Wie authentisch muss die Stimme sein?

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Nachdem Arne den Einsatz von Autotune in seinem letzten Blog beleuchtet hat. Will ich mal die Gegenposition beleuchten. Muss alles perfekt sein oder muss alles ausgeglichen werden? Natürlich ist es toll wenn ein Sänger eine sehr gute Stimme hat, so wird Mariah Carrey ein Stimmumfang von 5 Oktaven nachgesagt. Aber bei der Popmusik gibt es eine Menge mittelmäßiger Sänger und Sängerinnen und manche werden sogar mit Sprachfehlern berühmt, so Bob Dilan mit seiner sehr komischen Singweise oder Herbert Grönemeyer mit seiner Mischung aus gepresstem und genuschelten Gesang. Ja, von Gesang kann man bei vielen modernen Sängern (Rappern, Hip-Hopper…) gar nicht mehr reden.

Trotzdem gab und gibt es genügend Beispiel von Sänger/innen mit begrenztem Stimmumfang und trotzdem großen Erfolg. Lennon/McCartney schrieben für Ringo immer leicht zu singende Lieder. Viele davon wie „With a little help from my friend“ gehören zu den meist gecoverten Beatles Songs. Auch Phill Collins oder Mick Jaggers Stimmumfang ist nicht besonders ausgeprägt.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Die Abba Songs gelten als sehr anspruchsvoll. Viele erstrecken sich über zwei Oktaven und ich kenne keine guten Coverversionen von ihnen. Fast alle scheitern am Vorbild. Allerdings wurde auch da nichts an der Stimme gemacht. Trotzdem waren Abba erfolgreich, genauso wie Nena die ohne Stimmausbildung beim Singen hörbar einatmet. Sie ist aber erfolgreicher als Nina Hagen, die eine überragende Stimme hat, aber der nach der Trennung von ihrer Band (die später als Spliff erfolgreich werden sollte) fehlten ihr eben die guten Lieder. Wesentlich ist eben das Gesamtkunstwerk, es muss schlicht und einfach zusammenpassen.

Daher finde ich Sendungen wie DSDS ziemlich sinnfrei, wenn die dortigen Kandidaten irgendwelche Songs, die man schon kennt, nachsingen. Das ist dann nicht mehr als Karaoke. Es passt nicht zusammen. Ich glaube auf Pro 7 gibt es da ein Gegenformat wo Künstler auch mit eigenen Stücken antreten. Wenn ich nur etwas nachsinge bin ich Karaokedarsteller und kann damit vielleicht in Kneipen oder Festzelten auftreten aber bestimmt nicht Deuschlands Superstar

Die Frage ist nun: Soll man mit Autotune korrigieren? Nun, wenn der Künstler nie vorhat, life zu spielen, dann ja. Dann soll er es wie Kraftwerk machen, die nicht life auftreten und für die ihre Musik wichtig ist, nicht der Kontakt zu den Fans. Ansonsten wäre es ganz sinnvoll, wenn er gelernt hat, das Lied reproduzierbar sauber zu singen, denn dass muss er auf dem Konzert auch. Ansonsten wird es peinlich. Ganz peinlich wird es natürlich wenn man gar nicht singen kann und alles künstlich ist oder noch schlimmer jemand anders singt (Stichwort: Milli Vanilli). Wenn er es aber sauber singen kann, dann braucht er kein Autotune mehr. Das ganze dient ja wohl, beim Einsatz in bescheidenem Rahmen dazu, vor allem dazu die Aufnahmezeit zu verkürzen. Das wäre auch möglich, wenn die Künstler schon vorher geprobt haben und so viel Übung haben und nicht erst mit dem Text in der Hand eine Platte aufnehmen.

Ist Autotune mit der Rechtschreibkorrektur zu vergleichen? Nein. Eine Rechtschreibkorrektur wende ich an, um ein Dokument herzustellen. Doch dieses Dokument erstelle ich nicht dauernd neu. Ich nehme dann einfach das schon einmal erstellte. Ein Künstler der aber Konzerte gibt, singt jedes Mal neu und sollte das jedes Mal life tun. Nur wenn das alles Playback ist, dann wäre der Vergleich mit dem Dokument passend.

Für mich, der schon mit alten Kirchenliedern Probleme beim Singen hat haben Sänger mit begrenztem Stimmumfang einen Vorteil: Die Lieder kann man gut nachsingen. Hier etwas das ich durch den Spielfilm „Der Wixxer“ gefunden habe; Dort kam es im Abspann. Das Original ist, wie ich schnell feststellte vón Madness: The Wizard. Madness (New Wave Band der frühen achtziger, bekanntester Hit: „our House“ ist übrigens immer noch aktiv und lebt vor allem von Konzerttourneen – sie haben eben authentische Stimmen.

Ansonsten empfehle ich auch die anderen Lieder der Band, sie hat echt viele Perlen in ihrem Reportoire.

(Sorry Arne wieder mal Musik, die an Dir vorbeigegangen ist…)

4 thoughts on “Wie authentisch muss die Stimme sein?

  1. Man kann Autotune auch live einsetzen, die Latenz ist sehr gering… ich weiss allerdings nicht, inwieweit das praktiziert wird… vermutlich hätte man da aber zu viel Angst vor unberechenbaren hörbaren Artefakten 🙂

  2. Ich habe während meiner Zeit bei t.c. einiges an Gerüchten gehört, wer den Intonator alles live einsetzt, aber ohne Bestätigung will ich die Namen nicht nennen. Aber ich bin sicher, dass es praktiziert wird.
    Und ja, „Our House“ kenne ich natürlich, aber die übrigen Lieder sind tatsächlich an mir vorbeigegangen. Aber ich erweitere da gern meinen Horizont.
    Zum Thema Anspruch des Gesangsparts könnte ich fast einen eigenen Blogeintrag machen. Wenn man eine Playstation mit SingStar sein eigen nennt, kann man es nämlich unmittelbar nachvollziehen. Abba ist recht gemischt, viele Lieder sind recht leicht zu singen, andere zeigen deutlich deren Können. Nicht überrascht haben mich zwei Lieder von den Toten Hosen, die extrem anspruchslos sind – da reicht ein Stimmumfang von weniger als einer Oktave. Das gleiche gilt für Schlager, die meisten Melodien übersteigen kaum das Kinderliedniveau. Überrascht haben mich Depeche Mode, die viel einfacher zu singen sind als gedacht, deren Musik ich insgesamt aber trotzdem für recht gut gemacht halte. Recht schwer sind beispielsweise Whitney Houston, Alicia Keys, Aretha Franklin oder Leona Lewis (übrigens eine Castingshowgewinnerin). Aber die Königsdisziplin ist immmer noch Queen. Nach einmal „Don’t stop me now“ singen bin ich normalerweise schweißgebadet und dem Erstickungstod nahe, weil es kaum Gelegenheit zum Luftholen gibt. Passend zu Freddies 65. Geburtstag muss man einfach mal wieder feststellen, wie einmalig er war.

  3. Worüber ich noch gestolpert war: Kraftwerk haben doch etliche Tourneen gemacht. Ich habe sie sogar mal live gesehen, und Florian Schneider hatte seinen Text da auch vergleichbar mit den Studioaufnahmen wiedergegeben. Ein großes Gesangstalent war er ohnehin nie.

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