Skurrile Panzer-Teil 2

Neben überdimensionierten Durchbruchspanzern ließen sich die Konstrukteure auch andere ungewöhnliche Dinge einfallen. Bei den gestern vorgestellten Exemplaren war die Nebenbewaffnung starr angebracht, entweder in Form von MG-Löchern in der Panzerwanne oder koaxial zum Hauptgeschütz. Dadurch wurde der Waffenrichtbereich stark eingeschränkt, sodass der Bestreichungswinkel oft keine 180° betrug. Für die Konstrukteure war somit der naheliegende nächste Schritt, die Sekundärwaffen ebenfalls beweglich in kleineren Türmen anzubringen. Den Beginn machten die Engländer:

Vickers A1E1 Independent Heavy Tank (Großbritannien)

1920 wurde ein Buch eines britischen Militärexperten veröffentlicht, nach dem Panzer in Zukunft ähnlich wie Schlachtschiffe zur See kämpfen würden- mit einer Vielzahl verschiedener Waffen gegen jeden erdenklichen Gegner. Beeinflusst von diesem Buch, entwickelte Vickers (heute British Aerospace) 1925-26 einen Mehrturmpanzer und baute einen Prototyp. Da man in Großbritannien seinerzeit auf leichte- und Kleinpanzer setzte und der Preis zu hoch erschien, ging er nicht in Serienproduktion.

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Quelle: Wikipedia

Das wichtigste Merkmal des Panzers war seine reichhaltige Bewaffnung, die aus einer 47mm Bewaffnung und 4MGs in separaten Türmen. Für die Bedienung von Geschützen und Technik waren 8 Mann nötig. Die Panzerung war mit max. 28mm bescheiden, die Motroleistung von 280kW verlieh dem Fahrzeug eine für die Zeit gute Höchstgeschwindigkeit von etwa 30km/h. Gegenüber den gestern vorgestellten Ungetümen fiel auch die Masse mit 34t recht gering aus.

In England war das Modell kein Erfolg, doch inspirierte es andere Länder. Das Inselreich war zu dieser Zeit im Panzerbau noch führend, und so hatte es für Länder wie die USA, das Deutsche Reich (das zu der Zeit offiziell noch gar nicht an Panzer denken durfte) und die Sowjetunion eine Art Vorbildfunktion. Insbesondere die Russen nahmen die Idee auf und entwickelten eigene Modelle. Als sich die Militärdoktrin etwas gewandelt hatte, besannen sich die Engländer auf ihren alten Prototyp und Vickers baute den Medium III und den Cruiser Tank Mark 1.

Quellen:

Wikipedia

Moderndrawings-Zeichnung

T-28 (Sowjetunion)

Die russische Panzerindustrie war Anfang der 30er Jahre noch nicht in der Lage, eigene Akzente wie später den T-34 zu setzen. Deswegen schaute man sich Konzepte aus anderen Ländern ab, in diesem Fall Großbritannien. 1931 begann man mit der Konstruktion eines mittleren Panzers auf Basis des Medium III und des Independant. Im selben Jahr wurde ein Prototyp fertiggestellt. Zwei Jahre später wurde mit der Serienproduktion begonnen, die 1940 mit der Vollendung des 600. Exemplars endete. Der Panzer wurde mehrfach modifiziert, zuletzt 1940 nach dem Winterkrieg gegen Finnland. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs war er der wichtigste mittlere sowjetische Panzer, zeigte jedoch keine besonderen Leistungen.

T_28
Quelle: Wikipedia

 

Der Panzer verfügte über drei Türme, die eine 76,2mm Kanone und 4 Mgs beherbergten. Für die Zeit sehr gut war die Motorleistung von 368kW, die dem Panzer eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 37km/h verlieh. Der Antrieb war interessanterweise ein lizensierter BMW-12-Zylindermotor. Die Panzerung war anfangs mit max. 30mm schwach, wurde später aber auf bis zu 80mm verstärkt, seinerzeit ein guter Wert. Die Masse blieb mit max.  32t dennoch moderat. Die Besatzung bestand aus 6 Mann.

Quellen:

Wikipedia

Moderndrawings-Zeichnung

T-35 (Sowjetunion)

Der T-35 ist gewissermaßen der große Bruder des T-28. Er wurde 1932 entwickelt. Er teilte sich einige Bauteile wie die Türme (je nach Version) und den Motor (in einer leicht anderen Version) mit dem T28, zählt aber in die Kategorie der schweren Panzer, was seine gesteigerte Masse von rund 45t verdeutlicht. Die Panzerung betrug nur 35 mm, dafür wurde die Bewaffnung gesteigert: Neben einem 76,2mm-Turm gab es nun zwei Türme mit einer 37mm oder 44mm Kanone sowie zwei MG-Türme. Ich habe auf Moderndrawings von 36 gebauten Panzern gelesen, habe diese Zahl aus Einzelstückzahlen zusammenaddiert, somit ist die Anzahl vielleicht nicht vollständig. Im Krieg wurden sie nur vereinzelt und ohne Erfolg eingesetzt.

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Quelle: Wikipedia

Quellen:

Wikipedia

Moderndrawings-Zeichnung

Die Sowjets waren die einzigen, die Mehrturmpanzer in großem Stil bauten und einsetzten. Ihr Konzept bewährte sich nicht. Der gesteigerten Bewaffnung in drehbaren Türmen stand eine dadurch gesteigerte Komplexität gegenüber, was die Panzer teuer und fehleranfällig machte. Das Landschlachtschiff-Konzept (Bekämpfung mehrerer verschiedenartiger Gegner, Kampf ohne größere Unterstützung) bewährte sich nicht, eine Gruppe kleinerer Panzer war weit effektiver als ein großer. Das große Volumen durch die vielen Waffen und Besatzungsmitglieder bedingte einer geringe Panzerung. Dazu kamen Probleme bei der Feuerleitung und Koordination der vielen Waffen, jeder Einzelturm konnte außerdem nur einen begrenzten Bereich bestreichen. Befand sich der Feind nur auf einer Seite, so war ein Teil der Bewaffnung nutzlos. Neben den vorgestellten Entwicklungen gab es auch Projekte für weit größere Multiturmprojekte wie den französischen FCM F1, der aber in die Kategorie der superschweren Panzer gehört und somit eher der Maus ähnelt.

Turmlose Sturmpanzer:

Die nun vorgestellten Panzer stehen im krassen Gegensatz zu den Mehrturmpanzern: Statt in Türmen ist die Bewaffnung in einer festen Kasematte untergebracht, und sie ist auf eine sehr große Kanone mit einigen kleinen MGs zur Nahverteidigung konzentriert. Die Rede ist von schweren Sturmpanzern, die die Alliierten gegen Kriegsende hin entwickelten. Sie ähnelten deutschen und sowjetischen Jagdpanzern ohne Turm, hatten jedoch eine andere Funktion: Statt hauptsächlich Panzer zu bekämpfen (was sie durchaus hätten tun können), sollten sie Frontalangriffe auf feindliche Stellungen durchführen und dabei massivem Abwehrfeuer standhalten.

Tortoise (Großbritannien)

Der Name sagt schon alles: Dieser Panzer ist eine hervorragend geschützte Schildkröte. Die Entwicklung begann 1943, um für die geplante Landung auf dem Festland einen Sturmpanzer zu haben. Außerdem benötigte man ein Fahrzeug, dass es mit Tiger und Panther aufnehmen kann. Nach einigen Versuchen mit modifizierten existierenden Fahrzeugen begann man eine komplette Neuentwicklung. Anfang 1944 stand der Entwurf fest, und nach der erfolgreichen Landung in der Normandie änderte sich die EInsatztdoktrin: Primär sollte die Schildkröte nun schwere deutsche Panzer zerstören, gegen deren Kanonen frontal jedoch immun sein. Der Panzer wurde nicht vor Kriegsende fertig, bis 1947 wurden sechs Prototypen gebaut. Es kam zu keiner Serienfertigung..

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Quelle: WIkipedia

Die Hauptmerkmale des Panzers sind die dicke Panzerung von bis zu 225mm, kombiniert mit einer 94mm Kanone mit sehr langem Lauf, was eine hohe Mündungsgeschwindigkeit mit hohem Panzerungsdurchschlag ermöglicht. Damit konnte die Tortoise alle deutschen Panzer bekämpfen, von Panzerabwehrkanonen aber nur unter günstigen Bedingungen ausgeschaltet werden. Die Motorleistung war mit 478kW nur durchschnittlich, durch die hohe Masse von fast 80t  resultierte eine geringe Geschwindigkeit von 20km/h. Die Geländegängigkeit des Panzers war gut, was an den breiten Ketten lag. Die Besatzung betrug 6Mann.

T28 (USA)

Ebenfalls im Jahre 1943 begannen die Amerikaner mit der Konstruktion eines überschweren Sturmpanzers. Insbesondere sollte mit dem Fahrzeug die deutsche Siegfriedlinie an der Westgrenze des Reichsgebietes durchbrochen werden. Einer Armada tausender Shermans traute man das offentsichtlich nicht zu, genauso wenig wie man aus dem Schicksal der Maginotlinie gelernt hatte (sie fiel wurde von der Wehrmacht einfach umgangen). Die Arbeiten begannen jedoch erst im Frühjahr 1945, sodass nur noch der Einsatz bei der geplanten Landung in Japan erwogen wurde. Es sollten fünf Prototypen mit plus 20 Serienexemplare gebaut werden, doch nach Kriegsende strich man das Projekt. Es wurden nur zwei Prototypen gebaut, von denen einer noch erhalten ist.

T-28-1
Quelle: Wikipedia

 

2 thoughts on “Skurrile Panzer-Teil 2

  1. Fehlerteufel:
    Für die Zeit sehr gut war die Motorleistung von 368kW, die dem Panzer eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 37kW (!) verlieh.
    Sehr interessant, eine Geschwindigkeit von 37 KiloWatt. 😉

    T28 (USA)
    … Insbesondere sollte mit dem Fahrzeug die deutsche Siegfriedlinie an der Westgrenze des Reichsgebietes.

    Ähh, ja was denn?

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