Intel und Stalin

Ja an Stalin wurde ich bei der Recherche für meinen neuesten Artikel erinnert. Nun ist ja Stalin für allerlei Scheußlichkeiten bekannt, doch ich meine etwas besonderes, das war das man unter seiner Zeit gerne die Geschichte zurecht gebügelt hat. Da gab es Photographien bei denen unter Stalin unbeliebte Personen herausretuschiert wurden, Manchmal amateurhaft, so fehlten die Köpfe aber die Füße waren noch zu sehen. Verzichten konnte man auf die Fotos nicht den es waren meistens welche wo auch Lenin drauf war. Stalin selbst sorgte dafür dass seine Rolle während der Oktoberrevolution (die eine eher kleine war) hervorgehoben wurde. So bekam er ein Schauspieler der ihm ähnlich sah eine Rolle in einem Film von Eisenstein wo das Winterpalais gestürmt wurde – in Wirklichkeit war Stalin da nie dabei. Im Zuge der Säuberungen mussten dann auch Personen von Fotos weichen. Ein extremes Beispiel findet sich weiter unten wo drei Personen aus dem Bild „verschwinden“.

Leute aus der Geschichte zu tilgen gab es öfters. Im alten Ägypten hat man die Namenskartuschen aus den Gräbern herausgemeiselt, wonach nach ihrer religiösen Vorstellung auch die Seelen im Jenseits vernichtet wurden. Doch was hat das mit Intel zu tun?

Nun ich verfasste einen Artikel über den 4004, gemeinhin der erste kommerziell verfügbare Mikroprozessor. Da kam ich auch auf die Webseite  http://www.intel4004.com/index.htm. Die Webseite enthält einige wichtige Informationen, es ist aber eines unübersehbar. Sie will Federico Faggins Rolle bei der Entwicklung des Intel 4004 zurechtrücken, die nach Ansicht des Autors (vieles, vor allem persönliche Dokumente spricht dafür das es Faggin selbst ist) von Intel falsch dargestellt wird.

Nun gibt es in der Tat ein Intel Museum und dort wird ganz groß Ted Hoff als der Erfinder des 4004 gefeiert. Nach Protest von Faggin steht dort auch sein Foto mit ein paar Zeilen, aber in der Größe nicht vergleichbar.  Okay, wenn man das nicht besucht, wie es wohl bei den meisten Internetnutzern der Fall ist, entgeht einem das. Intels Anniversary Webseite habe ich auch nur überflogen, weil das meiste in Videos steckt – ich habe lieber Texte die ich mehrmals durchlesen aber auch schnell überfliegen kann und die nicht wie ein Video meine Aufmerksamkeit dauernd erfordern.

Wenn es so ist und daran zweifele ich nicht, dann ist das schon etwas peinlich. Zum einen zeigt man Ted Hoff mit dem 8080 Chip, an dem er überhaupt keinen Anteil hatte und gibt an das wäre der 4004 (leicht daran zu unterscheiden dass der 4004 16 Pins hat und der 8080 hat 40 Pins). Noch dämlicher ist es jemanden totzuschweigen von dem allgemein bekannt ist das er die wichtigste Rolle in den Projekt spielte, vor allem wenn man Die- und Maskenfotos präsentiert und dort findet man die Initialen dessen der die Masken fast alleine gezeichnet hat – FF für Federico Faggin.

Bei Intel soll man wohl beschlossen haben Faggin totzuschweigen nachdem er 1974 die Firma verließ, zusammen mit Shima Zliog gründete. Vor allem weil der dann produzierte Z80 Prozessor den 8080 bald vom Markt verdrängte. Genutzt hat es wenig. Selbst in der Wikipedia steht die Story wahrheitsgemäß drin.

Zeit für alle die es noch nicht wissen: die Story als Kurzfassung hier wiederzugeben. 1969 bekommt Intel von der japanischen Busicomm den Auftrag für einen Tischrechner mit Drucker die Schaltung zu entwerfen. Beauftragt wird damit Ted Hoff. Er löst sich von dem vorgeschlagenen Entwurf der vorsah 16 Ziffern parallel zu addieren und ging über zu einer Architektur in der eine CPU ein Programm ausführt und Ziffer für Ziffer separat bearbeitet. Dieser Entwurf braucht viel weniger Schaltkreise und dabei entsteht der Mikroprozessor. Das wird nach längeren Diskussionen von Busicomm akzeptiert. Doch dann muss Hoff sich um die Abteilung für Speicherbausteine kümmern. Stan Mazor der bisher auch an dem Projekt mitarbeitete, hört nach einem weiteren Monat auch auf und das ganze bleibt liegen für mehr als ein halbes Jahr.

Am 3.4.1970 wird Faggin eingestellt um das Projekt „abzuschließen“ – das ist höflich formuliert eine Untertreibung: was steht ist die Architektur des Systems, der Befehlssatz, die Register im Prinzip alles was man als Softwareentwickler wissen muss (Mazor war nur für die Programmierung zuständig damit der 4004 später auch wie ein Tischrechner funktionierte). Doch wie der Chip aufgebaut ist, also die eigentliche Arbeit, das war noch nicht gemacht. Faggin wurde eingestellt weil er bei Fairchild die Silcongate Technologie entwickelt hatte, die in diesem Prozessor erstmals zum Einsatz kommen soll. Mit der bisher genutzten Technologie mit Metall-Kontrollgatern war der Chip nicht zu realisieren – sie braucht doppelt so viel Platz pro Transistor und die Abwärme ist sogar viermal höher.

Faggin bekommt bald Besuch von Shima, der sich nach dem fortschritt erkundigen will und innerhalb einer Stunde sieht das es seit seinem letzten Besuch im September keinen Fortschritt gibt. Faggin setzt sich dann persönlich dafür ein, das der Zeitplan eingehalten ist. Da seine Frau zu dieser Zeit in Italien ist, arbeitet er bis Mitternacht und zeichnet schließlich sogar die Masken, eine Tätigkeit die sonst angestellte Zeichner übernehmen. Shima wird für ein halbes Jahr an Intel ausgeliehen und assentiert ihm. Als Busicomm in finanzielle Schwierigkeiten kommt, heuert er bei Intel ganz an. Bei intel4004.com findet man noch zahlreiche Details so dass Faggin eine Lösung erarbeitete wie die CPU sauber initialisiert werden konnte, obwohl es keinen Resetpin gab und die dafür nötige Schaltung bei dem bei Intel üblichen Prozess nicht einsetzbar war. Bis Dezember sind alle vier Chips die zum Drucker gehören konstruiert, eine enorme Leistung, bedenkt man dass vorher ein Jahr lang das Projekt nur bis zur Architektur kam. In die Produktion gehen sie nach Erstellung der Masken und vielen Tests im Juli bis Oktober 1971.

Soweit die Intel 4004 Story. Sicher ist Faggin gekränkt. Wäre ich auch. Selbst im Computer History Museum gibt es zwei „Oral History“ Dokumente über den Intel 4004. Ein kurzes nur mit Hoff/Mazor und ein längeres bei dem auch Shima und Faggin dabei sind. Aber ich denke seine Rolle ist allgemein bekannt.

Wenn ich in Faggins Haut wäre würde ich es gelassener sehen. Denn die Geschichte geht ja noch weiter. Faggin entwickelt den 8080 Prozessor, den vierten Prozessor den Intel auf den Markt bringt. Vor ihm kam der 4004, der 8008 der viele krude Designentscheidungen des 4004 ebenfalls inne hat und der 4040 als verbesserter 4004. Alle verkauften sich zwar, aber nicht toll. Die Stückzahlen lagen im Bereich von Hunderttausenden. Faggin konstruiert den 8080 und ist auch dann wieder für viele Details verantwortlich. Der 8080 bringt das Kunststück fertig, kompatibel zum 8008 zu sein, aber vielseitiger einsetzbar und zehn bis zwanzigmal schneller. Mit ihm beginnt die Mikrocomputerrevolution. Innerhalb weniger Monate verkauft Intel mehr 8080 als von allen vorherigen Prozessoren in 4 Jahren zusammen verkauft wurden. Als er befördert wird und von der direkten Konstruktion entfernt verlässt er Intel macht mit Zilog seine eigene Firma auf und bringt nach 15 Monaten einen neuen Prozessor auf den Markt. Der Z80 ist kompatibel zum 8080 aber stark verbessert. Er hat viele neue Befehle, braucht nur eine Versorgungsspannung und unterstützt dynamische RAMs für die man beim 8080 eine eigene Schaltung aufbauen musste. Er steckte in vielen populären Heimcomputern wie der Armstrad/Joyce Serie, den Sinclair ZX81 und Spektrum, dem TRS-80 etc. Mehr als 2 Milliarden Z80 wurden gebaut und er wird heute noch hergestellt.

Wenn ich in Faggins Haut wäre ich stolz auf den 8080 und Z80. Beide Prozessoren sind heute dafür verantwortlich dass der Computer in unser Leben eingezogen ist. Der 8080 steckte im ersten PC, dem Altair. Mit Rechnern auf Basis des Z80 haben viele ihre ersten Computererfahrungen gemacht. Dagegen war die Fertigstellung des 4004 Designs, das nur durch Zufall der erste kommerziell erhältliche Mikroprozessor wurde doch eher belanglos. Was zählt mehr: ein Erfolg oder durch Zufall der erste zu sein, auch wenn keiner das kauft was man entwickelt? Wie Faggin auf der Webseite selbst schreibt, wusste man damals das man mit Silicon-Gate MOS die 2000 Transistoren die man für eine einfache CPU auf einem Chip unterbringen kann. Intel war zufälligerweise die erste Firma. Texas Instruments hatte schon vorher den Mikroprozessor patentieren lassen, hing aber mit der Umwertung hinterher. Später war sie aber viel erfolgreicher im Marketing. Ihr TMS 1000 war über Jahre einer der meist eingesetzten Mikroprozessoren.

Das gilt auch für Intel. Anstatt auf den zufällig als erster herausgebrachten MP stolz zu sein oder auf den 8086 (noch so ein verkorkstes Intel Design) der rein zufällig weil IBM ihn als Prozessor für ihr Model 5150 erkoren hat die heutige Marktmacht von Intel ermöglichte wäre ich stolz auf wirkliche Leistungen. Das war z. B. die Erfindung des EPROMS, das die Softwareproduktion revolutioniert hat oder wie man nach dem extrem energiehungrigen Pentium 4 mit der Core Mikroarchitektur wieder die technologische Führerschaft erlangte. Aber Stalin-Methoden?

One thought on “Intel und Stalin

  1. Wahrscheinlich ist man bei Intel sauer darüber, dass derjenige, der die erfolgreichen Designs entwickelt hat, den Laden verlassen hat, nachdem man ihn anscheinend aus der direkten Entwicklung abgezogen hat.
    Anders herum fällt mir da gerade das „Peter-Prinzip“ ein, wonach ein Mitarbeiter aus seinem eigentlichen Element heraus in höhere Positionen befördert wird, die mit seien eigentlichen Fähigkeiten am Ende nichts mehr zu tun haben, so dass er sachlich nicht mehr besser wird, sondern schlechter. Wahrscheinlich hat Faggin erkannt oder befürchtet, das so ein Prozess im Gange war, wollte dabei aber nicht mitmachen, sondern in seinem Metier bleiben.

    Und dann ist da noch die Frage, wie Faggin als Mensch sonst noch so drauf ist? Schon möglich, dass die Sache mit dem 4004 im grossen betrachtet zwar nicht ganz so wichtig ist. Aber wenn er Wert darauf legt, dass alles (also auch jegliche Dinge, die sich im Nachhinein als Fussnoten oder Kleinigkeiten heraus gestellt haben) auch so beschrieben werden, wie es sich zugetragen hat, dann ist das Verhalten nachvollziebar. Schliesslich prägt es auch, wenn man sich für ein Projekt den Ar*** aufreisst, damit es rechtzeitig fertig wird, auch wenn es nicht so erfolgreich wird, wie erhofft. Am Ende wäre dann noch die Frage, wieviele der Entwicklungen, die den 8080 schliesslich ermöglicheten, auf Faggins Arbeiten zurück gehen und wie das bei Intel gewürdigt wird? – Und da scheint ja einiges im Argen zu liegen, wie dieser Beitrag beschreibt. Und damit wären wir dann auch wieder bei der Frage, wie Faggin sonst so drauf ist und damit umgeht?

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