Häppchenwissen

Hans Kommentar hat mich zu einer etwas längeren Antwort inspiriert. Fangen wir mit den Diagrammen an. Diagramme können sich unterscheiden. Es gibt sofort verständliche und verwirrende Diagramme. Es ist leicht möglich Diagramme so zu tricksen, dass man auch als Eingeweihter genau hingucken. Mir fallen da spontan die Börsencharts an, die eine sehr komische Achseneinteilung haben. Wenn da ein Kurs zwischen 38 und 34 Euro schwankt dann liegt die Untergrenze meist bei 33,5 und die Obergrenze bei 38.5 Euro und es sieht aus als hätte das Papier eine rapide Berg und Talfahrt durchlaufen, dabei schwankt es vielleicht um 15% im Kurs.

Ob größere Teile Der Bevölkerung Diagramme lesen können hängt sicher (bei gegebenem Diagramm) auch von der Vorbildung ab – jedes Diagramm erfordert natürlich auch ein Wissen worum es sich bei dem abgebildeten handelt. Ich denke in meinem Buch geht es nicht ohne Diagramme, wobei der Ausdruck natürlich sehr weit gefasst ist. Die meisten kennen ja nur Balken oder Kreisdiagramme. Diagramme zeigen aber auch den Treibstofffluss in Raketen, den schematischen Aufbau eines Boosters etc.

Ich habe daher auch vor in der zweiten Auflage des Raketenlexikons 1 mehr Diagramme über Startstatistiken und dazu noch Querschnitte (sofern verfügbar) einzugliedern.

Zum DLR wäre viel zu sagen. Sicherlich ist das was veröffentlicht wird vor allem positive P&R. Bei manchen Projekten frage ich mich ob die nicht politisch indoktriniert sind, so habe ich vor ein paar Jahren mal gelesen dass sie ernsthaft die Kohlendioxidverflüssigung und Einlagerung im Erdreich erforschen. Mit der Kritik an meinen Büchern kann das jedoch nichts zu tun haben, denn in den drei Büchern kommt das DLR nicht oder nur am Rande vor, und es sind neutrale Beschreibungen der Technik. Ich frage mich allerdings warum jemand eine Kritik an einem Buch schreibt, wenn er den Inhalt nicht würdigen kann, entweder mangels fachlichem Verständnis oder Interesse an der Materie, anstatt dies jemanden zu übertragen, der etwas davon versteht. Davon soll es ja auch in dem DLR noch einige geben.

Zum Bildungswesen gäbe es viel zu sagen. Sicher gibt es zu wenige Mittel trotz gegenteilliger Beteuerungen. Das Hauptproblem sehe ich aber dahin, dass Bildung Ländersache ist. Es fehlt ja daher schon ein einheitlicher Schulabschluss. Ein Abitur in Bayern und eines in Berlin mögen zwar beide Abitur heißen, doch die Lehrinhalte sind nicht dieselben und vor allem die fachliche Qualifikation ist nicht die gleiche. Das ganze ziet sich bei den Hochschulen fort, wo es zig Wege gibt zum Bachelor/Master zu kommen, aber man kaum von vergleichbaren Lehrinhalten sprechen kann. Ich hatte da die Hoffnung das Bologna eine Reform bringen würde, die das Wechseln erleichtert und auch das Anschlussstudium nach einem Bachelor. Aber nichts davon ist eingetreten. Wenn es mal ein einheitliches System gäbe dann wäre das anders. Mein Vorschlag: 10 Jahre Schule für alle, 3 Jahre Oberschule fürs Studium (Abschluss Abi), dann 7 Semester Bachelor und 4 Semester Master jeweils mit einheitlichen Lehrinhalten und Abschlüssen innerhalb der Schularten und Studiengängen, dann kann man auch die einzelnen Schularten, Hochschulen, Fachhochschulen, Berufsakademien gegeneinander ausspielen. Die gewünschte fachliche Diversifizierung kann man erreichen, indem man ab der Oberschule 20% der Zeit für Kurse oder Fächer reserviert, die nicht zum Kernabschluss gehören und es erlauben eigene Interessen oder Spezialisierungen zu verfolgen.

Was Raumfahrtbücher angeht, so ist es so, dass es meiner Meinung nach eine Gruppe gar nicht gibt: die Bücher für interessierte Laien. Die Lehrbücher erklären die Grundlagen, aber sie enthalten keinerlei Praxisbezug. Man erfährt zwar wie die Verbrennungsvorgänge in einem Triebwerk ablaufen, aber keinerlei Details über die Konstruktion, oder Erklärungen zu existierenden Triebwerken. Das ist vergleichbar einem Physikbuch, das die Bernoulligleichung erläutert, aber nicht warum die Flügel des Eurofighters genau diese Pfeilung und Form haben.

Wenn ich mich für Technik interessiere, muss ich auch die physikalischen Grundlagen nicht vollständig verstehen. Es ist ein Grundverständnis nötig, aber nicht ein Physikstudium. Ich muss auch sagen, dass für eine Ingenieurswissenschaft wie sie Raumfahrttechnik ist die Lehrbücher ziemlich theoretisch sind und mehr an eine Naturwissenschaft erinnern.

Daher sollte man ja annehmen, müsste es einen „Run“ auf die wenigen Bücher geben, die weiter gehen. Ich sehe den Grund woanders. Heute sind die Leute zufrieden mit „Häppchenwissen“. Ich meine damit dass man eine Frage hat eine Antwort sucht und hat man sie ist das Thema gegessen. Es gibt nicht mehr den Wunsch sich tiefer mit einem Thema zu beschäftigen, mehr darüber zu wissen. Das merkt man auch bei manchen Wikipediaartikeln, die sich wie ein Stückwerk von Zitaten oder Fakten lesen, manche sogar mit wiedersprechenden Angaben im Textteil und Tabellen. Dann gibt man sicher auch nicht noch Geld aus für Bücher.

5 thoughts on “Häppchenwissen

  1. Das mit den Boersen-Charts finde ich sowieso immer lustig. Da gibt es dann dutzende von Optionen, zig „Moving Averages“, „Candlebar“-Diagramme, zig Indikatoren etc. etc., als ob dadurch Boersenkurse vorhersagbarer werden…

    Vielleicht sollen all diese statistischen / mathematischen Pseudo-Finessen den gesunden Menschenverstand des Boersenmaklers ersetzen 😉

    (Bin ich heute wieder zu boese?)

  2. Der Vorschlag für ein einheitliches Bildungssystem klingt vernünftig. Aber gerade deshalb werden wir das wohl nicht erleben.
    Die Rückkehr zur mittelalterlichen Kleinstaaterei (offiziell als Förderalismusreform bezeichnet) wird ja als riesige Errungenschaft gefeiert. Da wäre eine Einschränkung der Machtfülle der Landesfürsten praktisch das Schlachten heiliger Kühe.
    Im Grunde ist das jetzige System eine riesige Verschwendung von Steuergeldern. Jedes Land muß das Fahhrad neu erfinden, und das auf allen Gebieten, nicht nur beim Bildungssystem. Gleichzeitig macht man ein großes Theater um die Senkung des Verwaltungsaufwandes.
    Im Deutschen gibt es ein Wort für Leute, die immer das Gegenteil von dem machen was sie erzählen: Lügner. Und perverserweise werden gerade die immer wieder gewählt.

    Zu den Börsencharts: Irgendwie hab ich den Eindruck, daß die Hauptfunktion dieser „Informationen“ gerade die Desinformation ist.
    Wie funktionieren denn Börsenspekulationen? Das was der eine gewinnt, muß ein anderer verlieren. Schließlich fällt das Geld ja nicht vom Himmel. Zweck dieser Börsencharts ist dann wohl die Schaffung von Verlierern. Besonders deutlich zu sehen bei dem ganzen Rummel um die T-Aktie.

  3. @Elendsoft: Der Sinn dieser komplizierten Boersenchart-Funktionen ist die Kreierung einer Art „Pseudowissenschaft“, die aus etwas ganz trivialem (wie Du schon sagst) was gaaaaanz anspruchsvolles und esotherisches macht… damit mehr Leute daran glauben, dass Aktienkurse vorherseh- und analysierbar seien und noch mehr Geld verbrennen 🙂

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