Vergeudete Jahrzehnte

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Ich habe inzwischen den Artikel über den Xerox Alto fertiggestellt, er wurde ziemlich umfangreich, ich denke, es ist der größte in deutscher Sprache. Aber sonst hätte es sich ja nicht gelohnt. Mittlerweile schaue ich bei vielen Artikeln auch nach, was in der Wikipedia steht und ob ich noch etwas beitragen kann, was dort nicht steht.

Ich habe mich da auch mit der grafischen Oberfläche und dem Bedienkonzept (Graphical User Interface – GUI) des Alto beschäftigt, die ich ja nicht kannte. Bisher ging ich immer davon aus, das die Oberfläche des Alto so wie Windows oder MacOs wäre, da ja beide Systeme von Xerox die Idee übernommen haben. Doch dem ist nicht so. Es gibt deutlich Unterschiede und eine ausreifte Bedienung die in Teilen zumindest bei Windows erst Jahrzehnte später Einzug hielt.

Ich will an der Stelle nicht den Artikel komplett kopieren, aber es gibt einige deutliche Unterschiede zu dem was in den ersten Versionen von Mac und Windows kennen. Beim Xerox Parc hat man zwei Jahre lang geforscht, wie man eine grafische Oberfläche realisieren kann, damit der normale Benutzer, der eben in den Siebzigern Computern vielleicht von Filmen kannte, aber noch nie an einem gearbeitet hat, mit ihm zurechtkommt. Man entschied sich ihn bei seinem Büroalltag abzuholen und prägte die „Desktop-Metapher“, die Oberfläche sollte sich also wie ein Schreibtisch präsentieren. Zwar nennt sich seit Windows 95 die Oberfläche von Windows auch „Desktop“, aber mit dem Konzept von Xerox hat das nichts zu tun.

Man begann wirklich einen Schreibstich nachzubilden, mit Dokumenten als Icons, Aktenschubladen als Icons, Ein- und Ausgabeablagen. Wenn man einem anderen Mitarbeiter ein Schriftstück zukommen lassen wollte, dann startete man kein Email Programm, sondern legte es in der Ausgabeablage ab und in der eingehenden Ablage erschien die Korrespondenz eines Kollegen. Ebenso wurden nicht Programme geöffnet, um Dokumente zu bearbeiten, sondern die Dokumente selbst, wobei jede Art ein eigenes Icon hatte. Windows hatte eigene Icons für jede Anwendung erst mit der Version 3.x, also fast 20 Jahre nach dem Alto, das man das Konzept des Desktops übernahm, dauerte nochmals länger, das war erst bei Windows 95 der Fall. Das Konzept der Icons wurde bisher nirgendwo übernommen, denn es gab zwar standardisierte Icons für verschiedene Dokumente wie Texte, Grafiken oder Mails, doch die waren nicht, wie bei Windows oder anderen Systemen an die Erweiterung des Dateinamens gebunden, sondern die Information zu welchem Programm eine Datei gehörte, steckte in den Metainformationen im Header.

Anderes Beispiel: Der Alto beherrschte schon die inkrementelle Suche. Tippte man zeichenweise einen Dateinamen ein, so wurden immer nur die Dateien angezeigt, auf die dies passte. Die inkrementelle Suchfunktion zog bei Windows erst mit Windows 7 ein, gut 30 Jahre nach dem Alto. Wusste man nicht genau, was man suchte, gab man ein Fragezeichen nach dem Teil an, den man kannte. Andere Features, wie das im Filesystem vor jedem Datenblock ein Header sich befand, der darüber informierte zu welcher Datei an welcher Position er gehörte sowie weiteren Metainformationen gibt es bis heute in Windows nicht. Dieses Feature lässt nämlich selbst bei vollständiger Zerstörung der Verzeichnisinformation durch Abscannen der Platte eine komplette Restauration der Dateien zu.

Der Alto konnte schon Multitasking und er kannte das was bei Windows 3.1 OLE (Object Linking and Embedding) heißt, das heißt man konnte in ein Textdokument nicht nur eine Grafik einfügen, sondern dort auch nachbearbeiten bzw. tat man dies ohne offenes Textdokument so aktualisierte es sich selbst.

In vielem war der Alto anders, das man Benutzer nicht mit Programmen belästigte, sondern die Arbeit auf das was bearbeitet wurde also Dokumente jeder Art, habe ich schon erwähnt. Was mich zuerst erstaunte war, das er acht Tasten für generische Kommandos hatte, beschriftet mit MOVE, COPY, DELETE, SHOW PROPERTIES, COPY PROPERTIES, AGAIN, UNDO, und HELP. Man hatte generische Befehle eingeführt, die aber im Kontext jeweils andere Dinge aufrufen. Ein Beispiel ist der Properties Befehl, der Eigenschaften anzeigt (das ganze System war objektorientiert). Die Eigenschaften sind natürlich bei einem Text andere als bei einer Datei oder einer Grafik. Vor allem aber gab es so eine konsistente Bedienung, bei der man die Maus relativ wenig benutzen musste. Die Bedienung erfolgte – parallele zum Apollo Bordcomputer – mit der Syntax „Noun – verb“. Das Verb war immer eine der Tasten. Also man klickte etwas an, wie einen Absatz und drückte auf „Properties“ um die Eigenschaften zu ändern.

Heute hangeln wir uns durch Menüs oder Kontextmenüs für die gleiche Aktion, bzw. es gibt Tastenkombinationen für die häufigsten Dinge wie STRG+C für Kopieren. Die Arbeit mit der Maus dauert immer länger als wie mit der Tastatur, denn sie unterbricht die Arbeit, man muss eine Hand von der Tastatur nehmen. Nicht umsonst heißen Benutzer, die vornehmlich die Maus zur Bedienung nutzen unter Nutzern, die vornehmlich die Tastatur nutzen verächtlich „Mausschubser“. Das heute gängige Ziehen und loslassen hatte der Star noch nicht. Eine Mail bewegte man in den Ausgangskorb, indem man sie anklickte, auf „move“ drückte und dann die Ablage anklickte. Wer jemals versucht hat, etwas dorthin zu ziehen, wo es keine große leere Fläche gibt, z.B. einen Ordner im Dateisystem, fragt sich, warum man dies nicht auch bei Windows so übernommen hat. Dass man für die Mausbedienung die Tastatur verlassen muss galt schon immer als Nachteil der grafischen Oberfläche. Hier hat man Xerox einen guten Kompromiss gefunden.

Das verblüffende: der Xerox Alto entstand mit der Technik Anfangs der Siebziger Jahre. CPU und Controller für Platten und Ethernet bestanden aus dutzenden von TTL-Bausteinen der Serie 74xxx. Die 16 Bit CPU erreichte 400.000 Instruktionen pro Sekunde – zum Vergleich: ein 8 MHz 8086 schafft 800.000 Instruktionen/s, ein 8 MHz Motorola 68000, wie er im Macintosh und der Lisa steckte, schafft 1 Million Instruktionen/s. Trotzdem war das System weiter als Windows oder MacOs, das auf viel potenteren Rechnern lief, dabei brauchte die CPU des Alto rund 60 % ihrer Zeit nur für den Bildschirmaufbau (der auch zweieinhalb mehr Pixel als ein Mac hatte, bei dem 20 % der Zeit für den Bildschirmaufbau draufgingen). Man sollte doch annehmen, das die Nachahmer auf Rechnern mit einer schnelleren CPU etwas Besseres, weiter entwickeltes hinbekommen. Windows hat in etwa den Stand des Alto mit Windows 95 eingeholt und das lief auf einem 486 recht behäbig und erforderte 8 MB RAM mindestens, der Xerox hatte in der Regel 128 oder 256 KByte …

Die Frage, die sich mir stellt, ist natürlich, warum man nicht gleich das ganze System übernommen hat, stattdessen andere Lösungen wählte, wie das heute gängige Ziehen und Fallen lassen. Entschuldigungen wie, man kannte das Xerox System nicht, kann es nicht geben, denn zu Apple wechselten nach dem berühmten Besuch von Steve Jobs im Xerox Parc mehrere Entwickler, darunter Larry Tesler, der es vorführte. Bill Gates kaufte einen Xerox Star, das kommerzielle Nachfolgemodell des Alto. Also kannte auch er die Oberfläche und ihre Bedienung. Warum war Windows noch bis in die Version 3 so fokussiert auf Programme anstatt den Benutzer bei den Dokumenten abzuholen die er ja eigentlich bearbeiten wollte?

Ich kann nur raten. Aber meiner Ansicht nach lief es so. Beim Macintosh wollte Steve Jobs eine reine Mausbedienung haben, er lies sogar Extratasten für Cursorsteuerung weg, damit Softwareentwickler nicht einfach lieblos bestehende Programme portierten. Damit war auch das System der generischen Kommandos unmöglich und man musste sich etwas anderes für die acht Tasten mit Befehlen einfallen lasen. Man kam auf bis heute gültige Dinge wie Doppelklicken, Ziehen und Loslassen.

Microsoft entwickelte die Oberfläche auch nicht neu. Sie hatten für den Mac Software entwickelt und wussten wie diese Oberfläche funktionierte. Windows 1 war noch weniger eine Oberfläche als MacOs, es war im Prinzip eine grafische Oberfläche auf DOS, mit dem zentralen Element war eine Dateiverwaltung genannt DOS-Executive, im Prinzip eine rudimentäre Vorläuferversion des heutigen Explorers. Intern hies es denn auch nicht Windows, sondern Interface Manager. Erst mit Windows 2 schloss man zum MacOs auf, was denn auch eine Klage seitens Apple heraufbeschwor. So verwundert es nicht, das das Bedienungskonzept bis heute die Bedienung vom Mac übernommen hat, obwohl z. B. der doppelklick nur deswegen nötig war, weil die Maus des Macintosh nur eine Taste hat.

Der entscheidende Unterschied ist aber: das System von Xerox von Computerwissenschaftlern erarbeitet wurde, die zwei Jahre lang es austüftelten und als Wissenschaftler mit einem wissenschaftlichen Ansatz an die Sache herangingen. Sie erforschten, wie Benutzer ihr System nutzten. Sie zogen auch andere Experten dazu. Die Icons – jede Dokumentenart und Aktion hatte ein anderes Icon, wurden durch Grafiker erstellt und mit Anwendern wurden die Icons ermittelt, die am besten ankamen. Sie beobachteten Anwender und kamen so darauf das sie mindesten zwei Maustasten benötigten. Dagegen ist Windows bis heute eigentlich eine Spielwiese von Programmierern die bei jeder Version was Neues ausprobieren und das kann dann in einer folgenden Version auch wieder rausfliegen. In Windows 11 ist z.B. die Position der Taskleiste nur noch unten möglich und alle Icons in ihr zentriert. Wer hat sich das ausgedacht, vorher gab es doch auch die Wahlmöglichkeit, bei mir ist die Leiste z.B. links. Da ich mit dem Rechner viel surfe und Text bearbeite, ist es die beste Position, die die am wenigsten meiner Arbeitsfläche wegnimmt. Wer ein Notebook mit geringerer Bildschirmhöhe nutzt, wird sie vielleicht oben platzieren. Ebenso die dauernden Änderungen des Designs. Mal mit Durchsichteffekten und Farbverläufen (Aero von Windows Vista und Windows 7) dann wieder mit monochromen, deckenden Elementen (Window 8). Außer bei Windows XP gibt es keine Möglichkeit, das alte Design wieder zu aktiveren.

Ich bin ja auch Programmierer. Man probiert gerne was aus, was einem gefällt, was aber nicht vielleicht die beste Lösung ist, das kenne ich also. Nur erwarte ich von einem Betriebssystem, das Millionen von Nutzer hat, das solche Launen nicht in das Produkt durchschlagen, es eine Konsistenz gibt und die nächste Version vielleicht mehr kann als die derzeitige, aber nicht einfach Dinge rausfliegen, wie die Gadgets von Windows 7 oder die Möglichkeit einzelne Elemente zu skalieren wie Schriften in Menüs, wie in früheren Windows Versionen vor Windows 10 möglich war. Wer wie ich schlecht sieht, der braucht keine größeren Icons und Buttons, nur größere Schriften.

Mit dieser Hüh-Hott Strategie der inkrementellen Miniverbesserungen hat zumindest Windows Jahrzehnte verloren. Es dauerte alleine ein Jahrzehnt, bis Windows nur zum Produktiveinsatz fähig war. Wer mal in einem Virtualisierer Windows 1 oder 2 installiert merkt das sofort. Wie es beim MacOS aussieht, müsste jemand beurteilen der sich, damit auskennt, für mich waren die Apple Macs immer zu teuer. Aber ich denke dort ist es auch nicht viel besser. Der Grund warum Jobs 1997 zu Apple zurückkam, war das MacOS kein richtiges Multitasking konnte und nicht sehr stabil war. Das konnte NextStep das NexT, Jobs nächste Firma, entwickelt hatte und man kaufte mit dem Betriebssystem und seinen Entwicklern auch Jobs mit ein.

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