Ariane 6 ist tot, es lebe die Vega!

Seit 2010 kriselt es in der europäischen Trägerraketenpolitik. Damals beschloss Frankreich als Konjunkturprogramm einen Fond für die Vorentwicklung der Ariane 6. In Deutschland hat man ja lieber Abwrackprämien für voll fahrtaugliche Autos eingeführt. In der Folge vertraten dann die Franzosen dann einen Schwenk für den Bau der Ariane 6. Deutschland wollte dagegen den Bau der ESC-B Stufe für die Ariane 5, (mittlerweile in Ariane 5 ME (Midlife Evolution) umgetauft, woran man schon erkennen kann das die Ariane 5 dann noch etwas länger fliegen sollte).

Italien hat Pläne für einen Ausbau der Vega, hier vor allem die Einführung einer Stufe welche das AVUM und die Zefiro 9 ersetzt auf Basis eines LOX/Methan Triebwerks, kann diese aber nicht finanzieren und die DLR untersuchte als die Rockot sich im Startpreis doch der Vega näherte dann auch eine deutsche Oberstufe für die Rakete, konnte aber keine bessere und bezahlbare Lösung finden.

2011 sah es vor dem ESA Konzil ja so aus als gäbe es keine Einigung. Da gab es einen der teuren und faulen Kompromisse beim ESA Konzil: Die Ariane 5 ME wird finanziert, dabei soll die stufe so ausgelegt sein, dass man bei der Übertragung auf die Ariane 6 kosten spart und für die Ariane 6 gibt es Mittel für die Vorentwicklung.

Doch die Probleme waren nicht aus der Welt. während die CNES nun die Bedrohung durch SpaceX aus dem Hut zauberten, obwohl die Falcon 9 trotz zweiter Version permanent an Nutzlast verlor und inzwischen bei 3,5 t GTO-Nutzlast angekommen ist, gefiel der DLR die ganze Konzeption der Ariane 6 nicht. Sie wollten lieber eine kryogene Zentralstufe, das wäre dann eine „Ariane 5 light“, nur eben mit 60% Nutzlast. Ein Vorschlag der nicht nur nach Ansicht von Le Gall keine Kosten einspart.  Obwohl die deutsche Lösung noch teurer wäre sind Deutschland auch die kosten von 4 Milliarden Euro für die Ariane 6 zu hoch. Als dann die neue Ministerin Zypries ankündigte, dass die deutschen Mittel für die Trägerentwicklung für 10 Jahre konstant bleiben würden, scheint man in Frankreich umgedacht zu haben. Schon vorher war die französische Ministerin Genevieve Fiorasco bereit für „Designänderungen„. Nur verliefen die nun anders als vorher allgemein angenommen

Die CNES hat vorgestern ihre neue Roadmap vorgestellt, welche sie mit der ASI abgesprochen hat. Geleitet hat die Pressekonferenz Le Gall, derzeitiger CNES und früherer Arianespace Chef.  Demnach wird die Ariane 6 neu konzipiert. Sie besteht nun in der ersten Stufe aus sechs der schon geplanten P125 Booster (mit 125 t Treibstoff), welche auch die P85 der Vega ablösen sollen. Sie umgeben in einem Ring die zweite Stufe mit einem P125 Booster. Anstatt der kryogenen Stufe wird es zwei feste Oberstufen geben und die gibt es schon: es sind der Zefiro 23 und Zefiro 9 Antrieb der Vega. Auch das AVUM wird übernommen, erhält aber eine neue Struktur die sich auf 5 m ausweitet. Darauf kann dann die Nutzlastverkleidung platziert werden, die auf der von RUAG Space für die Atlas entwickelten beruht. Deutschland ist wie bei der Vega nicht mehr vorgesehen. Le Gall sagte, das Deutschland noch den Antrieb für das AVUM bauen könne, dann wäre Europa unabhängig von der Ukraine die das derzeitige Triebwerk RD-861 stellt.

Diese Version würde etwa 6,3 t Nutzlast in den GTO aufweisen. Sie hätte zudem maximale Synergien mit der Vega, es wäre im Prinzip eine Vega mit sechs Vega Erststufen als Booster. Auch die Weiterentwicklung ist schon beschlossen: Die zweite Stufe wird durch einen Zefiro 40 Antrieb abgelöst werden und die dritte durch einen Zefiro 16. Den letzteren hat Italien schon Ende der Neunziger Jahre in zwei Testzündungen erprobt. Damit wird die Nutzlast auf 7,5 t wachsen und die der Vega auf 2,5 t in den Referenzorbit. Mit drei oder vier Boostern kann die Rakete auch 3,5 bzw. 4,5 t Nutzlast in den GTO Orbit befördern und folgt so den Forderungen von Satellitenbetreibern nach mehr Flexibilität und kleinerer Nutzlast für „All electric“ Satelliten. Es wäre das kostengünstige Programm für die Entwicklung und durch die hohe Stückzahl von rund 80 Boostern pro Jahr auch in der Produktion:

„Jean-Yves Le Gall, president of the French space agency, CNES, said the Ariane 6 design using four solid-fueled stages has unbeatable economies of scale as well as the reliability record in Europe that liquid propulsion cannot match.

Current Ariane 6 business-case models are based on the vehicle replacing both the heavy-lift Ariane 5 and the medium-lift Soyuz — a Europeanized version of Russia’s venerable rocket now operated from Europe’s spaceport — by around 2025.

Once the transition has been accomplished, Ariane 6 could be expected to fly around 12 times per year, meaning an annual production run of 100 solid-rocket stages.

Herve Austruy, general director of Herakles, the solid-rocket propulsion unit of France’s Snecma rocket-motor builder, told the conference that the scale economies of building so many identical stages are much better at a 100-unit production rate than at a 36-unit rate — at least 40 percent if not more, he said.“

Auch beim Bodensegment wird gespart werden. Anstatt 750 Millionen Euro wie bei der Ariane 6 mit kryogener Oberstufe wird der neue Startplatz nur 50 Millionen Euro kosten, es wird ein Duplikat des Vega Startplatzes sein. der Platz von ELA 2 ist dafür vorgesehen. Beide Startplätze zusammen sollen 12 Stars pro Jahr absolvieren können. Ausgebaut muss nur die Fabrik für die festen Treibstoffe und die boosterbefüllung im CSG.

Die Entwicklungskosten der Ariane 6 sollen so radikal von 4 auf 1 Milliarde Euro sinken und zu 90% von Frankreich und Italien aufgebracht werden. Da nur eine neue Stufe entwickelt werden muss, und die Bodenanlagen nicht neu entwickelt, sondern nur nochmals gebaut werden müssen, könnte bei einem Beschluss Ende 2014 der erste Start schon 2018 stattfinden. Daher will Frankreich auch aus der Ariane 5 ME aussteigen, denn man sieht keinen Sinn in zwei Trägern die gleichzeitig Indienst gestellt werden.

Auf Deutschlands Rolle angesprochen antwortete CNES Chef Le Gall nur. „If someone is only a barrrier“, Le Gall said „in english you tell to him ‚get out of the way'“. Einen letzten Knaller gab es dann am Schluss der Pressekonferenz: die neue Rakete wird nicht Ariane 6 heißen, sondern „Vega 4“. Der Grund liegt in Formalien: Es ist nach den ESA Statuten nicht möglich ein Projekt so zu modifizieren, dass bisherige Einzahler von der Weiterentwicklung ausgeschlossen sind. Daher wird man formell beim nächsten ESA Council die Ariane 6 Entwicklung einstellen und das neue Vega Extension Projekt aus der Taufe heben. Es läuft formell als eine Erweiterung der Vega: „Vega Extension Programme“. Die heutige Vega wird dann zur Vega 1. Die Vega 2 wird die neue P125 stufe als erste Stufe einsetzen und 2017 fliegen. Die Vega 3 setzt dann auch Zefiro 40 und Zefiro 16 ein und wird 2021 folgen. 2022 folgt dann die Vega 5 (6 x P125 / P125 / Zefiro 40 / Zefiro 16).

8 thoughts on “Ariane 6 ist tot, es lebe die Vega!

  1. Und damit würde dann auch das Vinci als ein zwar sehr tolles, über viele Jahre entwickeltes, aber nie geflogenes Triebwerk in den Museen bzw. Archiven der europäischen Raumfahrt verschwinden? Und was ist mit dem Vulcain? Wandert das dann auch ins Museum? Schön das Europa so für hochentwickelte Technik steht und die „Altlast“-Technologie für schubkräftige bzw. High-ISP H2/LOX-Triebwerke im Sande verlaufen lässt…. Jetzt haben wir dann nur noch Hightech-Sylversterraketen und können (müssen) als gelernte Europäer auch noch stolz darauf sein…. Ein Hoch auf Europa – Mut zum Fortschritt durch Rückschritt! (?!?)

  2. Ob dieses Konzept zu halten ist? Wo bleibt da beim Hauptgeldgeber Frankreich die Produktion? Die Feststoffstufen werden in Italien gebaut, die Fertigungsanlage wurde ja extra so dimensioniert, daß sie auch Ariane 5 – Booster produzieren kann. Was dann noch für Frankreich bleibt ist eher Krümelkram. Eine zweite Fertigungsanlage in Frankreich wäre zwar möglich, aber dann bleiben die Spareffekte durch die größeren Stückzahlen auf der Strecke. Ob das die französische Industrie so einfach hinnimmt, daß sie bei der Produktion praktisch ausgesperrt wird? Da ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen.

  3. Wäre nicht eine gut konstruierte Wasserstoffoberstufe besser (mit gutem v/l-Verhältnis). Feststoffoberstufen kosten doch sehr viel Nutzlast, oder ist das ein Punkt der einem klarmachen soll das es nicht ernst gemeint ist?

  4. 7 ton in Gto could be not the right target. If the target is 3 ton what you imagine can become reality. If germany continues saying no at a certain point in time it can remain isolated. Maybe it can be what germany is seeking maybe not…

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