Die Wunderwaffe die Gottseidank nicht zum Einsatz kam

Wie heißt es so schön: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Nun ja, vielleicht wird im Krieg nicht alles erfunden, aber wenn etwas militärischen Vorteil verspricht, dann gibt es die Mittel schon erfundene Dinge zur Einsatzreife zu bringen. So wurde im zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite die Großrakete, der Marschflugkörper und das Düsenflugzeug zum Einsatz gebracht. In den USA wurde die Atombombe entwickelt. Alle Entdeckungen oder Prototypen auf denen sie beruhten, waren schon vor dem Kriegsbeginn gemacht worden.

Was die wenigsten wissen: In Deutschland wurden vor dem zweiten Weltkrieg auch die Grundlagen für die modernen Kampfstoffe erarbeitet. Gerhard Schrader erkannte das eine bestimmte Grippe von organischen Phosphorsäureerstern ein Schlüsselenzym der Nervenleisung blockieren kann, die Cholinesterase. Sie dient dazu Acetylcholin, dass zwischen den Nervenzellen die Impulse überträgt, zu spalten. Bei einer normalen Nervenleitung passiert am Ende einer Nervenzelle folgendes: Der Botenstoff Acetylcholin wird ausgeschüttet, gelangt an Rezeptoren an der Endplatte der nächsten Nervenzelle und die Ankopplung löst einen Impuls aus, wonach nun wieder Ionenkanäle geöffnet werden und der Impuls über den Nerv weitergeleitet wird. Damit dies nicht zur Dauererregung führt, spaltet ein Enzym an der Endplatte das Acetylcholin in seien Bestandteile Essigsäure und Cholin auf, die dann von den Rezeptoren sich lösen.

Stoffe die in diesen Mechanismus eingreifen können schon in kleinsten Mengen die Nervenleitung durcheinander bringen. Curare, das Pfeilgift, blockiert die Rezeptoren für das Acetylcholin und somit die Nervenleistung. Atropin umgekehrt belegt selbst die Rezeptoren und verhindert so die Weiterleitung ist daher auch Antidot bei Cuare und Giftgasvergiftungen.

Schrader entdeckte ab 1937 eine Reihe von Stoffe die das Enzym blockieren und damit ebenfalls die Nervenleitung unterbrechen und er entwickelte die Schrader-Formel

Schrader formel

Nach ihr sind wirksame Cholinesterasehemmer Stoffe mit einer bestimmten Struktur. R1 und R2 sind organische Reste mit einer Alkyl oder Esterstruktur. X ist ein Halogenatom.

1937 und 1938 wurden Sarin und Tabun entdeckt. Beide sind Stoffe mit einem hohen Dampfdruck, verflüchtigen sich also leicht und werden über die gesamte Körperoberfläche aufgenommen. Gasmasken sind also nur bedingt wirksam. 1944 kam noch Soman hinzu, das nochmals giftiger ist. Sarin und Tabun, vor dem Krieg entdeckt, wurden noch während des Kriegs produziert, 30 Tonnen sollen es gewesen sein. Die LD-50 Dosis von Sarin liegt bei 100 mg/min/m³, also wenn ein Kollektiv eine Minute lang Luft mit dieser Konzentration einatmet, dann sterben 50% davon. 30 t würden ausreichen rund 300 Millionen Kubikmeter so hoch anzureichern, und da wahrscheinlich die Expositionszeit länger wäre, müsste die Konzentration nicht mal so hoch sein. Es wurde ausgerechnet, dass diese Menge ausgereicht hätte, um im Großraum London Millionen zu töten.

Hitler wusste von beiden Stoffen, befahl auch die Produktion, aber nicht den Einsatz. Warum ist bis heute ungeklärt. Manche meinen, weil er im ersten Weltkrieg selbst den Gaskrieg miterlebt hat (damals wurden vor allem ätzende, oder alkylierende Substanzen wie Chlorgas, Senfgas oder Phosgen eingesetzt. Verglichen mit diesen unspezifischen Substanzen war Sarin vergleichbar wie die Bombardierung mit konventionellen und Atombomben). Der zweite Grund, der erwogen wird, ist dass er wohl befürchtete die Alliierten hätten ähnliches entwickelt, was aber nicht der Fall war. Schrader musste nach dem Krieg in 2 Jahren Gefangenschaft alle seine Erkenntnisse niederschrieben.

Russland und die USA produzierten nach dem Krieg Sarin, Tabun und Soman und entwickelten es weiter. Die Giftigkeit konnte nur noch wenig gesteigert werden, aber die Anwendung verbessert. Sarin ist z.B. nur einige Wochen bis Monate stabil. Neue Stoffe wie VX haben einen niedrigen Dampfdruck und werden so als Aerosole verteilt – sie bleiben so eher in der bodennahen Bodenschicht. Die letzte Entwicklung, worüber man wenig weiß sind binäre Waffen. Da sind in einer Granate getrennt Ausgangsstoffe untergebracht. Wird sie Abgeschossen so zerbricht die Trennwand und es kommt zur Reaktion. bei der M687 Granate sind es Methylphosponlydifluorid in einem Behälter und im zweiten eine Mischung aus Isopropylalkohol und Isopropylamin.  Der Isopropylalkohol reagiert mit dem Methylphospondifluorid zu Sarin und Fluorwasserstoff und das Isopropylamin reagiert mit der Fluorwasserstoffsäure zu einem Salz, sonst würde die Säure das Sarin wieder spalten.

Gerade Sarin ist daher durch die relativ einfache Herstellung in den traurige Berühmtheit gekommen, dass es auch eingesetzt wurde. Bekannt ist zumindest der Einsatz seitens des Iraks, und bei einem Einsatz in der Tokioter U-Bahn.

Immerhin macht es Waffenkontrolleuren die Arbeit einfach. Da für die Herstellung  der Ausgangstoffe man Fluorgas benötigt, sind üblicherweise die Rohre und Behälter Teflonbeschichtet oder alternativ teuere Spezialstähle oder Glas/Keramik im Einsatz. Würde man VX herstellen, dass kein Fluoratom innehat, so wäre das erheblich schwerer nachzuweisen.

Schrader arbeitete an dem Konzept weiter und entwickelte eine Reihe von Insektiziden, was eigentlich auch Ausgangspunkt seiner Forschung war. Die Wirkung gibt es bei allen Organismen mit Nervenleitung, nur ist das Enzym Acetylcholinesterase unterschiedlich aufgebaut. Sarin und Tabun hatten eine große Affinität zu der Cholinesterase von Säugetieren und Vögeln. Bei anderen Stoffen war das nicht so. Nach dem Krieg folgten bei Bayer E601 und E605. Sie basieren auf der Ersetzung des Sauerstoffs am Phosphor durch den Schwefel. Sie sind für Säugetiere weniger toxisch, trotzdem erlangte E605 (Parathion) als in den fünfziger Jahren eine Frau mit Pralinen mit diesem Stoff ihre Ehemänner vergiftetete. Insektizide auf Basis von Schraders Forschung werden bis heute eingesetzt.

2 thoughts on “Die Wunderwaffe die Gottseidank nicht zum Einsatz kam

  1. Chemie und Bio Waffen waren Abschreckungswaffen in Zweiten Weltkrieg unter Alliierten und Nazis
    Japan war nicht zimperlich und verwendete Chemische und biologische Waffen in China
    ein Faktum das heute in westliche Welt kaum bekannt ist , aber in Asien noch in Erinnerung ist.

    Es gibt das hartnäckige Gerücht das Sowjets biowvaffe in Stalingrad einsetzen.
    Informationsquelle darüber ist die Nummer Zwei der Sowjets Biowaffen Forschung, Ken Alibek.

    Die Britten hatten Milzbrand
    In falle das Nazi Deutschland mit Giftgas bombt hatte die RAF,
    Millionen kleiner Kekse mit Milzbrand über Deutschland abgeworfen
    um die Vieh Wirtschaft zu vernichten und zu Großteil der Bevölkerung zu treffen,
    mit einer Hungersnot.

    Die USA hatten auch sehr heftiges Chemie und Bio Waffen Programm im Zweiten Weltkrieg.
    Doch die Atombombe wurde als „effektivere“ Vernichtungswaffe angesehen,
    offiziell macht USA danach „Grundlagenforschung“ für Entwicklung von Gegenmittel
    obwohl die CIA einräumen musste, das Sie Biowaffen einsetze um ausländische Politiker zu ermorden.
    mit miserablen erfolg…

  2. Ich kann mich an eine Aussage meines Onkels erinnern, der Soldat in Norwegen war:

    „Ich hatte ein Granatenlager zu bewachen, auf jeder Granate stand: Nur durch ausdrücklichen Befehls des Führers zu verwenden“…

    Das Zeug dürfte in der Nord-/Ostsee entsorgt worden sein.

    Gottseidank!

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