Auftragsrausch bei SpaceX

Kaum ist der Jungfernflug vorbei meldet SpaceX neue Aufträge. Das ist nun nichts besonderes. Arianespace vermeldet bei jedem Start neue Aufträge, gestern auch wieder einen. Doch bei den SpaceXlern wird dies natürlich frenetisch bejubelt als DER große Durchbruch. Zeit mal sich das ganze genauer anzusehen. Also das ist das heute auf der Website von SpaceX einsehbare Launch Manifest:

NASA COTS Demo 1 2010 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA COTS Demo 2 2011 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA COTS Demo 3 2011 F9/Dragon Cape Canaveral
Falcon 1e Inaugural Test Flight 2011 Falcon 1e Kwajalein
ORBCOMM – Multiple flights 2011-2014 Falcon 1e Kwajalein
MDA Corp. (Canada) 2011 Falcon 9 Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flight 1 2011 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 2 2011 F9/Dragon Cape Canaveral
DragonLab Mission 1 2012 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 3 2012 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 4 2012 F9/Dragon Cape Canaveral
CONAE (Argentina) 2012 Falcon 9 Vandenberg**
Spacecom (Israel) 2012 Falcon 9 Cape Canaveral**
DragonLab Mission 2 2013 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 5 2013 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 6 2013 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 7 2013 F9/Dragon Cape Canaveral
CONAE (Argentina) 2013 Falcon 9 Vandenberg**
NSPO (Taiwan) 2013 Falcon 1e Kwajalein
Space Systems/Loral 2014 Falcon 9 Cape Canaveral**
NASA Resupply to ISS Flt 8 2014 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 9 2014 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 10 2014 F9/Dragon Cape Canaveral
Astrium (Europe) 2014 Falcon 1e Kwajalein
Bigelow Aerospace 2014 Falcon 9 Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 11 2015 F9/Dragon Cape Canaveral
NASA Resupply to ISS Flt 12 2015 F9/Dragon Cape Canaveral
Iridium 2015-2017 Falcon 9 Vandenberg

Unter der Berücksichtigung, dass das Launchmanifest von SpaceX genauso präzise ist, wie ihre sonstigen Angaben (so erfolgte der Jungfernflug der Falcon 9 dort schon 2009) gibt es trotzdem einiges herauszulesen. Von den 27 Starts mit Ausnahme von Iridium, bei dem die Startzahl nicht angegeben wird entfallen 15 auf die ISS Flüge. Diese Starts standen schon vor zwei Jahren fest, zumindest solange die Firma ihren Vertrag erfüllt. Das sind schon mal mehr als die Hälfte der Missionen. Ob es die beiden Dragonlab Missionen jemals geben wird, wird sich noch zeigen. SpaceX sucht nach wie vor Kunden für diese Flüge und hat nicht veröffentlicht was dort nun passieren soll. So doll ist die Nachfrage nach unbemannten Flügen ins All nicht, vor allem nicht nachdem nun die ISS ausgebaut ist. Zieht man noch den Jungfernflug der Falcon 1e ohne Nutzlast ab, so bleiben von 27 Starts gerade mal acht kommerzielle Flüge. So was nenne ich nun nicht gerade den großen Durchbruch. Dabei verteilen diese sich noch auf mehrere Jahre.

Von diesen Starts sind die meisten ab 2013. Auch der Iridium Vertrag, der wohl etliche Starts umfassen soll (er hat einen Umfang von 492 Millionen Dollar) ist erst ab 2013 datiert. Und das ist der Knackpunkt: Normal ist bei einem Kommunikationssatelliten, dass ein Start zwei Jahre im Voraus gebucht wird. So vermeldete Arianespace gestern den Abschluss eines Vertrages über einen Start 2012.

Neben dem geringen Anteil an kommerziellen Kunden buchen diese also, anders als üblich, so früh? Nun es ist eben gerade nicht das große Vertrauen in den Provider das daraus spricht. Ein Vertrag mit einem „Launch Service Provider“ ist ein Transportvertrag wie jeder andere auch. Er kann gekündigt werden, z.B. wenn dieser nicht liefern kann. So buchten Kunden nach dem fehlgeschlagenen Erstflug der Ariane 5 ECA auf die Zenit und Proton um. Als 2007 eine Zenit auf der Startrampe explodierte kamen dann die Kunden wieder zurück. Daneben gibt es sicherlich Klauseln, die eine Sonderkündigung einräumen, wenn ein Träger nicht die geforderte Zuverlässigkeit aufweist.

Für den Kunden ist es daher bei einem späten Start recht risikolos: Entweder ist die Falcon 9 bis dahin durch etliche ISS Flüge erprobt und er kommt an einen billigen Start oder er kann noch umbuchen – die drei kommerziellen Flüge die 2013/4 anstehen können sich noch bis 2012 umentscheiden. Dies ist also nicht gerade ein Vertrauensbeweis, sondern eher das Gegenteil. umgekehrt sollte die Falcon 9 tatsächlich erfolgreich sein, so kommt man so zu einem billigen Start.

Es fällt auf, dass zwei Flüge herausstechen. Das sind die Orbcomm und Iridium Flüge. Beides sind Flottenflüge, also mehrere Flüge. Bei Iridium kann aus dem Auftragsvolumen und den bekannten Startmassen der Satelliten berechnet werden, dass 8-9 Flüge durchgeführt werden. Bei beiden Firmen können natürlich viel mehr sparen. Orbcomm ist relativ früh dran, kann aber hoffen, dass die Falcon 1e auf den Erfahrungen der Falcon 1 aufbaut. Iridium ist der letzte Kunde in der Liste. Vor dem ersten Start sollten also 20 Falcon 9 vorher erfolgt sein. Vor allem ist Iridium gerade erst einer Finanzkrise entkommen und hat es nicht gerade Dicke.

Doch selbst mit diesen Flügen sind das 1-2 kommerzielle Flüge pro Jahr. Arianespace startet sieben Mal pro Jahr, jeweils zwei Satelliten. Es werden noch mehr werden, wenn die Sojus und Vega hinzukommt. Also warum das große Getöse? Erfolg sieht anders aus. Man könnte, wenn man nicht gerade kritikloser SpaceX Anhänger ist sich auch mal fragen, warum es nicht viel mehr kommerzielle Kunden sind und vor allem die NASA fehlt.

„Die NASA fehlt? Und was ist mit den COTS/ISS Flügen? Ja die haben eine Sonderrolle. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die NASA recht unzufrieden damit war, dass Boeing und Lockheed-Martin sich zu ULA zusammenschlossen. Mit COTS sollte auch mehr Konkurrenz entstehen. Für die NASA ist es, weil aber zwei Unternehmen beteiligt sind recht risikolos. Scheitert SpaceX ist noch OSC da. (Von den SpaceX Anhängern wird ja auch gerne ignoriert: OSC bekommt auch Geld für eine neue Trägerrakete und ein Raumschiff – und sogar weniger als SpaceX, das nur mal zum Thema „Preisbrecher“….). Die NASA zahlt zum größten Teil nur für erfolgte Flüge. Fällt ein SpaceX Flug aus – deren Risiko. Größtenteils heißt: Das private Unternehmen SpaceX hat die letzten drei Jahre vor allem von NASA Geldern gelebt. 349 Millionen Dollar waren es an Vorauszahlungen. Nur müssen denen nun Flüge folgen.

Als kleinen Nebeneffekt gibt es auch noch zwei Nachfolger für die Delta II, deren Produktion ja nun ausläuft. Auch hier kann die NASA notfalls auf die Taurus II zurückgreifen.

Vor einigen Tagen wurde aber auch ein neuer Startvertrag bekannt: OSC wird OCO-2 starten. Der Nachbau des Klimaobservatoriums, das letztes Jahr beim Start verloren ging, wird wieder von einer Taurus gestartet werden. Das kostet die NASA 70 Millionen Dollar – für eine 530 kg schwere Sonde. Das hätte doch die Falcon 1e für ein Sechstel des Preises erledigen können. Warum findet sich kein Forschungssatellit der NASA oder ein Militärsatellit auf der Startliste? Das spricht Bände für das Vertrauen das SpaceX bei der NASA geniest. Sollte ein ISS Flug ausfallen, so fehlen etwas Wasser, Luft oder Nahrungsmittel. Nichts teures und nichts was nicht ein ATV, HTV, Progress oder eine Cygnus transportieren kann. Aber einen teuren Satelliten traut man SpaceX nicht zu….

One thought on “Auftragsrausch bei SpaceX

  1. Ob man Iridium nun als „privates“ Unternehmen bezeichnet, ist eine Ansichtssache. Denn Iridium hat kein wirtschaftlich tragfähiges Geschäft – die Firma ging (genauso wie Orbcomm) im Jahr 2000 pleite und wurde hinter vorgehaltener Hand von der Regierung gerettet. Für das Militär sind die Iridium Satelliten ziemlich praktisch, auch wenn ihre Benutzung für Otto-Normal-Bürger viel zu teuer ist.

    Ansonsten gilt: Vorschusslorbeeren gibt es geschenkt, Vertrauen muss man sich erarbeiten. Mal schauen ob SpaceX das noch schafft oder nicht. Bis die nächsten Raketen gestartet sind bleibt alles weitere Spekulation.

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