Die Sonntagsradler

Es ist Frühling, die Sonne scheint und es wird wieder warm. Die Natur erwacht und das sieht man auch beim Menschen, denn nun sind vermehrt die Sonntagsradler unterwegs. Sonntagsradler nenne ich so, weil sie vermehrt am Wochenende ausschwärmen, oft in kleinen Gruppen.

Neben der Häufung zum Wochenende hin gibt es einige Gemeinsamkeiten. Zum einen sind sie voll ausgerüstet: Zum Fahrradfahren reicht ja ein Fahrrad. Wer auf Nummer sicher gehen will, trägt noch einen Fahrradhelm. Aber die Sonntagsradler haben das volle Programm: Fahrradhandschuhe mit freien Fingerspitzen (Handschuhe trage ich nur im Winter und da werden gerade die Fingerspitzen am schnellsten kalt), Fahrradshirt und Fahrradhose. Die Fahrradjacke fehlt meistens, weil man die ja nur bei Regen braucht. Dafür die obligate Fahrradflasche, damit man nicht dehydriert. Besonders wichtig ist auch das Fahrrad. Es ist, sofern man das vom Hingucken beurteilen kann, hochpreisig und meist ein All Terrain Bike (ATB), der Nachfolger des Mountainbikes.

Der Sonntagsradler

Ich habe mich schon mit anderen darüber unterhalten und viele geben mir recht. Ab einem bestimmten Alter wird das Fahrrad zum Statussymbol. Da kommt es auf jedes Kilo Gewicht an. (Beim Fahrrad, nicht beim Fahrer) Mein Credo ist ein anderes: ich kaufe in der Klasse, die ich gerne fahre, das sind Cityfahrräder, meist ein günstiges Modell. Es macht wenig Sinn Gewicht zu sparen, wenn ich das Fahrrad nutze, um einzukaufen und zum Schwimmen zu fahren und dann immer einige Kilo Gepäck an Bord sind. Dafür kann man, wenn das Fahrrad verschleißt, sich schneller ein neues kaufen.

Die ATB halte ich für das Modefahrrad von heute. Wenn ich in den Bikeshop komme, ist der voll mit den Dingern. Subjektiv würde ich sagen 2/3 der Verkaufsfläche ist nur mit den ATB zugepflastert. Es gibt ja so Wellen. Früher waren mal BMX-Fahrräder in Mode, dann kamen die Mountainbikes, dazwischen mal wieder die Rennfahrradwelle und nun wieder ATB. Klar, jedes Fahrrad hat seinen Einsatzzweck. Mit BMX macht man Kunststücke, ATB und Mountainbikes sind was fürs Gelände. Rennfahrräder, um auf Straßen schnell fortzukommen. Rennfahrräder würde ich für das was sie Sonntagsfahrer machen, nämlich Fahrradtouren als am geeignetsten halten – zumindest von den aufgezählten Typen.

Da aber nicht nur der Zustand der Straßen, sondern auch der Radwege immer schlechter wird, und man mit einem Rennfahrrad jede Unebenheit des Bodens spürt, sind sie heute wohl nicht in. Das ATB ist für Sonntagsfahrer besonders gut geeignet, denn es ist ein Schönwetterfahrrad. Ohne Kettenschutz und Schutzbleche wird man, sobald der Boden feucht ist eingesaut von dem aufgenommen Dreck. Hier besonders, weil alle Wege neben landwirtschaftlichen Flächen liegen und die Maschinen der Bauern immer Boden auf die Wege mitschleifen. Ein Bauer in Kemnat scheint es nicht mal nötig zu haben, den auch wieder zu beseitigen.

Ich glaube keiner kommt hier auf die Idee durch den Wald zu brettern, den eigentlichen Sinn eines ATB. Ich kenne auch keine dafür ausgewiesenen Pisten bei uns. Für den Einsatzzweck Radtour wäre ein normales Fahrrad mit je nach Gelände 7 oder 20 Gangschaltung (Nabe/Kette) vollkommen ausreichend aber darum geht es nicht. Das ist wie bei den Autos, wo die Leute sich ein SUV oder Geländewagen kaufen, damit aber nur auf den Straßen fahren. Dazu passt auch das die Leute die mit den Rädern unterwegs sind meist auch in einem höheren Alter sind.

Radfahrer – Das Stiefkind der Verkehrspolitik

Beides ist ein Trend der in die gleiche Richtung geht: Es geht nicht mehr um elementare Bedürfnisse, sondern Luxus oder Status. So ist leider auch der steigende Trend von immer mehr verkauften Fahrrädern keine Trendwende, weg vom Auto, sondern nur ein weiteres Statussymbol. Das ist schade, denn mehr Leute auf dem Rad würden dann vielleicht auch was bei der Politik bewegen, denn Radfahrer sind noch immer das Stiefkind in der Verkehrspolitik. Es gibt zu wenige eigene Wege für Radfahrer. Bei uns gibt es in sechs Stadtteilen und 23 km² Fläche keinen einzigen exklusiven Fahrradweg. Es gibt nur Streifen an den Hauptstraßen die Autos nicht überfahren sollten (meiner Erfahrung nach halten sich die Hälfte der Autofahrer nicht dran) und eben mit Fußgängern gemeinsam genutzte Wege.

Das Letztere funktioniert fast noch schlechter als die gemeinsame Nutzung von Straßen mit Autos. Autos sind zwar gefährlicher (zumindest für den Fahrradfahrer, wenn es zu einer Kollision kommt), aber die halten sich meist an die Straßenverkehrsverordnung. Fußgänger machen das selten. Sie laufen auf der falschen Seite, weil sie lieber auf der von der Straße abgewandten Seite laufen, oder in der Mitte, nebeneinander und blockieren den ganzen Weg oder sie stehen mitten auf dem Weg und tratschen. Kurzum ein Fußgänger vergisst die Welt um sich herum.

So sehe ich auch trotz Elektrotrend im Winter nicht mehr Fahrräder auf der Straße. Nachdem ich in einer Sendung gehört habe, dass man den Akku nicht bei Temperaturen unter 0 Grad betrieben soll, ist das für mich auch kein Wunder. Das ist dann nur ein weiteres Schönwetterfahrrad, nur erheblich teurer als ein normales. Meiner Ansicht nach muss die Politik die Weichen stellen. Nur sehe ich da, solange die CSU das entsprechende Ministerium besetzt, keine Chance denn dort hat die Automobilindustrie freie Hand. Auch im Kleinen wird nichts getan. In unserer Stadt baut selbige nun auf einem ehemaligen Schulgelände Wohnungen. Und weil sie die Stadt ist, setzt sie ihre eigenen Verordnungen außer Kraft: Sie müssen nur halb so viele Stellplätze ausweisen wie jeder andere Häuslebauer.

Dabei reichen die ja nicht aus. Es ist einer pro Wohnung. Bei zwei Erwachsenen kann man aber mit zwei Fahrzeugen pro Wohnung rechnen. In einem anderen Neubaugebiet ist noch nicht alles bebaut, aber die Straße stellenweise schon beidseitig zugeparkt. Als kürzlich endlich eine Lösung für die Kronenstraße gesucht wurde, die besonders eng und zugeparkt ist, hat man die naheliegendste Lösung, nämlich sie zur Einbahnstraße auszuweisen, nicht genommen. Einbahnstraße ist sie nun nur noch im oberen, eigentlich unkritischeren Teil. Ab der Mitte endet das. Einfacher Grund: Unten sind Geschäfte. 50 m weiter gäbe es durch einen Straßenumbau ein unbebautes Grundstück der Stadt. Da könnte man Parkplätze ausweisen und das Problem wäre gelöst, aber dann könnte man es ja nicht verkaufen. Kurzum: Die Situation wird nicht besser, sondern schlimmer.

Immerhin: Etwas Gutes haben die Sonntagsradler, denn auch die wollen ordentliche Fahrradwege. Je mehr es davon gibt um so größer wird der Druck auf die Politik. Ansonsten neigen die Sonntagsradler zu den gleichen Fehlern wie die Fußgänger. Sie fahren meist nebeneinander und blockieren so den Weg. Sonntagsradler wollen sich ja unterfalten. Die Radfahrer sind daher meist auch ziemlich langsam unterwegs, weil das Unterhalten wichtig ist, sodass man sie kaum überholen kann. Kurzum: Ausrüstung und Verhalten stehen in diametralem Gegensatz. Für die meisten Sonntsagsradler würde ein altes Dreigangrad vollkommen ausreichen.

5 thoughts on “Die Sonntagsradler

  1. Keinen Plan ob die ausgewiesen sind, zumindest gibt es Radler, die durch den Wald brettern: http://overpass-turbo.eu/s/o4b (rot).

    Der sogenannte Schutzstreifen „sollte nicht überfahren werden“ ist zwar inhaltlich dehnbar irgendwie richtig, in der STVO aber anders definiert:
    „… dürfen andere Fahrzeuge die Markierung bei Bedarf überfahren
    eine Gefährdung von Radfahrern ist dabei auszuschließen“

  2. Ich gehe derzeit täglich eine Stunde durch den Wald spazieren, Jenseits der Wege ist mir noch kein Fahrradfahrer begegnet. Sicher gibt es auch Querfeldeinfahrer, aber die meisten die ein ATB haben sind normale Straßenfahrer, sonst wäre der Wald voll mit den Leuten.

    Zu den Fahrradstreifen: Ich meine Autofahrer, die obwohl sie genug Platz haben, sobald sie mich als Fahrradfahrer überholt haben wieder nach rechts drehen und dann über den Fahrradstreifen fahren. Das machen etwa die Hälfte. Die andere Hälfte weicht nur auf den Streifen aus, wenn es notwendig ist, z.B. auf der Gegenfahrbahn ein Bus entgegenkommt.

  3. Ein Radweg muss nicht immer ein neuer Aspaltstreifen 3m neben der Straße sein.
    Diese normalen Radwege sind sehr teuer und Rennradfahrer nutzen trotzdem nur die Straße.

    Mit Crossbikes,MTB oder ATB kann man problemlos auf den besseren Wald u. Feldwegen fahren.
    In meinem Kreis ist man hin gegangen und hat ein Netz von Feld u Waldwegen als Radwanderwege beschildert und neu geschottert. Mit dem Geld mit dem man 50km Wald- u Feldwege aufmöbelt kann mann 1km Aspaltradweg bauen.

  4. Was genau ist denn ein All Terrain Bike? Die Bildersuche bei google zeigte nur MTBs mit Schutzblech und Gepäckträger. Sowas in 28 Zoll wäre ein stink normales Trekking Bike.
    Das Gesamtgewicht vom Fahrrad merkt man hauptsächlich bergauf. Wobei dann eher bei einem Gewichtsunterschied von mehr als 2 kg.
    Was viel aus macht, vor allem in der Stadt bei vielen anfahren an Ampeln, sind die Laufräder. Bei der bewegten Masse merkt man dann schon 50-100g.
    Die Sitzposition macht viel bzgl. effizienten Pedalierens aus.
    Ich glaube, selbst ein ungeübter Gelegenheits fahrer merkt den Unterschied zwischen einem günstigen 18 kg Muttirad (mit tiefen Einstieg und aufrechter Sitzposition) 800 Euro.
    In wie fern das jetzt bei Sonntagsfahrern mit Strecken < 15 km relevant ist sei mal dahin gestellt.

  5. Mmh, ein Teil meines Kommentares wurde verstümmelt.

    Ich glaube, selbst ein ungeübter Gelegenheits fahrer merkt den Unterschied zwischen einem günstigen 18 kg Muttirad, mit tiefen Einstieg und aufrechter Sitzposition, 800 Euro.
    In wie fern das jetzt bei Sonntagsfahrern mit Strecken < 15 km relevant ist sei mal dahin gestellt.

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