Die schlechtesten Computer aller Zeiten: Der MSX Standard

Nachdem es wieder zwei Kommentare zu meinem Artikel über C64 in dieser Reihe gab, möchte ich sie mal wieder aufgriffen, mit einer Serie, an die sich heute kaum noch jemand erinnert, was schon dafür spricht, das sie nicht so erfolgreich war, anders als der C64. Die Kommentare haben mich an die Zeit erinnert, als ich einen Heimcomputer hatte und stundenlang mit anderen diskutieren konnte, warum meiner besser war als ihrer. Als MSX rauskam, hatte sich das schon gelegt und ich war schlauer. Es ging nicht um das, was eine Maschine kann, sondern das, was ich persönlich von ihr will. Und wenn jemand nur Module mit ROMs in einen Schacht schiebt, dann hat der andere Ansprüche als jemand der Texte verfassen will, oder jemand der komfortabel in BASIC programmieren will.

Was die damalige Szene auszeichnet, war ihre Vielfältigkeit. Es gab natürlich einige Marken die verkauften sich gut. Zu den Verkaufsbestsellern gehörten sich die Sinclair Serie (ZX81, ZX Spectrum), die 8-Bit-Rechner von Commodore (VC-20, C-64, C-128) und die Armstrads (CPC 464, 664 und 6128). Doch dann gab es etliche auch bekannte Marken wie das Color Genie, den Dragon, die Atari 400 und 600. Andere waren woanders erfolgreich nur nicht bei uns, so die Acorn BBC und Electron und der Oric. Dazu gab es dann etliche Geräte, die in Asien und den USA auf den Markt kamen und es nie so richtig zu schafften, bei uns zu auf den Markt zu kommen.

Der Grund liegt auch darin, dass wenn man sich reinkniete, dass Geräte wirklich verstehen konnte, und der Grund, warum Stephen Wozniak fast alleine den Apple II konstruierte und den BASIC-Interpreter schrieb. Das war allerdings schon außergewöhnlich, denn schon damals waren Hardwareentwicklung und Softwareentwicklung getrennt.

Man konnte, wenn man sich für einen Prozessor entschied, leicht selbst die Architektur festlegen. Es gab für alles Standardbausteine. Von Zusatzchips wie I/O-Bausteine, Videoprozessor und Soundchips bis hin zu den vielen Kleinbausteinen, die man brauchte, um Adresssignale zu trennen, damit nicht alle Chips sich angesprochen fühlten. Letzte wurden aber immer öfters durch einen einzigen Custom-Chip ersetzt, das sparte in der Großserie Kosten. Kurzum: Die Konstruktion eines Heimcomputers stellte eine Firma, die schon mit Elektronik Erfahrung hatte, nicht vor große Probleme. Die nötige Software konnte man sogar einkaufen – das Microsoft BASIC lief gerade aus diesem Grund bei so vielen Rechnern.

So erschienen etliche Rechner. Alleine die deutschsprachige Wikipedia-Liste ist lang. In der Praxis engt sie sich ein. Denn die meisten Rechner gab es in Deutschland nur über wenige Distributoren. Wer in ein Kaufhaus ging oder einen der wenigen Computerfachgeschäfte, der fand dort nur wenige Geräte, typisch drei bis vier und das waren eben die am häufigsten verkauften.

Dieses Henne-Ei Problem hatten auch zahlreiche japanische Hersteller, die bisher kaum auf den US-Markt und europäischen Markt kamen. Sie arbeiteten, was in Japan bei Unternehmen nicht so selten ist wie bei uns, zusammen. Sie wollten einen gemeinsamen Standard schaffen, der für viele Computer galt. Das geht nur, wenn man die Hardware festlegt. Das waren im Falle von MSX:

  • CPU Z80A mit 3,58 MHz
  • RAM: anfangs 16 oder 32 KByte
  • Grafikprozessor: TMS 9918, später TMS 9928A
  • Soundchip: AY-8910, später AY-8920.
  • BASIC: Erweitertes BASIC von Microsoft

Grafikprozessor und Soundchip waren für Spiele wichtig. Zusammen mit der CPU legten sie die Fähigkeiten der Maschine fest. Damit konnte man Spiele programmieren die auf allen Rechnern liefen. Das gemeinsame BASIC war für alle wichtig die programmierten. Damals waren Computerzeitschriften voll von Listing von Programmen. Doch jedes Programm lief nur auf einem Rechnertyp. Der Standard wurde daher auch nach dem BASIC „Microsoft Extended Basic“ MSX genannt.

Wie konnten sich dann Hersteller profilieren?

Da der Standard zwar die Hardware festlegt, konnte der Hersteller noch sein Produkt dahin gehend designen, was offen war. Offen war, wie viel RAM die Rechner hatten, welche Anschlüsse außer Expansionport, Modulport und Joystickanschluss) nach außen (es gab Geräte mit oder ohne Druckerport) und die Tastatur und deren Layout. Manche Geräte hatten auch einen integrierten Joystick.

An und für sich hätte MSX erfolgreich sein können. Zumal die Rechner von Firmen kamen, die sonst Unterhaltungselektronik herstellten. In Europa z. B. von Phillips, aber auch andere bekannte Marken wie Sony oder Panasonic. Viele Leute kauften damals ihren ersten Computer, meistens nicht selbst, sondern die Kinder wollten einen. Und die Bereitschaft etwas von einer Firma zu kaufen die man schon kennt, ist größer als die von einer Firma, die man noch nicht kennt weil sie eben nur Computer produziert.

MSX wurde aber nur in Japan erfolgreich, wo von der ersten Serie etwa 4 Millionen Geräte verkauft wurden. Es gab später noch Nachfolgestandards, der letzte folgte 1990, sodass es weltweit über alle Hersteller etwa 9 Millionen Geräte sind. Gerade in Europa und Amerika wurden die Geräte aber ein Flop. Auch die Stückzahl muss man in Relation sehen. Auf ähnliche Stückzahlen oder höhere kamen Apple II, C-64, Sinclair Spectrum und die Armstrads. Nur verteilten die sich nicht über drei Standards und zwei Dutzend Hersteller.

Es gab primär zwei Gründe für den Fehlerfolg.

Der MSX-1 Standard erschien 1983, die ersten Geräte kamen 1984 auf den Markt, in Europa aber nicht vor Jahresende. Es folgte dann der MSX-II Standard, der mehr RAM, bessere Grafikfähigkeiten bot. Doch warum wurde es dann nicht der Erfolg? Zum einen hatte man bei MSX I den Standard zu wenig weit gezogen. Die Belegung der Ports war zwar standardisiert, nicht jedoch, wie die Stecker nach außen geführt wurden. So definierte jeder Hersteller seinen Stecker. Mit dem natürlichen Hintergedanken, dass man so nur die eigene Peripherie anschließen konnte. Bei fast jedem Rechner dieser Generation kam früher oder später ein Floppylaufwerk dazu. Das war in der Regel teurer als der Computer selbst. So machte man da Kasse und konnte beim Preis des Computers runtergehen. Ebenso waren die Disclaufwerke nicht standardisiert es gab die Formate 3 Zoll, 3,5 Zoll und 5,25 Zoll. Das Format jeder Diskette und DOS waren dann wieder festgelegt.

Das war schon ein Problem: Die Geräte waren auf Programmierschnittstelle kompatibel, nicht aber für den Käufer so wichtigen Zubehörseite. Wer nur spielen wollte und das mit Modulen tat, für den war das egal. Der kaufte das für ihn billigste Gerät. Die meisten Käufer von Heimcomputer nutzten ihn als Spielkonsole, das war damals von der Hardware und langfristig auch den Kosten besser, als eine Spielkonsole zu kaufen. Der BASIC-Interpreter war nur nötig um das Speil zu starten und die wenigsten programmierten mit dem Gerät.

Was allerdings sich als Nachteil entpuppte, war die Konzeption mit nur 32 KByte RAM. Bis diese umgesetzt war, verging Zeit und nochmals ein Jahr, bis die Geräte nach Europa kamen. Ende 1984 waren aber 32 KByte RAM schon obsolet. Der C-64 und CPC-464 hatten 64 KByte RAM. Man rüstete nach, konnte aber den Standard nicht verändern. Einigermaßen intelligent macht das noch Phillips beim VG8010. Das hatte 48 KByte RAM. Da der Videoprozessor das RAM selbst verwalten konnte, vergrößerte dies den verfügbaren Hauptspeicher auf 28.815 Bytes. Viele andere Firmen gingen gleich auf 64 KByte, doch weil das BASIC die oberen 32 KByte des Adressbereichs belegte, hatten, auch diese nur 28.815 Bytes frei. Kein Byte mehr als mit 16 KByte weniger Speicher. Gut keiner der damaligen 64 KByte Rechner hatte 64 KByte für BASIC frei, weil ROM / und /oder Grafikspeicher Platz belegten. Aber zwischen 38.900 und 43.900 Bytes waren bei den Konkurrenten C64 und CPC 464 Standard. Da waren 28.800 Bytes einfach zu wenig, ein Viertel bis Drittel weniger verfügbarer Speicher, was für größere Programme schon einen Unterschied macht.

Zudem waren die Geräte teuer. Der erwähnte Phillips 8010 kostete Anfang 1985 799.- DM, ein Yasica YC-64 kostete 899.- DM. Für den Preis bekam man einen CPC 464 mit Grünmonitor und integriertem Kassettenrekorder. Ein C64 kostete unter 700 DM und ein Sinclair Spectrum, allerdings mit Radiergummitastatur 498 DM. Die Geräte waren also zu teuer, mindestens um 100 bis 200 DM.

Als dann der Bachfolgestandard MSX-2 rauskam mit einer wirklich tollen Grafik und einer sinnvollen Speicherweiterung (von den meist 256 KByte Speicher hatte alleine das Videoram 128 KByte) war es schon zu spät. Inzwischen gab es auch die ersten 16 Bit Computer wie den AtarI ST und Sinclair QL und der Amiga war angekündigt. Bei den 8 Bit Rechnern hatten Armstrad und Commodore den Markt aufgeteilt. Commodore lockte mit günstigem Preis und hatte als Zielgruppe die Spieler und die Armstrads die Leute, die den Rechner professionell nutzen wollten. Das war dank Monitor und 80 Zeichen sowie schnellen Floppy problemlos möglich. Die MSX-2 Geräte wären zum Spielen noch besser gewesen, doch da gab es wieder das Henne-Ei Problem. Sie waren zu selten. Viele Jugendliche tauschten Spiele auf dem Schulhof und da gab es dann eben niemanden der das Gerät hatte und Eltern kauften ihren Sprösslingen meist auch den billigsten Konsolenersatz.

MSX hat einiges falsch gemacht. Man ging die Sache zu spät an, mit zu wenig RAM am Anfang. Die Geräte waren zumindest bei uns zu teuer und man hätte auch alle Anschlüsse standardisieren müssen. So blieben sie auf Japan beschränkt, vielleicht auch, weil Japaner gerne japanische Geräte kaufen. Denn umgekehrt kamen europäische oder US-Marken auch nur schwer auf den japanischen Markt. Sie sind damit etwas untypisch. Denn Japan hatte in anderen Branchen wie der Fotoindustrie mit demselben Konzept durchaus Erfolg.

Kleiner Splitter am Rande. Ich habe für den Artikel zur Recherche eine alte ct, die cT 2/1984 durchgelesen und da kommt nach dem Bericht über MSX noch ein Bericht über einen Supermikro von damals einen Cromenco QX-100 mit 10 MHz MC 68000 CPU und einem Komplettpreis von 35.000 DM. Betriebssystem war UNIX. Ein Auszug aus dem Testbericht: „Ein Beispiel von vielen: Dem UNIX-System werden drei einander ähnliche Editoren mitgeliefert. Keines dieser Programme erreicht auch nur an nähernd den Komfort und die Leistungsfähigkeit eines WordStars oder WORD. Selbst ein C64-Benutzer würde da die Nase rümpfen.“

Na das wird die C64 Fans doch in Freude versetzen. Ist ihr Computer doch in einem Punkt besser als ein 35.000 DM teurer Supermikro. Wenn ich an meinen Raspberry PI denke und Anleitungen im Internet, wo ich VI nutzen soll, mus ich dagegen hat sich seitdem auch zumindest bei dem Editor nicht viel gerändert, weshalb ich auf dem Raspberry auch meistens den nano nehme …

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