Zeit ideotische Forderungen aufzustellen …

Es gibt ja genügend Leute die Lebensmittel ohne Zusatzstoffe fordern. Immer wieder gibt es auch welche in den Medien, vor allem Talkshows. Und es gibt genügend Dumme die das übernehmen. Also habe ich mir mal gedacht, fordere ich mal dasselbe was für Zusatzstoffe gilt, für einige traditionell erlaubte Stoffe und Lebensmittelinhaltsstoffe die als gesundheitlich bedenklich gelten. Kein Verbot, nur das Einhalten der für Zusatzstoffe geltenden Standards für normale Lebensmittel

Damit wir auf demselben Kenntnisstand sind, hier eine Kurzzusammenfassung wie die Höchstmengen bei Zusatzstoffen bestimmt werden:

Es wird im Tierversuch Tiere (meistens Mäuse und Ratten) lebenslang mit dem Stoff als Zusatz im Futter gefüttert. Danach seziert und es wird die Menge bestimmt, die die Tiere ihr Leben lang im Futter vertrugen ohne das es einen Unterschied zu einer Vergleichsgruppe gab. Das ist der NOEL Wert (No observable Effect Level). Er wird dann durch einen Sicherheitsfaktor (meist 100) geteilt um den ADI Wert zu erhalten (Accepable Daily Intake). Das ist die Gesamtmenge die man pro Tag aufnehmen darf, meist berechnet auf Kilogramm Körpergewicht. Die in den Lebensmitteln zulässige Menge wird dann ermittelt indem man die durchschnittliche Aufnahme des Lebensmittels schätzt und diese Menge dann auf die zugelassenen Lebensmitteln verteilt.

Ein Zusatzstoff wird verboten, wenn er im Verdacht steht cancerogen zu sein, genschädigend oder fruchtschädigend. Bei einem allergischen Potenzial wie es bei Salicylaten vorliegt muss dieses erheblich niedriger als bei Lebensmitteln sein. (auch hier liegt es um den Faktor 100 niedriger).

So, nach dieser Vorinformation wenden wir das System auf einige Zusatzstoffe an, die „Bestandsschutz“ haben. Sie sind älter als das Lebensmittelrecht und dürfen heute noch eingesetzt werden.

Fangen wir an mit Phosphaten. Phosphate und Phosphorsäure stören das Calcium-Phosphatgleichgewicht. Natürlicherweise enthält die Nahrung etwa 0,8 g Phosphat. Bei 1,5 bis 2,5 g/Tag beobachtet man schon erste Veränderungen: Ein Absinken der Blutcalciumkonzentration. Daher ist schon die zusätzliche Aufnahme von 0,7 g pro Tag schädlich. Teilen wir das durch einen Sicherheitsfaktor von 100 so sind wir bei 7 mg/Tag. Das bedeutet ein völligen Verbot von Phosphaten, denn in dieser kleinen Menge wirken sie nicht mehr technologisch.

Meine Meinung: kein großer Verlust. In Schmelzkäse kann man Zitronensäure als Ersatzstoff einsetzen, in Cola ebenfalls und in Wüst eben weniger Wasser zusetzen oder eben das Fleisch gleich schlachtwarm verarbeiten anstatt die Schweinehälften durch die ganze Republik zu fahren.

Nun zu Schwefeldioxid. Schwefeldioxid wird als Antioxidationsmittel genutzt um die enzymatische Bräunung von Trockenfrüchten und Kartoffelprodukten zu verhindern, aber es wird damit auch die alkoholische Gärung von Most und Wein gestoppt. Es ist viel wirksamer als andere Antioxidationsmittel, da es chemisch sehr reaktiv ist. Es reagiert nicht wie L-Ascorbinsäure mit dem Lebensmittel, sondern es reagiert direkt mit den Enzymen die dadurch inaktiviert werden. Dadurch werden auch die Mikroorganismen abgetötet.

Das Problem bei Schwefeldioxid und schwefeliger Säure, die aus ihm entsteht, ist das die Bevölkerung sehr unterschiedlich reagiert. Pseudoallergische Reaktionen sind relativ verbreitet. Derartige Personen vertragen maximal 5-10 mg Schwefeldioxid pro Tag, der für die Zulassung zugrundeliegende ADI Wert liegt bei 0,7 mg/kg also rund 50 mg bei einem Mann und die meisten Personen vertragen bis zu 1000 mg ohne Probleme. Bei einer Neuzulassung müsste man sich nach dem niedrigsten Wert richten, was einige Umstellungen zur Folge hätte, denn heute ist folgendes erlaubt:

Kartoffelprodukte dürfen bis zu 100 mg/kg enthalten

Bier enthält je nach Sorte zwischen 1 und 15 mg/l (Bier wird nicht geschwefelt, aber der Hopfen)

Wein hat Grenzwerte je nach Alter zwischen 225 und 400 mg/l

Traubensaft und Jungwein 10 und 50 mg/l

Meerrettich, Trockenobst;: 2000 mg/l

Bei einem Grenzwert von 10 mg/tag müsste man die Weinschwefelung ersetzen und Kartoffelprodukte (Pommes) wären wohl nur hell solange bis die Packung angebrochen ist. Man sieht hier übrigens auch wie ein ADI Wert verschiedene Höchstwerte für verschiedene Lebensmittel zur Folge hat: Kartoffelprodukte wie Pommes werden häufiger verzehrt als Wein und wein noch häufiger als Trockenfrüchte. Daher sind für diese höhere Werte erlaubt.

Nitrit: Nitritpökelsalz wird eingesetzt um die Verfärbung von Fleisch vom roten ins graue beim Erhitzen zu verhindern. Es reagiert mit dem Myoglobin und es bildet einen roten, stabilen Farbstoff. Bei höheren Mengen erzeugt es auch den Pökelgeschmack. Da aus Nitrit bei Anwesenheit von Säure, Aminen und Hitze die krebserregenden Nitrosamine gebildet werden, wäre es heute verboten. Als Folge gäbe es nur noch graue bis braune Würste (Vergleich: grobe / feine Leberwurst in der Farbe) und Lebensmittel mit Pökelgeschmack wie Kassler gäbe es gar nicht mehr.

So, nun kommen wir zu einigen unerwünschten Stoffenv in Lebensmitteln die keine Zusatzstoffe sind. Dangen wir mal an mit Zucker. Zucker ist nicht lebensnotwendig, aber er ist schuld an vielen Zivilisationskrankheiten, zumindest wenn man einigen Protagonisten glaubt, die ja Zucker ganz rot in der Ampel gekennzeichnet werden sollen. Also nach den DGE Empfehlungen sollte man maximal 60 g pro Tag essen, nach den US-Empfehlungen 90 g. Das wäre der NOEL Wert. Nun müssen wir den aber noch durch einen Sicherheitsfaktor von 100 teilen und landen bei maximal 0,9 g Zucker. Also maximal am Tag 9 g Äpfel oder 2 g Schokolade oder 20 ml Milch (aber bitte nicht alles zusammen sondern nur eines….). Viel Spaß bei der Ernährung. Selbst Tomaten und Karotten sind dann tabu, denn die enthalten auch Zucker.

Cholesterin: Cholesterin steigert den LDL-Spiegel und gilt als ein Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten. Die Empfehlungen der DGE vertreten den Standpunkt, dass ein Gesamtcholesterinspiegel von <200 mg/dl wünschenswert ist. Um dies zu erreichen, sollten nicht mehr als 300 mg Cholesterin mit der Nahrung pro Tag aufgenommen werden. Das wäre auch hier der NOEL Wert. Da der Körper selbst Cholesterin produziert ist es wie Zucker nicht lebensnotwendig. Man müsste also das Nahrungscholesterin auf 3 mg/Tag reduzieren (NOPEL/100), das bedeutet: alle werden Veganer. Denn selbst cholesterinarme Lebensmittel enthalten noch viel mehr Cholesterin als erlaubt werden. Da Cholesterin Membranbestandteil aller tierischen Zellen ist, bedeutet das keine tierischen Nahrungsmittel, auch keine Milch und keine Eier. Mit einer strengen cholesterinarmen Diät kommt man auf minimal 200 mg/Tag.

Dann wäre dann noch Salz. Salz enthält Natrium. Natrium ist zum einen lebensnotwendig, aber es gibt viele Personen die sind „natriumsensitiv“. Haben sie Bluthochdruck, so verstärkt Natrium diesen. Lebensnotwendig ist eine Zufuhr von 550 mg/Tag, Das entspricht 1,5 g Salz pro Tag. Natriumsensitive sollten maximal 4-6 g Salz pro Tag zu sich nehmen. Nehmen wir den höheren Wert als NOEL Wert und teilen die Differenz zum lebensnotwendigen Wert durch 100, so dürfte man nur 1,54 g Salz pro Tag zu such nehmen. das bedeutet nicht nur den Verzicht auf gesalzene Speisen, schon natürlicherweise enthalten Lebensmittel Salz. Das bedeutet den Verzicht auf praktisch alle Nahrungsmittel bei denen bei der Herstellung Salz zugesetzt wurde wie Brot, Käse, Wurst, Salatdressings, Soße etc…

Das könnte man fast endlos fortsetzen. Coffein: Selbst wenn ich die anregende Wirkung als positiv ansehe und nur die toxische Dosis nehme (1000 mg), komme ich beim Teilen durch 100 auf 10 mg/Dosis. Nun enthält aber eine Tasse Kaffee schon etwa 100 mg und Tee 50 mg. Eine Dose Cola 40 mg und selbst Schokolade zwischen 15 und 90 mg/Tafel. Kurzum: aus ist es mit zahlreichen Getränken.

Also wenn wir mal die Forderungen die Zusatzstoffe die ja sooooooo schlimm sind, die sie aber heute erfüllen, auf Lebensmittel übertragen, dann müsste man eine Menge Lebensmittel verbieten. Es gäbe nichts mehr vom Tier, nichts was süß ist, nichts was salzig schmeckt und nichts was anregend ist. Molkereien, Käsereien, Schlachter, Metzger, Viehbauern, der Obstanbau, alle Hersteller von fertigen Nahrungsmitteln müssten zumachen, denn sie könnten ihre Produkte nicht mehr vertreiben. Dafür freuen sich Hersteller von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten, denn als reine Veganer die auch viele pflanzlichen Lebensmittel nun nicht mehr essen dürfen wird sich sonst bald ein Vitamin und Mineralstoffmangel einstellen.

One thought on “Zeit ideotische Forderungen aufzustellen …

  1. Zitat: „Dafür freuen sich Hersteller von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten, denn als reine Veganer die auch viele pflanzlichen Lebensmittel nun nicht mehr essen dürfen wird sich sonst bald ein Vitamin und Mineralstoffmangel einstellen.“ Du hast dabei vergessen, dass auch die meisten Vitamine und Mineralstoffe in Überdosierung gefährlich sind. Geht man auch bei Vitaminen von NOEL-Wert/100 aus, wären die meisten Vitaminpillen zu verbieten.

    Gemäß der Vorsorgelogik sollte man hingegen die Vitaminzusätze in normalerweise vitaminarmen Lebensmitteln (z.B. Cornflakes, Bonbons etc. pp.) tatsächlich limitieren oder gar verbieten. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: Jod im Speisesalz ist in Deutschland tatsächlich sinnvoll, und dank immer höherer Sonnencreme-Nutzung (zum Schutz vor hellem Hautkrebs, der übrigens viel weniger gefährlich ist als andere Krebsarten, während der oft sehr bösartige dunkle Hautkrebs durch UV-Exposition kaum zunimmt) und zunehmender Migration von dunkelhäutigen Menschen nach Deutschland fangen Mediziner auch an, über eine generelle Vitamin-D-Versorung der Bevölkerung nachzudenken. Bei Schwangeren und Kindern während des ersten Lebensjahrs ist sie bereits üblich.

    Kai

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