Tendenziöse Berichterstattung

Ich bekomme ab und an immer wieder Anfragen von Produktionsfirmen und Journalisten. Da bekam ich vor einigen Tagen diese Anfrage:

„Sehr geehrter Herr Leitenberger,

mein Name ist XXXXX YYYYY und ich arbeite für die freie TV-Produktionsgesellschaft Story House Productions.

Derzeit produzieren wir die ersten Pilotfolgen des neuen wöchentlichen Wissensmagazins Terra Xpress, ein Ableger der erfolgreichen Doku-Reihe Terra X.

Seit 05. Juni 2011 präsentiert der Wissenschaftsjournalist und Abenteurer Dirk Steffens jeden Sonntag um 18.30 Uhr spannende Geschichten und Experimente zu alltagsrelevanten Wissensthemen.Grundidee der Sendung ist das Wissenserlebnis für die ganze Familie. Die Etablierung dieses neuen Formats ist einer der wichtigsten ZDF Neustarts im 2. Quartal 2011.

In einer Folge soll sich alles um das Thema Supermarkt drehen. In diesem Zusammenhang planen wir einen Dreh, der sich mit dem Unterthema Etikettenschwindel beschäftigt.

Wir recherchieren zu diesem Thema eng in Zusammenarbeit mit Foodwatch e.V. und ein erstes Umsetzungsbeispiel für den angesprochenen Etikettenschwindel wäre ein Glutamatnachweis.

Wie ich erfahren habe, findet man auf vielen Tütensuppen den Hinweis ohne Geschmacksverstärker. Zu den Inhaltsstoffen zählt jedoch Hefeextrakt, der als Geschmacksverstärker gilt.

Unser Wunsch wäre also, u.a. solch einen Nachweis (evtl.. in einem Lebensmittellabor) mit unseren Kameras zu begleiten.

Ein anderes, wie wir finden, sehr packendes Beispiel ist der Fruchtjoghurt, der angeblich Holzreste beinhaltet. Ich frage mich, ob es für diese Inhaltsstoffe einen chemischen Nachweis gibt.

Nun bin ich auf der Suche nach einem Experten, der interessiert daran wäre, vor der Kamera durch den Beitrag zu führen und diesen mit seinem Know-How zu unterfüttern.

Über eine kurzfristige Rückmeldung würde ich mich besonders freuen, da wir relativ kurzfristig unseren Dreh planen müssen.

Hier noch einige Hintergrundinformationen zu unserer Firma:

Die freie TV-Produktionsfirma Story House Productions ist spezialisiert auf die Herstellung von Blue-Chip Dokumentationen.

Zu unseren Kunden zählen unter anderem der Bayerische Rundfunk, Norddeutsche Rundfunk, Südwestrundfunk, Sat.1, ProSieben und das ZDF in Deutschland sowie die BBC, Discovery Channel und National Geographic TV im Ausland. Zu unseren regelmäßigen Produktionen zählen Galileo am Sonntag, Galileo X.perience und Einzelstücke für die Dokumentations-Reihe Terra X sowie ab Juni 2011 Terra Xpress.

Besten Dank vorab und freundliche Grüße,“

Ich habe abgelehnt. Es gibt dafür einen allgemeinen Grund: ich lege keinen Wert darauf vor der Kamera zu stehen und es gibt einen speziellen Grund: Das ist Foodwatch e.V. und wie sich andeutet, auch dieser Beitrag aufgebaut werden soll. Ich kenne Foodwatch e.V. nur von Thilo Bode der öfters im Fernsehen auftritt und der mir durch seine tendenziöse und uninformierte, aber reißerische Art aufgefallen ist. Das drückt sich auch in den Fragen hier aus.

Ich erwarte von einer Produktionsfirma, die einen Beitrag macht, dass sie über das was sie berichtet informiert ist, und an den Fragen erkenne ich das sie es nicht ist. Es sind ja nicht gerade zwei seltene Dinge sondern zwei „Uralt“-Bekannte die schon zigmal in anderen Sendungen kamen. Also das Hefestrakt ein natürlicher Geschmacksverstärker ist und es Fruchtaromen gibt, die man nicht aus Lebensmitteln, sondern Holz gewinnt. Wenn sie schon mit Foodwatch zusammenarbeiten und die das auch nicht wissen, lässt das auch tief blicken. Insbesondere fiel mir ja Thilo Bode durch völlige Unkenntnis des Lebensmittelrechts auf. Er unterstellte einem Wursthersteller in einer Fernsehsendung Betrug, weil das Schweinefleisch für den Schwarzwälder Schinken aus Norddeutschland stammte und nur der Schinken im Schwarzwald hergestellt wurde.

Das ist das was ich an vielen Verbrauchersendungen kritisiere. Natürlich gibt es im Lebensmittelrecht viele Schlupflöcher und vieles ist so formuliert, das Verbraucher es nicht verstehen. So, dass als Aromastoffe auch Substanzen zugelassen sind, die nicht aus Lebensmittel stammen, sondern aus anderen Rohstoffen oder synthetisiert sind. Das liegt daran, dass im Lebensmittel ja ein Reinstoff zugesetzt wird. Da ist es egal, woher er kommt, denn er enthält ja nichts mehr vom Holz oder Erdöl. Genauso schwierig würde es werden die Herkunft festzustellen. Bei einer Analyse sehe ich zumindest bei der Gewinnung aus anderen Naturstoffen wenig Chancen dies zu entdecken. Bei synthetisierten Stoffen ging es noch mit einer Isotopenanalyse die jedoch sehr aufwendig ist. Bei den Geschmacksverstärkern ist es eine formalrechtliche Sache. Geschmacksverstärker ist der Name einer Klasse von Zusatzstoffen. Es gibt für diese Zulassungsbeschränkungen und sie sind chemisch genau spezifiziert wie eben die Glutaminsäure. Nun gibt es natürliche Lebensmittelinhaltsstoffe die auch geschmacksverstärkend sind oder eben Gemische wie Hefeextrakt, welcher nicht nur Glutaminsäure, sondern auch andere geschmacksverstärkende Stoffe enthält. Das gleiche Problem gibt es auch bei den Farbstoffen, wo gerne gefärbt mit farbintensiven Lebensmitteln wie z.B. Rote Beetesaft. Für jeden Zusatzstoffklasse finden sie ein Lebensmittel das auch natürlich einen Bestandteil enthält, der so wirkt. Eier und Sojabohnen enthalten Emulgatoren. Hefe ist ein natürliches Backtriebmittel. Vogelbeeren und Heidelbeeren enthalten Konservierungsstoffe. Wo fängt man an den Zusatz von Lebensmitteln mit denselben technologischen Eigenschaften zu verbieten?

Das leitet mich zu dem was mir nicht gefällt. Mir gefällt nicht, dass gefärbt wird, vor allem ist das bei Brot inzwischen eine richtige Krankheit. Ich will auch keine geschmacksverstärkenden Substanzen drin. (Die Werbung muss übrigens dann zumindest so sein, dass der Wortlaut in etwa „ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker“ ist, sonst gäbe es ein Verfahren wegen Verstoß gegen 11 LMBG). Aber es ist eben erlaubt. Das bedeutet, dass man meiner Ansicht nach nicht einzelne Firmen oder Produkte anprangern sollte, sondern die Gesetzeslücke an sich. Denn schließlich das wissen wir, können unsere Gesetzgeber wenn was richtig in den Medien aufkommt sie reflexartig sofort reagieren. Das kann sogar zum Atomausstieg führen. Ansonsten schlafen sie gerne. So sehe ich z.B. gute Chancen bei Produkten in denen keine Farbstoffe vorkommen dürfen das Gesetz so zu verändern, dass dies auch auf färbende Lebensmittel erweitert wird. Problematisch wird es, wenn für Lebensmittel Zusatzstoffe zugelassen wird aber deklarationspflichtig wird. Wie soll man das regeln?

Das erinnert mich an ein Beispiel, das ich auch kürzlich sah, ich glaube bei „Kontraste“ oder „Monitor“. Es ging um einen Missstand im Steuerrecht. Wenn eine Firma ihren Angestellten Luxusautos als Dienstwagen zur Verfügung stellt und alle Kosten übernimmt, einschließlich Benzin auch für Privatfahren, dann ist das steuerlich sehr lukrativ. Die Firma kann alle Kosten voll steuerlich absetzen, der Angestellte der das anstatt einer Geldzuwendung bekommt, muss aber nur eine sehr niedrige Pauschale versteuern. Er spart eine Menge Geld, zumal ihn ja auch der Unterhalt nichts kostet. Ich denke es gibt im Steuerrecht viel mehr Missstände als im Lebensmittelrecht. Der wesentliche Unterschied in der Berichterstattung ist aber der, dass die im Steuerrecht als Versäumnisse des Gesetzgebers angeprangert werden und die im Lebensmittelrecht als „Etikettenschwindel“, also das Unternehmen, das diese Gesetzeslücke ausnutzt, angeprangert wird.

Ich scheibe auch viel über Lebensmittelkennzeichnung und veröffentliche immer wieder Aufsätze in denen ich Lebensmittel, die mir auffallen unter die Lupe nehme. Ich bilde mir ein, trotz des pointierten Tones dort Verbraucheraufklärung zu betreiben. Vor allem aber ist es ein Unterschied ob man wie ich einzelne Produkte bespricht oder man eine Sendung über „Etikettenschwindel“ macht und das im Fernsehen bringt, mit den viel weitergehenden Möglichkeiten Druck zu machen. Die Aufgabe der Medien ist es das Problem zu lösen und das bedeutet den Gesetzgeber in Zugzwang zu bringen, die Lücke zu schließen.

Aber man muss ja nur sehen, welche Sendungen die Firma auch sonst so produziert….

Edit: Ich bekam heute morgen einen Anruf von foodwatch, indem der Verein mit mitteilte, dass er nur zweimal von der Produktionsfirma angerufen wurde, nicht jedoch mit ihr zusammenarbeitet.

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