Unsinnige Nahrungsergänzungsmittel

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Seit ein paar Wochen bin ich Vine-Produkttester bei Amazon. Das ist einer der Gründe, warum es jetzt etwas weniger Blogs gibt. Denn es ist sehr zeitaufwendig. Jedes Produkt muss rezensiert werden und vor allem ist die Vine-Seite sehr unübersichtlich, man kann dort nicht wie beim normalen Einkauf bei Amazon die Auswahl durch Filter einschränken oder gar etwas suchen. Da ich zudem festgestellt habe, dass Artikel, die ich gerne hätte, schon nach kurzer Zeit weg sind – ich habe mehrmals auf die Produktanfrage geklickt und dann eine Fehlermeldung bekommen – muss man auch mehrmals täglich nachschauen um an die interessanten Sachen zu kommen. Das kostet Zeit.

Kleiner Nebeneffekt: Bei Vine bekommt man Einsicht in Dinge, die ich mir nie gekauft hätte, zur Zeit viel Halloween-Kram, aber vor allem für Frauen gibt es viele für mich als Mann exotische Dinge: trägerlose BHs, Brustnippelkleber, Ganzkörperstrumpfhosen, Wöchnerinnenunterwäsche.

Da ich nun schon vieles von dem, was regelmäßig angeboten wird, ausprobiert habe, bin ich kürzlich auch in die Rubrik Nahrungsergänzungsmittel gegangen und habe auch etwas für mich gefunden: Omega-3-Kapseln, da es vegane Kapseln sind, enthalten sie nur DHA (Docosahexaensäure), aber nicht die zweite wichtige Omega-3-Fettsäure EPA (Eicosapentaensäure). Omega-3 Fettsäuren kommen hauptsächlich in Fisch vor. Da ich keinen Fisch mag, dürfte ich kaum Omega-3 Fettsäuren zu mir nehmen, außerdem wandelt der Mann die relativ weit verbreitete ALA (Alpha-Linolensäure), eine Vorstufe, die in vielen Pflanzenölen vorkommt, nur in geringem Maße in EPA und DHA um. Das heißt, Omega-3-Kapseln wären für mich sinnvoll.

Daneben gibt es weitere mehr oder weniger nützliche Nahrungsergänzungsmittel, teilweise werden an für sich „normale Vitamine“ aufgebauscht. So gibt es z.B. „Liposomales Vitamin C“. Liposomen sind kleine Fettkügelchen, in denen fettlösliche Substanzen eingeschlossen werden, die sonst vom Körper kaum aufgenommen werden. Für Vitamin C als wasserlösliches Vitamin spielt das keine Rolle, dafür kosten 90 Tabletten mit je 335 mg Vitamin C (etwa der dreifache Tagesbedarf) 54 Euro. Die Verpackung täuscht sogar eine noch höhere Dosierung von 1005 mg/Tag vor, die allerdings in drei Tabletten enthalten ist. Verschweigen wird das solche Vitaminmegadosen unsinnig sind. Je mehr Vitamin C die Nahrung enthält desto geringer ist die Resorptionsquote. Der Großteil wird nicht aufgenommen, gelangt in den Dickdarm, wird dort von den Darmbakterien verstoffwechselt und führt dann unter Umständen zu Durchfall.

Vor allem aber gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die Stoffe enthalten, die nicht lebensnotwendig sind. Einige davon wurden anfangs als Vitamine eingestuft, wie man heute noch an den fehlenden Vitaminen F, G, I und J, aber auch an den fehlenden Zahlen bei den B-Vitaminen erkennen kann. Als man erkannte, dass diese Stoffe nicht lebensnotwendig sind, wurde ihnen der Vitaminstatus aberkannt, was die Verkäufer aber nicht daran hindert, die zum Teil seit über 100 Jahren nicht mehr verwendeten Bezeichnungen in der Werbung zu verwenden.

Hier eine kleine, nicht repräsentative Auswahl aus dem aktuellen Weinangebot:

Carnosin ist ein Dipeptid, das aus den Aminosäuren β-Alanin und Histidin aufgebaut ist. Beides sind normale Aminosäuren, es ist also nicht essenziell. Da es als Neuropeptid auftritt, werden ihm entsprechende Wirkungen zugeschrieben. Das ist natürlich Unsinn, dann könnte man genauso gut Tabletten mit Cholesterin verkaufen, das Gehirn besteht zu einem großen Teil aus diesem sonst so verpönten Fettbegleitstoff. Aber man kann ein Dipeptid aus zwei gewöhnlichen Aminosäuren für 39 Euro verkaufen (60 Tabletten mit je 0,15 g Carnitin). Alternative: Quark oder ein Steak essen, das enthält mehr der Aminosäuren, und wenn der Körper Carnitin braucht, stellt er es selbst her.

Natriumpropionat – da musste ich als Lebensmittelchemiker echt staunen. Die Propionsäure ist eine einfache Fettsäure, ein sehr einfaches Molekül großtechnisch billig zu produzieren. Da kosten 30 g schon 25 Euro. Vor allem habe ich mich gefragt, wozu das gut sein soll. Andere Stoffe sind zumindest natürliche Stoffe, die man irgendwo in der Nahrung findet. Natriumpropionat ist das nicht. Alle natürlich vorkommenden Fettsäuren haben längere Ketten und kommen nicht frei vor, sondern gebunden und nicht als Salz. Propionsäure entsteht nur beim Abbau von Milchfett durch Bakterien bei der Käseherstellung. Propionsäure riecht unangenehm stechend, aber nicht so schlimm wie Buttersäure, die nächst höhere Säure. Sie wird zur Konservierung vor allem von Brot verwendet, also dieser komische, stechende Geruch, den verpacktes Toastbrot manchmal hat, kommt von der Propionsäure, das ist wohl der Grund, warum man hier das Nariumsalz verwendet hat. Aber bei normalen Menschen sind keine positiven Wirkungen von Natriumpropionat bekannt. Es gibt Untersuchungen, die sich vor allem auf die Darmschleimhautzellen konzentrieren, für die die Propionsäure, die normalerweise von Bakterien im Darm gebildet wird, eine Energiequelle ist. Diese wurden jedoch an so wenigen Probanden durchgeführt, dass sie nach wissenschaftlichen Kriterien nicht aussagekräftig sind.

Glutahion: Ein weiteres Protein, diesmal in Form von drei Aminosäuren. Glutahion ist eines der bekanntesten Proteine, weil es im Körper vor oxidativem Stress schützt und damit auch als Radikalfänger fungiert, und Radikale können bekanntlich Krebs verursachen und sind mitverantwortlich für die Zellalterung. So gesehen ist Glutathion in den Zellen durchaus wichtig. Das Problem ist nur das gleiche wie bei allen Proteinen: alle längeren Proteine werden durch die Verdauungsenzyme zerlegt, aufgenommen werden einzelne Aminosäuren oder maximal Dipeptide wie das Carnosin. Entsprechend ist die Bioverfügbarkeit gering und ob so aufgenommenes Glutathion dann die Wirkstellen erreicht auch. Was niemand daran hindert, 120 Tabletten mit Vitamin C (erneut Megadosen) für 20 Euro zu verkaufen.

L-Arginin-Alpha-Ketoglutarat: Schon als ich die Amazon Werbung dafür lass schwante mir, das es sich wohl um ein Bodybuilderpräparat handelt. Chemisch besteht es wieder aus zwei Aminosäuren. Erstaunt war ich dann bei der Google Suche. Im Normalfall bekommt man immer die Wikipedia bei den ersten Suchergebnissen. Diesmal nur obskure Bodybuilderseiten oder Händler die die Substanz abgekürzt als AAKG verkaufen. Erst mit dem Zusatz „wiki“ finde ich einen winzigen Beitrag in der englischen Wikipedia: Ich zitiere mal den kompletten „Artikel“: „Arginine alpha-ketoglutarate (AAKG) is a salt of the amino acid arginine and alpha-ketoglutaric acid. It is marketed as a bodybuilding supplement.

Peer-reviewed studies have found no increase in muscle protein synthesis or improvement in muscle strength from use of AAKG as a dietary supplement.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer das man ein Dipeptid auch für 25 Euro pro 500 g kaufen kann, immerhin gemessen an der Menge ein nicht so hoher Preis. Die Wirkung bei Bodybuildern dürfte darin bestehen, das es reines Eiweiß ist, aber es gibt natürliches Eiweißpulver für viel weniger zu kaufen.

Glucosamin: Glucosamin ist ein Glucosemolekül bei dem eine .-OH Gruppe durch eine Aminogruppe ersetzt wurde. Der Körper bildet es aus Glucose und es kommt im Bindegewebe vor. Entsprechend wird es als Nahrungsergänzungsmittel propagiert. Während es bei Arthrose, krankhaftem Gelenkabbau nachgewiesene Wirkungen gibt fehlen diese bei Gesunden. Das ist bei vielen dieser Substanzen so. Wer eine bestimmte Krankheit hat bei der die Bildung eines bestimmten Moleküls gestört ist, der kann unter Umständen davon profitieren es aufzunehmen. Aber nach der Logik müsste man auch Cannabis komplett freigeben, da es bestimmte Krankheiten gibt bei denen es medizinisch sicher belegte positive Wirkungen hat.

Oft findet man übrigens Präparate, bei denen dann mehrere Wirkstoffe gemischt werden. Wie hier gemischt mit Chondroitin, einem Schleimpolysaccharid das in Knorpeln vorkommt, MSM (es wird nicht mal das Molekül ausgeschrieben: MSM ist Methylsulfonylmethan, und wird als Schwefelversorgung propagiert, obwohl die Medizin gar keinen Schwefelmangel kennt), Teufelskralle, angeblich weil es in anderem Kontext entzündungshemmend ist, auch hier fehlt ein wissenschaftlicher Nachweis das es bei Arthrose hilft, Boswellia (Weihrauch), auch hier ohne wissenschaftlichen Wirkungsnachweis und dann noch so alles was die Hersteller meinen, was man noch zusetzen könnte: schwarzer Pfeffer, Vitamin C, Zink, Mangan.

Schon der Cocktail an Substanzen zeigt das es nicht um eine echte Wirkung geht. Hätte die auch nur ein Stoff, so wären die anderen überflüssig. Vielmehr geht es möglichst viele Kunden zu gewinnen, also auch die auf einen anderen Stoff als Chondroitin schwören.

Daneben gibt es natürlich noch viele Extrakte aus „normalen Lebensmitteln“ wie Curcuma (Gelbwurz, Bestandteil von Currypulver). Aber auch abseits von Vitaminen und Mineralstoffpräparaten, über deren Sinn, vor allem bei hohen Dosen, man geteilter Meinung sein kann, habe ich auch wirklich Nützliches gefunden, also so etwas wie die Omega-3-Fettsäuren für Nicht-Fischesser:

Laktase: Ein Teil der Bevölkerung leidet an Laktoseintoleranz. Das war – kleiner Ausflug in die Wissenschaft – bis vor 10.000 Jahren der Normalfall, wie genetische Untersuchungen an alten Knochen und Zähnen ergaben. Erst mit der Viehzucht und dem Verzehr von Milch setzte sich eine Genmutation durch, die es den Betroffenen ermöglichte, den Milchzucker (Laktose) abzubauen, sodass er nicht in den Dickdarm gelangte und dort von Bakterien vergoren wurde, was zu Durchfall führte. Große Mengen Laktose überfordern aber immer noch unser Verdauungssystem, weshalb sie auch als mildes Abführmittel eingesetzt wird.

Menschen, die an einer Laktoseintoleranz leiden, können den Milchzucker mit Hilfe des Enzyms Laktase in seine Monomere Galaktose und Glukose spalten, die dann keine Beschwerden mehr verursachen. Natürlich kann dies auch der Hersteller tun, und so gibt es zahlreiche „laktosefreie“ Milchprodukte und andere, die von Natur aus laktosearm sind, wie z. B. die meisten Käsesorten, denn Bakterien bauen zuerst die am leichtesten „verdaulichen“ Moleküle ab, und dazu gehört auch die Laktose. 180 Tabletten ausreichend jeweils für etwa 250 ml Milch kosten 15 Euro.

Wenn euch der Beitrag gefallen hat, dann kommentiert das, dann gibt es bald eine Fortsetzung, denn ich habe gerade mal eine von vier Seiten mit solchen Präparaten durchgenommen.

3 thoughts on “Unsinnige Nahrungsergänzungsmittel

  1. Moin,

    „Das heißt, Omega-3-Kapseln wären für mich sinnvoll.“

    Sinnvoll liegt immer im Auge des Betrachters. Ein Bier und ein Fischbrötchen sind eine ausgewogene Ernährung, Omega-3-Kapseln sind Lifestyle. Früher gab es ganz profan Lebertran. Den mochte so gar keiner. Und wehren, mit „Kapseln“, konnte man sich auch nicht.

    „Natriumpropionat – da musste ich als Lebensmittelchemiker echt staunen.“

    Die kurzen „Fettsäuren“ sind in der Tiermast ein großes Thema. Auch die Kokos/Palmkern basierten mittelkettigen C8/C10 Fettsäuren werden in großen Mengen und in unterschiedlichen Derivaten genutzt. Letzteres wohl auch aus patentrechtlichen Gründen. Dabei ist es wohl auch egal ob man das Salz oder die Säure zu sich nimmt. Im Magen liegen die Verbindungen eh als Säure vor.

    1. Wer lesen kann, ist meist klar im Vorteil: Ich mag keinen Fisch und ein alkoholisches Getränk würde ich auch nicht als ausgewogene Ernährung bezeichnen.

      Tiermast ist nicht Mensch, da gibt es genug Unterschiede, bei Kühen allein schon durch den völlig anderen Aufbau des Darmtraktes.

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