards meist nicht so lange. Solange die Hülle der Labore in Ordnung sind und nicht verkeimt, kann man alles andere modernisieren, so bekommt die ISS gerade neue Solarpaneele. Racks im Inneren werden laufend ausgetauscht. Vergleiche mit der Mir die für eine Betriebsdauer von 5 Jahren ausgelegt war finde ich falsch.

      Zu privaten Raumstationen. Die Technik der aufblasbaren Hülle hat Gewichtsvorteile, doch bei Modulen wie auf der ISS bei denen die Inneneinrichtung das meiste wiegt ist der Vorteil zu gering. Braucht man viel Raum als Filmkulisse so sieht das anders aus. Dann gibt es aber auch andere Faktoren wie die Möglichkeit vor dem Start alles durchzuschecken oder vor auszurüsten was bei einem aufblasbaren Modul deutlich schwieriger ist. Vor allem fehlt für private Raumstationen – egal welcher Art – der Business-Case, also ein Konzept das nachgefragt wird.

      1. Wie ich schon sagte:

        Versprochen wurde in den letzten Jahren viel. Bei Orbital Reef kann ich mir allerdings schon einigermassen vorstellen, dass daraus was wird. Wäre halt ein Prestigeprojekt für Bezos mit dem er einem gewissen Jemanden eins reinwürgen könnte.

        Beim Business-Case stimme ich dir hingegen voll zu.

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